«Grosse Projekt-Calls setzen voraus, dass man mit anderen Hochschulen in gemeinsamen Netzwerken ist.»

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Armin Eberle, Head des ZHAW Energy Research Boards (ZERB), gibt einen aktuellen Einblick in die Energieforschung. Lesen Sie im Interview, welche Energieforschungsprojekte intern neu gefördert werden, welche Pläne das ZERB für die Zukunft hat und wo sich die Energieforschung in der Schweiz generell hinbewegt.

Armin Eberle, soeben wurden die Gewinner der 4. Projektausschreibung des ZHAW Energy Research Board – kurz ZERB – bekannt. Was kannst Du uns über die Gewinnerprojekte berichten und warum wurden genau diese Vorhaben ausgewählt?

In der vierten Förderrunde konnten wir die Projekte «CEIS» (Cantonal Clean Energy Index Switzerland), «GeWe» (Gemeinsam für die Energiewende) und «PFE» (Plattform für Energieforschung) zur Förderung auswählen. Es sind dies die Projekte, die unseren Förderkriterien «Leuchtturm», «Inter- und Transdisziplinarität», «Transformation» und «Effizienz und Effektivität» am besten entsprochen hatten. Schön ist beispielswiese, dass es sich tatsächlich um interdisziplinäre Projekte aus fünf Departementen handelt und sie sehr unterschiedliche Energiethemen aus unterschiedlichen Blickwinkeln behandeln: Vom Politikvergleich über Quartiere, die zum Handeln gebracht werden bis zu diskursanalytischen Betrachtungen.

 Das ZERB ist nun seit etwa 2 ½ Jahren aktiv und wurde damals als Verstetigung und Weiterführung des Forschungsschwerpunkts Energie gebildet. Wie seid ihr aus deiner Sicht unterwegs hinsichtlich der definierten Hauptziele «Sichtbarmachung» und «Vernetzung»?

Wir konnten die ersten Projekte gerade noch vor der Pandemie auswählen und bei der Kommunikation unterstützen.  Danach wurde es schwieriger. Geplante Workshops und Interaktionen mit Gruppen mussten verschoben oder abgesagt werden. Dennoch konnten einige Ziele erreicht werden, z.B. konnten Entscheidungs- und Diskurspraktiken der Energiezukunft (ISTEF) an verschiedenen Ausstellungen demonstriert und bekannt gemacht werden, oder die sorptive Gewächshausklimatisierung fand weitere Verbreitung. Die Hauptziele halten wir für wichtiger denn je. Grosse Projekt-Calls, z.B. SWEET vom BFE, setzen voraus, dass man mit anderen Hochschulen in gemeinsamen Netzwerken ist. Dazu aber muss bekannt sein wer wozu forscht und das wird typischerweise nicht im Rahmen von Drittmittelprojekten gefördert. Dafür waren die ZERB Ausschreibungen wertvoll.

Wo siehst Du kurz- und mittelfristig den weiteren Weg des ZERBs? Wo soll es noch hingehen, was möchtet ihr noch erreichen?

Erstens ist und bleibt das Energiethema gesellschaftlich, technisch und wirtschaftlich von grösster Bedeutung und somit auch die Forschung im Rahmen der ZHAW. Verschiedene grosse Forschungsprojekte in der Schweiz wie SWEET oder die Innosuisse Flagships zeugen vom Interesse und vom politischen Willen, die Energieforschung weiterhin voranzutreiben. Namentlich auch die angewandte Forschung. ZERB hat die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, Brücken zu bilden, sowohl zwischen den Departementen und Disziplinen als auch zu den (noch) breiter angelegten Themen wie Nachhaltigkeit und Klima. Spannend schien uns insbesondere die interne Vernetzung von technischen/Ingenieurwissenschaften mit den Wirtschaftswissenschaften und vor allem auch den Sozialwissenschaften. Hier besteht durchaus noch Aufhol- bzw. Anknüpfungsbedarf. Zur künftigen Rolle des ZERB führen wir gerade intensive Diskussionen und würden uns auch auf Feedback freuen. Im Vordergrund stehen unserer Ansicht nach: weiterhin vernetzen, vermitteln und Community Building. Unterstützung junger Forschenden (Netzwerk), nach wie vor Unterstützung der Präsenz der ZHAW an Konferenzen und in der Forschungscommunity, aber auch mit Wirtschaftspartnern sind wichtige Rollen. Erste Erfahrungen beim Austausch im Bereich Lehre und Weiterbildung waren viel versprechend, um Synergien zwischen den Disziplinen besser nutzen zu können. Bedarf bestehet auch in der Unterstützung von Anträgen und der Bildung von nationalen und internationalen Forschungskonsortien.

Bei der kürzlich erschienenen neusten Energieforschungsstatistik des Bundesamts für Energie fallen zwei Dinge auf:

  1. Die ZHAW hat im Vergleich zu 2019 im Jahr 2020 ca. 4 Mio. Drittmittel der öffentlichen Hand zusätzlich eingeworben, hauptsächlich aus kantonalen Quellen. Damit ist die ZHAW Spitzenreiterin unter den Fachhochschulen.
  2. Diese Erhöhung der Drittmittel ist thematisch v.a. in den Bereichen Energieeffizienz sowie Übertragung & Speicherung sichtbar.

Wie interpretierst Du diese Zahlen, ist das auch ein Verdienst des ZERBs? Inwiefern deckt sich die erwähnte Fokussierung mit deinen persönlichen Erfahrungen?

In der Tat, das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Insbesondere konnten unsere Forschenden in den Bereichen Energieeffizienz, Transport und Storage deutlich mehr Forschungsprojekte akquirieren. Das zeigt, dass die ZHAW Energieforschenden zu wichtigen und gesellschaftlich gefragten Themen forschen. Nicht zuletzt die Praxisnähe und die Positionierung im Wirtschaftsraum Zürich dürfte hier ein Erfolgsfaktor sein.  Effizienz ist eines der wichtigen (und unterschätzten) Themen neben der Entwicklung neuer erneuerbarer Energien. Für letztere ist klar, dass sowohl Speicherung (kurzfristig, aber vor allem auch saisonal) grosse Herausforderungen sind, die aus Forschungssicht angegangen werden müssen. Aber auch die Übertragung der Energie ist für den Umbau der Energiesysteme entscheidend. Wie bekommen wir den Strom aus Windkraft von den Nordküsten Europas in den Süden? Wie die Solarenergie aus Spanien in den Norden? Und wie verknüpfen wir all dies mit den Speicherseen der Schweiz? Persönlich bin ich schon lange im Effizienzthema aktiv und es ist eine grosse Leidenschaft. Spannend und wichtig ist vor allem aber auch der Einbezug nicht-technischer Aspekte wie Akzeptanz, Verhalten, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Erst wenn diese Dimensionen zusammenspielen, wird der Erfolg nachhaltig. Die Rolle des ZERB darf hier aber auch nicht überschätzt werden. ZERB forscht ja nicht als eigene Forschungsgruppe und akquiriert auch nicht für andere. Entscheidend ist das Engagement der einzelnen Forschenden in ihren Instituten. ZERB hilft aber gerne in der Vernetzung und in der Erleichterung des Knowhow-Transfers.

Wie siehst Du generell die Entwicklung der Energieforschung in der Schweiz in den nächsten Jahren? Wo werden Schwerpunkte gesetzt aufgrund welcher Herausforderungen?

Die wichtigsten Herausforderungen für die Schweiz sind die Umsetzung der Energiestrategie 2050 und das Erreichen der Klimaziele der Schweiz. Ein wichtiges Programm dazu läuft bereits seit 2020 und wird die Energieforschung bis 2032 prägen: Das SWEET Programm des Bundesamtes für Energie. SWEET steht für «SWiss Energy research for the Energy Transition» und will die Forschung zur Umsetzung der Energiestrategie 2050 der Schweiz mit gegen 150 Mio. Franken unterstützen. Gefragt sind Innovationen, die der Erreichung der Schweizer Klimaziele dienen. SWEET hat nun schon drei Calls für grosse Konsortien durchgeführt und plant in den nächsten Jahren weitere Ausschreibungen. Die Themen decken die Integration erneuerbarer Energien ab, sozialwissenschaftliche Themen «Living and Working», Infrastrukturen, Simulationen, nachhaltige Treib- und Brennstoffe sowie das Thema «Netto Null» (CO2-Emissionen). Generell wird die Schweizer Energieforschung durch die CORE (Energieforschungskommission des Bundes) mitbestimmt. Sie definiert als Schwerpunkte Energie, Gesellschaft und Politik, Wohnen und Arbeiten, Mobilität, Energiesysteme und Industrielle Prozesse. Auch in der Europäischen Energieforschung werden sehr ähnliche Themen verfolgt.

Aktuell wird bestimmt auch das Thema der Versorgungssicherheit und Resilienz an Bedeutung zunehmen. Generell wird die Dekarbonisierung der Gesellschaft in den nächsten 30 Jahren eine gewaltige gesellschaftliche Herausforderung sein, mit entsprechend grossem weiteren Forschungsbedarf.

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English version

“Large project calls require that you are in joint networks with other universities.”

Armin Eberle, Head of the ZHAW Energy Research Board (ZERB), provides a current insight into energy research conducted at the ZHAW. In the interview, he reveals which new energy research projects are being funded internally, what plans ZERB has for the future and where the area of energy research in Switzerland is heading in general.

Armin Eberle, the winners of the fourth project call of the ZHAW Energy Research Board, or ZERB for short, were just announced. What can you tell us about the winning projects and why exactly were these projects selected?

In the fourth funding round, we were able to select the CEIS (Cantonal Clean Energy Index Switzerland), GeWe (Together for the Energy Transition”) and PFE (Platform for Energy Research”) projects as winners. These were the submissions that best met our funding criteria, meaning that they represent “flagship” projects, adopt an “interdisciplinary and transdisciplinary approach” and address the issues of “transformation” and “efficiency and effectiveness.” It is nice, for example, that these projects really are interdisciplinary in nature and involve five Schools. What’s more, they address very different energy topics from different perspectives: from policy comparisons and neighbourhoods taking action to discourse analysis considerations.

ZERB has now been active for around two and a half years and was originally formed with the aim of consolidating and continuing activities in the energy research area. In your view, where do you find yourselves in terms of achieving the defined primary goals of “increasing visibility” and “networking”?

We were able to select the first projects just before the pandemic hit and offer support with communication.  After this time, things got more difficult. Workshops and interactions with groups that had been planned had to be postponed or cancelled. Nevertheless, we were able to achieve some of our objectives. For example, it was possible to demonstrate and raise awareness of decision-making and discourse practices with respect to future energy policy (through the ISTEF project) at various exhibitions, and the sorptive greenhouse air-conditioning system enjoyed further recognition. We believe that the primary goals are more important than ever. Large project calls, such as that for the SFOE’s SWEET funding programme, require that you are in joint networks with other universities. Here, however, it is imperative to know who is conducting what research and this is not typically facilitated within the framework of projects funded by third parties. ZERB calls proved valuable in this respect.

Where do you see ZERB heading in the short and medium term? Where do you still want to go and what do you still want to achieve?

Firstly, the topic of energy is and will remain of great social, technical and economic significance. The same therefore also applies to the research being conducted at the ZHAW. Various major research projects in Switzerland, including SWEET and the Innosuisse Flagship Initiative, demonstrate the interest and political will to further advance the area of energy research. This also holds true for applied research in particular. ZERB has experienced just how important it is to establish links, both between the different Schools and disciplines as well as with (even) broader issues such as sustainability and the climate. The internal networking of technical/engineering sciences with the field of economics and the social sciences, in particular, is something we have found especially exciting. Here, there is still a lot of catching up and follow-up work to do. We are currently holding intensive discussions on the future role of ZERB and would be delighted to receive feedback in this regard. In our view, focus should be placed on continuing our networking, mediation and community building efforts. Supporting early-stage researchers (network) and promoting the presence of the ZHAW at conferences, in the research community and with business partners will also play important roles. The initial experiences we have gathered in exchanging ideas and information in the areas of academic programmes and continuing education have been very promising in terms of making better use of synergies between the respective disciplines. There is also a need to support applications and the formation of national and international research consortia.


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