Cyber-Sicherheit als Kommunikationsdisziplin

Von Lina Lanz

„Das Thema Cyber-Sicherheit ist mir zu kompliziert.“ Diesen Satz hört man oft im Gespräch mit Mitarbeitern. Obwohl Cyber-Sicherheit alle betrifft, wirkt die Thematik eher abschreckend als ansprechend. Um das Interesse zu wecken, müssen die Sensibilisierungsmassnahmen verständlich und attraktiv kommuniziert werden.

Cyber-Sicherheit betrifft alle

Wer nicht aufpasst, lässt fremde Augen und Ohren ins eigene Daheim. Dann sind die privaten Videos auf dem Smartphone, die Passwörter für das Online-Banking oder das Live-Bild direkt aus dem Kinderzimmer plötzlich öffentlich. Aber nicht nur im privaten Umfeld ist Cyber-Sicherheit ein Problem. Täglich lesen wir Mitteilungen in den Medien, zu Datenabflüssen bei Firmen oder zu einem betrügerischen Email, das im Umlauf ist. Für Privatpersonen und Unternehmen stellen die Cyber-Gefahren ein finanzielles und reputationsschädigendes Risiko dar. Die Gefahr lauert überall. Auf den falschen Link geklickt, eine infizierte Datei heruntergeladen und der Schaden ist angerichtet. Fremde haben Zugriff auf Handy, Computer, Daten – oder alles zusammen. Klar, hundertprozentige Cyber-Sicherheit gibt es nicht. Aber mit kompetenten Nutzern hat ein Unternehmen schon den Grossteil erreicht. Alle technischen Sicherheitsvorkehrungen nützen nichts, wenn der Mensch hinter dem Computer naiv und leichtsinnig in die Cyber-Falle tappt.

Cyber kann man nicht sehen oder anfassen, die Gefahr ist deswegen nicht weniger real. (c) Pixabay, iAmMrRob

Langweilig und kompliziert?

Nachlässigkeit kommt im Cyber-Bereich teuer zu stehen. Die nötige Vorsicht fehlt trotzdem. Woher kommt das? Das Thema Cyber-Sicherheit hat den Ruf für den Ottonormalverbraucher viel zu kompliziert zu sein. Die Cyberbedrohung kann man weder anfassen noch sehen. Sie ist irgendwo im virtuellen Raum zu verorten. Aber nur, weil dabei keine böse Gestalt mit einem Messer im Schatten lauert, ist die Gefahr nicht weniger real. Bei Sensibilisierungs-Lektionen oder Sicherheitsdokumente verdrehen die Mitarbeiter jedoch die Augen: Die Online-Lektionen gelten als langweilig und die Texte als Fachchinesisch.

Mehr als nur eine Online-Lektion

Das Problem ist, dass das Thema Cyber-Sicherheit in Unternehmen häufig stiefmütterlich angegangen wird. Mit einer Weisung zur Informationssicherheit oder einer Online-Lektion ist es nicht getan. Wenn Cyber-Sicherheit so vermittelt wird, verschwindet das Dokument ungelesen in der Schublade und die Lektion am Computer wird möglichst schnell durchgeklickt. Unternehmen wollen Mitarbeiter, die ein Gespür für das Thema entwickeln. Cyber-Sicherheits-Massnahmen sind für Mitarbeitende keine zusätzliche Auflage eines Sicherheitsverantwortlichen. Es ist eine nötige Verhaltensweise.

Cyber-Sicherheit ist eine interdisziplinäre Aufgabe. © Unsplash, Mimi Thian

Cyber-Sicherheit als interdisziplinäre Aufgabe

Damit sich die Mitarbeiter angesprochen fühlen, sollte die Sensibilisierung als eine Kommunikationsdisziplin angegangen werden. Das heisst, die Cyber-Sicherheits-Massnahmen sind zielgruppengerecht aufgearbeitet und werden über die passenden Kommunikationskanäle vermittelt. Natürlich geben Cyber-Spezialisten die Inhalte vor. Die Zuständigen für die Cyber-Sensibilisierung verarbeiten dann aber die Thematik zu einem ansprechenden Lehrinhalt und platzieren ihn an geeigneten Orten. Cyber-Sicherheit – wenn sie nachhaltig sein will – ist dann nicht mehr alleine die Aufgabe von IT-Spezialisten, sondern eine interdisziplinäre Aufgabe zusammen mit den Spezialisten für Kommunikation und Grafik.

Über die Autorin

Lina Lanz hat einen Master in Geschichte abgeschlossen und anschliessend bei der Führungsunterstützungsbasis der Schweizer Armee im Bereich der internationalen Beziehungen gearbeitet. Seit anfangs 2018 ist sie bei Cyber Defence der Schweizer Armee für die Kommunikation und Sensibilisierungs-Massnahmen mitverantwortlich. Weil für sie die Cyber-Thematik zu Beginn auch unverständlich und kompliziert war, weiss sie um die Wichtigkeit von zielgruppengerechten und einfach verständlichen Cyber-Inhalten. Um nicht nur im Cyber-Raum auf dem neusten Stand zu sein, besucht sie momentan den CAS Marketing & Corporate Communications an der ZHAW.

Marketing in der Gastronomie: Nur gut essen war gestern

Von Marleina Capaul

Das Restaurant blindekuh in Zürich feiert dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Was heisst es, Marketing in der Gastronomie und für einen Non-Profit-Betrieb zu betreiben? Der Geschäftsführer Adrian Schaffner gibt Auskunft.

Adrian Schaffner, was benötigt es, um heute erfolgreich ein Restaurant zu führen?

Früher reichte es, einen guten Koch einzustellen und ein Schild vor die Türe zu stellen. Heute ist das nicht mehr ganz so einfach. Das Gesamtpaket muss stimmen. Sich nur über die Küche zu definieren, das können sich heute nur wenige Restaurants leisten.

Erzählen Sie etwas über die blindekuh. Was macht das Restaurant aus?

Die blindekuh in Zürich befindet sich in den Räumlichkeiten einer alten Kapelle. Das Spezielle daran: gegessen wird in kompletter Dunkelheit. Die Angestellten im Service sind blind oder sehbehindert. Die gemeinnützige Stiftung Blindekuh fördert den Dialog und das gegenseitige Verständnis zwischen Sehenden und Nichtsehenden und finanziert sich über die Gastrobetriebe in Zürich und Basel.

Ein spezielles Restaurant – die blindekuh in Zürich © blindekuh

Welche Ziele verfolgen Sie im Marketing?

Der Brand blindekuh ist bekannt. Das Marketing zielt darauf ab, dass die Gäste nicht nur einmal, sondern mehrere Male ins Restaurant kommen. Für eine Non-Profit-Organisation mit einem bescheidenen Budget keine leichte Aufgabe.

Sie haben vom Erlebnis gesprochen, dass Gäste heute wünschen. Was bedeutet das?

Heute suchen die Gäste beim Auswärtsessen das Ausgefallene und erwarten ein Gesamtpaket. Der Trend geht zu immer verrückteren und einzigartigen Locations, was die vielen erfolgreichen Pop-Up-Konzepte zeigen. Der begrenzte Zeitraum dieser Angebote schafft eine Begehrlichkeit und somit hohe Nachfrage.

Wo legen Sie den Fokus im Marketing?

Früher haben wir häufiger mit Flyern und Mailings gearbeitet. Aber heute dominieren bei uns die digitalen Kanäle wie Facebook, Instagram oder Newsletter. So ist es mit einfachen Mitteln möglich, viele Leute gezielt zu erreichen. Zusätzlich lässt es sich leicht messen, auswerten und optimieren.

Erzählen Sie etwas über Ihre Zielgruppen.

Speziell an der blindenkuh ist die breite Zielgruppe, welche unterschiedliche Gäste anzieht, von alt bis jung, städtisch oder ländlich. Diesem Bedürfnis versucht die blindekuh mit Anlässen wie einem Dinner-Krimi, einer Weindegustation oder einem Kinderkonzert Rechnung zu tragen.

Wie ist ihr Umgang mit den Medien? Erhalten Sie viele Anfragen?

Zu unseren Anfangszeiten sind wir mit Medienanfragen überhäuft worden. Unser Konzept war einzigartig und neu. Heute ist es ruhiger geworden. Für unser 20-Jähriges Jubiläum haben wir die Aktivitäten verstärkt und arbeiten mit einer auf Gastronomie spezialisierten Agentur zusammen. Medienberichte sind für uns sehr wichtig, wie z.B. kürzlich die Rezension im Züritipp (Abo Plus).

Adrian Schaffner ist seit 2000 Geschäftsführer des Restaurants blindekuh, welches 1999 eröffnet wurde. Das Jubiläum wird mit verschiedenen Events und Aktivitäten gefeiert, wie z.B. einer Jubiläumszeitung. Ein Essen in absoluter Dunkelheit geniessen ist eine neue Herausforderung für alle Sinne. Reservationen: www.blindekuh.ch

Über die Autorin

Marleina Capaul ist Verantwortliche Marketingkommunikation bei Compendio Bildungsmedien. Privat ist sie gerne in der vielfältigen Gastronomieszene in der Schweiz unterwegs. Im Freundeskreis auch bekannt als „der Züritipp“ gibt sie gerne Tipps, wo man gut essen gehen kann. Zurzeit absolviert sie den CAS für Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW.

Profil oder Penetration: Engelchen und Teufelchen der Markenführung

Von Dr. Jesse Bächler

Stammkunden – an ihnen scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite bestreitet niemand, dass es eine Gruppe von Kunden gibt, die überdurchschnittlich konsumiert; auf der anderen Seite ist diese Gruppe dermassen instabil und flüchtig, dass auf sie nicht richtig gebaut werden kann. Wie geht das Marketing mit dieser Zwickmühle am besten um? Soll man oder soll man nicht in den Ausbau der Stammkundschaft investieren? Es gibt starke Voten dafür und dagegen.

Im modernen Marketing-Selbstverständnis hat die Kundenbeziehungspflege Priorität. Das Denken in Kundenbeziehungen zielt darauf ab, anstatt einer einzelnen, gleich mehrere Transaktionen pro Kunde zu schaffen. Ein Kunde kehrt zurück, wenn das Erlebnis gut war und kauft in der Folge eher teurere Leistungen oder in höherer Anzahl. Die Ausgabebereitschaft von wiederkehrenden, loyalen Kunden ist dermassen ausgeprägt, dass es für Marken lohnenswerter ist, auf diese zahlenmässig kleinere Gruppe als jene der einmaligen Käufer zu setzen.

Soweit die bekannte und meist unwidersprochene Annahme. Jedoch taucht in den letzten Monaten immer wieder der Name Byron Sharp auf, der sich mit Händen und Füssen gegen diese Regel stemmt. In seinem Buch «How Brands Grow» (2008) schickt der Marketing-Professor vom Ehrenberg-Bass Institute Loyalitätsprogramme bachab. Wer sich für die Auseinandersetzung interessiert, findet hier den spannenden Gegensatz zweier Marketing-Ansätze, die sich partout nicht vereinen lassen: Auf der einen Seite steht die Schule der Profilierung, auf der anderen Seite die Schule der Penetration.

Die Beziehung zu Bestandskunden pflegen oder nicht? Es gibt starke Argumente dafür und dagegen © Pixabay

Die Schule der Profilierung stellt Kundenbindung über alles und unterstreicht die Bedeutung des Markenprofils. Dieses Markenprofil spricht ein klar definiertes Kundensegment an und wird von diesem als relevant wahrgenommen. Erfolgreiche Marken schaffen sich im Zielmarkt eine Nische und werden darin zu exklusiven Anbieterinnen. Der Markt ist zwar klein, dafür loyal. Das Mantra der Profil-Schule ist es, dass wenige Bestandskunden wertvoller sind als viele Neukunden.

Die Schule der Penetration dagegen, stellt Reichweite über alles und sieht die Bedeutung des Markenprofils als Mythos. Sie beschreibt die Konsumenten eines Marktsegments allesamt als «loyal switchers», die mal da und mal dort einkaufen. Erfolgreiche Marken müssen es gemäss dieser Auffassung nur schaffen, häufiger als die Konkurrenz in den Köpfen der Konsumenten zu sein – und zwar bei möglichst vielen Konsumenten. Der Markt ist illoyal, dafür gross. Das Mantra der Penetrationsschule ist, dass die Priorität auf den wenigen Bestandskunden sich niemals auszahlen kann.

Letztlich hängt es wohl stark vom Weltbild ab, welcher Schule man in der Markenführung folgen möchte: Wer an die Kraft von Beziehungen glaubt und bereit ist, in deren Pflege zu investieren, wird sich mehr Loyalität sichern können. Wem wohl beim Gedanken ist, dass Konsum nichts mehr als Konsum und jeder Kunde austauschbar ist, wird Wege finden, den Markt erfolgreich zu penetrieren. Im Alltag finden sich Brands sowieso irgendwo zwischen diesen beiden Extremen: kein Brand hat ausschliesslich Stamm- oder Neukunden. Es kann darum nur helfen zu wissen, dass einem viele Wege ans Ziel offenstehen.

Die Mumins: Kulturgut und Marketingmaschine

Von Kathrin Hubli

Das erste Buch der finnischen Autorin Tove Jansson mit den Mumins erschien 1945. Seitdem ist deren Erfolg ungebrochen. Die beliebten Figuren leben aber nicht nur in den Büchern weiter, sondern sind auch gefragte Markenbotschafter.

Die Mumins als Kulturgut

Sie sehen aus wie Flusspferde mit riesigen Augen, aber ohne Mund, sind aber eigentlich weder Tier noch Mensch – Die Mumins. Damit meint man Muminpapa, Muminmama und Mumintroll. Wären wir in Finnland, wäre eine solche Erklärung überflüssig, denn jeder, wirklich jeder, kennt sie. «Erschrieben» wurden sie von der schwedischsprachigen Finnin Tove Jansson (1914-2001). Ihr erstes Mumin-Buch erschien 1945 und hiess «Småtrollen och den stora översvämmningen». Der Titel bedeutet wörtlich übersetzt «Der kleine Troll und die grosse Flut». Im selben Jahr debütierte in Schweden übrigens auch Astrid Lindgren mit «Pippi Långstrump». Die beiden Frauen stehen sich im Norden in Sachen Berühmtheit in nichts nach. Im Gegensatz zu Astrids war Toves Erstling jedoch ein Ladenhüter. Trotzdem erschienen in den folgenden 25 Jahren acht weitere Mumin-Bücher und drei Bilderbücher. Mit schnell wachsendem Erfolg. In der Nachkriegszeit erhielt das Kind als Innbegriff von Reinheit und Unschuld eine ganz neue Bedeutung. Dazu beigetragen haben auch moderne Ideen bezüglich Kind und Kindheit. In der Folge stieg die Nachfrage nach Kinderliteratur enorm. In den 50er Jahren wurde Tove zum internationalen Megastar. Die Bücher wurden schliesslich in über 40 Sprachen übersetzt. Bis heute, Jahrzehnte nach dem Debüt, werden sie immer wieder neu aufgelegt. Seit 2010 wächst das Verlagsgeschäft jährlich gar um 30 Prozent. Längst sind die Erzählungen aus dem Mumintal Klassiker der Kinderliteratur und fest in den Herzen all ihrer kleinen und grossen Leser verankert.

Die Erfinderin Tove Jansson © Moomin Characters

Mumins multimedial

Die Mumins hatten von Anfang an nicht nur eine literarische, sondern auch eine visuelle Präsenz. Das liegt vor allem daran, dass Tove nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Malerin war. Alle Illustrationen in den Büchern stammen aus ihrer Feder. Dabei gab es einen strikten Ablauf: Bilder zuerst, dann der Text. Die Zeichnungen kann man im Mumin Museum im finnischen Tampere besichtigen. Tove förderte die Verbreitung ihres Materials in anderen Medien ganz bewusst. So entstanden Inszenierungen für das Theater, die Oper, Adaptionen für Radio und Fernsehen usw. Geschickt passte sie die Inhalte für die unterschiedlichen Distributionskanäle an. Kurzum: Die Mumins eroberten die verschiedensten Medien.

Im Norden Superstars: die Mumins © Moomin Characters

Die Mumins als Character Brand

Rasch erkannten Firmen das Potenzial der Mumins als Markenbotschafter. Die beliebten Figuren sind auf Taschen, Geschirr, Bettwäsche, Zahnpasta, Keksdosen – die Liste an Merchandise-Artikeln könnte noch endlos so weitergeführt werden. Auch heute noch setzen viele Firmen auf die Sympathieträger. Ihre Gründe? In Testimonials von Partnern heisst es etwa «We believe in traditional, enduring values, just like the Moomins» oder «The appeal of the Moomin brand is further enhanced by the inner richness of the characters and the high-quality of all the published material, whether it’s the magnificent artwork of Tove Jansson’s books or a modern animation». Das Geschäft mit den Mumins lohnt sich also noch immer: sie sind einer der wenigen kunstbasierten Character Brands, der weltweit beliebt ist. Im Jahr 2017 wurden beispielsweise 700 Lizenzen ausgehandelt. Lizenzinhaberin ist die Firma Moomin Characters mit Sitz in Helsinki, geführt von Toves Nichte Sophia in der Rolle als Art Director. Die Abbildungen aufzufrischen oder gar neu zu interpretieren ist verboten. Erlaubt sind lediglich die originalen Abbildungen von Tove selbst.

Die Mumins sind Finnland und Finnland ist die Mumins

«Du sprichst wie Mumintroll!» diesen Satz hören Finnlandschweden oft, vor allem von ihren Nachbarn aus Schweden. Mit anderen Worten: Mittlerweile stehen die Mumins gar für die Nation, aus der sie kommen und dies in einem so hohen Mass, dass sogar die Sprache sofort mit ihnen in Verbindung gebracht wird. Das wissen etwa auch die finnische Fluglinie Finnair und das finnische Fährunternehmen Silja Line. Beide haben die Mumins als Botschafter gewählt. Vor allem bei Flügen nach Japan sind die Mumins Teil der Marketing-Strategie, denn dort haben sie ausserhalb von Skandinavien eine besonders grosse Fangemeinde. Die Mumins fliegen also mit – sei es als Bilder auf dem Flugzeug selbst oder im Flugzeug in Form von gebrandeten Süssigkeiten oder Spielzeug. Die Silja Line bietet nicht nur Kabinen im Mumin-Stil, sondern ganze Kreuzfahrten mit Mumin-Thema an. Das alles zeigt: Die Mumins sind Finnland und Finnland ist die Mumins.

Über die Autorin

Kathrin Hubli studierte Publizistik und Skandinavistik. Derzeit ist sie an der Fachhochschule Nordwestschweiz im Bereich Kommunikation und Events tätig und bildet sich im CAS Marketing & Corporate Communications weiter. Die Mumins kennt sie dank ihrer zahlreichen Reisen in den Norden.

Kunden für die Ewigkeit gewinnen: Bindung ist wieder in

Von Dr. Jesse Bächler

In vielen Unternehmen wird Erfolg an der Neukundengewinnung gemessen. Bekanntlich ist es aber auch teurer, neue Kunden zu gewinnen als bestehende zu halten. Das Segment der Stammkunden verdient darum mehr Beachtung. Dies wurde an der Marken-Roadshow 2019 klar, die ein starkes Plädoyer für mehr Kundenbindung gehalten hat.

Wie lukrativ Bestandskunden tatsächlich sind, zeigten verschiedene Analysen, die an der Marken-Roadshow in Zürich präsentiert wurden: In Deutschland und in der Schweiz sind etwa ein Drittel des Kundenstamms Stammkunden, aber diese Minderheit generiert rund zwei Drittel des Umsatzes. Bestandskunden sind darum für Marken enorm wichtig.

Unterschätzte Kundenbindung

Allerdings sind sie viel schwerer zu halten, als man meinen möchte: Gemäss den Auswertungen gelang es den untersuchten Marken nicht, auch nur die Hälfte ihrer Bestandskunden für länger als zwei Jahre zu halten. Die ernüchternde Bilanz für Markenverantwortliche ist, dass ihnen die wertvollsten Kunden wie Sand durch die Finger rinnen. Schlimmer noch: Dem effektiven Verlust von 50% steht ein von den Brand-Managern geschätzter Verlust von nur 9% gegenüber. Der Ernst der Lage wird also massiv unterschätzt.

Die Kundenbindung sollte in der Strategie fest verankert werden © Pixabay

In der jüngeren Vergangenheit waren die Erwartungen an die Bindungsbereitschaft der Kunden eher niedrig. Die zunehmenden Scheidungsraten wurden als Zeichen dafür gedeutet, dass die Lust an langfristigen Beziehungen verpufft war. Dieser Trend hat sich jedoch gewendet: Die Anzahl Eheschliessungen steigt, während weniger Scheidungen angemeldet werden – Bindung scheint wieder en vogue zu sein.

Loyalität im Zentrum

Damit auch Marken von diesen günstigen Umständen profitieren können, müssen sie sich richtig verhalten. Im Wesentlichen bedeutet das, dass sie verstehen müssen, wer mit welcher Erwartung Kunde ist. Langfristige Kundenbeziehungen bauen auf einem breiten und tiefen Kundenverständnis auf. Um an diese «Marketing Intelligence» zu kommen, gibt es einen Strauss an Systemen. Allerdings nützt das beste System nichts, wenn die strategische Markenausrichtung der langfristigen Markenentwicklung nicht oberste Priorität einräumt. Die grösste Bedrohung für Marken sei es, Stammkunden zu verlieren, so der Tenor der Marken-Roadshow 2019. Denn für jeden verlorenen Stammkunden müssten vier Neukunden gewonnen werden – das Hamsterrad lässt grüssen.

Barbara Evans (Geschäftsführerin Mediaplus) analysiert verschiedene Kundenpotenziale © Serviceplan Gruppe

Um die neue Markenführungs-Ära einzuläuten, empfahlen die Referenten, den AIDA-Trichter rückwärts anzusetzen. Der erste Gedanke gilt nicht mehr der Aufmerksamkeit, sondern der Loyalität: Wen habe ich bereits, und wie kann ich diese Person halten? Die Kundendatenbank ist voller ungenutzter Verkaufschancen und Bindungspotenziale. Daher sollte die klassische Markenführung grundsätzlich umgestellt werden, wobei die Analyse von Bindungsfaktoren an den Anfang gestellt wird.

Morgensünden im Leckerli-Land

Von Urs Ambühl

Die Gottlieber Spezialitäten AG eröffnete in den letzten Monaten drei verschiedene “Sweets & Coffee” Shops in Orell Füssli Buchläden. Den ersten “Shop in Shop” eröffneten sie in Basel. Weitere folgten in Aarau und Pfäffikon SZ. Mit der Expansion verfolgt das Traditionsunternehmen das Ziel den Bekanntheitsgrad schweizweit zu steigern und den Direktverkauf zu fördern.

Steigerung der Produktevielfalt als Basis für ein erfolgreiches Marketing

Als Ostschweizer sind einem die Gottlieber Hüppen aus dem 300-Seelendorf Gottlieben am Bodensee ein Begriff. Nicht wenigen wurden die feinen Hüppen von den Grosseltern auf Weihnachten geschenkt. Weihnachten ohne die rot, grünen und blauen Hüppen wären eine Enttäuschung gewesen. In den letzten Jahren erweiterte Gottlieber kontinuierlich sein Produktportfolio. Neben den klassischen Hüppen wurden neue Premium Sorten wie Cappuccino, Amaretto oder Noix de Coco ins Sortiment aufgenommen. Dazu kamen weitere Schokoladenspezialitäten wie der Brotaufstrich “Morgensünde”. Gemäss Dieter Bachmann, Geschäftsführer der Gottlieber Spezialitäten AG, war die Produkterweiterung der erste notwendige Schritt um an eine Expansion mit Kaffees zu denken. “Ein Kaffee mit Shop ohne breite Produktvielfalt hätte nicht funktioniert” so Dieter Bachmann im persönlichen Gespräch.

Morgensünde beim Frühstück © Urs Ambühl

Erfolgreiche Mund-zu-Mund Werbung dank Kaffee Erlebnis

Umgesetzt wird mit der Expansion in der Deutschschweiz eine Strategie, die lange vorbereitet wurde. Bachmann erweiterte mit der Übernahme der Gottlieber Spezialitäten AG vor zehn Jahren das “Gottlieber Kaffee” in Gottlieben mit einem Manufakturladen. Dort probierte die Firma Verschiedenes aus bevor sie 2012 den Flagshipstore im Zentrum von Winterthur eröffnete.

Der Flagshipstore in Winterthur © Gottlieber Spezialitäten AG

2013 folgte in Guangzhou (China) das erste ausländische Gottlieber Sweets & Coffee. In den letzten Monaten nun die Eröffnung von drei Sweets & Coffee in drei Orell Füssli Buchhandlungen. Diese Sweets & Coffee sind deutlich kleiner als der Flagshipstore in Winterthur. Trotzdem werden sie rege besucht und Orell Füssli Kunden trinken einen Kaffee, geniessen feine Hüppen und stöbern in den Büchern. Damit erreicht Gottlieber neue Kunden, die ansonsten kaum in Kontakt mit der Thurgauer Spezialität treten würden. Als kleiner Player im schweizerischen Schokoladenmarkt wäre eine umfassende Werbekampagne für die Gottlieber Spezialitäten AG zu aufwendig. Deshalb setzen sie auf direkten Kundenkontakt und fördern damit die Mund-zu-Mund Werbung aktiv.

Der Sweets & Coffee in Basel © Gottlieber Spezialitäten AG

Steigerung des B2C Absatzes als Folge der Expansion

Wir verfolgen so unseren Direktverkauf zu steigern und stärker im B2C zu werden”, erklärt Dieter Bachmann. Gottlieber verkaufte früher fast ausschliesslich B2B. Mit den Shops, insbesondere dem Online-Shop, steigerte Gottlieber den Absatz im direkten Kundenverkauf stark. Zur Marketingstrategie der Gottlieber gehört neben den Shops die digitale Werbung auf den verschiedenen Sozialen Medien. Unabdingbar für Bachmann sei es aber ebenso auf die klassischen Verkaufsbroschüren zu setzen, wie auch Auftritte an ausgewählten Veranstaltungen. An diesen möchte sich die Gottlieber Spezialitäten AG als Premium Produkt etablieren. Schliesslich genoss schon bereits Königin Hortense Bonaparte sogenannte “Gaufrettes” aus Gottlieben, als sie von 1817 bis 1837 auf dem nahen Schloss Arenenberg lebte. Ob ihr berühmter Sohn, der spätere Kaiser von Frankreich Napoleon III., schon damals auch Morgensünden aus Gottlieben vernascht hat, kann hingegen nur vermutet werden.

Weitere Infos zur Gottlieber Spezialitäten AG

https://www.gottlieber.ch/de/

https://www.facebook.com/GottlieberHueppenhttps://www.instagram.com/gottlieberhueppen/

https://www.instagram.com/gottlieberhueppen/

Über den Autor

Urs Ambühl arbeitete nach dem seinem Studium als Raumplaner an der Fachhochschule Rapperswil sechs Jahre in einem privaten Beratungsbüro im Bereich des öffentlichen Verkehrs. Seit 2013 leitet der heute 38-jährige den Stadtbus Frauenfeld und ist dort unter anderem für das Marketing verantwortlich. Neben dem Stadtbus ist er zudem Projektleiter für die Umsetzung von Stadtentwicklungsprojekten im Bereich Mobilität. Zurzeit bildet er sich an der ZHAW im Bereich Marketing und Kommunikation weiter. Der Thurgauer liebt die Gottlieber-Hüppen seit seiner Kindheit und erfreute sich an Weihnachten immer über das Geschenk seiner Grossmutter.

Best Practice des Omnichannel Marketings am Beispiel der Paul Ullrich AG

Von Carmen Oswald und Dr. Darius Zumstein

In einem schweizweit einzigartigen Omnichannel-Marketing-Projekt lancierte der Getränkehändler Paul Ullrich AG einen Spirituosen- und Wein-Onlineshop für Endkunden. Vier Zürcher Digital-Agenturen bauen auf grüner Wiese nun eine grosse Marketing-Maschinerie auf, um den B2C-Onlineshop zum Fliegen zu bringen.

Der diesjährige Omnichannel Marketing Tag (OMT.19) fand vergangene Woche im Metropol in Zürich statt. Eröffnet wurde der Event durch den CEO von Mayoris, Urs Thürig. Er war vor sieben Jahren derjenige, der die halbtätige Konferenz ins Leben gerufen und damit einen Nerv der Zeit getroffen hat. Das Wort «Omnichannel» ist wortwörtlich omnipräsent in aller Munde. Handelt es sich dabei um ein weiteres Marketing Buzzword oder widerspiegelt es vielmehr den Zeitgeist? Der diesjährige Fall des Digitalisierungsprozesses der Paul Ullrich AG zeigt auf, wie wichtig es ist, dass sich auch Schweizer KMUs den digitalen Herausforderung stellen.

Einen B2C-Onlineshop bei einem Weinhändler forcieren: Lohnt sich das?

Ist es für KMUs zu spät, erst heute mit einem Onlineshop live zu gehen und ihn im Digital Marketing zu bewerben? Auch dem Team von Paul Ullrich wurde diese Frage gestellt und die Antwort war ein klares «nein». Sie sehen sogar einen grossen Vorteil darin, von den Best-Practice-Beispielen zu lernen und von den bereits gemachten Erfahrungen zu profitieren. Um das Projekt ullrich.ch in Angriff zu nehmen, wurden vier Agenturen engagiert, dieses Projekt der digitalen Transformation zu begleiten. Dies sind namentlich Mayoris, SEMSEA, Converto und Brain & Heart Communication.

Am OMT.19 vertreten war auch das Institut für Marketing Management. Carmen Oswald schreibt eine Masterarbeit zum Projekt, die Dr. Darius Zumstein betreut. Sie begleiten diese spannende Fallstudie – wie sie im Lehrbuch steht – aus Sicht des Digital Analytics und aus der angewandten Forschung. Die vier spezialisierten Agenturen wurden nicht zufällig ausgesucht, sie bearbeiten die wichtigsten Marketinginstrumente des Digital Commerce.

Die relevanten Marketinginstrumente des Digital Commerce © D. Zumstein

Der grosse Schritt offline zu online und von B2B zu B2C

Der CMO von Paul Ullrich AG, Stefan Huwiler, zeigte auf, wie das Omnichannel-Projekt zustande gekommen ist. Dabei geht es darum, dass das vormals im B2B Geschäft tätige Unternehmen seit Januar 2019 einen B2C-Onlineshop lanciert hat. Das «Corpus Delicti» soll nun ab Mitte April intensiv beworben werden. Denn nur wenn der Onlineshop bei Gin-, Whisky- und Weinliebhabern bekannt ist und genug trink- und bestellfreudige Kunden in den Onlineshop kommen, kann der Onlineumsatz in fünf Jahren verfünffacht werden. CEO Urs Ullrich betonte die Wichtigkeit der digitalen Umrüstung. Paul Ullrich AG wird durch die vier Agenturen auf dem Laufenden gehalten, die Konsequenzen der Massnahmen werden aufgezeigt und internes Know-how aufgebaut. Für den digitalen Wandel wurden im Marketing zusätzlich 250% Stellenprozente geschaffen und die Distribution resp. Logistikneu aufgestellt, um die zusätzlichen Onlinebestellungen abzuhandeln.

Warum vier spezialisierte Agenturen und keine Full-Service-Agentur?

Aufgrund des operativen Geschäftes und dem jahrelangen Wachstum wurde die Digitalisierung und das Onlinemarketing von der Paul Ullrich AG vernachlässigt. Mit Hilfe von vier spezialisierten Agenturen soll nun das Feld von hinten aufgerollt werden. Vier Agenturen verfügen über profunderes Fachwissen als eine einzelne, sie sind agiler, sie können schneller reagieren und die Komplexitäten sowie Abhängigkeiten werden auf die unterschiedlichen Partner verteilt.

Dank dem Print Magazin «Liquid» und «Genuss» ist bereits sehr viel und hervorragender Content vorhanden. Dieser konnte von Brain & Heart in die Content und Social Media Marketing Strategie aufgenommen werden. Mit dem Feed Based Advertising Tool von Converto ist es zudem möglich, sämtliche Produkte von Paul Ullrich im Backend abzubilden und im Digital Advertising flexibel und dynamisch zu bewerben. Es ermöglicht eine manuelle und programmatische Auswahl der Produkte, die auf externen Werbeplattformen in der Schweiz als Werbeformat zielgruppenorientiert ausgespielt werden.

Mit SEMSEA Suchmaschinenmarketing hat das Unternehmen einen Profi im Bereich Google Advertising ins Boot geholt. Neben den Strategien für die Suchmaschinenwerbung (SEA) und Suchmaschinenoptimierung (SEO) zeigten sie die Relevanz des Suchmaschinenmarketings und des Targetings für Paul Ullrich auf. Zudem erläuterte SEMSEA neue Google-Trends, wie zum Beispiel Visual Search und Voice Search, das global bereits 20% der Suchanfragen ausmacht. Dort wo Paid Media aufhört zu wirken, greifen die Owned Channels, in diesem Fall das E-Mail und Newsletter Marketingvon Mayoris.

Last but not least zeigte Dr. Darius Zumstein alle Touchpoints auf, die von Paul Ullrich in der Customer Journey bedient werden, sowie die Komplexität der Datenanalyse und -integration der einzelnen.

Mögliche Kontaktpunkte in der Customer Journey der Paul Ullrich AG © D. Zumstein

Für KMUs mit knappen Ressourcen stellt es in der Schweiz eine Herausforderung dar, die Kunden über die wachsende Anzahl an Marketinginstrumente sowohl offline sowie online abzuholen und die Vertriebskanäle abzustimmen. Stichwort sind die nachgewiesenen ROPO-Effekte (Research online, Purchase offline) und der Beratungs- und Degustationsklau (Degustationen offline, Einkauf online). Der Omnichannel-Ansatz in diesem Projekt bedeutet vor allem, dass es wichtig ist kein Silodenken entstehen zu lassen und dass die verschiedenen Informations-, Kommunikations- und Vertriebskanäle orchestriert werden müssen.

Aus den Präsentationen kam hervor, dass die Integration, Verarbeitung und Nutzung der Daten die grösste Herausforderung darstellt. Zum Schluss wurde eine Blitzumfrage im Saal gestartet, um zu sehen, mit welchen Tools bei den Teilnehmern gearbeitet wird. Erstaunlich ist, dass die meisten heute immer noch mit Excel-Lösungen arbeiten, da Alternativen entweder zu wenig existieren oder zu teuer sind.

Das Video und die Fotogalerie zum OMT.19 findet man hier.

Geschwindigkeit durch Digitalisierung im Produktmanagement: «Wir wüssten schon wie es geht, nur …»

Von Prof. Dr. Rainer Fuchs

Der Metatrend unseres Zeitalters, die Digitalisierung, hat substantielle Auswirkungen auf das Produktmanagement. Die Aufgabe des Produktmanagers wird immer interdisziplinärer und dadurch komplexer, doch dank der Daten und Informationen aus allen Phasen des Produktlebenszyklus erschliessen sich auch enorme Chancen die eigene Leistung zu innovieren. Das haben die Schweizer Unternehmen mittlerweile grösstenteils erkannt: Durch die Digitalisierung der Unternehmensprozesse über alle Phasen des Produktlebenszyklus können dem Produktmanager die notwendigen Informationen zur Verfügung gestellt werden, um neue Businesspotentiale zu erschliessen. Soweit zur Theorie. In der Umsetzung sind die Unternehmen aber noch lange nicht da, wo sie gerne sein würden und sollten-

Die Digitalisierung hat in alle Phasen des Produktlebenszyklus Einzug gehalten. Digitalisierte Unternehmensprozesse erlauben die Erzeugung von produktbezogenen Daten während der Entwicklung, der Produktion und Logistik, der Vermarktung und des Verkaufs sowie in der Nutzungsphase selber. Smart Products sind in der Lage diese Daten bzw. digitalen Informationen mittels eigener Sensorik zu erheben und zu speichern. Können die Produkte diese Daten zusätzlich noch gezielt nach aussen kommunizieren, meist über das Internet, spricht man von Smart Connected Products (SCP) (Porter & Heppelmann, 2015). Der Digital Twin ist die Summe der produktbezogenen Daten. Sie ergeben ein cyberphysisches Abbild des vernetzten realen Produktes. Mit ihm können in Echtzeit Veränderungen im und um das Produkt dargestellt und somit Rückschlüsse zur Optimierung sämtlicher Phasen des Produktlebenszyklus und der Customer Journey gezogen werden (Fuchs & Barth, 2018). Insbesondere können die Produkte so besser den Kundenbedürfnissen angepasst werden, wodurch unter Umständen ganz neue Value Propositions, Revenue Streams und Business-Modelle entstehen (Osterwalder & Pigneur, 2010), die substantielle Auswirkungen auf den Erfolg der Unternehmen haben können (Gassmann, Frankenberger & Csik, 2013). Auch die Mehrheit der Schweizer Unternehmen (62%) stimmt der Aussage zu, dass das Marktumfeld und die Anforderungen an die Produkte durch die Digitalisierung komplexer werden (im Schnitt rund 3,6 von 5 Zustimmungspunkten, vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Auswirkungen der Digitalisierung auf das Produktmanagement
© Swiss Marketing Leadership Studie 2018

Sie sind ebenfalls der Meinung, dass dadurch die Rolle des Produktmanagers komplexer wird und er an Verantwortung und Bedeutung gewinnt. Besonders die Top-Performer unter den befragten Unternehmen haben verstanden, dass Produktmanager immer mehr Unternehmer im Unternehmen sein müssen. Der Produktmanager wird in ihren Augen zum Mini-CEO und managt die Komplexität seiner Produkte und des Produktportfolios über den gesamten Produktlebenszyklus, um so neue Business-Potenziale zu erschliessen. Des Weiteren haben die Top-Performer erkannt, dass durch die Digitalisierung der Unternehmensprozesse der Produktmanager mehr Transparenz über den gesamten Produktlebenszyklus erhält und so besser zum Unternehmenserfolg beitragen kann. Doch umso ernüchternder ist der «State of the Nation»: Gerade einmal 18,3% der Schweizer Unternehmen gaben an, ein zufriedenstellendes Niveau hinsichtlich der Digitalisierung der Unternehmensprozesse erreicht zu haben (vgl. Abb. 2).

Abbildung 2: Digitalisierungs-Niveau © Swiss Marketing Leadership Studie 2018

Ersichtlich wird dies daran, dass lediglich 22% der Unternehmen über Smart Connected Products verfügen, welche auswertbare Daten aus den verschiedenen Phasen ihres Lebenszyklus sammeln (durchschnittliche Zustimmung von 2,2 von 5 Punkten, vgl. Abb. 3). Entsprechend sind auch nur 13% der Unternehmen in der Lage, den Digital Twin zu erzeugen (2,0 von 5 Zustimmungspunkten) – und anscheinend herrscht gegenüber diesen Konzepten noch einige Skepsis vor. So glaubt eine Mehrheit von 60% der Unternehmen nicht, dass der Digital Twin die notwendige Transparenz schaffen würde (2,2 von 5), um damit Produkte mit grösserem Kundennutzen (2,4 von 5) zu schaffen. Deshalb haben auch erst 16% der befragten Schweizer Unternehmen ihre Business Modelle oder Revenue Streams dank Smart Connected Products innovieren können (2,1 von 5). Die Top-Performer, welche den Nutzen des digitalen Twins von Smart Connected Products erkannt haben und danach handeln, liegen hinsichtlich all dieser Aussagen teilweise signifikant über den übrigen Unternehmen, doch auch bei Ihnen handelt es sich immer noch um eine Minderheit.

Abbildung 3: Smart connected Products und ihr Digital Twin © Swiss Marketing Leadership Studie 2018

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass viel Potenzial vorhanden ist, welches allerdings noch nicht von allen Unternehmen wahrgenommen wird. Auch bei der Umsetzung haben viele Unternehmen noch einen weiten Weg vor sich, da selbst viele „Early Adopter“ noch am Anfang dieses Prozesses stehen.

Kostenloser Download der Studie
Die komplette Studie steht Ihnen hier kostenlos digital zur Verfügung.

Verwendete Quellen:

Fuchs, R., & Barth, L. (2018). Wie Smart Connected Products Kunden emotionalisieren. In: Rüeger, B., Hannich, F, Fuchs, R., Müller, S., Klaas, M., Suvada, A. (Hrsg). Emotionalisierung im digitalen Marketing: erfolgreiche Methoden für die Marketingpraxis. Stuttgart: Schäffer-Poeschel. S. 89–103.

Gassmann, O., Frankenberger, K., & Csik, M. (2013). Geschäftsmodelle innovieren. München: Hanser.

Osterwalder, A., & Pigneur, Y. (2010). Business Model Generation. Frankfurt: Campus Verlag.

Porter, M., & Heppelmann, J. (2015). How Smart, Connected Products Are Transforming Companies. Harvard Business Review, 93(10), S. 53–71.

Kommunikation im digitalen Zeitalter

Von Erica Monti

Wir befinden uns in einem Zeitalter, in dem Wissenschaft und Technologien immer grössere Höhen erreichen und uns immer mehr Lebensqualität ermöglichen. Mitten drin der Mensch, der dafür verantwortlich, aber auch ausgeliefert ist. Moderne Technologien beginnen, den Menschen zu formen. Unser Kommunikationsverhalten verändert sich schnell und bedeutend. Das Interview mit Dr. Lars Jaeger soll sensibilisieren und einen vertieften Einblick in die Materie gewähren.

Lars Jaeger, Eingriffe in die Genetik und die Künstliche Intelligenz (KI) definieren menschliches Leben neu. Unser Alltag verändert sich radikal. Wie wirkt sich das auf das Kommunikationsverhalten der Menschen aus?

Ein Blick auf das Kommunikationsverhalten unserer Teenager genügt eigentlich schon um festzustellen, dass sich bereits vieles dramatisch verändert hat, insbesondere durch das Internet und die sozialen Medien. Und das wird wohl so weitergehen. Künftig werden wir noch schneller, noch mehr und vor allem kostenlos mit allen kommunizieren. Es werden weitere neue Kommunikationsplattformen entstehen. Nebst den bestehenden, die unser Leben schon ziemlich prägen, wird es Kanäle geben, auf denen man noch mehr private Dinge freiwillig der Öffentlichkeit preisgibt.

Der Umgang mit der Privatsphäre verändert sich zunehmend – bewusst, aber auch unbewusst. Mit den Daten, die wir preisgeben, wird zudem immer professioneller gearbeitet. Sie werden benutzt, verarbeitet und kommen zu uns zurück. Immer bessere Algorithmen arbeiten im Hintergrund und versuchen, unser Handeln und Denken zu beeinflussen. Durch diese Transparenz ermöglichen wir grossen Plattform- und Datenprovidern wie Facebook & Co. immer mehr über uns, unsere Vorlieben, Charaktereigenschaften und unsere innersten Regungen zu erfahren. Damit erhalten diese mehr und mehr Macht und die Gesellschaft wird zunehmend gläserner.

Es ist heute z.B. möglich, mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) ein mehr oder weniger komplettes Psychogramm eines Menschen nur auf der Basis der Stimme zu erhalten. Nach einer Viertelstunde Gespräch, dessen Aufnahme einer KI übergeben wird, kann diese ein sehr akkurates Bild zu Charaktereigenschaften und Motivation ermitteln. Vor dreissig Jahren hielt es niemand für möglich, dass die Stimme überhaupt Information über unsere Persönlichkeit enthält. Das galt so umstritten wie die Phrenologie, die Auffassung, dass man das Wesen eines Menschen an dessen Kopfform ablesen könne. Heute benutzen dies Firmen, um z.B. Bewerber zu analysieren. Telefonieren Sie mal eine Viertelstunde mit WhatsApp, und schon weiss Facebook, wer Sie sind. Der heutige Chairman und damalige CEO von Google, Eric Schmidt sagte schon 2009: «Wenn es Dinge gibt, von denen Sie nicht wollen, dass irgendjemand etwas darüber erfährt, dann sollten Sie diese nicht tun.» Schöne neue Welt!

Man kann das unter dem Stichwort «komplette Transparenz bis hin zu den Gedanken» zusammenfassen. Künftig wird noch viel mehr durch KI analysiert werden als Stimmen und Ausdrucksweisen.

Die Kommunikation wird sich deutlich verändern und KI Analysen werden zunehmen © Pixabay

Die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen sind spürbar. Wir entwickeln uns zu einer zugestöpselten Gesellschaft und kommunizieren zunehmend digital. Welches sind die grössten Herausforderungen und wie sollte die Gesellschaft, aber auch die Politik diesen begegnen? Welche Weichen müssen gestellt werden, damit wir uns nicht komplett in die Abhängigkeit manövrieren?

Die technologischen Veränderungen passieren so schnell, dass die Politik unmöglich mitkommt. Grösstenteils verstehen die Politiker solche Dinge ja auch gar nicht. Es ist erstaunlich, wie wenig in diesen Gremien nach wie vor von modernen Technologien die Rede ist. Was es braucht sind klare gesetzgeberische Rahmenbedingungen. In Europa gibt es dies seit 2018 zumindest ansatzweise mit dem EGDPR (European General Data Protection Regulation) oder DSGVO. Es ist sehr vorbildlich, dass die Europäer sich dazu durchgerungen haben. In den USA und natürlich z.B. in China mit der allumfassenden Staatskontrolle gibt es keinerlei Datenschutz. Die Europäer sind hier in die Offensive gegangen, aber das reicht bei weitem nicht aus. Die Politiker sind stark gefordert und werden sich zukünftig noch viel intensiver mit der technologischen Entwicklung beschäftigen müssen.

Was kann man tun, um die Gesellschaft vermehrt zu sensibilisieren, Stichwort Bildung?

Natürlich muss eine vermehrte Sensibilisierung stattfinden, und man muss früh damit beginnen. Der Technologiewandel läuft und wir hinken immer hinterher. Wachsam, aufmerksam und kritisch zu sein und zwar immer und überall, das ist die Botschaft. Der naive Umgang mit sozialen Medien muss ein Thema sein. Jeder kann in seinem Umfeld sensibilisieren – ich denke da an Eltern, Schulen, Lehrpersonen, Unternehmer, Politiker, Wissenschaftler und natürlich an die Medien.

Die meisten Bildungssysteme in Europa, aber auch in den USA, stammen aus dem 19. Jahrhundert, werden von Lehrpersonen unterrichtet, die aus dem 20. Jahrhundert stammen und sollen die Schüler für das 21. Jahrhundert fit machen. Das ist natürlich keine einfache Aufgabe und ich habe auch kein Patentrezept dafür.

Wie werden wir in zwanzig Jahren kommunizieren?

Möglicherweise direkt von Gehirn zu Gehirn. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass irgendein technisches Instrument meine Gedanken erkennt, denn Gedanken sind messbar, weil sie ein Resultat von komplexen Gehirnströmen sind. Auf sehr rudimentäre Art und Weise ist das bereits heute schon möglich.

Wie wird es der Gesellschaft damit ergehen?

Das ist kaum vorhersagbar, denn wenn wir unsere Gehirne miteinander verschalten, ist das so etwas wie eine Singularität, etwas ganz Neues, sich ganz schnell Veränderndes und Dramatisches. Da müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht mit den Falschen verschalten und es wird umso wichtiger sein, unsere Daten nicht in falsche Hände geraten zu lassen.

Also unbedingt wachsam sein, hinterfragen, sensibilisieren und Rahmenbedingungen setzen?

Auf jeden Fall. Menschen hatten schon immer Probleme, wenn neue Medien auftauchten, das war schon mit dem Radio so und später mit dem Fernseher ebenfalls. Ersteres spielte eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Nazi-Propaganda in Deutschland, zu letzterem schrieb schon 1985 der amerikanische Philosoph Neil Postman «Wir amüsieren uns zu Tode». Heute beschleunigt sich die mediale Entwicklung noch einmal. Ich glaube aber daran, dass die Gesellschaft es schaffen kann, kritisch damit umzugehen. Natürlich verursacht die Geschwindigkeit des technologischen Wandels eine grosse Verunsicherung und die Gefahr besteht, dass die Menschen resignieren, überfordert sind und falsch damit umgehen.

Bei allen technologischen Fortschritten, gilt es die kritische Denkweise nicht abzulegen © Pixabay

Wie kann man sich entspannen in diesem angespannten Kommunikationszeitalter?

Es ist sehr interessant, dass gerade in Zeiten grosser Hektik, Komplexität und Aufregung eine Entwicklung stark an Popularität gewinnt, in der die Menschen nach mehr Achtsamkeit und Entspannung streben. Achtsamkeitsbasierte Stressregulationen, die mit meditativen Techniken arbeiten, und dies voll und ganz säkular, ohne religiösen Überbau, ziehen viele Menschen an. Sie versuchen, sich zurückzubesinnen auf ganz fundamentale Prinzipien: wie ihr Geist funktioniert. Vielleicht ist das das eigentliche Thema: bewusster und achtsamer zu werden!

Über Dr. Lars Jaeger

Dr. Lars Jaeger (www.larsjaeger.ch) ist Wissenschaftler, Schriftsteller, Unternehmer, Finanztheoretiker und Alternative Investment Manager. Er studierte Physik und Philosophie an der Universität Bonn und an der École Polytechnique in Paris und promovierte 1997 auf dem Gebiet der theoretischen Physik am Max-Planck-Institut für Physik in Dresden. Nebst seinem beruflichen Engagement in der Finanzindustrie als quantitativer Forscher schreibt er Bücher und verfasst Blogs zu Naturwissenschaft, Geschichte und Wissenschaftsphilosophie.

Literaturverzeichnis, themenbezogen:
«Die Naturwissenschaften – Eine Biographie», 2015
«Wissenschaft und Spiritualität», 2016
«Supermacht Wissenschaft», 2017
«Die zweite Quantenrevolution», 2018
«Mehr Zukunft wagen! -Wie wir alle vom Fortschritt profitieren«, erscheint im Sommer 2019

Über die Autorin

Erica Monti, PR and Communication Manager, vertiefte ihr Fachwissen in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation nach einer kaufmännischen Grundausbildung in verschiedenen Marketinglehrgängen und bildet sich aktuell im Rahmen eines CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW wiederum fachspezifisch weiter. Sie arbeitet am Hauptsitz bei Reichle & De-Massari AG und ist dort im Bereich Unternehmenskommunikation unter anderem für Corp. Publishing, Medienarbeit und interne Kommunikation verantwortlich.

Swiss Music Awards feiern zwölfte Ausgabe

Von Tania Kiarostami

Am 16. Februar 2019 gingen die Swiss Music Awards, die grösste Musikpreisverleihung der Schweiz, in die zwölfte Runde und dieses Jahr erstmals in Luzern im Kultur- und Kongresszentrum (KKL) und nicht wie gewohnt im Hallenstadion Zürich. Die ZHAW School of Management and Law ermöglichte es ihren Studenten Tickets für die Show zu gewinnen, indem sie nennen mussten, wer ihrer Meinung nach einen Preis verdient hat und wieso. Coray Giacun Alexander, Master of Science Student an der ZHAW School of Management and Law, war einer der drei glücklichen Gewinner. Um nun all denen, die nicht an den SMA’s dabei sein konnten, einen kleinen Einblick zu gewähren, haben wir Giacun interviewt.

Was für einen Preis würdest du vergeben und an wen?

Aus meiner Sicht sollte es einen Preis geben für das Lied (resp. den Künstler/die Künstlerin), welches den grössten Beitrag (Vision, Werte) hinsichtlich der Unterstützung gesellschaftlicher, sozialer und umweltbedingter Themen leistet (ein Beispiel wäre in früheren Jahren das Lied „On n’a qu’une terre“ von Stress).

Coray Giacun Alexander mit Begleitung an den Swiss Music Awards © usgang.ch

Was waren Deine Highlights an den SMA’s?

Am besten gefiel mir das Konzert mit den zahlreichen Live-Acts an den SMA’s – beispielsweise sind Bastian Baker, Nemo und Manilio aufgetreten.

Wie war die neue Location, das KKL Luzern?

Aus meiner Sicht ist das KKL die bestmögliche Location für einen solchen Anlass. Dies einerseits aufgrund der einzigartigen Location (Architektur, Platzverhältnisse, Akustik) und andererseits aufgrund des zentralen Standorts in Luzern. Zudem passt das KKL sehr gut zu diesem Anlass, weil die Location am besten zur Schweizer Musikszene passt.

Tolle Stimmung im Kultur- und Kongresszentrum in Luzern © Adrian Bretscher Swiss Music Awards

Warst Du auch schon an den SMA’s als sie noch im Hallenstadion stattgefunden haben?

Nein, leider war ich bisher noch nie an den SMA’s im Hallenstadion. In der Vergangenheit habe ich die SMA’s jeweils am TV verfolgt.

An was hat es ein bisschen gefehlt, was könnte auf nächstes Jahr noch verbessert werden?

An den diesjährigen SMA’s gab es ein neues Konzept, welches vorsah, dass die Preisverleihung in einem separaten Raum, als das Konzert mit den Live-Acts stattfand. Im Raum mit den Live-Acts wurden dann jeweils einige Sequenzen der Preisverleihung am Bildschirm eingespielt – leider waren dies aber nur sehr wenige und man hat beispielsweise die Live-Auftritte (DJ Antoine / Billie Eilish) im Preisverleihungssaal verpasst. Dies könnte man in Zukunft optimieren.

Für wen hast Du bei den Awards die Daumen gedrückt?

Ich habe Loco Escrito die Daumen gedrückt, weil ich Reggaetón sehr gerne höre.

Welcher Act oder auch welcher Künstler war Dein Highlight bei den SMA’s?

Am besten gefiel mir der Auftritt von Nemo. Es ist unglaublich, dass dieser 20-jährige Künstler bereits jetzt eine solche Souveränität hat und sein Ding durchzieht.

Was ist Dein persönliches Fazit zu den SMA’s?

Mir hat die Teilnahme an den SMA’s sehr gut gefallen und ich werde nächstes Jahr wieder hingehen. Insbesondere war es cool, dass einige der Stars im gleichen Hotel übernachtet haben und, dass man diese dann am Folgetag noch am Buffet zu Gesicht bekommen hat.

Promis am Red Carpet © Adrian Bretscher Swiss Music Awards