Autorin: Inken De Wit

Wie lässt sich die Energiewende gesellschaftlich verankern? Dies war eine der Kernfragen, über die Forschende bei der vierten Dialogveranstaltung der ZHAW-Forschungsplattform Energie am 8. November 2016 in Wädenswil diskutierten.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung mit dem Titel «Ecological Cities – Societal and Technological Challenges» standen die Schnittstellen zwischen sozialen und technischen Herausforderungen der Energiewende. Organisatoren des Tages waren die ZHAW Departemente Life Sciences und Facility Management sowie Soziale Arbeit. In vier verschiedenen Workshops erarbeiteten die rund 30 Teilnehmenden neue Lösungsansätze für ein ökologischeres Leben in den Städten. In den Workshops ging es darum, nicht nur technische Lösungen zu finden, sondern auch gesellschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, um künftig eine höhere Akzeptanz der Energiewende zu erreichen. Durch den Dialog zwischen Forschenden aus ganz unterschiedlichen Bereichen wurde dabei deutlich, dass die Themen noch komplexer sind als angenommen. Durch die verschiedenen Herangehensweisen entstanden neue Fragestellungen. Diese zeigten wichtige Schnittstellen zwischen den Kompetenzbereichen der verschiedenen Departemente auf, was ganz im Sinne des Veranstaltungsformats ist. Ziel der 2015 ins Leben gerufenen Forschungsplattform ist es, den interdisziplinären Austausch von Energie-Forschenden der ZHAW zu fördern, departementsübergreifende Projekte zu entwickeln und so zu neuen Ergebnissen im Bereich Energieforschung zu gelangen.

Weniger Mobilität, daher weniger Alltagsstress Workshop I behandelte das Thema Mobilität. Es ging um die Frage, wie künftig Mobilität organisiert werden kann, damit sie weniger Ressourcen verbraucht und zugleich weniger Alltagsstress verursacht. Zum Einstieg ins Thema stellten Gabriela Muri, Departement Soziale Arbeit, und Manuel Renold, ZHAW School of Engineering, ihr Projekt zum Thema Raumpolitik vor. Ziel des Projekts ist es sozial-, raum-, verkehrspolitische sowie unternehmerische Kooperationsformen zu entwickeln. Ansätze können neue Arbeitsmodelle oder geänderte Öffnungszeiten von Dienstleistern wie Kitas sein.

In Kleingruppen erarbeiteten die Teilnehmenden beim Workshop weitere Lösungsansätze. Vorgeschlagen wurden zum Beispiel festgelegte Haltepunkte für Züge, wie sie in Japan üblich sind, damit Reisende schon an der richtigen Stelle warten und zeitgleich ein- und ausstiegen können. Gemeinden könnten zudem die Öffnungszeiten von Schulen, Kitas und Geschäften festlegen, damit sie besser auf die Arbeitszeiten der Anwohnenden abgestimmt seien. Nur wenn es möglich sei, auf dem Hin- und Rückweg von der Arbeit die Kinder wegzubringen sowie einzukaufen, erspare dies zusätzliche Wege. Angemerkt wurde in der Gruppe, dass die meisten zeiteffizienten Modelle bislang nur gesunde und junge Menschen berücksichtigen. So planen öffentliche Verkehrsanbieter (SBB, ZVV) sehr kurze Umsteigezeiten, um die Personentransportkapazität ihrer Verkehrssysteme zu erhöhen. Ältere oder behinderte Menschen können jedoch nicht in drei bis vier Minuten umsteigen, was neues Stresspotenzial und Ablehnung dieser Lösungen erzeugen kann.

Verdichtete Städte und soziale Nähe Verdichtetes Wohnen und soziale Nähe waren Thema in Workshop II. Lukas Windlinger, Departement Life Sciences und Facility Management, und Sonja Kubat, Departement Soziale Arbeit, stellten ihre Projektideen zu Co-Working Nachbarschaftszentren vor. Ziel ihres Forschungsprojekts ist es, bauliche Verdichtung mit sozialer Durchmischung und Orten der Interaktion zu verbinden. Die Teilnehmenden setzten sich mit der Frage auseinander, wie ein belebtes, dicht bebautes Quartier aussehen sollte und wie sich vor allem Erdgeschossetagen nutzen lassen. Der Vorschlag, Co-Working-Büros im Erdgeschoss vorzusehen, fand grossen Anklang. Aus Sicht der Workshop-Teilnehmer lassen sich so künftig nicht nur ressourcenintensive Arbeitswege vermeiden, sondern es passe auch gut zum aktuellen «Sharing-Trend». Allerdings sei es wichtig, eine gute Büro-Infrastruktur zu bieten, die einem Home-Office-Arbeitsplatz überlegen sei. Diskutiert wurde zudem die Frage, ob in der Schweiz überhaupt Bedarf nach sozialer Nähe vorhanden sei.

Zum Einstieg ins Thema hatte Sabine Friedrich von KEEAS Raumkonzepte zunächst Modelle aus Asien vorgestellt, wo privater und öffentlicher Raum viel stärker miteinander verschmelzen, die Städte viel stärker verdichtet sind und Familien in Mikrohäusern mit 25 Quadratmetern (m2) Grundfläche und auf 70m2 Wohnfläche leben. Als Rückzugsort dient dort oft der öffentliche Raum, darunter zum Beispiel die beliebten Manga-Bibliotheken.

Ansatzpunkte für Verhaltensbeeinflussung Um die Ökobilanz von Lebensstilen ging es in Workshop III. Zum Einstieg berichtete Dorothea Schaffner von der Hochschule Luzern von einem Forschungsprojekt, das sie gemeinsam mit der Stadt Luzern umsetzt. Dabei geht es um die Typisierung von Menschen als Grundlage für eine typengerechte Ansprache bei Energiethemen. Menschen befinden sich gemäss ihrem Modell in einem kontinuierlichen Prozess der Veränderung, der vier Stufen durchläuft. Je nach Stufe, müssen Energiethemen unterschiedlich kommuniziert werden. Während sich der eine zum Beispiel noch auf Stufe 1 befindet und sich bislang nicht mit seinem Energiekonsum beschäftigt hat, macht sich der andere bereits Gedanken, doch es hapert noch an der Umsetzung. Bevor ein verändertes Verhalten – wie zum Beispiel das konsequente Umsteigen aufs Velo in der Stadt – auf Stufe 4 erreicht wird, gibt es auf Stufe 3 zuvor eine Phase des Ausprobierens. Als weiteren Input zeigte Matthias Stucki vom Departement Life Sciences und Facility Management auf, wie sich die Umweltauswirkungen von Lebensstilen berechnen lassen.

Workshopleiter Urs Müller, ebenfalls vom Departement Life Sciences und Facility Management, diskutierte anschliessend mit den Teilnehmenden über eine mögliche Synthese der beiden Beiträge. Über eine Ökobilanzierung typischer Verhaltensweisen sollen so Ansatzpunkte zur Beeinflussung des Lebensstils gefunden werden.

Ressourcenleichtes Leben Der Workshop IV mit Jürg Minsch, ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR), beschäftigte sich mit dem Phänomen, dass Innovationen zur Erhöhung von Energie- und Ressourceneffizienz zwar eine Verbilligung, Leistungserhöhung und Zeitersparnis erzielen, diese Effizienzgewinne jedoch sofort in zusätzlichen Konsum investiert werden. Nachhaltigkeitspotenziale werden infolge durch Konsumzuwachs wieder zunichtegemacht. Jürg Minsch wollte wissen, ob diesen Rebound- und sozialpsychologischen Entlastungseffekten mit einer Aufwertung von Zeitkulturen und einem ressourcenleichten Leben und Wirtschaften begegnet werden könne?

Die Teilnehmenden setzten sich in der Diskussion vor allem mit dem Zeitaspekt auseinander. Sie gingen der Frage nach, warum wir Zeitgewinn immer wieder neu auffüllen und zur Produktion und zum Konsum zusätzlicher Güter nutzen. Als einen der Gründe identifizierten sie das bislang dominierende gesellschaftliche Anerkennungsmodell, das vor allem «bezahlte Arbeit» wertschätzt und im Privatleben ressourcenschweren Konsum belohnt. Dieses Anerkennungsmodell müsse sich wandeln, um nachhaltiger und ressourcenleichter zu leben. Zum Beispiel müsse «Sinn» oder «Zeit» anstelle von «Geld» zur neuen Währung werden. Sinngebende Aktivitäten für Gesellschaft, Familie und Umwelt könnten so anstelle von Konsum treten.

Die nächste Dialogveranstaltung der Forschungsplattform Energie findet im Frühling 2017 statt. Gastgeber ist das ZHAW Departement Angewandte Psychologie. Auskünfte dazu geben Esther Reijnen und Markus Hackenfort. Die Bekanntgabe des Veranstaltungsdatums sowie die Einladung erfolgen wie immer über den Mailverteiler «Energie» der ZHAW. Falls Sie sich auf diesem Mailverteiler registrieren lassen möchten, schicken Sie bitte ein Mail an forschungsplattform-energie@zhaw.ch