Best Practice des Omnichannel Marketings am Beispiel der Paul Ullrich AG

Von Carmen Oswald und Dr. Darius Zumstein

In einem schweizweit einzigartigen Omnichannel-Marketing-Projekt lancierte der Getränkehändler Paul Ullrich AG einen Spirituosen- und Wein-Onlineshop für Endkunden. Vier Zürcher Digital-Agenturen bauen auf grüner Wiese nun eine grosse Marketing-Maschinerie auf, um den B2C-Onlineshop zum Fliegen zu bringen.

Der diesjährige Omnichannel Marketing Tag (OMT.19) fand vergangene Woche im Metropol in Zürich statt. Eröffnet wurde der Event durch den CEO von Mayoris, Urs Thürig. Er war vor sieben Jahren derjenige, der die halbtätige Konferenz ins Leben gerufen und damit einen Nerv der Zeit getroffen hat. Das Wort «Omnichannel» ist wortwörtlich omnipräsent in aller Munde. Handelt es sich dabei um ein weiteres Marketing Buzzword oder widerspiegelt es vielmehr den Zeitgeist? Der diesjährige Fall des Digitalisierungsprozesses der Paul Ullrich AG zeigt auf, wie wichtig es ist, dass sich auch Schweizer KMUs den digitalen Herausforderung stellen.

Einen B2C-Onlineshop bei einem Weinhändler forcieren: Lohnt sich das?

Ist es für KMUs zu spät, erst heute mit einem Onlineshop live zu gehen und ihn im Digital Marketing zu bewerben? Auch dem Team von Paul Ullrich wurde diese Frage gestellt und die Antwort war ein klares «nein». Sie sehen sogar einen grossen Vorteil darin, von den Best-Practice-Beispielen zu lernen und von den bereits gemachten Erfahrungen zu profitieren. Um das Projekt ullrich.ch in Angriff zu nehmen, wurden vier Agenturen engagiert, dieses Projekt der digitalen Transformation zu begleiten. Dies sind namentlich Mayoris, SEMSEA, Converto und Brain & Heart Communication.

Am OMT.19 vertreten war auch das Institut für Marketing Management. Carmen Oswald schreibt eine Masterarbeit zum Projekt, die Dr. Darius Zumstein betreut. Sie begleiten diese spannende Fallstudie – wie sie im Lehrbuch steht – aus Sicht des Digital Analytics und aus der angewandten Forschung. Die vier spezialisierten Agenturen wurden nicht zufällig ausgesucht, sie bearbeiten die wichtigsten Marketinginstrumente des Digital Commerce.

Die relevanten Marketinginstrumente des Digital Commerce © D. Zumstein

Der grosse Schritt offline zu online und von B2B zu B2C

Der CMO von Paul Ullrich AG, Stefan Huwiler, zeigte auf, wie das Omnichannel-Projekt zustande gekommen ist. Dabei geht es darum, dass das vormals im B2B Geschäft tätige Unternehmen seit Januar 2019 einen B2C-Onlineshop lanciert hat. Das «Corpus Delicti» soll nun ab Mitte April intensiv beworben werden. Denn nur wenn der Onlineshop bei Gin-, Whisky- und Weinliebhabern bekannt ist und genug trink- und bestellfreudige Kunden in den Onlineshop kommen, kann der Onlineumsatz in fünf Jahren verfünffacht werden. CEO Urs Ullrich betonte die Wichtigkeit der digitalen Umrüstung. Paul Ullrich AG wird durch die vier Agenturen auf dem Laufenden gehalten, die Konsequenzen der Massnahmen werden aufgezeigt und internes Know-how aufgebaut. Für den digitalen Wandel wurden im Marketing zusätzlich 250% Stellenprozente geschaffen und die Distribution resp. Logistikneu aufgestellt, um die zusätzlichen Onlinebestellungen abzuhandeln.

Warum vier spezialisierte Agenturen und keine Full-Service-Agentur?

Aufgrund des operativen Geschäftes und dem jahrelangen Wachstum wurde die Digitalisierung und das Onlinemarketing von der Paul Ullrich AG vernachlässigt. Mit Hilfe von vier spezialisierten Agenturen soll nun das Feld von hinten aufgerollt werden. Vier Agenturen verfügen über profunderes Fachwissen als eine einzelne, sie sind agiler, sie können schneller reagieren und die Komplexitäten sowie Abhängigkeiten werden auf die unterschiedlichen Partner verteilt.

Dank dem Print Magazin «Liquid» und «Genuss» ist bereits sehr viel und hervorragender Content vorhanden. Dieser konnte von Brain & Heart in die Content und Social Media Marketing Strategie aufgenommen werden. Mit dem Feed Based Advertising Tool von Converto ist es zudem möglich, sämtliche Produkte von Paul Ullrich im Backend abzubilden und im Digital Advertising flexibel und dynamisch zu bewerben. Es ermöglicht eine manuelle und programmatische Auswahl der Produkte, die auf externen Werbeplattformen in der Schweiz als Werbeformat zielgruppenorientiert ausgespielt werden.

Mit SEMSEA Suchmaschinenmarketing hat das Unternehmen einen Profi im Bereich Google Advertising ins Boot geholt. Neben den Strategien für die Suchmaschinenwerbung (SEA) und Suchmaschinenoptimierung (SEO) zeigten sie die Relevanz des Suchmaschinenmarketings und des Targetings für Paul Ullrich auf. Zudem erläuterte SEMSEA neue Google-Trends, wie zum Beispiel Visual Search und Voice Search, das global bereits 20% der Suchanfragen ausmacht. Dort wo Paid Media aufhört zu wirken, greifen die Owned Channels, in diesem Fall das E-Mail und Newsletter Marketingvon Mayoris.

Last but not least zeigte Dr. Darius Zumstein alle Touchpoints auf, die von Paul Ullrich in der Customer Journey bedient werden, sowie die Komplexität der Datenanalyse und -integration der einzelnen.

Mögliche Kontaktpunkte in der Customer Journey der Paul Ullrich AG © D. Zumstein

Für KMUs mit knappen Ressourcen stellt es in der Schweiz eine Herausforderung dar, die Kunden über die wachsende Anzahl an Marketinginstrumente sowohl offline sowie online abzuholen und die Vertriebskanäle abzustimmen. Stichwort sind die nachgewiesenen ROPO-Effekte (Research online, Purchase offline) und der Beratungs- und Degustationsklau (Degustationen offline, Einkauf online). Der Omnichannel-Ansatz in diesem Projekt bedeutet vor allem, dass es wichtig ist kein Silodenken entstehen zu lassen und dass die verschiedenen Informations-, Kommunikations- und Vertriebskanäle orchestriert werden müssen.

Aus den Präsentationen kam hervor, dass die Integration, Verarbeitung und Nutzung der Daten die grösste Herausforderung darstellt. Zum Schluss wurde eine Blitzumfrage im Saal gestartet, um zu sehen, mit welchen Tools bei den Teilnehmern gearbeitet wird. Erstaunlich ist, dass die meisten heute immer noch mit Excel-Lösungen arbeiten, da Alternativen entweder zu wenig existieren oder zu teuer sind.

Das Video und die Fotogalerie zum OMT.19 findet man hier.

Geschwindigkeit durch Digitalisierung im Produktmanagement: «Wir wüssten schon wie es geht, nur …»

Von Prof. Dr. Rainer Fuchs

Der Metatrend unseres Zeitalters, die Digitalisierung, hat substantielle Auswirkungen auf das Produktmanagement. Die Aufgabe des Produktmanagers wird immer interdisziplinärer und dadurch komplexer, doch dank der Daten und Informationen aus allen Phasen des Produktlebenszyklus erschliessen sich auch enorme Chancen die eigene Leistung zu innovieren. Das haben die Schweizer Unternehmen mittlerweile grösstenteils erkannt: Durch die Digitalisierung der Unternehmensprozesse über alle Phasen des Produktlebenszyklus können dem Produktmanager die notwendigen Informationen zur Verfügung gestellt werden, um neue Businesspotentiale zu erschliessen. Soweit zur Theorie. In der Umsetzung sind die Unternehmen aber noch lange nicht da, wo sie gerne sein würden und sollten-

Die Digitalisierung hat in alle Phasen des Produktlebenszyklus Einzug gehalten. Digitalisierte Unternehmensprozesse erlauben die Erzeugung von produktbezogenen Daten während der Entwicklung, der Produktion und Logistik, der Vermarktung und des Verkaufs sowie in der Nutzungsphase selber. Smart Products sind in der Lage diese Daten bzw. digitalen Informationen mittels eigener Sensorik zu erheben und zu speichern. Können die Produkte diese Daten zusätzlich noch gezielt nach aussen kommunizieren, meist über das Internet, spricht man von Smart Connected Products (SCP) (Porter & Heppelmann, 2015). Der Digital Twin ist die Summe der produktbezogenen Daten. Sie ergeben ein cyberphysisches Abbild des vernetzten realen Produktes. Mit ihm können in Echtzeit Veränderungen im und um das Produkt dargestellt und somit Rückschlüsse zur Optimierung sämtlicher Phasen des Produktlebenszyklus und der Customer Journey gezogen werden (Fuchs & Barth, 2018). Insbesondere können die Produkte so besser den Kundenbedürfnissen angepasst werden, wodurch unter Umständen ganz neue Value Propositions, Revenue Streams und Business-Modelle entstehen (Osterwalder & Pigneur, 2010), die substantielle Auswirkungen auf den Erfolg der Unternehmen haben können (Gassmann, Frankenberger & Csik, 2013). Auch die Mehrheit der Schweizer Unternehmen (62%) stimmt der Aussage zu, dass das Marktumfeld und die Anforderungen an die Produkte durch die Digitalisierung komplexer werden (im Schnitt rund 3,6 von 5 Zustimmungspunkten, vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Auswirkungen der Digitalisierung auf das Produktmanagement
© Swiss Marketing Leadership Studie 2018

Sie sind ebenfalls der Meinung, dass dadurch die Rolle des Produktmanagers komplexer wird und er an Verantwortung und Bedeutung gewinnt. Besonders die Top-Performer unter den befragten Unternehmen haben verstanden, dass Produktmanager immer mehr Unternehmer im Unternehmen sein müssen. Der Produktmanager wird in ihren Augen zum Mini-CEO und managt die Komplexität seiner Produkte und des Produktportfolios über den gesamten Produktlebenszyklus, um so neue Business-Potenziale zu erschliessen. Des Weiteren haben die Top-Performer erkannt, dass durch die Digitalisierung der Unternehmensprozesse der Produktmanager mehr Transparenz über den gesamten Produktlebenszyklus erhält und so besser zum Unternehmenserfolg beitragen kann. Doch umso ernüchternder ist der «State of the Nation»: Gerade einmal 18,3% der Schweizer Unternehmen gaben an, ein zufriedenstellendes Niveau hinsichtlich der Digitalisierung der Unternehmensprozesse erreicht zu haben (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Digitalisierungs-Niveau © Swiss Marketing Leadership Studie 2018

Ersichtlich wird dies daran, dass lediglich 22% der Unternehmen über Smart Connected Products verfügen, welche auswertbare Daten aus den verschiedenen Phasen ihres Lebenszyklus sammeln (durchschnittliche Zustimmung von 2,2 von 5 Punkten, vgl. Abb. 3). Entsprechend sind auch nur 13% der Unternehmen in der Lage, den Digital Twin zu erzeugen (2,0 von 5 Zustimmungspunkten) – und anscheinend herrscht gegenüber diesen Konzepten noch einige Skepsis vor. So glaubt eine Mehrheit von 60% der Unternehmen nicht, dass der Digital Twin die notwendige Transparenz schaffen würde (2,2 von 5), um damit Produkte mit grösserem Kundennutzen (2,4 von 5) zu schaffen. Deshalb haben auch erst 16% der befragten Schweizer Unternehmen ihre Business Modelle oder Revenue Streams dank Smart Connected Products innovieren können (2,1 von 5). Die Top-Performer, welche den Nutzen des digitalen Twins von Smart Connected Products erkannt haben und danach handeln, liegen hinsichtlich all dieser Aussagen teilweise signifikant über den übrigen Unternehmen, doch auch bei Ihnen handelt es sich immer noch um eine Minderheit.

Abbildung 3: Smart connected Products und ihr Digital Twin © Swiss Marketing Leadership Studie 2018

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass viel Potenzial vorhanden ist, welches allerdings noch nicht von allen Unternehmen wahrgenommen wird. Auch bei der Umsetzung haben viele Unternehmen noch einen weiten Weg vor sich, da selbst viele „Early Adopter“ noch am Anfang dieses Prozesses stehen.

Kostenloser Download der Studie
Die komplette Studie steht Ihnen hier kostenlos digital zur Verfügung.

Verwendete Quellen:

Fuchs, R., & Barth, L. (2018). Wie Smart Connected Products Kunden emotionalisieren. In: Rüeger, B., Hannich, F, Fuchs, R., Müller, S., Klaas, M., Suvada, A. (Hrsg). Emotionalisierung im digitalen Marketing: erfolgreiche Methoden für die Marketingpraxis. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. S. 89–103.

Gassmann, O., Frankenberger, K., & Csik, M. (2013). Geschäftsmodelle innovieren. München: Hanser.

Osterwalder, A., & Pigneur, Y. (2010). Business Model Generation. Frankfurt: Campus Verlag.

Porter, M., & Heppelmann, J. (2015). How Smart, Connected Products Are Transforming Companies. Harvard Business Review, 93(10), S. 53–71.

Kommunikation im digitalen Zeitalter

Von Erica Monti

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem Wissenschaft und Technologien immer grössere Höhen erreichen und uns immer mehr Lebensqualität ermöglichen. Mitten drin der Mensch, der dafür verantwortlich, aber auch ausgeliefert ist. Moderne Technologien beginnen, den Menschen zu formen. Unser Kommunikationsverhalten verändert sich schnell und bedeutend. Das Interview mit Dr. Lars Jaeger soll sensibilisieren und einen vertieften Einblick in die Materie gewähren.

Lars Jaeger, Eingriffe in die Genetik und die Künstliche Intelligenz (KI) definieren menschliches Leben neu. Unser Alltag verändert sich radikal. Wie wirkt sich das auf das Kommunikationsverhalten der Menschen aus?

Ein Blick auf das Kommunikationsverhalten unserer Teenager genügt eigentlich schon um festzustellen, dass sich bereits vieles dramatisch verändert hat, insbesondere durch das Internet und die sozialen Medien. Und das wird wohl so weitergehen. Künftig werden wir noch schneller, noch mehr und vor allem kostenlos mit allen kommunizieren. Es werden weitere neue Kommunikationsplattformen entstehen. Nebst den bestehenden, die unser Leben schon ziemlich prägen, wird es Kanäle geben, auf denen man noch mehr private Dinge freiwillig der Öffentlichkeit preisgibt.

Der Umgang mit der Privatsphäre verändert sich zunehmend – bewusst, aber auch unbewusst. Mit den Daten, die wir preisgeben, wird zudem immer professioneller gearbeitet. Sie werden benutzt, verarbeitet und kommen zu uns zurück. Immer bessere Algorithmen arbeiten im Hintergrund und versuchen, unser Handeln und Denken zu beeinflussen. Durch diese Transparenz ermöglichen wir grossen Plattform- und Datenprovidern wie Facebook & Co. immer mehr über uns, unsere Vorlieben, Charaktereigenschaften und unsere innersten Regungen zu erfahren. Damit erhalten diese mehr und mehr Macht und die Gesellschaft wird zunehmend gläserner.

Es ist heute z.B. möglich, mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) ein mehr oder weniger komplettes Psychogramm eines Menschen nur auf der Basis der Stimme zu erhalten. Nach einer Viertelstunde Gespräch, dessen Aufnahme einer KI übergeben wird, kann diese ein sehr akkurates Bild zu Charaktereigenschaften und Motivation ermitteln. Vor dreissig Jahren hielt es niemand für möglich, dass die Stimme überhaupt Information über unsere Persönlichkeit enthält. Das galt so umstritten wie die Phrenologie, die Auffassung, dass man das Wesen eines Menschen an dessen Kopfform ablesen könne. Heute benutzen dies Firmen, um z.B. Bewerber zu analysieren. Telefonieren Sie mal eine Viertelstunde mit WhatsApp, und schon weiss Facebook, wer Sie sind. Der heutige Chairman und damalige CEO von Google, Eric Schmidt sagte schon 2009: «Wenn es Dinge gibt, von denen Sie nicht wollen, dass irgendjemand etwas darüber erfährt, dann sollten Sie diese nicht tun.» Schöne neue Welt!

Man kann das unter dem Stichwort «komplette Transparenz bis hin zu den Gedanken» zusammenfassen. Künftig wird noch viel mehr durch KI analysiert werden als Stimmen und Ausdrucksweisen.

Die Kommunikation wird sich deutlich verändern und KI Analysen werden zunehmen © Pixabay

Die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen sind spürbar. Wir entwickeln uns zu einer zugestöpselten Gesellschaft und kommunizieren zunehmend digital. Welches sind die grössten Herausforderungen und wie sollte die Gesellschaft, aber auch die Politik diesen begegnen? Welche Weichen müssen gestellt werden, damit wir uns nicht komplett in die Abhängigkeit manövrieren?

Die technologischen Veränderungen passieren so schnell, dass die Politik unmöglich mitkommt. Grösstenteils verstehen die Politiker solche Dinge ja auch gar nicht. Es ist erstaunlich, wie wenig in diesen Gremien nach wie vor von modernen Technologien die Rede ist. Was es braucht sind klare gesetzgeberische Rahmenbedingungen. In Europa gibt es dies seit 2018 zumindest ansatzweise mit dem EGDPR (European General Data Protection Regulation) oder DSGVO. Es ist sehr vorbildlich, dass die Europäer sich dazu durchgerungen haben. In den USA und natürlich z.B. in China mit der allumfassenden Staatskontrolle gibt es keinerlei Datenschutz. Die Europäer sind hier in die Offensive gegangen, aber das reicht bei weitem nicht aus. Die Politiker sind stark gefordert und werden sich zukünftig noch viel intensiver mit der technologischen Entwicklung beschäftigen müssen.

Was kann man tun, um die Gesellschaft vermehrt zu sensibilisieren, Stichwort Bildung?

Natürlich muss eine vermehrte Sensibilisierung stattfinden, und man muss früh damit beginnen. Der Technologiewandel läuft und wir hinken immer hinterher. Wachsam, aufmerksam und kritisch zu sein und zwar immer und überall, das ist die Botschaft. Der naive Umgang mit sozialen Medien muss ein Thema sein. Jeder kann in seinem Umfeld sensibilisieren – ich denke da an Eltern, Schulen, Lehrpersonen, Unternehmer, Politiker, Wissenschaftler und natürlich an die Medien.

Die meisten Bildungssysteme in Europa, aber auch in den USA, stammen aus dem 19. Jahrhundert, werden von Lehrpersonen unterrichtet, die aus dem 20. Jahrhundert stammen und sollen die Schüler für das 21. Jahrhundert fit machen. Das ist natürlich keine einfache Aufgabe und ich habe auch kein Patentrezept dafür.

Wie werden wir in zwanzig Jahren kommunizieren?

Möglicherweise direkt von Gehirn zu Gehirn. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass irgendein technisches Instrument meine Gedanken erkennt, denn Gedanken sind messbar, weil sie ein Resultat von komplexen Gehirnströmen sind. Auf sehr rudimentäre Art und Weise ist das bereits heute schon möglich.

Wie wird es der Gesellschaft damit ergehen?

Das ist kaum vorhersagbar, denn wenn wir unsere Gehirne miteinander verschalten, ist das so etwas wie eine Singularität, etwas ganz Neues, sich ganz schnell Veränderndes und Dramatisches. Da müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht mit den Falschen verschalten und es wird umso wichtiger sein, unsere Daten nicht in falsche Hände geraten zu lassen.

Also unbedingt wachsam sein, hinterfragen, sensibilisieren und Rahmenbedingungen setzen?

Auf jeden Fall. Menschen hatten schon immer Probleme, wenn neue Medien auftauchten, das war schon mit dem Radio so und später mit dem Fernseher ebenfalls. Ersteres spielte eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Nazi-Propaganda in Deutschland, zu letzterem schrieb schon 1985 der amerikanische Philosoph Neil Postman «Wir amüsieren uns zu Tode». Heute beschleunigt sich die mediale Entwicklung noch einmal. Ich glaube aber daran, dass die Gesellschaft es schaffen kann, kritisch damit umzugehen. Natürlich verursacht die Geschwindigkeit des technologischen Wandels eine grosse Verunsicherung und die Gefahr besteht, dass die Menschen resignieren, überfordert sind und falsch damit umgehen.

Bei allen technologischen Fortschritten, gilt es die kritische Denkweise nicht abzulegen © Pixabay

Wie kann man sich entspannen in diesem angespannten Kommunikationszeitalter?

Es ist sehr interessant, dass gerade in Zeiten grosser Hektik, Komplexität und Aufregung eine Entwicklung stark an Popularität gewinnt, in der die Menschen nach mehr Achtsamkeit und Entspannung streben. Achtsamkeitsbasierte Stressregulationen, die mit meditativen Techniken arbeiten, und dies voll und ganz säkular, ohne religiösen Überbau, ziehen viele Menschen an. Sie versuchen, sich zurückzubesinnen auf ganz fundamentale Prinzipien: wie ihr Geist funktioniert. Vielleicht ist das das eigentliche Thema: bewusster und achtsamer zu werden!

Über Dr. Lars Jaeger

Dr. Lars Jaeger (www.larsjaeger.ch) ist Wissenschaftler, Schriftsteller, Unternehmer, Finanztheoretiker und Alternative Investment Manager. Er studierte Physik und Philosophie an der Universität Bonn und an der École Polytechnique in Paris und promovierte 1997 auf dem Gebiet der theoretischen Physik am Max-Planck-Institut für Physik in Dresden. Nebst seinem beruflichen Engagement in der Finanzindustrie als quantitativer Forscher schreibt er Bücher und verfasst Blogs zu Naturwissenschaft, Geschichte und Wissenschaftsphilosophie.

Literaturverzeichnis, themenbezogen:
«Die Naturwissenschaften – Eine Biographie», 2015
«Wissenschaft und Spiritualität», 2016
«Supermacht Wissenschaft», 2017
«Die zweite Quantenrevolution», 2018
«Mehr Zukunft wagen! -Wie wir alle vom Fortschritt profitieren«, erscheint im Sommer 2019

Über die Autorin

Erica Monti, PR and Communication Manager, vertiefte ihr Fachwissen in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation nach einer kaufmännischen Grundausbildung in verschiedenen Marketinglehrgängen und bildet sich aktuell im Rahmen eines CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW wiederum fachspezifisch weiter. Sie arbeitet am Hauptsitz bei Reichle & De-Massari AG und ist dort im Bereich Unternehmenskommunikation unter anderem für Corp. Publishing, Medienarbeit und interne Kommunikation verantwortlich.

Swiss Music Awards feiern zwölfte Ausgabe

Von Tania Kiarostami

Am 16. Februar 2019 gingen die Swiss Music Awards, die grösste Musikpreisverleihung der Schweiz, in die zwölfte Runde und dieses Jahr erstmals in Luzern im Kultur- und Kongresszentrum (KKL) und nicht wie gewohnt im Hallenstadion Zürich. Die ZHAW School of Management and Law ermöglichte es ihren Studenten Tickets für die Show zu gewinnen, indem sie nennen mussten, wer ihrer Meinung nach einen Preis verdient hat und wieso. Coray Giacun Alexander, Master of Science Student an der ZHAW School of Management and Law, war einer der drei glücklichen Gewinner. Um nun all denen, die nicht an den SMA’s dabei sein konnten, einen kleinen Einblick zu gewähren, haben wir Giacun interviewt.

Was für einen Preis würdest du vergeben und an wen?

Aus meiner Sicht sollte es einen Preis geben für das Lied (resp. den Künstler/die Künstlerin), welches den grössten Beitrag (Vision, Werte) hinsichtlich der Unterstützung gesellschaftlicher, sozialer und umweltbedingter Themen leistet (ein Beispiel wäre in früheren Jahren das Lied „On n’a qu’une terre“ von Stress).

Coray Giacun Alexander mit Begleitung an den Swiss Music Awards © usgang.ch

Was waren Deine Highlights an den SMA’s?

Am besten gefiel mir das Konzert mit den zahlreichen Live-Acts an den SMA’s – beispielsweise sind Bastian Baker, Nemo und Manilio aufgetreten.

Wie war die neue Location, das KKL Luzern?

Aus meiner Sicht ist das KKL die bestmögliche Location für einen solchen Anlass. Dies einerseits aufgrund der einzigartigen Location (Architektur, Platzverhältnisse, Akustik) und andererseits aufgrund des zentralen Standorts in Luzern. Zudem passt das KKL sehr gut zu diesem Anlass, weil die Location am besten zur Schweizer Musikszene passt.

Tolle Stimmung im Kultur- und Kongresszentrum in Luzern © Adrian Bretscher Swiss Music Awards

Warst Du auch schon an den SMA’s als sie noch im Hallenstadion stattgefunden haben?

Nein, leider war ich bisher noch nie an den SMA’s im Hallenstadion. In der Vergangenheit habe ich die SMA’s jeweils am TV verfolgt.

An was hat es ein bisschen gefehlt, was könnte auf nächstes Jahr noch verbessert werden?

An den diesjährigen SMA’s gab es ein neues Konzept, welches vorsah, dass die Preisverleihung in einem separaten Raum als das Konzert mit den Live-Acts stattfand. Im Raum mit den Live-Acts wurden dann jeweils einige Sequenzen der Preisverleihung am Bildschirm eingespielt – leider waren dies aber nur sehr wenige und man hat beispielsweise die Live-Auftritte (DJ Antoine / Billie Eilish) im Preisverleihungssaal verpasst. Dies könnte man in Zukunft optimieren.

Für wen hast Du bei den Awards die Daumen gedrückt?

Ich habe Loco Escrito die Daumen gedrückt, weil ich Reggaetón sehr gerne höre.

Welcher Act oder auch welcher Künstler war Dein Highlight bei den SMA’s?

Am besten gefiel mir der Auftritt von Nemo. Es ist unglaublich, dass dieser 20-jährige Künstler bereits jetzt eine solche Souveränität hat und sein Ding durchzieht.

Was ist Dein persönliches Fazit zu den SMA’s?

Mir hat die Teilnahme an den SMA’s sehr gut gefallen und ich werde nächstes Jahr wieder hingehen. Insbesondere war es cool, dass einige der Stars im gleichen Hotel übernachtet haben und dass man diese dann am Folgetag noch am Buffet zu Gesicht bekommen hat.

Promis am Red Carpet © Adrian Bretscher Swiss Music Awards

Neue digitale Geschäftsmodelle für die Freizeitwirtschaft am Bodensee

Die Digitalisierung verändert nicht nur unser gesellschaftliches Handeln, sie prägt auch alle Wirtschaftszweige in der Bodenseeregion in tiefgreifender Weise. Dies gilt natürlich auch für den Tourismus und die Freizeitwirtschaft, die am Bodensee eine herausragende Bedeutung haben. Ein Team aus Forschenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Hochschule Konstanz begibt sich in einem IBH-Projekt auf die Suche, wie sich KundInnenerlebnisse und Geschäftsmodelle in der Freizeitwirtschaft durch die Digitalisierung verändern. Wir haben mit Projektleiter Marcel Hüttermann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ZHAW, darüber gesprochen.*

Was sind die Ziele des Projekts?

Diese Forschungsstudie soll einen Beitrag dazu leisten, die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Erlebniskonsum und auf die Freizeitwirtschaft in der Bodenseeregion besser zu verstehen. Aus Sicht der Unternehmen und Organisationen der Freizeitwirtschaft stellt sich nicht nur die Frage, wie sich die KundInnenerlebnisse durch die Digitalisierung verändern, sondern auch, welche neuen Geschäftsmodelle sich ergeben.

Marcel Hüttermann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Marketing Management
Marcel Hüttermann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Marketing Management

Welche Rolle spielt die Freizeitwirtschaft für die Bodenseeregion?

Die Relevanz und das Potential für die Unternehmen der Freizeitwirtschaft ist evident, da ihre angebotenen Leistungen Erfahrungsgüter sind, die von KonsumentInnen um des Erlebens willen bezogen werden. Die Freizeitwirtschaft umfasst zahlreiche unterschiedliche Dienstleister, die eine hohe Bedeutung für die europäische Wirtschaft und damit auch die Bodenseeregion haben: Medien, Unterhaltung, Handel, Industrie, Gastgewerbe, Gesundheit, Sport, Transport, Kultur, Bildung und soziales Engagement. Die gesamte Wertschöpfungskette der Freizeitwirtschaft unterliegt dabei der Dynamik der Digitalisierung. Vor allem für die Segmente Sport und Outdoor, Event-Tickets, Ferienwohnungen, Pauschalreisen, Hotels, Bahn- und Bustickets sind bedeutende Zuwächse zu erwarten. Und hier bietet die Bodenseeregion ein ideales Forschungsfeld da all diese Punkte gesamthaft wichtig für die Wirtschaft und damit die Menschen in der Region sind.

Inwiefern verändert sich die Freizeitwirtschaft durch die Digitalisierung? Welches sind die grossen Trends? Was ist bereits jetzt sichtbar?

Digitale Plattformgeschäftsmodelle haben insbesondere die Bereiche Tourismus (z.B. Airbnb, Holiday Check, Uber, Trip Advisor u.v.m.) und Events radikal verändert. Die Auswirkungen von erweiterten und virtuellen Realitäten (AR und VR) steht aber beispielsweise noch ganz am Anfang. Schätzungen gehen von enormen wirtschaftlichen Veränderungen aus.  Es bieten sich zahlreiche Innovationsmöglichkeiten und es öffnen sich ganz neue Geschäftsfelder. Es ist jetzt schon möglich Konzerte, Sportveranstaltungen, Museen usw. nicht nur physisch, sondern virtuell zu erleben. Das bedeutet für den Konsumenten, dass er «von daheim», und somit von überall auf der Welt, beispielsweise das Pfahlbaumuseum virtuell erkunden kann. Dies erschliesst völlig neue Zielgruppen und bietet enorme Einnahmepotenziale.

Sie planen auf der Basis des Projekts einen COST-Antrag zu stellen: was kann man sich darunter genau vorstellen?

COST ist eine Förderorganisation für Forschungs- und Innovationsnetzwerke. Die Organisation unterstützt pan-europäische Netzwerkbildung zu definierten Themen. Auf diese Weise wird ein gemeinsamer Austausch zwischen den Forschenden ermöglicht und die Koordination von Forschungsaktivitäten sowie die Verbreitung ihrer Ergebnisse verbessert. Außerdem legt COST Wert darauf, dass die Netzwerke sowohl jüngere Forschende als auch Forschende aus „Forschungs- und innovationsschwächeren“ europäischen Staaten gezielt einbeziehen. Es gilt also die Netzwerkaktivitäten zu bündeln und die PartnerInnen zusammenzubringen, um schlussendlich den COST Antrag einzureichen. Dabei gilt es PartnerInnen aus den Mitgliedstaaten zu akquirieren. Das können Universitäten sein, aber auch Unternehmen, NGO’s etc.

Wie werden Sie im Projekt konkret vorgehen?

Nach einem Kick-Off Meeting im Januar forscht jeder Projektpartner nach den jeweiligen Expertisen (Sport, Tourismus, Kultur, Soziologie) in den jeweiligen Bereichen um zentrale Themen zu identifizieren. Im Anschluss dient der Austausch mit Forschenden aus ganz Europa dazu neue, bisher unbekannte Erkenntnisse zu gewinnen, aber auch um gegenseitig Wissen auszutauschen. Dies geschieht u.a. durch den Austausch auf internationalen Konferenzen. Danach werden Praxispartner identifiziert die in diesem europäischen Themennetzwerk mitarbeiten möchten. Anschliessend werden die Ergebnisse zusammentragen, verdichtet und zu einem COST-Antrag formuliert. Das Projekt soll jedoch nicht allein mit der Einreichung des COST-Antrags enden, sondern auch mit der Verbreitung des gewonnenen Wissens an Forschende, die PraxispartnerInnen und an interessierte Unternehmen im generellen, sowie die Öffentlichkeit.

*Dieser Beitrag wurde am 05. März 2019 von der IBH publiziert und durfte mit freundlicher Genehmigung der IBH verwendet werden. Link zum Originalbeitrag: https://www.bodenseehochschule.org/neue-digitale-geschaeftsmodelle-fuer-die-freizeitwirtschaft-am-bodensee/

Smart Cities in der Schweiz – Ein Use Case-getriebener Ansatz

Von Dr. Manuel Holler

Neben den urbanen Metropolregionen in Asien und den Vereinigten Staaten stehen auch die Städte in der Schweiz vor der Herausforderung, eine Steigerung der Lebensqualität bei gleichzeitiger Ressourcenreduktion zu erreichen. Smart City-Konzepte, insbesondere die intelligente Vernetzung von Infrastruktur, stellen hierfür einen wichtigen Lösungsansatz dar. Das Unternehmen «Hivemind» entwickelt hierzu eine Commercial-IoT-Plattform. Die Plattform ist dabei als Enabler anzusehen, so dass Unternehmen und Städte das Paradigma einer digital vernetzen physischen Welt realisieren können.

Konzept einer Smart City © Hivemind

Wenn es an die konkrete Umsetzung solcher Smart City-Konzepte geht, können grundsätzlich zwei Strategien unterschieden werden: Während einige Städte den Ansatz verfolgen, die technischen Grundlagen der Vernetzung sicherzustellen, zielen andere darauf ab, die Smart City mit konkreten, wertschöpfenden Anwendungsfällen zu initiieren. Besonders vor dem Hintergrund der notwendigen, schrittweisen Evolution hin zu ganzheitlich vernetzten Städten bietet sich besonders letzterer Ansatz an.

Gebündelt in der Initiative «Start Smart City» konnten so zusammen mit Partnern aus den Bereichen Sicherheit, Umwelt, Infrastruktur, Mobilität bereits erste Use Cases identifiziert und realisiert werden. Abbildung 2 zeigt den exemplarischen Smart City Use Case «Abfallentsorgung». Im Gegensatz zu einer traditionellen, periodischen Entleerung, sorgen die «Smart Connected Garbage Bins» für optimierte Abläufe.

Smart City Use Case „Abfallentsorgung“ © Start Smart City

Dennoch gilt es, die spezifischen Herausforderungen und Bedürfnisse der Schweizer Städte noch besser zu verstehen. Zusammen mit dem Product Management Center der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist es Ziel, in einem Innosuisse-geförderten Projekt weitere Anwendungsfälle für Smart Cities in der Schweiz zu identifizieren und zu charakterisieren.

Der Gründer

Gründer Vikram-Bhatnagar © Hivemind

Vikram Bhatnagar (vik@hivemind.ch) ist Gründer und Geschäftsführer von «Hivemind» und «Start Smart City». Das Unternehmen «Hivemind» entwickelt eine Commercial-IoT-Plattform. Die Initiative «Start Smart City» setzt sich für die intelligente Vernetzung der Schweizer Städte ein.

Salsa auf den Rollen – Wie Einkaufswagen digital werden

Online Shopping ist in aller Munde, trotzdem gibt es immer noch Läden, wo man seine Einkäufe physisch erledigt. Ein Beispiel sind die Lebensmittelläden. Wichtiges Element im stationären Handel ist der Einkaufswagen. Wohl kaum einer macht sich Gedanken über dieses Hilfsmittel. Aus diesem Grund war es Zeit bei einem Hersteller nachzufragen, was hinter den Einkaufswagen so alles steckt. Werner Reifler, Geschäftsführer und Managing Director/CEO bei Wanzl Schweiz, stand Rede und Antwort.

Herr Reifler, der Lebensmitteleinkauf wird nach wie vor gerne im Laden getätigt. Der Einkaufswagen ist ein selbstverständliches Hilfsmittel, was man gar nicht mehr richtig wahrnimmt. Wanzl vertreibt schon seit frühester Firmengeschichte Einkaufswagen. Was ist das Besondere an diesem Produkt?

Wanzl hat früh erkannt, dass sich das Einkaufsverhalten der Konsumenten in der Nachkriegszeit rasant veränderte und damit auch andere Shop Formate hervorbrachte. Daran hat sich Wanzl orientiert und den Einkaufswagen ständig neu konfiguriert. Mit verschiedenen Korbgrössen, Zusatzfunktionen wie Kleinartikelschalen, Taschenhaken, Harassen- & Petflaschenablagen oder auch der Digitalisierung gerecht werdenden Scannerhalter beispielsweise, hat sich Wanzl stets den neuen Bedürfnissen der Gesellschaft und der Technologie angepasst und als treibender Innovator entscheidende Akzente gesetzt. So unscheinbar und selbstverständlich der Einkaufswagen wahrgenommen und genutzt wird heute, trägt er dennoch entscheidend zu einem optimalen Einkaufserlebnis bei.

Heute steht die neuste Generation der Einkaufswagen erstmals im Shoppi Tivoli in Spreitenbach und ab Frühjahr bei OTTO’s im Einsatz. Der SALSA – ein ästhetisch designter leichter und funktionell ausgereifter Hybrid aus Kunststoffkorb und bewährtem Stahlaufbau lässt nicht nur ein komfortableres Manövrieren für den Konsumenten zu, sondern ermöglicht dem Detailhändler einen individuellen Auftritt durch eigene Farbgebung.

Salsa nicht auf dem Tanzparkett, sondern im Laden – Der moderne Wagen rollt an © Wanzl

Welche technischen Neuerungen gab es im Bereich Einkaufswagen? Können Sie Vorlieben oder regionale Unterschiede feststellen?

Zum einen ist sicher der Vormarsch der hybriden Form von Kunststoff und Metall und zum anderen sind es die neuen Technologien. Wir sind heute im Rahmen der Produktivitätsunterstützung soweit, dass wir die Einkaufswagen durch RFID Technologie ausgestattet identifizieren können. Dies lässt das Überwachen von Beständen zu und ermöglicht dem Shop ein effizientes Trolley-Management. Auch bieten wir heute für das Smartphone-Zeitalter zusätzliche Möglichkeiten zur Halterung der Geräte als einfachen elektronischen Einkaufszettel. Etwas futuristisch mag im Moment noch die Thematik um integrierte Scann-Module am Einkaufswagen erscheinen. Aber Technologie und Know-How ist vorhanden um auch hierbei einen weiteren innovativen Schub zur Optimierung des Einkaufens beitragen zu können.

Wanzl hat diverse Modelle im Angebot, unter anderem spezielle Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer oder Senioren. Gibt es bald personalisierbare Einkaufswagen (z.B. höhenverstellbar, wechselnde Farben etc.)?

Wanzl treibt die Innovationen als Weltmarktführer voran und verschliesst sich keiner Möglichkeit. Dabei spielen für die «Marktakzeptanz» aber viele Faktoren mit. Wozu ist der Detailhandel bereit? Welchen Zusatznutzen soll und kann mit welchem Feature tatsächlich geboten werden?

Wie schätzen Sie den Einkaufswagen als Marketinginstrument für den Handel ein? Wie wichtig sind die Einkaufswagen auch heute noch und wie könnte man sie noch besser nutzen?

Wie erwähnt wird der Einkaufswagen als sehr selbstverständlich angesehen. Ein Hygienefaktor beim Einkaufen, der einfach funktionieren soll. Wahrgenommen wird der Einkaufswagen bis heute in der Regel nur, wenn er nicht funktioniert, nicht richtig rollt oder defekt und schmutzig ist. Mit den neuen Entwicklungen und bewährt hohem Qualitätsstandard erfüllt der Einkaufswagen von Wanzl seit je her diese Ansprüche zu 100 Prozent und bietet mit dem SALSA nun auch ein Alleinstellungsmerkmal für den jeweiligen Detailhändler. Wanzl – Connect ermöglicht zudem heute schon das Tracken der Einkaufswagen. Sei es im Bestandescontrolling oder auch bei der «Verfolgbarkeit» der Wagen. Für den Markt können so bedeutende Erkenntnisse zeitverzugslos gewonnen werden, z.B. wo und wie lange sich jeder einzelne Wagen aufgehalten, oder welche Wege er genommen hat, ohne datenschutzrechliche Themen anzuschneiden. Für den Konsumenten sind die mechanischen Zusatzfunktionen für ganz individuelle Bedürfnisse ein PLUS beim Einkaufen. AGV’s (automated guided vehicle) oder selbstscannende Einkaufswagen können weitere Stufen der Innovation für Handel und Konsument bedeuten.

Der unscheinbare Einkaufswagen hat diverse digitale Funktionen © Wanzl

Wanzl hat eine riesige Produktpalette und beliefert verschiedene Branchen. Können Sie uns kurz erklären, wie das Unternehmen aufgestellt ist und wie das B2B Geschäft ausgestaltet ist?

Wanzl ist im Detailhandel gross geworden und Weltmarktführer bei den Einkaufswagen. Diesen Geschäftsbereich – unser Retail System – pflegen wir ganz besonders mit unseren langjährigen Partnern weltweit. Wir verstehen uns aber als Gesamtlösungsanbieter. Wonach wir auch die Ladengestaltung mit unserer Shopsolutionsabteilung unterstützen und auch ganze Shops anbieten. Zudem sind die logistischen Prozesse unserer Kunden ein wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmung. Darin bieten wir mit unseren Produkten aus Standard und durch individuelle Lösungen eine passende Unterstützung zur Optimierung der Logistikprozesse unserer Kunden. Zutrittskontrollen und Warensicherung in Verwaltungs- und/oder Werksgeländen sind ein immer bedeutender Part auf dem Markt und wir stellen auch hierzu aus unserem Geschäftsbereich Accesssolutions massgeschneiderte Lösungen an. Von einfachen Schwenktüren, über elektrisch angetriebene bis biometrisch gesteuerte und ästhetisch anmutende Gates.

Unter den Geschäftsbereichen Hotelservice und Airport bieten wir im Rahmen der Gäste- und Passagierbewirtschaftung weitere spezifische Produkte an. Alle unsere Geschäftsbereiche aber funktionieren übergreifend und wir bieten als Gesamtanbieter unseren Kunden zu allen Fragestellungen aus unseren Portfolio entsprechende Produkte und Lösungen an.

Das Logo von Wanzl © Wanzl

Wie betreibt Wanzl selbst das Marketing? Wie kommen Sie zu Ihren Kunden?

Nebst den gängigen Marketinginstrumenten, die wir im B2B Umfeld anwenden, setzen wir sehr stark auf persönliche Kontakte. Insbesondere bei Projektgeschäften.

Im traditionellen Einkaufswagenmarkt oder Produktverkauf bauen wir auf unsere langjährigen Kundenbeziehungen und pflegen bewusst unser Qualitätsverständnis von Produkt und Dienstleistung. Im ganzen Bereich der Shop Solutions – also alles was der Detailhändler braucht- präsentieren wir uns und unsere Innovationen jeweils an der Euro-Shop in Düsseldorf, an der Wanzl als feste Grösse und Innovator seit Jahrzehnten teilnimmt. In den Geschäftsfeldern Hotel, Access und Logistik setzen wir einerseits auf Messen sowie auch Reportagen in Fachzeitschriften und vereinzelt gezielte Mailings. Letzten Endes aber sehen wir in unserem Markt ein «Face to Face Business», indem Vertrauen und Zuverlässigkeit mit ein grosser Bestandteil in der Entscheidungsfindung sind.

Wanzl ist eine Traditionsfirma mit hohen Qualitätsansprüchen. Wie sehen Sie die Bedrohung durch Konkurrenzprodukte, allenfalls sogar aus dem asiatischen Raum?

Allgegenwärtig! Und je länger je mehr. Das ist der Lauf der Zeit sowie der anhaltenden Globalisierung und Liberalisierung des Marktes. Wir stellen uns dieser Herausforderung mit unserer bislang unübertroffenen Qualität, sowie einem sehr kundennahen, zuverlässigen und kompetenten Kundenservice von der Beratung bis hin zu den Serviceleistungen. Unsere Dienstleistungsbereitschaft, unser Know-How und unsere geographische Nähe wird von unserer Kundschaft sehr geschätzt und durchaus in der Gesamtbetrachtung ihrer Investition berücksichtigt auch wenn, oder erst recht, weil der Kostendruck auch bei ihnen fortlaufend ein Thema ist.

Auf der Wanzl Webseite gibt es nicht nur Informationen zu den Produkten, sondern auch aufwendig erarbeitetes Content Marketing. Wie wichtig sind neben Produktinformationen auch Geschichten und Emotionen?

In einer wohlständigen Konsumgesellschaft mit hohem Individualisierungsdrang ist es von grosser Bedeutung den Anwender nicht nur auf der funktionellen Seite abholen zu können, sondern seinen «Wissensdurst» nach dem «Wie und Woher» stillen zu können. Nicht mit Phrasen und Werbesprüchen, sondern mit echten Geschichten ein Produkt erklären, welches sonst doch recht «unspektakulär» erscheinend an Wert gewinnen kann und den Anwender und Käufer zu einer gesamthaften Betrachtung seiner Beschaffung anregt.

Zum Schluss, wenn Sie für sich einen Einkaufswagen kreieren dürften, wie würde dieser aussehen?

Unser SALSA trifft den Zeitgeist punktgenau. Eine innovative Erscheinung mit Individualisierungsmomenten und technisch ausgereift für die Bedürfnisse der heutigen und auch künftigen Konsumenten.

Der modernste Wagen, der Innovation und Technik vereint © Wanzl

https://www.wanzl.com/de_CH/

Der Product Management 4.0 Strategietag: Empowering Digital Value Creation!

Von Prof. Dr. Rainer Fuchs

Was macht die Digitale Transformation aus dem Product Management? Diese Frage, die seit letztem Jahr auch schon lebhaft in der Swiss Product Management Community, einer geschlossenen LinkedIn Gruppe von Schweizer Product Managern diskutiert wird, zog vergangene Woche 280 Interessierte an die ZHAW School of Management and Law nach Winterthur. Fazit: Es gibt viel zu tun – packen wir es an!

Die Digitalisierung macht auch vor dem Product Management nicht halt: Produkte werden smart und connected und sammeln Daten über ihren gesamten Lebenszyklus – der Digitale Zwilling des physischen Produktes kann entstehen. Doch wie erzeugt man diesen, ohne im Big Data Lake zu ertrinken? Wie entwickelt man damit systematisch neue, produktdatenbasierte Ertrags- und Geschäftsmodelle? Und: Was hat das für mich, den Product Manager, für Konsequenzen? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen muss ich aufbauen, welche Methoden und Tools erlernen? Diese Fragen treiben offensichtlich so viele Product Manager um, dass die Tickets für den Product Management 4.0 Strategietag bereits einen Monat vor der Veranstaltung ausverkauft waren.

Grosses Interesse Strategietag für Product Manager © ZHAW Andjela Bulatovic

Antworten zu diesen Fragen wurden in zahlreichen über den Tag verteilten Keynotes aus Wissenschaft und Praxis gesucht. Mittels der Konferenz-App konnten die Teilnehmer zudem ihre Interessen mit denen anderer Teilnehmer abgleichen und Speed-Dating ähnliche Networking-Sessions mit gleichgesinnten vereinbaren. Wem häufig wechselnde Gesprächspartner nicht lagen, hatte die Möglichkeit in interaktiven Workshops mit einer grösseren Zahl von Kollegen neue Methoden zu testen und innovative Ansätze für den Hausgebrauch in den Rucksack zu packen.

Speed Dating mal anders. Die Gelegenheit neue Kontakte zu knüpfen. © ZHAW Andjela Bulatovic

Besonders intensiv wurde diskutiert, wie Product Manager sich fit für die Zukunft machen können. Das Product Management Center der ZHAW hat hierzu am Strategietag ein PM 4.0 Self Assessment vorgestellt, mit dem sich Interessierte hinsichtlich ihrer aktuellen Fähigkeiten für das digitale Product Management testen können. Das Self-Assessment ist immer noch online:

Der Test basiert auf einer Arbeit des Product Management Councils, der im Sommer 2018 ins Leben gerufen wurde. 30 Vertreter aus 15 renommierten Schweizer Unternehmen erarbeiteten in diesem Rahmen ein Reifegradmodell für den PM 4.0. Es gibt Hinweise darauf, welche Themen, Methoden und Tools ein Product Manager sich schrittweise erarbeiten kann, um die notwendigen Fähigkeiten zu erwerben und zum Digital Business Driver zu werden. Die Ergebnisse des Product Management Councils flossen bereits in einen Weiterbildungskurs der ZHAW ein: Den CAS Digital Product Management. Als um 18.30 Uhr nach einem sehr intensiven, informationsdichten Tag das Fazit der Veranstaltung gezogen wurde, war klar: «Wir wissen, wie wichtig der Beitrag des Produktmanagements zur Digitalisierung der Unternehmen und damit zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit ist, wir sind aber noch nicht am Ziel angelangt. Aber wir wissen was zu tun ist und bleiben dran!»

Prof. Dr. Rainer Fuchs

Rainer Fuchs ist Professor für Product Management an der ZHAW und leitet das Product Management Center. Ursprünglich Physiker mit einem Dr. in Ingenieurswissenschaften und einem Master in Industrial Management, forscht er heute im Themenbereich von Smart Connected Products und teilt diese Erkenntnisse mit Studierenden in Bachelor, Master- und Weiterbildungsstudiengängen wie dem MAS Product Management und dem CAS Digital Product Management.

Kleine Blume grosser Auftritt – Das Marketing für einen speziellen Reversanstecker

Der Kleidungsstil ist für viele sehr wichtig. Nicht nur in der Damenmode, sondern auch im Herrenbereich hat sich einiges getan. Der Mann von heute kann seinen Stil individualisieren, gerade was Details anbelangt. Beim klassischen Herrenanzug kann man bei Krawatte, Socken oder Gürteln noch etwas variieren – oder aber bei der Boutonniere. Den Reversanstecker sieht man nicht nur bei Politikern häufig, sondern nun auch in neuer Form von Monsieur Merkli. Es handelt sich um ein handgefertigtes Produkt aus der Schweiz.

Herr Merkli, Reversanstecker gibt es in diversen Farben und Formen. Was ist bei Monsieur Merkli anders?

Natürlich orientiert sich meine Lapel Flower ganz klar an der klassischen Boutonniere wie sie z.B. von Prinz Charles, James Bond oder Nelson Mandela getragen wird bzw. wurde. Der grosse Unterschied liegt aber sicher darin, dass meine Reversblume auch funktional ist. Somit kann sie zum Beispiel auch als Brillenhalter, Schlüsselanhänger oder auch als klassische Taschenuhrkette verwendet werden.

Monsieur Merkli hat ein kleines aber feines Produkt kreiert © Monsieur Merkli

Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Produkt gekommen?

Ich bin ein grosser Fan des kleinen Details und habe mich von der klassischen Boutonniere sowie von der Lapel Chain inspirieren lassen. Mein Produkt ist sozusagen ein Hybrid dieser beiden Klassiker.

Ihr Produkt ist handgefertigt und kommt aus der Schweiz. In Zeiten von Kostendruck, gerade im Modebereich, wie ist das möglich?

Die Leidenschaft lässt es zu. Ich produziere die Monsieur Merkli Lapel Flowers in eigener Handarbeit. Dazu benutze ich nur Produkte, die eine hohe Qualität aufweisen. Natürlich hat dies auch seinen Preis. Ich beobachte aber heute auch immer mehr, dass die Menschen wieder ein grösseres Bewusstsein beim Kauf von Kleidern und Accessoires bekommen und dass nicht mehr nur die Quantität an Produkten, sondern eben deren Qualität an Wichtigkeit gewinnt und der Frage der Nachhaltigkeit eine grössere Bedeutung zugesprochen wird. Es macht mich sehr stolz und glücklich, wenn ich eine gut gekleidete Person sehe, die mein Accessoire trägt und schätzt. Entscheidet man sich aber gegen das Produkt nur aufgrund des Preises, so soll es mir auch recht sein, wenn es deswegen nicht getragen werden sollte.

Wie haben Sie das Geschäft aufgebaut und welche Marketinginstrumente nutzen Sie?

Die Nachfrage war in meinem Fall der Start für das Geschäft. Ich selbst trage schon seit ein paar Jahren mein selbst kreiertes Accessoire im Knopfloch meiner Jackets. Das Interesse und die Nachfrage nach diesem Accessoire waren so gross, dass ich mich Ende 2017 dazu entschieden habe, dieses zu produzieren und eine Webseite dafür zu erstellen. Bis anhin benütze ich die gängigen Socialmedia-Plattformen wie Instagram und Facebook, um mein bescheidenes Marketing zu tätigen. Dazugekommen ist letztes Jahr ein Werbevideo, welches ebenfalls auf diesen Plattformen, sowie bei weiteren Anbietern für Internetwerbungen gestreut wurde. Meine Blume ist ein einzigartiges und auffallendes Accessoire und gewinnt vor allem mit jedem charakteristischen Träger mehr an Aufmerksamkeit, was in meinem Fall das effektivste Marketinginstrument ist.

Das Produkt vermarktet sich am besten über den Träger © Monsieur Merkli

Wie sind die Kundenreaktionen auf diese Boutonniere? Steigen die Verkaufszahlen?

Wie bereits erwähnt, war das grosse Interesse und die Nachfrage nach meinem Accessoire bereits die Motivation, um Monsieur Merkli ins Leben zu rufen. Ich schätze mich sehr glücklich, dass die Reaktionen bis heute immer noch so positiv ausfallen. Da es dieses Produkt erst seit gut einem Jahr gibt, habe ich noch keine grosse Möglichkeiten Zahlen zu vergleichen. Ich bin aber mit den Verkaufszahlen im ersten Jahr mehr als glücklich.

Wo kann man Ihr Produkt kaufen, nur im online Shop oder nutzen Sie auch andere Vertriebswege?

Zurzeit ist die Monsieur Merkli Lapel Flower hauptsächlich nur in meinem Onlineshop und bei Pelikamo erhältlich. Es ist aber auch nicht mein Wunsch, mit meinem Produkt in so viele Läden wie möglich zu kommen. Natürlich bin ich aber offen für Läden welche meinem Geschmack entsprechen und bei welchen das Interesse für eine Zusammenarbeit besteht.

Planen Sie auch noch andere Produkte zu lancieren?

Bis jetzt ist noch nichts in Planung, um mein Sortiment zu erweitern. Ich biete die Monsieur Merkli Lapel Flower auch nicht in verschiedenen Farben oder Formen an. Bei diesem Projekt gefällt es mir sehr, das eine Produkt auf das Maximum zu minimieren, in höchster Qualität und Handarbeit. Ich möchte es mir aber nicht nehmen lassen, vielleicht doch irgendwann einmal die Marke Monsieur Merkli mit einem weiteren Produkt zu bereichern.

Reduktion auf das Nötigste, das Produkt gibt es nur in dieser Ausführung © Monsieur Merkli

In Zeiten von Turnschuhen und Bequemlichkeit, wie wichtig ist auch heute noch ein stilvolles Auftreten für den Mann? Welche Trends sollte ein modischer Mann verfolgen?

Ein stilvolles Auftreten ist in meinen Augen das A und O für jeden erfolgreichen Menschen. Wobei ich das Auftreten nicht nur auf die Kleidung reduziere und den Erfolg nicht auf das Einkommen. Auch sehe ich die Turnschuhe und die Bequemlichkeit nicht als einen Widerspruch zu einem stilvollen Auftreten.

Anziehen sollte man sich, wie man will, wie es einem Spass macht und wie es einem wohl ist. Dabei sollte man sich aber stets bewusst sein, dass das Äussere die Vorurteile unserer Mitmenschen prägt und es die Kraft besitzt, den Charakter und die eigenen Werte nach aussen zu tragen. Passen Teile aus einem Trend dazu, soll man sich frei fühlen, sich davon zu bedienen. Aus anderen Gründen von einem Trend profitieren zu wollen, rate ich aber grundsätzlich ab. Meisten sind sie von kurzer Dauer, hängen mit überteuerten Preisen zusammen und töten die Individualität. Stil setzt sich gegen die Mode immer durch!

Zum Schluss, wenn Sie einem Promi ihr Produkt schenken könnten, wen würden Sie wählen?

Es wäre toll, meine Lapel Flower Steve McQueen zu schenken, um den Männern von heute mit diesem Vorbild mehr Mut zu geben, um solche Accessoires zu tragen. Da meine Blume aber in der Erde nicht mehr wächst, kommt mir bei weiterem Nachdenken Morgan Freeman in den Sinn. Ihn in einem Jacket zu sehen, welches mit einer meiner Blume bestückt ist, würde mich Stolz machen.

Meine Antwort ist aber auf das Äusserliche reduziert und lässt sich von mir gar nicht gross begründen. Ich stelle es mir bildlich einfach unheimlich cool vor, wie einer der profiliertesten Charakterdarsteller Hollywoods in den Raum tritt und ein weiteres Statement mit einer meiner Blumen macht.

https://www.monsieurmerkli.com/

Keine digitalisierten Emotionen im Brautmodenbusiness

Trotz Digitalisierungsdruck, eine Branche setzt noch immer auf direkten Kundenkontakt und dies betrifft vor allem die Brautmode. Ein Kleid auf der Internetseite zu sehen ist eine Sache, es dann anzuprobieren allenfalls eine ganz andere. Die Fernsehsendung „Zwischen Tüll und Tränen“ auf VOX präsentiert die ganze Woche hindurch Brautläden. Eine der Beraterinnen ist Meike Buschening-Kaffenberger. Wir konnten mit ihr durch die Tüllschichten schauen und erfuhren, welche Rolle das Marketing hier spielt.

Frau Buschening-Kaffenberger Sie betreiben zwei erfolgreiche Brautläden. Können Sie uns etwas zu Ihrem Werdegang sagen und warum Sie schlussendlich bei der Brautmode gelandet sind?

Ursprünglich komme ich aus der 5* Hotellerie und bin Deutschlands jüngste Guest-Relation-Managerin gewesen. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass die Bereitschaft und der Wille „Dienst zu leisten“ unabdingbar für jeglichen beruflichen Erfolg ist.

Mit meinen Qualifikationen und Erfahrungen aus der Hotellerie habe ich mich dann im Eventbereich und der VIP-Betreuung selbstständig gemacht. Die VIP-Betreuung war mit einer enorm hohen Reisetätigkeit verbunden, was aber aufgrund meiner damals bevorstehenden Heirat und Familienplanung nicht mehr vereinbar gewesen wäre. Deshalb war ich auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung.

Auf der Suche nach einem Brautkleid für meine eigene Hochzeit habe ich erst ein Kleid für die kirchliche Trauung, dann noch ein zweites Kleid für das Standesamt und danach den ganzen Brautladen gekauft. Mein Ziel war es, die Dinge mal anders zu machen. Meine Aufgabe im Hotel ist es gewesen, den Gästen von der Anreise bis zur Abreise einen möglichst angenehmen, entspannten und stressfreien Aufenthalt zu ermöglichen. Diesen Gedanken habe ich einfach auf mein Brautmodengeschäft übertragen: Die Braut vom Kauf des Brautkleides bis zum Tag ihrer Hochzeit mit einem perfekten Rund-um-Service zu begleiten.

Meike Buschening-Kaffenberger betreibt erfolgreich Brautläden und setzt auf eine professionelle Beratung © Meike Buschening-Kaffenberger

Sie haben einen individuellen Stil, der sich von anderen Beratungen abhebt. Welche Prinzipien in der Kundenbetreuung verfolgen Sie und welche Rolle spielt die Ehrlichkeit in einer Beratung?

Vertrauen und Ehrlichkeit sind für mich die zentralen Elemente in der Beratung. Die Braut sollte bereit sein, mir ihr Vertrauen zu schenken. Denn mein Ziel ist es, dass die Braut an ihrer Hochzeit einen besonders strahlenden Auftritt und somit einen unvergesslichen Tag in ihrem Leben hat. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrungen, Kompetenz und Kenntnisse im Bereich der Brautkleider ist es mir fast immer möglich, ein passendes Brautkleid für jeden Typ von Braut zu finden. Nur wenn ich ehrlich von dem Brautkleid überzeugt bin, kann ich es der Braut verkaufen. Denn eine glückliche und besonders strahlende Braut am Tag ihrer Hochzeit ist eine wandelnde Visitenkarte für uns. Das ist dann die beste Empfehlung für meine Brautmodengeschäfte.

Moderne Bräute informieren sich im Vorfeld im Internet. Wie wichtig ist die physische Beratung im Geschäft und was halten Sie von Beratungspauschalen?

Eine Braut muss „ihr“ Brautkleid spüren und fühlen. Das kann das Internet nicht ersetzen und deshalb wird die physische Beratung in einem Fachgeschäft niemals zu ersetzen sein. Ausserdem entscheiden sich am Ende 80% der Bräute für ein Kleid, welches sie vorher gar nicht in ihren Gedanken hatten. Wie bei allem gibt es auch bei einer Beratungspauschale oder -gebühr Argumente dafür und dagegen. Wenn Bräute die Beratung in den Fachgeschäften nutzen, um danach dann ihr Kleid im Internet suchen, ist es für mich nachvollziehbar, dass Brautmodengeschäfte eine Beratungsgebühr verlangen. Auf der anderen Seite kann eine Beratungspauschale auch dazu führen, dass die Braut in diesem Geschäft sich aufgrund der Höhe der Beratungskosten für ein Kleid entscheidet, welches vielleicht nicht zu 100% „ihr“ Brautkleid ist.

Deshalb gehe ich hier einen Mittelweg. Die erste Beratung ist in meinen Geschäften kostenfrei. Entscheidet sich die Braut am Ende der Beratung für kein Kleid und kommt später noch mal zu einem zweiten Termin, dann berechne ich eine Beratungsgebühr. Diese wird selbstverständlich bei Kauf eines Kleides dann mit dem Kaufpreis verrechnet. Ich denke dieser Modus ist für beiden Seiten eine faire Vorgehensweise.

In der Fernsehsendung „Zwischen Tüll und Tränen“ auf VOX werden Sie regelmässig bei Brautberatungen begleitet. Wie sehen Sie die Bedeutung dieses Fernsehformats und wird hier tatsächlich die Realität abgebildet?

Grundsätzlich bringt das Format Zwischen Tüll und Tränen fünf Tage die Woche für eine Stunde emotionale und glückliche Momente zu den Zuschauern nach Hause. Das steht im Gegensatz zu den zahlreichen politischen und gesellschaftlichen Themen, die zurzeit öffentlich in den Medien diskutiert werden.

Im Speziellen lernen die Zuschauer durch die grosse Anzahl an Bräuten und die verschiedenen Brautmodengeschäften die ganze Vielfalt an unterschiedlichen Situationen und Beratungsstilen kennen. Meine Erfahrungen ist, dass Bräute schon über den Bildschirm vorab ein grosses Vertrauen zu mir aufbauen.

„Wir erzählen Menschen“, das ist das Credo der Produktionsfirma 99pro media AG und bei dem Format Zwischen Tüll und Tränen gibt es kein Drehbuch, kein Skript und keine Regieanweisungen.

Alle Bräute sind „real brides“, die auf der Suche nach ihrem Brautkleid sind. Es wird die Realität 1:1 abgebildet. Manchmal sind Kundinnen erstaunt, dass ich in der Realität ja genauso bin wie im Fernsehen. Warum sollte ich auch anders sein? Ich bin ja keine Schauspielerin, sondern eine Brautmodenfachverkäuferin, die bei ihrer Berufung von der TV-Kamera begleitet wird.

Wie wichtig ist die Sendung als Marketinginstrument? Konnten Sie dadurch neue Kundinnen gewinnen?

Die Sendung hat sicherlich den Bekanntheitsgrad meiner Geschäfte und von mir gesteigert. Da ich aber vor der Sendung schon über 13 Jahre erfolgreich meine Brautmodengeschäfte geführt habe und bereits in der Branche bekannt bin, ist die Wirkung als Marketinginstrument sicherlich nicht so stark, wie bei Geschäften, die erst vor kurzem eröffnet haben. Was heute für mich immer noch schwer greifbar ist, ist die Reichweite des Mediums TV. So haben wir mittlerweile nicht nur Bräute aus dem gesamten Bundesgebiet, sondern Bräute nehmen den weiten Weg aus Österreich oder der Schweiz auf sich, um ein Brautkleid bei mir in Frankfurt zu finden. Letztes Wochenende hatten wir sogar eine Kundin aus Kanada.

Kunden aus aller Welt in den Brautläden © Meike Buschening-Kaffenberger

Die Sendung bietet sicher viele positive Aspekte, auf der anderen Seite bietet das entsprechende Facebook Profil auch eine Plattform für Meinungsäusserungen aller Art – auch negative. Sie werden oft für Ihre Beratungen gelobt, manchmal gehen die Kommentare aber auch in die andere Richtung. Persönliche Kritik und Angriffe bleiben nicht aus. Wie gehen Sie damit um, wenn einige der Kommentarschreiber nicht mehr sachlich sind?

Meiner Meinung nach geht es in der Sendung in erster Linie um die Braut, ihr Brautkleid und die Beratung. Jede Brautmodenverkäuferin hat ihre eigene Persönlichkeit und Beratungsphilosophie. Darüber darf gerne auch mal kritisch, aber immer sachlich diskutiert werden. Kritik oder Angriffe, die unter der Gürtellinie sind, treffen natürlich einen immer persönlich. Die Diskussion in den sozialen Netzwerken z.B. ob ich Frau, Mann oder „umgebaut“ bin, ist ziemlich unpassend gewesen. Hier habe ich dann öffentlich und direkt zu den entsprechenden Kommentaren meine Meinung sachlich und höflich geschrieben. Die Unterstützung von den mehrheitlich positiven Kommentarschreibern hat mir in dieser Situation auch sehr geholfen. Es scheint, der richtige Weg gewesen zu sein. Ausserdem halte ich mir immer das Verhältnis von böswilligen Kommentarschreibern zu glücklichen Zuschauern vors Auge. Mathematik ist nicht unbedingt meine Stärke, aber ich glaube, da bewegen wir uns schon im verschwindend geringen Promille-Bereich.

Wie sehen Sie die zukünftigen Entwicklungen im Brautmodenbereich? Müssen auch hier Prozesse vermehrt digitalisiert werden und kann ich irgendwann mein ganz individuelles Brautkleid aus dem 3D-Drucker bestellen?

Sicherlich macht die Digitalisierung auch vor der Brautmodenbranche nicht halt. Dies gilt meiner Meinung nach aber für Prozesse, die im Hintergrund ablaufen. Das passende Brautkleid zu finden, ist für Frauen einer der emotionalsten Momente in ihrem Leben. Auch wenn es immer wieder entsprechende Versuche gibt, bin ich der Meinung, dass Emotionen nicht programmierbar sind und nicht digitalisiert werden können. Deshalb wird es immer das besondere Erlebnis und diesen magischen Moment in einem Brautmodengeschäft geben, wenn die Braut „JA“ zu ihrem Brautkleid sagt.

Zum Schluss, wenn Sie selbst noch einmal ein Brautkleid für sich auswählen dürften, wie würde das aussehen?

Ein Brautkleid für mich würde ich immer wieder genauso auswählen, wie ich es zu meiner Hochzeit im September 2005 getragen habe. Ein Kleid aus festen Stoffen in Ivory mit Farbakzenten in Rosé und ein wenig Bestickung.

Die Brautberaterin mit ihrem Hochzeitskleid © Meike Buschening-Kaffenberger

https://www.brautladen-frankfurt.de

https://www.facebook.com/brautladen

https://www.tvnow.ch/shows/zwischen-tuell-und-traenen-9041

Die nächsten Sendetermine mit Meike Buschening-Kaffenberger bei „Zwischen Tüll und Tränen“ sind voraussichtlich der 18.02.19 und 25.02.19.