Agile Arbeitsmethoden bei ewz

Von Tania Kaya

ewz hat die agile Arbeitsmethodik in einem Projekt namens CUSOLL (Customer Solutions), ein Programm zur Förderung der Kundenzufriedenheit, eingeführt und umgesetzt. Drei Monate lang durfte Tania Kaya, Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Marketing Management der ZHAW, ewz-Luft schnuppern und als externe Mitarbeiterin in einem Zyklus von drei Monaten mitwirken.

ewz hat sich dazu entschieden, sich im Hinblick auf die bevorstehende Strommarktliberalisierung vor allem mit Kundenbindung und -loyalität, erzeugt durch guten Service, von der Konkurrenz abzuheben. Um dies zu erreichen, mussten verschiedene Arbeitspakete ausgearbeitet werden, an denen in den nächsten Monaten gearbeitet werden konnte. Frühzeitig musste mit der Planung des Projektes begonnen werden. Eine Roadmap diente dabei als Stützpunkt zur Visualisierung aller Punkte, die ausgearbeitet werden müssen. Zur Realisierung dieser Punkte wurde die Partnerfirma «SwissQ» mit ins Boot geholt, um ein agiles Framework auszuarbeiten, welches ihnen den Spielraum lässt, sich den Kunden- und internen Bedürfnissen stetig anzupassen.

Das Framework

Mit SwissQ wurde dann herausgearbeitet, dass auf einer Zeitachse und mit drei Monats-Inkrementen (=Meilensteine) gearbeitet werden soll. „Schlussendlich wird jetzt mit Scrum gearbeitet, dies aber sehr stark angelehnt an die Methode SAFe (Scaled Agile Framework). Einfach erklärt, laufen hier verschiedene Scrumteams parallel zueinander und dazu gibt es Koordinationsmechanismen on top, die einem sagen, wie man diese verschiedenen Scrumteams miteinander laufen lassen kann, ohne dass die Zusammenarbeit verloren geht.», so Bruno Meyer, Programmmanager bei ewz.

André Rohrbach, Leiter Business Development, meint: «Kurzgefasst haben wir uns aus allen Methoden einen bunten Blumenstrauss gemacht, so wie es für uns am besten funktioniert. Wichtig ist auch immer «inspect and adapt», was hat funktioniert und was nicht, man muss sich selbst ständig hinterfragen. Das ist ein grosser Benefit des Programmes CUSOLL, immer das was nicht funktioniert hat, wird möglichst schnell angepasst.»

CUSOLL Framework © ewz

In diesem Framework, welches die ewz für sich entworfen hat, ist eine Zeit- und Koordinationsfunktion enthalten. Zudem sieht man, dass es nach den Sprints (= ein Prozess mit dem Ziel eine definierte Lösung zu realisieren) jeweils ein Sprint Review gibt, bei welchem alle Teams zusammenkommen, um sich auszutauschen.

CUSOLL Increment Planning (CIP)

Immer am Anfang und am Ende des Increments steht das CIP (CUSOLL Increment Planning), welches aus dem SAFE übernommen wurde. Es ist ein Big Room Planning, in welchem es am Schluss des Tages darum geht, dass sich alle in einem Raum treffen und beschliessen, wie sie an die Themen rangehen wollen. Hier können sich die Teams gegenseitig austauschen. Dies ist vor allem gut, wenn es Abhängigkeiten oder Hindernisse gibt.

Nach dem CIP hat jedes Team einen Plan für die nächsten 12 Wochen. Darin enthalten sind Informationen über die weitere Zusammenarbeit, bspw. an welchen Tagen und wo zusammengearbeitet wird. Zudem gibt es am Ende des CIP-Tages eine Stakeholder-Präsentation. Hier kann man den Stakeholdern dann bereits ein Gefühl dafür geben, an was die nächsten 12 Wochen gearbeitet wird. «Diese Dimension ist fast genauso wichtig, wie die Dimension nach aussen, mit der Kommunikation nach aussen. Normalerweise macht man zuerst ein Kick-off und dann dauert es meistens sehr lange, bis wieder Visibilität entsteht. Durch die Sprint Reviews versucht man die Emergenzen zu reduzieren, es sollen alle immer zumindest ein bisschen wissen, was in welchen Projekten gerade so läuft. Wenn der Schritt vom Nullwissen zum Halbwissen passiert, dann bin ich bereits happy.», so Bruno Meyer.

Agile Arbeitsmethoden werden bei der ewz erfolgreich eingesetzt © Pixabay

Wie entscheidet man sich für die Themen, die in einem Increment bearbeitet werden sollen?

Das Programm hat verschiedene Themen im Backlog, die für sie wichtig sind. Diese werden dann dem Programmboard vorgestellt. Das Programmboard ist ein Gremium aus vier Geschäftsleitungsmitgliedern, welche bestimmen, an was gearbeitet werden soll. Wie das aber umgesetzt wird, wird individuell von den einzelnen Teams entschieden, die dann am Projekt mitarbeiten. Sie finden dann heraus, welche Lösung für die jeweilige Problemstellung die geeignetste ist.

Damit das Programmboard aber überhaupt entscheiden kann, welche Themen oder Features angegangen werden, müssen diese priorisiert werden. Dies geschieht mittels der Methode «Priority Poker». Diese Pokerkarten beginnen bei null und gehen bis 3400. Insgesamt sind es zehn Karten. Jedes Programmboard-Mitglied muss entscheiden, welches Feature sie priorisieren wollen, damit die Vision von CUSOLL erreicht werden kann.

Nach dem Planungstag mit dem Team, wenn man weiss, wie die nächsten 12 Wochen gestaltet werden, nimmt das Feature Fahrt auf. Man trifft sich eineinhalb Tage pro Woche und arbeitet miteinander anstatt wie gewohnt, wenn man sich trifft eine Sitzung abzuhalten und erst danach zu arbeiten. Da alle am gleichen Ort arbeiten, kann spontan entschieden werden, was gemacht wird und wer für was die Verantwortung übernimmt. So lernen die Mitarbeitenden proaktiv mitzuwirken und nicht zu warten, bis jemand kommt und ihnen sagt, was sie als nächstes tun sollen.

Sprint Reviews

Alle vier Wochen findet ein Sprint Review statt. Dies ist für das Programm sehr wichtig, wenn nicht sogar das aller wichtigste Instrument, um zu kommunizieren. Hier wird besprochen, an was gearbeitet wird und was die Ergebnisse sind. Jedes Team hat 25 Minuten Zeit und kann sich vorstellen, was der Wert der Arbeit ist, den sie generiert haben.

Bruno Meyer: «Heute zählen nur noch die Ergebnisse, früher war es eher so, dass man Hauptsache mal daran gearbeitet hat. Daher sind für uns die Sprint Reviews am wichtigsten, wir sind da auch sehr offen, alle die wollen, dürfen sich dazusetzen und zuhören. Das letzte Sprint Review, welches in der 12. Woche stattfindet, ist kein richtiges Sprint Review mehr, sondern die Ergebnispräsentation.»

Als Fazit dieser drei Monate bei ewz zählt zum einen sicherlich der Einblick in die Energiewirtschaft und zum anderen das Erlernen agiler Arbeiten in der Praxis. Als besonders spannend werden die Sprint Reviews erachtet, da man bei allen Gruppen immer einen Überblick erhielt woran sie gerade arbeiten und somit die Möglichkeit hat Synergien zu nutzen.  

Zum Thema Agilität gibt es auch eine dezidierte Weiterbildung am Institut für Marketing Management: CAS Agile Marketingorientierung

Extended Reality im Marketing

Von Dr. Jesse Bächler

Während beim Stichwort „Digitalisierung“ die einen feuchte Hände bekommen, weil ihnen noch so viel Arbeit bevorsteht, werden die anderen kribbelig, weil sich so viele tolle neue Möglichkeiten auftun. Wir haben mit Urs Langenegger gesprochen, der mit seinem Start-Up Bandara schon zahlreiche Kampagnen in der „erweiterten Realität“ umgesetzt hat.

Heute haben die meisten schon einmal irgendwo etwas von „Virtual Reality“, „Augmented Reality“ oder „Mixed Reality“ gelesen. Können Sie jeweils mit einem Beispiel erklären, was dahinter steckt?

Von Virtual Reality (VR) spricht man, wenn ein Betrachter mittels einer Brille (und Kopfhörer) komplett in eine andere Welt eintaucht. Bei 360°-Videos kann man sich dank Sensoren in der Brille frei umschauen, wie beispielsweise im 360°-Film von ewz zum Wegdes Stroms. Bei interaktiven VR-Experiences ist es gar möglich, mit Controllern mit der 3D- Welt zu interagieren und sich darin zu bewegen – so haben wir Menschen per VR in dieVaillant-Arena nach Davos gebracht, wo sie als Eishockey-Goalie Pucks fangen müssen.

Bei Augmented Reality (AR) handelt es sich um eine Technologie, die digitale Inhalte auf Smartphones, Tablets oder speziellen AR-Brillen in die reale Umgebung einbettet. Ein Beispiel dafür ist die App «IKEA Place», mit der man virtuelle IKEA-Möbel in seinen eigenen vier Wänden platzieren kann. Mixed Reality (MR) ist eine verbesserte Art von Augmented Reality: Dank Sensoren an den Geräten wird die eigene Umgebung erkannt und die digitalen Inhalte kontextspezifisch und sehr genau eingebettet. Die reale und die digitale Welt vermischen sich also. Die bekannteste Form von AR besteht aber wohl aus den Effekten bei Snapchat, Instagram oder Facebook, welche es erlauben, das eigene Gesicht oder die Umgebung mit allerlei digitalen Inhalten zu ergänzen.

Ganz vereinfacht kann man sagen, dass Virtual Reality die Leute überall hinbringt, Augmented Reality dafür alles zu den Leuten bringt. Zudem fassen die Begriffe Extended Reality (XR) oder «immersive computing» diese Technologien unter einem Dach zusammen.

Wem das Spiel „Pokemon Go“ in den Sinn kommt, wird sich fragen, ob VR/AR/MR überhaupt gewinnbringend im Marketing angewendet werden kann.

Wenn man sich vor Augen führt, dass das AR-Spiel «Pokémon Go» bisher rund 2.5 Milliarden US-Dollar umgesetzt hat, erkennt man auch den wirtschaftlichen Erfolg hinter dieser AR-Anwendung. Abseits der Unterhaltung werden XR-Anwendungen auch im Marketing bereits gewinnbringend eingesetzt. So setzen Kosmetik-, Brillen- oder Sneaker- Hersteller bereits auf AR-Experiences, wo man die Produkte vor dem Kauf in einem virtuellen «Try-On» bereits ausprobieren kann. Ein weiteres Beispiel ist die oben erwähnte «IKEA Place»-App. Solche AR-Anwendungen schlagen die Brücke zwischen physischem Retail und e-Commerce. Dass auch ganze Kampagnen in Augmented Reality umgesetzt werden, zeigte kürzlich Burger-King: mit einer AR-Funktion in der Burger-King-App konnte man Plakate und Anzeigen des Konkurrenten McDonald’s virtuell verbrennen und erhielt dafür einen kostenlosen Whopper. Nicht zuletzt ist es auch eindrücklich zu sehen, dass 70% der 200 Millionen täglichen Snapchat-User AR-Effekte nutzen, darunter natürlich auch gebrandete. Dass auch VR gewinnbringend eingesetzt wird, zeigen über 1’000 VR-Showrooms von Audi, in welchem die Kunden Autos und Ausstattung vor dem Kauf sehr akkurat sehen können. Während man mit AR-Marketing also bereits heute grosse Reichweiten erzielen kann, eignet sich VR insbesondere für Erlebnisse am POS, an Messen oder Events. Da noch nicht viele Schweizerinnen und Schweizer eine eigene VR-Brille besitzen, sind solche Erlebnisse umso faszinierender. Übrigens: Gerade kürzlich haben wir auf unserem Blog einen Beitrag zu den Möglichkeiten von AR im Marketing verfasst.

Urs Langenegger ist Co-Founder von Bandara (c) Bandara

Was sind denn die Voraussetzungen für Unternehmen, die mit VR/AR/MR arbeiten möchten?

Diese Technologien sind ein weiteres Medium, welches man für die Kommunikation nutzen kann. Wie Film oder Print bringen auch VR, AR und MR ihre eigenen Vor- und Nachteile. Wir sehen uns in diesem Bereich auch ein bisschen als Aufklärer, um Möglichkeiten und Use Cases aufzuzeigen. Wer eine gewissene Offenheit gegenüber neuen Technologien mitbringt, kann mit VR, AR und MR innovative Markenerlebnisse schaffen und Dinge ermöglichen, die bis vor kurzem noch nicht machbar waren – Stichwort „Virtual Try-Ons“.

Muss ich denn beispielsweise für ein AR-Projekt ein anderes Agentur-Briefing erstellen als etwa für eine klassische Plakat-Kampagne?

Nein. Auch bei AR-Projekten ist es für uns zuerst mal wichtig zu verstehen, welche Botschaft der Kunde vermitteln will und welche Zielgruppe er damit erreichen will. Wir sehen es als unsere Aufgabe, dem Kunden eine für sein Kommunikationsbedürfnis passende AR-Strategie vorzuschlagen. Oft ergibt es auch Sinn, bei einem Workshop gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, die sowohl aus Content-, als auch aus Technologie-Sicht sinnvoll ist und die gesteckten Ziele erreicht.

Welche technischen Entwicklungen sehen Sie für die nächsten 2-5 Jahre?

Nebst der fortschreitenden Verbesserung der Hardware in den Bereichen Auflösung, Bequemlichkeit, Komfort und Rechenpower im Bereich von Virtual Reality wird voraussichtlich Augmented Reality im Alltag viel wichtiger. Facebook, Samsung, Sony, Lenovo (und Gerüchten zufolge auch Apple) arbeiten an AR-Brillen, welche auch den Massenmarkt erreichen sollen. Sobald also AR-Brillen täglich gebraucht werden, wird es für Brands auch wichtig sein, in diesen virtuellen Umgebungen angemessen präsent zu sein.

VR begeistert: Emina erlebt Ihr Traumhaus mit der VR-Brille «Oculus Rift». (c) Bandara

Was ist aus Ihrer Erfahrung die grösste positive Überraschung, die Unternehmen mit VR-/AR-/MR-Kampagnen erleben?

Auch wenn diese Technologien bereits seit einigen Jahren bekannt sind: Gut gemachte VR-/AR-/MR-Inhalte schaffen es immer, auch bei Skeptikern ein Wow-Erlebnis zu hinterlassen. Spannend ist dabei, dass die Technologie dabei in den Hintergrund rückt. Wenn sich z.B. jemand eine VR-Brille aufsetzt, dann ist er mitten im Inhalt – man schaut sich um, als wäre man vor Ort,. und man interagiert so mit der Umwelt, wie man es auch in der Realität tut. VR, AR, und MR sind zwar hochentwickelte Technologien, aber sie sind ein Schritt näher beim Menschen als z.B. Computer, die man mit einer Maus bedient oder Smartphones, die man mit dem Finger bedient.

Urs Langenegger ist Co-Founder von Bandara und als Dozent im CAS Digital Brand Management tätig.

Kontextspezifische Strategien bei mobiler Werbung

Von den ZHAW Studierenden Jérôme Bättig, Stephan Fuchs, Roman Helg und Urs Giger

Im Jahr 2017 besassen drei Milliarden Menschen Smartphones und die Tendenz ist steigend. In der neuen «Digital User Journey» bildet das mobile Endgerät den ersten und letzten Touchpoint im Tagesverlauf eines Nutzers. Die vernetzte Welt und die vernetzten Konsumenten bieten ganz neue Möglichkeiten, Produkte oder Dienstleistungen gezielt anbieten zu können.

Ein «Mobile Moment» ist eine kurze Interaktion auf einem mobilen Gerät. In diesen «Mobile Moments» weiss der Marketeer nicht genau, in welcher Situation sich der Nutzer gerade befindet. Die Zielperson kann sich gerade im Wartezimmer seines Zahnarztes, im Fitness Studio an einem Ausdauergerät oder in einem Meeting befinden. In diesen verschiedenen Situationen ist die Person unterschiedlich empfänglich für Werbung, was beim Targeting entsprechend berücksichtigt werden muss. Wenn der potenzielle Kunde sein mobiles Gerät entsperrt und Werbung erhält, wird eine personalisierte Ansprache, auf seinen derzeitigen Kontext bezogen, erwartet. Aus diesem Grund muss der Werbende den Kontext des Interessenten verstehen, wobei folgende Fragestellungen hilfreich sein können:

  • Wer ist der Empfänger?
  • Was ist die Motivation, auf dem Handy unterwegs zu sein?
  • Wo befindet sich der Empfänger und aus welchen Beweggründen?
  • Wie viel Reaktionszeit benötigt der Empfänger für die Wahrnehmung des Angebots?
  • Wie viel Zeit steht ihm im aktuellen Kontext zur Verfügung?

Kontextspezifische Werbung

Aus der Beantwortung der obenstehenden Fragen kann nun ein gezieltes Targeting aufgebaut werden. Das Ziel des Mobile Targeting ist es, die Werbung einer klar definierten Zielgruppe zukommen zu lassen und dabei den Streuverlust so gering wie möglich zu halten. Ein zugrundeliegender Nutzen ist dabei die Kosteneffizienz oder wie es Mike Walder, Managing Director und Partner bei allink, einer Online Marketing Agentur aus Zürich, beschreibt: «Targeting ist generell wichtig im Onlinemarketing. Sonst verpufft schnell viel Geld».

Es stellt sich nun die Frage, wie man diese kontextspezifische Werbung in der Praxis so einsetzen kann, dass das Budget möglichst effizient genutzt wird. Dazu meint Mike Walder: «Bei Suchnetzwerkanzeigen von Google hat man schon einen sehr guten Kontext, da der Suchbegriff oftmals eine klare Absicht beinhaltet. Mittels Targeting-Möglichkeiten auf Google und Facebook hat man die Chance einen gewissen Kontext auf Basis des Verhaltens des Users herzustellen. Zum Beispiel Personen, die bald in die Ferien gehen. Hier sind die Plattformen meiner Meinung nach noch am Anfang und ich bin gespannt wie das verbessert wird in den nächsten Jahren.»

Eine dieser, von Mike Walder angesprochenen, Verbesserungen, könnte im Real-Time Marketing ansetzen. Dabei wird versucht, die richtige Botschaft zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Konsumenten zu senden, basierend auf einem derzeitigen Ereignis. Diese Echtzeitkampagnen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer viralen Verbreitung, wie beispielsweise die Kampagne von OREO: Als im Super Bowl 2013 am Ende der Halbzeitpause das Licht ausfiel, reagierte Nabisco, eine Tochtergesellschaft von Mondelez International, mit dem Spruch «You can still dunk in the dark» und vermittelte seine Werbebotschaft mit dem Hinweis «Power out? No problem».

Das mobile Endgerät bildet den Anfang und das Ende der «Digital User Journey» © Pixabay

Geofencing als weitere Möglichkeit

Eine weitere Umsetzungsmöglichkeit von Real-Time Marketing zeigt sich im Geofencing. Dieser Ansatz wird möglich durch die Nutzung von Geo-Daten von mobilen Geräten. Problematisch ist jedoch, dass für die Geo-Daten aufgrund von Datenschutzverordnungen das Einverständnis des Users eingeholt werden muss. Anschliessend werden bei Geofencing Informationen und Werbung auf dem Mobile angezeigt, sobald der Nutzer einer App in einem bestimmten Gebiet erkannt wird. Es wäre also möglich, die Smartphone Besitzer mithilfe einer App-Notification über aktuelle Sonderangebote zu informieren, sobald diese sich in der Nähe eines Ladengeschäfts bzw. am Point of Sale befinden. Mobile Marketing bringt den Vorteil, dass der Kunde immer und überall auf den direkten Impuls vor Ort ansprechbar ist. Mit Geofencing werden bessere «conversion rates» erwartet, da dem Nutzer eine interessens- und kontextorientiertere Werbung angeboten werden kann. Diese wird weniger als Störung, sondern eher als Mehrwert wahrgenommen. Mike Walder steht dem Geofencing jedoch kritisch gegenüber: «Wir haben das mit Chicorée versucht in der App. Technisch gibt es ein paar Hürden. Zum Beispiel erlaubt Apple auf iOS lediglich zwanzig Geofences. Bei 150 Filialen bringt das nicht viel.»

Dennoch sieht Mike Walder grundsätzlich sehr viel Potential in kontextbasierter Werbung: «Die grossen Werbeplattformen werden sicher in den nächsten Jahren immer besser darin werden, den Kontext des Users zu verstehen. Ich freue mich auf die Entwicklung der nächsten paar Jahre, wir stehen hier meiner Meinung nach noch am Anfang. Der Fortschritt wird aber dann allen Unternehmen zur Verfügung stehen.»

Es bleibt spannend, wie sich die kontextspezifischen Strategien bei mobiler Werbung in den nächsten Jahren entwickeln werden. Wie sich gezeigt hat, sind die Möglichkeiten heutzutage begrenzt. Obwohl vom technischen Standpunkt her bereits sehr viel möglich ist, setzt der Datenschutz klare Grenzen. Hinzu kommt, dass der Konsument bereits mit einer grossen Informationsflut konfrontiert wird und es immer schwieriger wird, diese zu verarbeiten. Deshalb sollte sich jedes Unternehmen im klaren sein, welche Kunden mit welcher Mitteilung angesprochen werden sollen. Schlussendlich möchte man Kunden gewinnen und behalten.

Digitale Kundenbeziehungen in der Immobilienwelt

Von Tina Zanotta

Die fortschreitende Digitalisierung prägt alle Branchen und Märkte. In den letzten Jahren beeinflusst sie auch die Immobilienbranche, welche im Vergleich zu anderen Bereichen eher spät auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen ist. Mit dem digitalen Wandel verändern sich nicht nur Märkte, Angebot und Nachfrage, sondern auch die Ansprüche und Bedürfnisse der Kunden sowie das Pflegen von Kundenbeziehungen. Wie reagiert Mobimo auf digitale Kundenbedürfnisse und was tut sie für ihre digitalen Kundenbeziehungen?

Aus Bereichen wie der Vermarktung und dem Verkauf von Immobilien ist der Nutzen der Digitalisierung bereits bekannt. Die Vermarktung findet seit einigen Jahren über Online Portale wie homegate oder immoscout24 statt, wo auch virtuelle Rundgänge eingesetzt werden. In anderen Bereichen des Immobilienmanagements, wie beispielsweise der Kommunikation mit bestehenden MieterInnen, steckt die Digitalisierung jedoch noch in den Kinderschuhen. Kundenbeziehungen werden nach wie vor analog oder via Telefon gepflegt – Kundenkommunikationen erfolgen per Briefpost oder via E-Mail.

Die Antwort von Mobimo lautet „Digital Customer Services“

Mobimo setzt stark auf digitale Lösungen, und das in allen Bereichen des Immobilienmanagements. Ihre neuste hauseigene Entwicklung ist das Digital Customer Services (DCS) System, welches erstmals im August 2018 für das Aeschbachquartier Aarau eingesetzt wurde.

Das DCS setzt sich aus drei miteinander verknüpften Anwendungen zusammen: Mieterportal, Arealinformationssystem und Service-Desk, wobei jede der genannten Anwendungen individuelle Informationsbedürfnisse der verschiedenen Benutzergruppen abdecken soll. Die BenutzerInnen können in drei Kategorien unterteilt werden: MieterInnen (Gewerbe und Privat), externe NutzerInnen (BesucherInnen und Umgebung), sowie Bewirtschaftung, Areal-, Site- und Facility Management (Mobimo-Mitarbeitende).

Bestandteile und Inhalte

Den externen NutzerInnen steht die Website zur Verfügung. Darauf werden Informationen zu Events und Neuigkeiten aus dem Quartier publiziert. Exklusiv für MieterInnen gibt es zusätzlich das Mieterportal. Der Zugriff erfolgt via Login auf der Website oder über die Applikation (App Store/Google Play). Auf dem Mieterportal werden für die MieterInnen spezifische Informationen wie Vertrag, Merkblätter und Anleitungen (beispielsweise für Backofen oder Geschirrspüler) aber auch Informationen zu Carsharing und Entsorgung angezeigt. Zusätzlich werden die MieterInnen mittels Push Mitteilungen (wenn gewünscht) über Neuigkeiten und Events informiert.

Startseite Mieterportal © Mobimo Management AG

Via Arealinformationssystem wird auf öffentlichen sowie semiprivaten Stelen kommuniziert: Semiprivate Stelen befinden sich in den Gebäuden (meist im Erdgeschoss neben dem Lift), während öffentliche Stelen auf dem Areal platziert sind. Diese werden für das Publizieren von nutzerrelevanten Informationen wie beispielsweise dem SBB Fahrplan, Lageplan, kommenden Events und für die Vermarktung freier Mietflächen genutzt. Auf den semiprivaten Stelen werden zusätzlich mieterspezifische Informationen (wie z.B. Meldungen zu einer Betriebsstörung) angezeigt.

Stele im öffentlichen und semiprivaten Bereich © Mobimo Management AG

Über den Service-Desk können Anliegen von MieterInnen via Webformular jederzeit kommuniziert werden. Wer den persönlichen Austausch wünscht, kann nach wie vor via Telefon mit dem Service-Desk in Kontakt treten. Die meldende Person sowie das Mietobjekt werden dabei automatisch vom System identifiziert und es wird ein Ticket erfasst. Bei beiden Kanälen kann von den MieterInnen jederzeit der Status des Tickets nachverfolgt werden.

Hauseigene Entwicklung mit vielen Vorteilen

Neben der Stärkung der digitalen Kundenkommunikation und einer massgeschneiderten Lösung waren die zeitnahe Abwicklung und automatische Triage von Kundenanfragen zur Entlastung der internen Organisation weitere Ziele der hauseigenen Entwicklung.

Für das Projektteam war es wichtig, die Anwendungen miteinander zu verknüpfen und eine vollintegrierte Lösung zu entwickeln, also ein System zu schaffen, das mit den bereits vorhandenen internen Systemen verknüpft ist und die Daten teilt, beispielsweise mit dem CRM-System (Customer Relationship Management System), auf welchem mieterbezogene Daten wie Kontaktangaben, Grundrisspläne oder Mietverträge verwaltet werden. Die Verknüpfung der Systeme ermöglicht unter anderem die Führung einer „virtuellen Mieterakte“, auf welcher alle relevanten Informationen und Interaktionen automatisch dokumentiert werden. Bei der Entwicklung spielte demnach die Erfüllung der datenschutzrechtlichen Anforderungen ebenfalls eine grosse Rolle.

Das DCS ermöglicht ausserdem eine segmentierte Informationsverteilung. Somit können Mobimo-Mitarbeitende sowohl kanal- und nutzerspezifisch als auch ortsunabhängig kommunizieren. Bei einer Integration des ganzen Portfolios wäre also eine schweizweite, zielgerichtete Kommunikation an alle Wohnungsmieter auf einem völlig neuen, einfacheren Weg möglich.

„Es werden Vorteile für extern und intern geschaffen – via unserer digitalen Kommunikationsmittel sind unsere Kunden stets „up to date“, egal, welche Information sie abrufen oder welche Anliegen sie anbringen möchten. Die ganze Betriebsorganisation ist via DCS verknüpft – Bewirtschaftung, Facility Management, Site sowie Arealmanagement können direkt und zeitnah mit unseren Kunden kommunizieren, und das von überall!“, so Manuela Stucki, Projektleiterin DCS. Gewerbemieter und externe Unternehmen können die Plattformen ausserdem für ihre eigene Werbung nutzen – Mobimo bietet auf Stelen, Website und Applikation digitale Werbeflächen für eine Monatsmiete an.

Wo geht die Reise hin?

Eine Endstation gibt es nicht, das DCS soll stetig weiterentwickelt und auf weiteren Liegenschaften und Arealen eingesetzt werden, so wie seit März 2019 im Areal Mattenhof in Kriens.

Mehr über die Mobimo und ihre Tochterfirma Mobimo FM Service.

Mehr über das Aeschbachquartier in Aarau: Facebook, Instagram, Aargauer Zeitung

Mehr über den Mattenhof in Kriens: App Store, Google Play, Luzerner Zeitung

Über die Autorin

Tina Zanotta arbeitet bei der Mobimo FM Service (einer Tochtergesellschaft von Mobimo) als Leiterin FM Planung & Projekte / Business Administration und ist stellvertretende Geschäftsführerin. Sie besucht aktuell den CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW – School of Management and Law.

Adbusting und Subvertising – oder: Wenn die Kommunikationsguerilla einen Hüttenkäse attackiert

Von Regula Freuler

Eigentlich wollte die Ostschweizer Firma Züger nur ein kalorienarmes Milchprodukt verkaufen. Doch dann wurde eine lokale politische Aktion daraus.

Wir verkaufen einen Traum und haben einen Sinn für Humor: So könnte man die Botschaft der Züger Frischkäse AG zusammenfassen, mit dem das Ostschweizer Familienunternehmen kürzlich seinen Hüttenkäse beworben hat. Der Traum, das ist der schlanke Körper des gängigen Schönheitsideals. Und der Humor steckt in der ironisch überspitzten Formulierung «Offizieller Partner» drin, mit welcher normalerweise finanzstarke Sponsoren präsentiert werden.

Das Plakat des Anstosses (aufgenommen in Winterthur am 24.08.19) © Regula Freuler

Vor einigen Jahren wäre diese Werbeaktion – ausgedacht wurde sie von der Zürcher Werbeagentur Hochspannung – vermutlich auch genau so verstanden worden: Als augenzwinkernder Hinweis auf ein kalorienarmes Lebensmittel. Mit seiner Bildsprache positioniert sich der Hersteller als lokal («Partner»), natürlich (Holztisch), gesund (Vollkornbrot und Gemüse dekorieren das Produkt), kundennah (Rezeptideen auf der Firmen-Website) und kundenfreundlich (temporäre Preisvergünstigung). Das würde also alles zusammenpassen.

Doch Hersteller und Agentur haben die Dimensionen der jüngsten Bodypositivity-Bewegung unterschätzt. Bereits 2010 hatte etwa die deutsche Frauenzeitschrift «Brigitte» verkündet, Mode nicht mehr an Models, sondern an «echten» Frauen zu zeigen – denn jede Frau lasse sich gekonnt in Szene setzen, nicht nur sehr dünne. Es gab eine weltweite Debatte über Magermodels auf den Laufstegen, die in Frankreich sogar in ein Verbot mündete. Und Dove hat 2013 mit seinem Video «Real Beauty Sketches» die Hinterfragung des gängigen Schönheitsideals zum Marketing-Asset erhoben. Doves Message: Jeder Körper ist ein schöner Körper. Im Jahr 2019 wirkt eine Werbung wie jene von Züger also wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.

Sie hat denn auch prompt kritische Reaktionen ausgelöst. A4-Papier, Klebstreifen, Edding-Stift – und fertig ist die Guerilla-Aktion. «Jede Figur ist eine Bikinifigur.», lautet eine der Botschaften an Züger/Hochspannung, die eine unbekannte Person oder Gruppe auf einem Plakat angebracht hat, das Ende August 2019 im Bahnhof Winterthur hing. Und: «Wer nackt badet, braucht keine Bikinifigur.»

Die Guerilla Botschaften auf dem Plakat © Regula Freuler

Auch für Züger ist jede Figur eine Bikinifigur

Auf eine schriftliche Anfrage hin nahm die Marketing-Leiterin Claudia Kuratli Stellung. Grundsätzlich freue sich die Züger Frischkäse AG über Reaktionen aus der Bevölkerung und nehme diese ernst, schreibt Kuratli in ihrer E-Mail. «Sollte es einen Fall geben, bei welchem wir nachträglich feststellen müssen, dass sich eine Gruppe von Menschen in ihren Gefühlen verletzt fühlt, wird der Fall bei uns intern nochmals genau geprüft, um adäquat reagieren zu können. Gleichzeitig prüfen wir auch, ob wir Anzeige gegen unbekannt erstatten, wenn Plakate oder andere Werbemittel von uns beschmiert oder überklebt werden.»

Im vorliegenden Fall ist das Unternehmen zum Schluss gekommen, dass weder das eine noch das andere gegeben sei. «‹Bikinifigur› ist ein Standardbegriff, welcher sowohl von Frauen wie auch Männern genutzt wird, um über ihre ‹Sommer- und Badifigur› zu reden», schreibt Claudia Kuratli – und fügt an : «Im übrigen sind auch wir der Meinung, dass jede Figur eine Bikinifigur ist und nackt baden Spass macht, egal mit welcher Figur.»

Wer «Bikinifigur» als Standardbegriff verwendet, perpetuiert das Schönheitsideal. Dennoch: Bei Züger hat man zumindest richtig erkannt, dass es sich bei der Aktion an ihrem Plakat im Bahnhof Winterthur nicht um plumpen Vandalismus handelt. Vielmehr geht es um eine gezielte Manipulation mit politischem Hintergrund. Der Frischkäseproduzent wurde Ziel einer Kommunikationsguerilla-Aktion, die man «Subvertising» beziehungsweise «Adbusting» nennt. Die englischen Kofferwörter Adbusting aus «ad» (Werbung) und «to bust» (zerschlagen) sowie Subvertising aus «subvert» (unterwandern) und «Advertising» (Werbung) meinen dasselbe: Bekannte Konsumprodukte oder Werbeslogans werden überklebt, parodiert, verfremdet, umgestaltet oder umformuliert. Unter Adbustern werden Ratschläge herumgereicht, wie man dabei am besten vorgeht: Vorab «coole Fluchtwege» rekognoszieren, keine Drogen und keine Personalausweise auf sich tragen.

Adbust seit den 50er Jahren

Diese Art von Aktionismus geht zurück auf das radikale französische Künstlerkollektiv Letterist International der 1950er-Jahre und die amerikanische Underground-Kultur der 1970er-Jahre. Adbusts jüngeren Datums lieferte etwa die Aktivistengruppe «Stay Behind Foundation» im vergangenen Dezember. Sie verwendeten den bekannten Brotaufstrich Nutella, um gegen die Geisteshaltung der Partei «Alternative für Deutschland» zu intervenieren.

Beim Adbusting und allgemein bei Konsumkritik spielen heute die sozialen Medien eine wichtige Rolle. Nicht nur werden Bilder von Aktionen auf diese Weise verbreitet, sie dienen auch als Forum für Protestnoten, genannt Shitstorm. Das durfte zum Beispiel die Marketingabteilung von Zara erfahren. Man versuchte, auf der Body-Positivity-Welle zu reiten – was gründlich schief lief. Mit dem Slogan «Love your curves» versuchte Zara Kleider zu verkaufen, die bis Grösse 46 erhältlich sind. Auf den Plakaten waren dennoch sehr schlanke Models zu sehen. «Wollt ihr mich verarschen», schrieb eine Twitter-Userin. Eine andere montierte das Bild eines Skeletts zum Werbespruch und schrieb: «Ich und einige meiner Freundinnen haben echte Kurven. Ich kann sie euch per Direct Message schicken, wenn ihr sie sehen wollt, okay?! Danke!»

Die Bodypositivity-Bewegung zielt darauf ab, uns von rigiden Körperidealen zu befreien, indem wir unsere Vorstellung von Schönheit erweitern. Es ist eine Widerstandsbewegung gegen psychischen Druck und schliesst nicht nur Frauen, sondern Menschen aller Art ein, unabhängig von Geschlecht beziehungsweise Geschlechteridentität, unabhängig von Ethnie und Alter. Mit ihren Hashtags und Instagram-Aktionen wirkt die Bewegung sehr jung. Ihre Geschichte ist jedoch viel älter. So setzten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr Frauen gegen den modischen Zwang zur Wehr, ein Korsett tragen zu müssen. Die enge Schnürung des Oberkörpers war ein Gesundheitsrisiko.

Wer kalorienarme Lebensmittel verkauft, sollte diese gesellschaftliche und historische Dimension mitdenken. Auch wenn es nur um Hüttenkäse geht.

Über die Autorin

© Rahel Krabichler

Regula Freuler ist Redaktorin der «NZZ am Sonntag» und schreibt über Themen wie Gesundheit, Bildung, Gesellschaft. Die studierte Geisteswissenschaftlerin ist zudem regelmässig als Blattmacherin Digital verantwortlich für den Internetauftritt der NZZaS. Oft fallen ihr Dinge im Alltag auf – zum Beispiel das Plakat für Züger-Hüttenkäse. Sie entdeckte es auf dem Weg vom Bahnhof Winterthur zur ZHAW, wo sie den CAS Marketing- und Corporate Communications absolviert.

Digitalisierung: Kultureller Wandel wird immer dringender

Von Dr. Jesse Bächler

Die diesjährige Connecta hatte vor allem die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft und auf die Geschäftsmodelle zum Thema. Die Appelle verschiedener Keynotes und Workshops betonten wiederholt die Bedeutung der menschlichen Komponente in diesem technisch getriebenen Umbruch.

Drei grosse Aufgaben für Unternehmen

In der digitalen Transformation sind Unternehmen darum gezwungen, ihre internen Silos aufzubrechen, also über verschiedene Bereiche, Arbeitsprozesse und Hierarchiestufen hinweg zu kooperieren. Bei diesen Kooperationen steht jeweils nicht Perfektion, sondern Geschwindigkeit im Vordergrund. Das Ziel dieser Geschwindigkeit ist es, Datenpunkte zu generieren, die dank eines installierten Feedback-Loops den nächsten notwendigen Schritt anzeigen.

Massiver kultureller Wandel verlangt

Zusammengenommen bedeuten diese drei Aufgaben nichts weniger, als dass von den Unternehmen ein massiver kultureller Wandel verlangt wird. Dieser Wandel ist darüber hinaus auch kein „nice to have“, sondern absolut fundamental für das weitere Bestehen. Denn fortlaufend treten neue Mittbewerber in den Markt ein, die sich gerade auf Kooperation, Tempo und Feedback spezialisiert und das entsprechende Gedankengut tief in der Unternehmenskultur verankert haben. Diese Botschaft ist jedoch nicht neu – woran sich alle die Zähne ausbeissen, ist die Umsetzung.

Die Connecta thematisierte die Auswirkungen der Digitalisierung © Post CH AG

Aufgabe 1: Kooperation

Um die Kollaboration und Kooperation zu fördern, bedürfe es entsprechender Anreize, Prozesse und Tools, teilte Thomas Husson von Forrester Research dem Publikum mit. Alles beginne, ende aber nicht mit Employer Branding. Der Referent wies damit auf die Wichtigkeit hin, die geeigneten Talente anzuziehen und zu halten. Einerseits ist dieser Aspekt zu begrüssen, denn er leitet den kulturellen Wandel bottom-up ein. Andererseits müssten Unternehmen wissen, wie sie den Spagat zwischen den „alten“ und den „neuen“ Arbeitskräften hinbekommen und alle mit auf die Reise nehmen können.

Aufgabe 2: Tempo

Während die Iterationsschlaufen kürzer und damit schneller werden, ist die digitale Verschiebung insgesamt ein mehrjähriger Prozess. Es wurde in verschiedenen Workshops darauf hingewiesen, dass sich Digitalisierungs-Cases in gewissen Branchen eher nach drei bis fünf, anstatt in nur einem fiskalischen Jahr amortisierten. Während gewissermassen die „willingness to digitalize“ enorm sei, geschehe sie oftmals noch zu wenig durchdacht.

Aufgabe 3: Feedback

Obwohl sich wohl jedes Unternehmen auf die Flagge schreibt, „kundenorientiert“ zu sein, bleibt die tatsächliche Offenheit für Feedback aus den Operations in die Strategie- und Prozessplanung ein Dauerbrenner. Feedback ist denn auch weniger ein Digitalisierungs-Thema, sondern mit Blick auf die Kundensegmente der Gen Y, Gen Z oder bereits Gen Alpha wichtig. Sie bilden die Käuferschaft der Zukunft, deren Bedürfnisse heutige Unternehmen verstehen und befriedigen können müssen. Ein simpler Reminder lautete: „Sprecht nicht über die Generationen, sondern mit den Generationen!“

Swiss Marketing Leadership Studie 2019»: Steigender Wettbewerbsdruck bei schwindenden Reaktionszeiten

Das diesjährige Trendthema der Swiss Marketing Leadership Studie betraf die Komplexität und Dynamik bei den Schweizer Unternehmen und hat den Nerv der Zeit getroffen. Steigender Wettbewerbsdruck, neue Technologien und veränderte Kundenbedürfnisse, bei gleichzeitig schwindenden Reaktionszeiten, bilden für die Unternehmen ein Spannungsfeld.

Das Institut für Marketing Management befragte 400 Schweizer Mittel- und Grossunternehmen unter anderem zu den Treibern der Dynamik und Komplexität, den Massnahmen wie Unternehmen auf die zunehmende Komplexität und Dynamik reagieren, in welchen Zusammenhang Kundenorientierung, Unternehmenskultur und –struktur sowie die absorptiven und kollaborativen Fähigkeiten mit dem Unternehmenserfolg stehen.

Die Studie zeigt, dass sich die Mehrheit der Schweizer Unternehmen im kritischen Bereich der Zeitschere befindet: Das heisst, dass sie sich in einer Situation befinden, in der sie aufgrund der zunehmenden Dynamik weniger Zeit zur Verfügung haben, als sie aufgrund der wachsenden Komplexität eigentlich benötigen würden.

Die Unternehmen befinden sich in einer Zeitschere

Die Ergebnisse der quantitativen Studie unterstreichen zudem die Wichtigkeit der kollaborativen und absorptiven Fähigkeiten eines Unternehmens. Unternehmen stehen vor der Aufgabe interne Strukturen zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen um den bestehenden Veränderungen und Herausforderungen gerecht zu werden. Dazu gehören unter anderem die interne sowie externe Kollaboration und ein Abbau des herrschenden Silo-Denkens. Zusätzlich ist es wichtig, absorptive Fähigkeiten im Unternehmen zu erlangen, damit der Wissensaustausch unternehmensweit weitergegeben werden kann.

Die Resultate der Swiss Marketing Leadership Studie 2019 wurde mit einer Chief Marketing Officer – Studie ergänzt. Die Interviews ergaben, dass Schweizer Unternehmen noch zu sehr in Silos unterwegs sind und das «Gärtlidenken» stark präsent ist. Der zukünftige CMO muss für die ansteigende Wettbewerbsintensität, der zunehmenden gesellschaftlichen Digitalisierung sowie dem veränderten Nutzungsverhalten von Konsumenten gewappnet sein.

Studiendesign

Das Institut für Marketing Management der ZHAW School of Management and Law hat dazu 400 mittlere und grosse Unternehmen befragt. Ausserdem wurde die «Swiss Marketing Leadership Studie» durch die Chief Marketing Officer Studie ergänzt. Es wurden insgesamt 14 Chief Marketing Officers aus unterschiedlichen Branchen zum gleichen Themenbereich befragt.

Kostenloser Download der Studie

Die Studie steht Ihnen hier kostenlos digital zur Verfügung.

Kontakt

Reto Heierli, Telefon 058 934 45 97, E-Mail: reto.heierli@zhaw.ch

Das zukünftige Marketing braucht trotz Technologie den (mutigen) Menschen

Der Future of Marketing Event war auch dieses Jahr mit spannenden Inhalten gefüllt. Das Marketing der Zukunft wird zwar komplexer, dynamischer und technologischer, dennoch braucht es den Menschen nach wie vor. Bildet der sich sein Leben lang weiter und hat er keine Angst Dinge auszuprobieren und zu testen, so kann er weiterhin erfolgreich sein.

Prof. Dr. Brian Rüeger, Leiter des Instituts für Marketing Management der ZHAW, übernahm die Einleitung und stellte gleichzeitig die Ergebnisse der Swiss Marketing Leadership Studie vor. Die wichtigste Erkenntnis war wohl, dass sich die Unternehmen in einer Zeitschere befinden, denn immer komplexere Aufgaben müssen in kürzerer Zeit erledigt werden.

Die Unternehmen befinden sich in einer Zeitschere

Die Komplexität im Marketing erhöht sich deutlich. Es stehen mehr Kanäle und Technologien zur Verfügung. Trotz den Entwicklungen im Bereich der Roboter, braucht es den Menschen im Marketing nach wie vor. Gemäss Prof. Dr. Brian Rüeger sollten die CMOs ihre absorptiven Fähigkeiten erhöhen und eine Adhocracy Kultur pflegen. Des Weiteren sollten die kollaborativen Fähigkeiten ausgebaut werden. Das zukünftige Marketing ist auch durch mehr Experimente und weniger durch grosse Strategien gekennzeichnet. Schlussendlich gilt es aber einfach mutig zu sein und die Begeisterung zu zeigen.

Prof. Dr. Brian Rüeger am Future of Marketing Event

Inspiration für den Kunden, trotz hoch personalisierter Inhalte

Für Nicolas Bürer von digitalswitzerland sind Allianzen und die Kollaboration wichtige Punkte, die man angehen sollte. Er zeigte auf, wie sich diverse Branchen im Wandel befinden. Der Schlüsselfaktor heisst lebenslanges Lernen, denn die Hälfte der Jobs von morgen würden heute noch gar nicht existieren. Es heisst also vor allem in sich selbst investieren, um hier bereits eine gute Grundlage zu schaffen.

Nicolas Bürer plädierte für ein lebenslanges Lernen

Naemi Benz, Vice President Operations bei Ava AG, erzählte sehr offen und ehrlich von den Erfahrungen mit dem Ava Armband. Sie berichtete von Niederschlägen, aber auch von den Erfolgen. Aus ihrer Sicht ist es sehr schwer ein allumfassender Brand zu sein, der sich genug flach oder breit präsentiert, um alle wirklich abzuholen. Schritt zu halten sei eine Herausforderung.

Ein Medizinalprodukt bietet nochmals zusätzliche Herausforderungen sagt Naemi Benz von Ava

Dominic Millioud, Geschäftsführer von eat.ch, berichtet ebenfalls, wie dieses Unternehmen entstanden ist und wie sie geholfen haben diversen kleineren Restaurants die Brücke ins digitale Zeitalter zu schlagen, ohne eine eigene Auslieferung implementieren zu müssen. Gemäss Millioud ist der Customer Centric Content nun King, aber man darf nicht vergessen, dass der Kunde auch inspiriert werden möchte. Er glaubt, dass eine Erlebnisloyalität höher gewichtet werden sollte, als die reine Markenloyalität. Der Schlüssel zum Erfolg? Testen, testen und nochmals testen.

Testen, testen, testen ist für Dominic Millioud zentral

Spannende Workshops mit hohem Praxisbezug

Abgerundet wurde der Future of Marketing Event mit spannenden Workshops, wo man sich zusammen mit Unternehmen und Forschenden praktisch betätigen konnte und so einen guten Einblick in die Herausforderungen des Marketings erhalten konnte. Diese Workshops wurden im Plenum kurz zusammengefasst. Die Erkenntnisse des ganzen Tages bestätigten die Resultate der Swiss Marketing Leadership Studie in grossen Teilen. Das Marketing verändert sich und wird komplexer, dennoch, und das gilt es zu betonen, der Spass sollte nicht verloren gehen. Das Marketing bietet nämlich auch spannende neue Möglichkeiten.

Der Event wurde von der Graphic Recorderin Stephanie Gerteis wortwörtlich aufgezeichnet

Von Mensch zu Mensch – lokales Marketing für nachhaltigen Konsum

Von Lea Cortesi

In einer Welt, in der man alles von überall her mit wenigen Mausklicks bequem nach Hause bestellen kann, erscheint es äusserst mutig ein Geschäft zu eröffnen, das ganz auf den lokalen und analogen Markt setzt. Diesen Schritt haben die Brüder Daniel und Andreas Fürst aus Bülach vor zwei Jahren gewagt und den ersten Unverpackt-Laden in einer Agglomerationsgemeinde eröffnet. Denn beim Trend, die Einkäufe möglichst effizient und anonym zu erledigen, bleibt ein menschliches Grundbedürfnis auf der Strecke: die reale Begegnung mit Menschen. Ein Gespräch mit Daniel Fürst über Mut, Erfahrung und Aufklärungsarbeit.

Daniel, wie kam es dazu, dass dein Bruder und du den Fürst Unverpackt-Laden in Bülach eröffnet habt?

Vor ein paar Jahren, als ich mich gegen meinen Beruf als Banker und für die Ausbildung zum Lehrer entschieden habe, wurden mein Bruder und ich darauf aufmerksam, dass in Kiel der erste Unverpackt-Laden eröffnet wurde. Auch wir hatten das Bedürfnis, weniger Abfall zu produzieren und qualitativ gute Nahrungsmittel einkaufen zu können. So haben wir nach einiger Zeit unser Geschäft in Bülach eröffnet. Bei uns kann man alles, was man für Nahrung und Haushalt braucht, unverpackt einkaufen – alles Bio.  

Daniel und Andreas Fürst in ihrem Unverpackt-Laden in Bülach © Fürst unverpackt

Es braucht doch aber ziemlich viel Mut einen Laden zu eröffnen, der per Definition auf analoges Einkaufen setzt, während die Konsumenten immer öfter online einkaufen. Wie seid ihr bei der Gründung vorgegangen?

Erst haben wir sehr gründliche Recherche betrieben und einen ausführlichen Businessplan erstellt. Gestartet haben wir dann mit einem Crowdfunding. Dieses war sehr erfolgreich. Wir erhielten grosse finanzielle Unterstützung. Das Crowdfunding war aber auch ein ausgezeichnetes Werbeinstrument. Unter anderem dank Zeitungsberichten kannte man unseren Laden und unsere Idee schon vor dessen Eröffnung.

Welches sind jetzt, nach zwei Jahren, eure wichtigsten Kommunikationskanäle?

Wir sind auf vielen verschiedenen Kanälen aktiv. Facebook und der Newsletter sind für uns wichtig. Aber auch der Besuch von Messen und lokalen Märkten lohnt sich, wo wir übrigens immer einen Wettbewerb oder eine Aktion anbieten. Das zieht die Kunden an. So können sie z.B. die Anzahl Fusilli in einem Einmachglas schätzen und etwas gewinnen.

Zudem halten wir Vorträge ab und bieten Führungen an. Manchmal kommen Kindergarten- oder Schulklassen in den Laden. Das sind sehr effektive Besuche, denn die Kleinen begreifen schnell, worum es geht und kommen dann mit ihren Eltern wieder. Der wichtigste Kanal ist und bleibt aber die Mund-zu-Mund-Propaganda. Qualität spricht sich rum und wir halten unsere Kunden auch immer wieder an, uns weiterzuempfehlen.

Fusilli im Glas, hier als Geschenkidee © Fürst unverpackt

Im Gegensatz zu einem Unverpackt-Laden in Winterthur, Zürich oder Basel befindet sich euer Standort in einer Agglomerationsgemeinde. Was bedeutet das für euch und eure Kommunikation?

Wir haben uns von Anfang an gesagt: Wir machen es für die, die unverpackt einkaufen wollen. Die, die informiert und interessiert sind, die erreichen wir auch. Aber eigentlich ist es natürlich komplett verrückt, hier auf dem Land einen Unverpackt-Laden zu eröffnen. Hier leben spürbar mehr Menschen, die sich selten Gedanken machen über ein sparsames, bewusstes Konsumverhalten. Folglich müssen wir viel mehr Zeit in Aufklärungsarbeit investieren: Was ist Bio? Wisst ihr, wieviel Zucker im Ketchup ist? In Zürich muss man sicher weniger erklären und macht dennoch deutlich mehr Umsatz, aber das ist einfach eine Tatsache.

Wie ist die Bilanz nach zwei Jahren? Könnt ihr bestehen bleiben?

Ja, es läuft. Und wir wachsen – langsam, aber sicher. Neben Stammkunden haben wir jeden Tag Neukunden. Und wenn diese mal im Laden stehen, ist die Kommunikation noch längst nicht beendet. Den Neukunden muss man sehr viel erklären, das ist essenziell und braucht viel Zeit. Aber das ist, was unsere Kunden suchen. Unsere kompetente Beratung erspart eine mühsame Internetrecherche nach beispielsweise der nachhaltigsten Zahnbürste. Wenn man bei uns einkauft, analog, kann man sich die Internetrecherche sparen und stattdessen mit der Familie etwas Feines kochen.

Unverpackt einzukaufen ist ein Trend. Online einzukaufen aber auch. Könnte man das nicht verbinden?

Doch, das haben wir angedacht. Aber eigentlich möchten wir Entschleunigung anbieten: Langsameres, bewussteres Einkaufen, man soll realen Menschen begegnen, sich austauschen und sich in der lokalen Community aufgehoben fühlen. Das ist auch unsere Botschaft in der Kommunikation: Komm vorbei, wir sehen uns im Laden.

Über die Autorin

Lea Cortesi hat an der UZH Italienisch, Geschichte und Ethnologie studiert und zuletzt bei einem Kinder- und Jugendbuchverlag in der Kommunikation gearbeitet. Davor war sie in verschiedenen Medien als Redaktorin aktiv. Momentan absolviert sie den CAS Marketing- und Corporate Communications an der ZHAW. Die Suche nach dem passenden nachhaltigen Lebensstil zieht sich wie ein roter Faden nicht nur durch ihre Biografie, sondern auch durch diejenige ihrer jungen fünfköpfigen Familie.

Wie sich die Marketingfunktion transformiert und welche Kompetenzen die Digitalisierung fordert

Von Dr. Catherine B. Crowden

Die Swiss CMO Studie befragte im Sommer 2019 14 Marketing-Führungskräfte in Schweizer Unternehmen zum Einfluss der Digitalisierung auf das Geschäftsmodell, die Marketingfunktion und die Rolle des, der CMO. Nachfolgend beleuchten drei CMOs die interne Transformation, die Verschiebung von werblicher zu inhaltlich relevanter Kundenansprache und von fremden zu eigenen Plattformen sowie die neuen Kompetenzen moderner CMOs.

Was ist Ihre grösste Herausforderung der digitalen Transformation?

Jan-Hendrik Völker-Albert (Head of Marketing & Communications bei PwC Schweiz): Die grösste Herausforderung ist die interne Transformation. Marketing ist ein wichtiger Vorreiter für die digitale Transformation innerhalb des Unternehmens, daher muss sich die Marketingfunktion schneller als andere Bereiche verändern. Dazu nötig ist gleichzeitig die Befähigung der Marketingmitarbeitenden mit den entsprechenden Fähigkeiten und Technologien und die Förderung eines digitalen Mindsets. Nur so können wir auf die neuen Anforderungen und Dynamiken im Markt reagieren.

Jan-Hendrik Völker-Albert (Head of Marketing & Communications bei PwC Schweiz)

Wie gehen Sie dabei vor?

J.H. Völker-Albert: Ein ganz wichtiger Punkt ist, eine klare Orientierung zu geben. Unsere Marketingmitarbeitenden müssen ein konkretes Zukunftsbild kennen und darauf hinarbeiten können: Wo wollen wir hin, wie soll das Marketing der Zukunft aussehen und wie wird sich das gesamte Marketing-Ökosystem entwickeln.

Der zweite Punkt ist die Entwicklung der Mitarbeitenden, um sie für Data Driven Marketing zu befähigen. Bei PwC investieren wir sehr stark in Weiterbildung und kontinuierliches Lernen, so genanntes «Digital Upskilling». In meinem Team möchte ich, dass jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter ein Digitalexperte wird.  So gibt es keine analogen und digitalen Marketingexperten, sondern alle sind digitale Marketingexperten. Alle müssen ein tiefes Verständnis für neue Technologien haben und diese auch jederzeit selbst bedienen können.

Der dritte Punkt hört sich zwar einfach an, die Herausforderung liegt aber wie immer im Detail: Die entsprechenden Technologien zur Verfügung zu stellen. Letztere entwickeln sich dabei aber so rasant und haben so kurze Halbwertszeiten, dass es immer schwieriger wird, State-of-the-Art zu bleiben und das perfekte Marketing Automation Ökosystem zur Verfügung zu stellen. Daneben gilt es, die neuen Technologien, wie beispielsweise Advanced Analytics und Künstliche Intelligenz entsprechend zu nutzen. Diese Potenziale schöpfen wir aktuell nur zu knapp einem Viertel aus, sind damit im globalen PwC-Netzwerk aber führend. Dies bedeutet für uns kontinuierlich Problemlösung nach «Trial and Error». Wir probieren jeden Tag aus, kombinieren mehrstufige digitale Massnahmen und machen viel A/B Testing. Insgesamt versuchen wir so die End-to-End Experience für unsere Kunden jeden Tag noch etwas besser zu machen.

Die Rolle des CMOs verändert sich (c) Pixabay

Welches sind zukünftige Trends und Entwicklungen?

Oliver Niedermann (Head of Marketing bei Raiffeisen Schweiz): Der Inhalt des Marketings verschiebt sich. In der Kundenansprache bewegen wir uns weg vom Verkauf von Produkten hin zum Aufbau von Themenführerschaft. Für uns heisst das, in unseren drei Hauptgeschäftsfeldern Anlegen, Wohnen und Firmenkunden relevanten Content zu erarbeiten. Zum Beispiel wollen wir für unsere Kunden nicht nur der Partner für eine Hypothek sein, sondern ein umfassender Partner für alle Fragen rund ums Wohnen. Dazu bauen wir den Brand «Raiffeisen Casa» auf, unter dem wir von Immobilien, über Maklerangebot bis hin zum energetischen Sanieren alles thematisieren.

Das bedingt ein ganz anderes Marketing als früher. Wir müssen für unsere Kunden relevante Inhalte schaffen. Den Medienmix haben wir angepasst auf mittlerweile fast rein elektronische Kanäle, wo eine Interaktion möglich ist. Von den bezahlten Kanälen bespielen wir fast ausschliesslich Social Media und kaum mehr andere Werbemittel. Die zweite Verschiebung ist die, von den fremden auf die eigenen Kanäle (owned channels). Für uns als Raiffeisen steht nicht die Neukundengewinnung im Fokus, sondern die bessere Bedienung der Bestandeskunden. D.h. wir erreichen diese am besten über die eigenen Kanäle, überprüfen nun unserer eigenen Touchpoints und optimieren die Ansprache, bauen aber auch ganz neue Plattformen auf – Content Hubs, wie «We love snow» oder «we love football». Hier übernehmen wir die Aufgaben eines Medienhauses und können so unseren Kunden Kompetenz vermitteln. Wir sind zu einem disruptiven Mitstreiter für die Medienhäuser geworden! Damit transformieren wir den Markt und darauf sind wir stolz.

Oliver Niedermann (Head of Marketing bei Raiffeisen Schweiz)

Welche Kompetenzen muss ein CMO im heutigen Zeitalter besitzen?

Patrick A. Koller (Chief Marketing & Chief Digital Innovation Officer bei Franke Kaffeemaschinen): Der moderne CMO bringt eine Affinität für IT und die Qualifizierung für Transformationsthemen und Organisationsentwicklung mit; ein Verständnis für Automatisierungstools und Data Analytics, um innovative, digitale Services zu gestalten, Kampagnen zu messen und die Performance aller Aktivitäten zu bewerten. Damit Werbung und Marketing im Allgemeinen nicht nur eine Ausgabe ist, sondern ein Investment. Dann wird die Budgetierung zu einem Planungsdialog darüber, wo Wachstumsfelder sind und wo Leads generiert werden können.

Patrick A. Koller (Chief Marketing & Chief Digital Innovation Officer bei Franke Kaffeemaschinen)

Mehr zu den neuen Methoden des Marketings, erfahren Sie am Future of Marketing Event am 28. Oktober 2019 in Winterthur.