Internet of Things: What’s Next? Smart Dust!

Von Dr. Manuel Holler

Momentan ist das Internet der Dinge eines der Hauptthemen, doch was kommt danach? Es könnte sich um Smart Dust handeln, weiträumig verteilte Sensornetzwerke mit winzigen Bestandteilen. In der Forschung wird die Rolle von Smart Dust im industriellen Sektor untersucht.

Smart Dust als radikale Miniaturisierung von IoT

Das Paradigma der Vernetzung von physischer und digitaler Welt hat in den letzten zehn Jahren weite Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst, und sich unter Schlagworten wie Smart City, Smart Manufacturing oder Smart Health etabliert. In Zeiten rasanten technologischen Wandels stellt sich die Frage: Was kommt nach dem Internet der Dinge? Die Chancen stehen gut für Smart Dust. Dieser «schlaue Staub» beschreibt integrierte, weiträumig verteilte Sensornetzwerke, deren einzelne Bestandteile sich in einer Grössenordnung von unter einem Kubikmillimeter bewegen [1].

Vision von Smart Dust in einem Trägermedium © iStock

SNF Spark-Projekt zur Erforschung von Nutzenpotenzialen

Motiviert zum einen durch die steigende Technologiereife und zum anderen durch das unklare Bild über Nutzungsmöglichkeiten, leitet das Product Management Center der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ein SNF-Grundlagenprojekt zum Thema.

Das Projekt im Rahmen des neuen Förderungsinstruments «Spark», welches besonders gewagte, aber auch vielversprechende Ideen adressiert, hat zum Ziel, einzelne Anwendungsfelder, übergeordnete Einsatzbereiche und die grundsätzliche Rolle von Smart Dust im industriellen Sektor zu untersuchen.

Grössenordnung eines einzelnen Smart Dust-Korns © iStock

Zwischenfazit: Grosse Potentiale, grosse Herausforderungen

Bisher durchgeführte Forschungsarbeiten [2,3] in der deutschsprachigen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie zeigen grosses Potential – einige Beispiele:

Im Fluidtechnikbereich kann Smart Dust durch verbesserte Flüssigkeitsmessungen helfen, hochsensible Prozesse, wie etwa das Thermomanagement in Rechenzentren, besser zu steuern. Auch industrieübergreifend bietet der «schlaue Staub» die Chance, Logistikprozesse transparenter und belastungsintensive Bauteile sicherer zu machen.

Spannend wird es insbesondere auch, wenn neben rein sensorischen auch noch aktuatorische Fähigkeiten ins Spiel kommen («Micro Robots»). So werden beispielsweise im Aerospacebereich adaptive Oberflächen, die dynamisch ihre Struktur verändern können, ermöglicht.

Gleichermassen gilt es noch viele offene Fragen zu beantworten, sei es bezüglich technischer Leistungsdaten, wirtschaftlicher Überlegungen, oder auch in Bezug auf Datenschutz und Nachhaltigkeit. Wenn auch heute noch visionär anmutend, hat das Internet der Dinge gezeigt, wie schnell und tief die Diffusion von digitalen Technologien erfolgen kann.

Danksagung

Dieses Projekt wurde durch das «Spark»-Programm des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) unterstützt.

Literatur zum Thema

[1] Warneke, B., Last, M., Liebowitz, B., and Pister, K.S.J. 2001. “Smart Dust: Communicating with a Cubic Millimeter Computer,” Computer (34), pp. 44–51.

[2] Holler, M., Haarmann, J., van Giffen, B., and Frank, A. 2020. “Smart Dust in the Industrial Economic Sector – On Application Cases in Product Lifecycle Management,” Springer IFIP Advances in Information and Communication Technology (forthcoming).

[3] Holler, M., Dremel, C., van Giffen, B., and Fuchs, R. 2020. “Smart Dust und Micro Robots im industriellen Sektor – Chancen, offene Punkte und Handlungsempfehlungen,” Springer HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik – Special Issue on Robotics (under review).

Ansprechpartner & Kontakt

Dr. Manuel Holler (manuel.holler@zhaw.ch | +41 58 934 7060) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Product Management Center der ZHAW. Seine Forschung konzentriert sich auf digitale Innovationen für das industrielle Produkt- und Dienstleistungsgeschäft.

Value Creation with Digital Twins – a Conceptual Framework

Von Linard Barth und Dr. Matthias Ehrat

Der Fortschritt in der Informations- und Kommunikationstechnologie verwandelt traditionelle in intelligente Produkte und ermöglicht es Unternehmen, neuartige intelligente Dienstleistungen anzubieten. Dabei gilt das Konzept des «digitalen Zwillings» als eine Schlüsseltechnologie, um mit intelligenten Diensten Mehrwert zu schaffen.

Der Digitale Zwilling wird von Gartner dementsprechend auf Platz 4 innerhalb der Top 10 der strategischen Technologietrends geführt, die „noch nicht weithin anerkannte Trends sind, jedoch Auswirkungen auf die Transformation von Industrien bis 2023 haben“ (Panetta, 2018). Auch wenn das Konzept des digitalen Zwillings relativ jung ist, wird ihm eine grosse Zukunft vorausgesagt, so soll der Markt von schätzungsweise $ 3,8 Mrd. im Jahr 2019 auf $ 35,8 Mrd. im Jahr 2025 wachsen (Rais, 2019).

Entsprechend viele Unternehmen haben sich in den letzten Jahren und Monaten dieses Thema auf die Fahne geschrieben und investieren gewaltige Ressourcen in entsprechende Entwicklungen. Allerdings sind die konkreten Mehrwerte und damit die Renditeaussichten von Investitionen in digitale Zwillinge in der Praxis oft schwierig abzuschätzen, da interne wie externe Prozesse betroffen sind und die erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen dieses komplexes Themas das Zusammenspiel von verschiedenen Unternehmensbereichen erfordert.

Funktionsübergreifende Diskussionen und Zusammenarbeit gestalten sich daher oft mühselig, da ein gemeinsamer konzeptioneller Rahmen, eine eindeutige Terminologie und gemeinsame Sprache auf der Grundlage eines ausreichend abstrakten, intuitiv verständlichen und einfach zu handhabenden Referenzmodells fehlen. Deshalb hat die Fachstelle für Produktmanagement des Instituts für Marketing Management 2018 ein Forschungsprojekt gestartet, um ein entsprechendes konzeptionelles Referenzmodel für die Wertgenerierung mit digitalen Zwillingen zu entwerfen und die Unternehmen damit bei ihren Innovationsprojekten zu unterstützen.

Das in diesem Beitrag vorgestellte Modell umfasst die aus akademischer Sicht zentralen Dimensionen des digitalen Zwillings und spezifiziert diese im Hinblick auf eine abgestimmte und schlüssige Wertgenerierung.

Das Digital Twin Conceptual Framework

Um die Wertgenerierung mit digitalen Zwillingen ganzheitlich zu erfassen, werden in einem ersten Schritt die Dimensionen externe Wertgenerierung (im Markt, bei den Kunden), interne Wertgenerierung (innerhalb des Unternehmens) und die dafür benötigten Datenressourcen unterschieden.

Externe Wertgenerierung

Am meisten Beachtung findet in Innovationsprojekten jeweils die externe Wertgenerierung, da eine Mehrheit der Unternehmen beabsichtigen, durch digitale Zwillinge und die dadurch ermöglichten datenbasierten Services zusätzliche Umsätze zu generieren, Margen zu erhöhen und die Kundenzufriedenheit und -bindung zu verstärken. Dabei stellt sich in jedem Fall die Frage, auf welcher Hierarchieebene des Systems (System Hierarchy Level) Wert entstehen soll, welche Bereiche des Service-Umfangs (Service Scope) verbessert werden sollen und welche Fähigkeiten (Smartness Maturity) die digitalen Zwillinge dafür aufweisen müssen.

Interne Wertgenerierung

Dabei wird oft vernachlässigt, dass digitale Zwillinge auch innerhalb des eigenen Unternehmens viele Prozesse verändern und auf vielseitige Art und Weise Wert generieren können. Im Fokus steht dabei das Management der Lebenszyklusprozesse (Lifecycle), von einzelnen Instanzen bis hin zu Produktportfolios (Value Creation Hierarchy) unter Berücksichtigung historischer, aktueller als auch zukünftiger Zustände und Daten (Generations / Time).

Datenressourcen

Sowohl die interne als auch die externe Wertgenerierung wird jedoch erst durch die Nutzung von entsprechenden Datenressourcen ermöglicht. Hierbei stellt sich die Frage welche Daten (Data Category) aus welchen Quellen (Data Sources) gewonnen werden sollen und wie stark diese aufbereitet und analysiert werden müssen (Data Format).

Anwendung des Modells zur Wertgenerierung

Das Modell bildet das ganze Spektrum an möglichen Datenressourcen und der daraus ermöglichten Wertgenerierung mit digitalen Zwillingen innerhalb und ausserhalb des eigenen Unternehmens ab. Durch die jeweils 3 Achsen mit wiederum 3 Spezifikationen können in jeder der 3 Dimensionen (Würfel) insgesamt 27 Anknüpfungspunkte für die Innovation mit digitalen Zwillingen unterschieden werden, welche für die Wertgenerierung mit digitalen Zwillingen in Frage kommen.

Für Unternehmen ist es jedoch nicht das Ziel, alle 81 im konzeptionellen Referenzmodell abgebildeten Anknüpfungspunkte umzusetzen, sondern sinnvolle Kombinationen zu ermitteln, die mit im Verhältnis möglichst optimalem Aufwand hinsichtlich der Datenressourcen effizient und effektiv interne und externe Werte schaffen. Die so generierten Werte entstehen durch einen kooperativ geschaffenen digitalen Zwilling, der ein dynamisches Verhältnis zwischen Anbieter und Nachfrager kreiert – und dadurch zu einem kaum replizierbaren Wettbewerbsvorteil führt.

Ein Beispiel wäre «predictive maintenance» also die proaktive Wartung physischer Güter aufgrund datenbasierter Vorhersagen. Hierbei wird externer Wert generiert durch Steigerung der Verfügbarkeit (Availability) mittels Kontrolle (Control) eines IoT-fähigen Assets (Connected Product). Aber nicht nur der Besitzer dieses Assets profitiert von dieser Anwendung, auch intern entsteht Wert für das Unternehmen, da die Prozesse innerhalb der Nutzungsphase (Middle of Life / MoL) des Assets (Instanz) auf Basis vergangener, aktueller und zukünftiger Zustände (Past, Present, Future) optimal gestaltet werden können. Dazu reicht es in der Regel bereits aus, ein Set an produktbezogenen (Product) IST-Daten aus dem Asset (Thing) mit überschaubaren Mitteln aufzubereiten (Structured) und mit den SOLL-Werten aus den internen Systemen (internal Systems) abzugleichen.

Predictive Maintenance kann daher ein geeigneter Einstieg in die Entwicklung eines umfangreicheren digitalen Zwillings sein, der zu einem späteren Zeitpunkt weitere Datenkategorien (Context oder Customer) aus zusätzlichen Quellen (external Systems) verwendet, um nicht nur Dashboards mit strukturierten Daten zu visualisieren, sondern daraus Aktionen (interpreted Data) zur Generierung zusätzlicher interner und externer Werte ableitet.

Ausblick

Die Möglichkeiten zur Wertgenerierung mit digitalen Zwillingen sind sehr umfangreich und können je nach Unternehmen und Anwendung sehr unterschiedlich ausfallen. In weiteren Beiträgen werden wir die drei zentralen Dimensionen der internen und externen Wertgenerierung als auch der Datenressourcen vertieft darstellen und deren Zusammenspiel anhand konkreter Beispiele erläutern.

Das in diesem Beitrag vorerst oberflächlich vorgestellte Konzept wurde im April 2020 im Rahmen der «International Conference on Information Science and Systems» publiziert und wird auf Anfrage gerne zugesendet.

Das Modell wird zudem kontinuierlich hinsichtlich des Einsatzes in der Praxis optimiert, wir freuen uns daher über jegliches Feedback oder gar die Kontaktaufnahme zwecks Gedankenaustauschs hinsichtlich konkreter Anwendungen und deren praktischen Umsetzung.

Autoren & Kontakt

Linard Barth ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projekt- und Studiengangleiter am Product Management Center der ZHAW. Seine Interessen gelten in erster Linie dem Zusammenspiel einzelner Elemente in grösseren Systemen und wie diese konsistent nachhaltig funktionierend ausgerichtet werden können. Dazu erforscht er den Einfluss von Internet of Things, Smart Connected Products und Digitalen Zwillingen auf Business Modelle und Value Propositions. Als ehemaliger Gründer schlägt sein Herz insbesondere für Start-Ups, Entrepreneure und innovative Firmen, welche die genannten Konzepte in der realen Welt umsetzen und berät diese in unterschiedlichen Projekten. Nebenbei leitet er den Studiengang CAS Pricing & Sales, ein Weiterbildungsangebot des Instituts für Marketing Management der ZHAW.

linard.barth@zhaw.ch / Telefon +41 58 934 68 67

Dr. Matthias Ehrat ist Dozent, Projektleiter und Start-up Coach am Product Management Center der ZHAW. Bereits seit seiner Ausbildung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) und der Universität St. Gallen (HSG) schlägt sein Herz für technologiegetriebene Innovationen. Durch langjährige Erfahrungen in verschiedenen Positionen im industriellen Anlagenbau konnte er sich ein breites Wissen im Betriebsmanagement aneignen. Er hält selbst mehrere Patente und berät Start-ups bezüglich den Schutzmöglichkeiten und der Anmeldeverfahren ihrer technologischen Entwicklungen. Nebenbei leitet er den Studiengang CAS Industrial Product Management, ein Weiterbildungsangebot des Instituts für Marketing Management der ZHAW.

matthias.ehrat@zhaw.ch / Telefon +41 58 934 66 31

Quellen:

Barth, L.; Ehrat, M.; Fuchs, R. & Haarmann, J. (2020). Systematization of digital twins : ontology and conceptual framework. In: ICISS 2020 : Proceedings of the 2020 The 3rd International Conference on Information Science and System. 3rd International Conference On Information Science And Systems ICISS 2020, Cambridge, UK, 19-22 March 2020. New York: Association for Computing Machinery. S. 13-23. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1145/3388176.3388209

Panetta, K., (2018). Gartner Top 10 Strategic Technology Trends for 2019. Published online October 15, 2018. https://www.gartner.com/smarterwithgartner/gartner-top-10-strategic-technology-trends-for-2019 / Accessed 12 August 2019.

Rais, A. (2019). Growth of the digital twin market. Published online August 2, 2019. https://www.maschinenmarkt.international/growth-of-the-digital-twin-market-a-851571/ Accessed 12 August 2019.

«Chatbots eignen sich auch für KMU»

Immer mehr Unternehmen setzen Chatbots in der Kundenkommunikation ein. Mit den Chatbots werden gewisse Prozesse automatisiert. Kunden können jederzeit mit dem Chatbot kommunizieren und finden Antworten auf ihre Fragen. Was ein Unternehmen beachten muss, wenn es einen Chatbot einsetzen möchte, das weiss Chatbot-Profi Sophie Hundertmark.

Frau Hundertmark, warum lohnt es sich für Unternehmen einen Chatbot einzusetzen und welche Ziele werden damit verfolgt?

Grundsätzlich würde ich gar nicht sagen, dass es sich immer lohnt einen Chatbot einzuführen. Zunächst muss geprüft werden, welche Herausforderungen/Probleme oder Chancen aktuell im Unternehmen bestehen und dann kann man entscheiden, ob sich ein Chatbot lohnt.

Die Ziele, die dann mit Bots erreicht werden können, sind vielseitig. Hier ein paar Beispiele:

  • Effizienzsteigerung
  • Kundenzufriedenheit
  • Mehr Leads
  • Mehr Conversions
  • Imagesteigerung/Branding
  • Mitarbeiterzufriedenheit

Mit Chatbots sollen vor allem Kundenbeziehungen flexibler und bequemer gestaltet werden können. Gleichzeitig versucht man, den Bot möglichst menschenähnlich zu gestalten. Wie wichtig ist diese menschliche Nähe?

Das kommt natürlich ein bisschen auf die Zielgruppe und auf den Usecase drauf an. Es gilt jedoch, die Chatbot Persönlichkeit sollte zur Zielgruppe und zum Image des Unternehmens passen. Ich habe hier ein passendes Template zur Verfügung gestellt.

Werden Chatbots in der Schweiz bereits rege von Unternehmen eingesetzt? Welche Arten von Chatbots werden am meisten genutzt?

Ja, es kommen immer mehr Chatbots. Bei Banken und Versicherungen sind Chatbots schon sehr stark im Einsatz. Nun folgen auch KMUs und Einzelfirmen (Berater, Agenturen etc.). Ich habe kürzlich eine Studie zum Einsatz von Chatbots in DACH gemacht.

Der Einsatz von Chatbots steigt (Bild: Pixabay/Mohamed Hassan)

Sind Chatbots nur für grössere Unternehmen geeignet oder können auch KMUs oder Einzelunternehmer Chatbots einsetzen? Was gilt es dabei zu beachten?

Wie in der vorherigen Frage schon zufällig beantwortet – Chatbots eignen sich auch für KMU und Einzelfirmen und sind hier auch immer mehr im Kommen. Ich sehe jedoch einen Unterschied in den Usecases. Bei Grossfirmen werden Bots oft als Ergänzung zum Kundenservice eingesetzt. Bei KMUs und Einzelfirmen sind es eher Chatbots zur Lead-Generierung oder um Webseiten-Besucher besser durch die Seite zu führen.

Gibt es technische oder personelle Grundvoraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um einen Chatbot erfolgreich zu lancieren und wie wählt man den richtigen Anbieter?

Wenn man nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllt, dann muss man sich einen Partner/Anbieter suchen, der diese Lücken schliesst. Ich empfehle meist mit einem einfachen kleinen Usecase anzufangen und sich dann nach und nach zu steigern. Den passenden Anbieter findet man, indem man sich überlegt, was man eigentlich will, was man selbst kann und was man noch dazu braucht. Sicher spielt auch das Budget hier eine Rolle.

Zum Abschluss, welche Funktionalitäten werden Chatbots in den nächsten Jahren erreichen können?

Ich gehe davon aus, dass Chatbots immer mehr in die gesamte Customer Journey integriert werden und somit immer mehr Schnittstellen zu anderen Systemen bekommen werden. Dadurch steigt der Grad der Automatisierung. Gleichzeitig wird das NLU (= Natural Language Understanding Anm. d. Red.) sicher immer besser werden. Das heisst die Chatbots verstehen die Usereingaben immer besser und können hoffentlich auch stärker kontext-abhängig arbeiten.

Zum Thema Chatbot gibt es aktuell einen Weiterbildungskurs am Institut für Marketing Management: https://www.zhaw.ch/de/sml/weiterbildung/detail/kurs/wbk-konzeption-design-umsetzung-chatbot/

Unausgeschöpftes Potenzial von Chatbots

Von Anja Zwicky

Chatbots können soziale Interaktionen simulieren. Wäre es denkbar, dass Chatbots die Customer Experience verbessern, indem sie als virtuelle Partner agieren, sei es um sich mit einem Freund zu unterhalten, gemeinsam zu lachen, zusammen Zeit zu verbringen oder Spiele zu spielen? Doch wie funktionieren Chatbots überhaupt und wie präsentieren sich Schweizer Chatbots?

Wie funktionieren Chatbots eigentlich? Chatbots sind Computerprogramme, welche die Fähigkeit besitzen, mit einem menschlichen Benutzer einen Dialog in gesprochener oder geschriebener Sprache zu führen (Chat) und gewisse Aufgaben autonom zu erledigen (Bot). Damit der Mensch mit Computern kommunizieren kann, unterscheiden sich zwei Steuerungsarten: «Conversational User Interfaces» (CUI) und «Voice User Interfaces» (VUI). CUI bezeichnet die Steuerung per Texteingabe, wobei VUI für die Nutzerinteraktion in gesprochener Sprache steht (Matejcek, 2017).

Chatbots interagieren mit dem User über zwei Steuerungsarten (Bild: Pixabay)

Habicht unterscheidet zwei Funktionstypen von Chatbots. Solche die sich durch Fragen/Antworten strukturieren und solche, die durch maschinelles Lernen (ML) lernfähig sind. Zu den ersten sogenannten regelbasierten Bots zählen Klickbots, welche einfache Aufgaben wie das Ausfüllen von Formularen oder das Beantworten von Fragen für Menschen automatisieren. Sie sind in ihren Fähigkeiten eingeschränkt, da sie nur einen korrekten Output liefern, wenn der Input exakt einer Regel entspricht und fest programmiert wurde. Lernfähige Chatbots verstehen die komplexe menschliche natürliche Sprache (Natural Language Understanding, NLU), können ihre Absichten verarbeiten und besitzen somit eine künstliche Intelligenz (KI).

Zielorientierte Chatbots helfen dem Benutzer bei einem konkreten Problem und sind in zwei Subklassen unterteilt: Information und Transaktion. Informations-Bots antworten, geben Auskünfte oder liefern Anleitungen zu Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen eines Unternehmens. Transaktions-Bots verrichten eine bestimmte Tätigkeit für den Benutzer, wie beispielsweise ein Ticket kaufen, ein Hotelzimmer reservieren oder eine Reklamation entgegennehmen.

Weniger als die Hälfte der untersuchten Chatbots weisen eine künstliche Intelligenz auf

Die Autorin untersuchte dreizehn Schweizer Chatbots, welche aktuell im Einsatz sind. Die Ergebnisse zeigen auf, dass sich hinsichtlich der Funktionsweise am häufigsten (5/13) regelbasierte Chatbots bestätigten. Am zweithäufigsten (4/13) stellten sich regel-datenbasierte und am dritthäufigsten (3/13) regel-formularbasierte Mischformen heraus. Lediglich Noora, der Spa- und Wellnessberater, operiert rein datenbasiert. Hinsichtlich des Verwendungszweckes kristallisierte sich ein eindeutiger Trend. 12 der 13 untersuchten Chatbots verfolgen einen zielorientierten Zweck, jeweils fünf als Informations-Bots, fünf als Transaktions-Bots und zwei liegen als Mischformen vor. Lediglich Mino, welcher eine soziale Interaktion während der Lehrstellensuche zur Aufgabe hat, verfolgt einen nicht-zielorientierten Zweck in Form eines Informations-Bots, und zwar aufgrund der Basis von Regeln. Fazit ist, dass nicht einmal die Hälfte der untersuchten Chatbots eine Künstliche Intelligenz besitzen. Dies mag daran liegen, dass KI-basierte Bots in der Entwicklung eher teuer, aufwendiger und ohne Programmierwissen schwierig zu bauen sind. Ausserdem fällt auf, dass die Landschaft Schweizer Chatbots bei nicht-zielorientierten Chatbots hinsichtlich der daten- und formularbasierten Funktionsweise eine Lücke aufweist.

Bei den Schweizer Chatbots ist KI noch nicht gross im Einsatz (Bild: Pixabay)

Wird der sozialen Interaktion zu wenig Beachtung geschenkt?

Liegt es daran, dass Chatbots mit einem nicht-zielorientierten Verwendungszweck für Unternehmen nicht attraktiv sind, da sie am Schluss kein Lead, keine Transaktion und auch kein Verkaufsabschluss generieren? Oder müssten Unternehmen diesbezüglich ihre Sichtweise ändern? Was wäre mit einem Bot, der ein Coach, ein Betreuer oder ein Mentor ist und den Nutzer auf ein spezifisches Ziel hin auf einer Reise begleitet. Beispielsweise könnte ein «Gesundheits-Fitness-Coach» formularbasiert zuerst Alter, Grösse und Gewicht entgegennehmen, um dann die Lieblingsnahrungsmittel regelbasiert abzufragen, um dann zu bestimmten Tageszeiten passende Gerichte und Fitnessübungen zu liefern. Denkbar wäre auch ein inkludierter nachhaltiger «Kochrezept-Generator», der passend zur Jahreszeit Rezepte mit saisonalen Zutaten vorschlägt. Das Ganze wäre natürlich auch mit ein bisschen Mehraufwand in gesprochener Sprache und auf der Basis von KI möglich. Vermutlich fehlen in der Schweizer Landschaft solche sozial interagierenden Bots, da der «menschliche» Faktor eine sehr wichtige Rolle spielt. Aber auch hier könnte zukünftig der Einsatz von künstlicher Intelligenz täuschend echt wirken.

Quellen:

Habicht, Nina. 2020. Vorlesungsskript Chatbot Entwicklung und Coaching von Nina Habicht. Frühlingssemester 2020. Winterthur: Zürcher Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, Marketing Institut : s.n., 2020.

Matejcek, Karina. 2017. GUI, CUI und VUI. Einkauf und Management – Magazin für Procurement, SCM & Digitalisierung. [Online] 2017. https://einkauf-und-management.at/gui-cui-und-vui/.

Stucki, Toni, D’Onofrio, Sara und Portmann, Edy. 2018.Chatbots gestalten mit Praxisbeispielen der Schweizerischen Post. Wiesbaden : Springer Fachmedien GmbH, 2018.

Über die Autorin

Anja Zwicky begann 2000 eine kaufmännische Lehre bei der Swissair und lernte die Berufswelt im Sinkflug kennen, bevor sie nach dem Grounding ihre kaufmännische Ausbildung bei einem anderen Lehrbetrieb beendete und nach weiteren erprobten Berufserfahrungen ihr Bachelor Studium in Business Administration mit Vertiefung in Tourismus und Mobilität 2009 an der Hochschule für Wirtschaft in Luzern abschloss. Zuletzt leitete sie 2012 ein Restaurant in einem Tauchresort auf einer tropischen Insel in Indonesien, bevor sie 2015 zu einem japanischen Pharmakonzern in die Schweiz zurückkehrte. Während ihrem Master Studium in Marketing Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften entwickelte sie ihre Fertigkeiten im Digitalen Marketing, welches sie als Digital Multichannel Experience Specialist bei ihrem Arbeitgeber in die Praxis umsetzt.

Im Rahmen der durch Nina Habicht geleiteten Veranstaltung «Chatbot Entwicklung» des durch Valerio Stallone geleiteten Studiengangs CAS Advanced Digital Marketing der ZHAW, ging die sie in einem schriftlichen Report der Frage nach, wie sich Konversationsflüsse Schweizer Chatbots strukturieren. Sie untersuchte dreizehn Schweizer Chatbots, welche aktuell im Einsatz sind, und entdeckte dabei unausgeschöpftes Potenzial.

Schweizer Unternehmen nutzen die Verhaltensökonomie zu wenig

Zum Unternehmenserfolg tragen viele Faktoren bei, einer davon wäre die Verhaltensökonomie, allerdings wird sie gemäss einer aktuellen Studie des ZHAW Instituts für Marketing Management noch zu wenig genutzt. Wir haben beim Studienautor Dr. Kurt Ackermann nachgefragt, wie man das ändern könnte.

Herr Dr. Ackermann, viele können mit dem Begriff Verhaltensökonomie wahrscheinlich wenig anfangen. Können Sie uns kurz erklären, was sich dahinter verbirgt?

Kurz gesagt verbindet die Verhaltensökonomie Wirtschaftswissenschaften mit Psychologie. In der Verhaltensökonomie geht es also darum, das menschliche Entscheidungsverhalten im wirtschaftlichen Kontext zu beschreiben, zu verstehen und darauf basierend Massnahmen zur Verhaltenslenkung entwickeln zu können. Die Verhaltensökonomie beschäftigt sich also damit, wie Menschen «ticken» und wie sie sich im realen Leben tatsächlich verhalten.

Im Vergleich dazu stehen die Annahmen der klassischen Ökonomie, nach welchen der Mensch als rationaler Agent modelliert wird, welcher auf Basis von Nutzwertanalysen stets optimale Entscheidungen trifft. Ökonomische Modelle, welche von diesem Menschenbild des «homo oeconomicus» ausgehen, können sehr nützlich sein, liegen in ihren Vorhersagen über das tatsächlich menschliche Verhalten aber leider oft falsch.

Indem man untersucht hat, inwiefern das Modell des «homo oeconomicus» denn genau falsch liegt, hat man herausgefunden, dass sich Menschen beim Treffen von Entscheidungen offenbar häufig auf einfache Daumenregeln, sogenannte «Heuristiken», verlassen, welche ihrerseits wiederum zu Denkfehlern bzw. kognitiven Verzerrungen (Bias) führen können. Im Vergleich zum rationalen Modell des «homo oeconomicus» verhalten sich Menschen entsprechend oft «irrational». Diese «irrationalen» Denk- und Verhaltensmuster sind aber nicht zufällig, sondern basieren darauf, wie unser Gehirn funktioniert. Das heisst, diese «irrationalen» Denk- und Verhaltensmuster sind systematisch und können entsprechend vorausgesagt werden.

Nehmen wir das Beispiel der «rationalen» Finanzmärkte. Die Entscheidung, ob und wieviel man in Aktien investiert, sollte anhand von rationalen Kriterien, wie z.B. Anlagehorizont, erwartete Rendite, Diversifikation, etc. getroffen werden. Homo oeconomicus würde alle entsprechend relevanten, zur Verfügung stehenden Informationen hinzuziehen um dann eine optimale Entscheidung zu treffen, in welche Titel wie viel investiert werden soll. Das tatsächliche menschliche Verhalten scheint davon aber bisweilen abzuweichen. So steigen Aktienkurse zum Beispiel in der Regel bei schönem Wetter, wohingegen schlechtes Wetter einen negativen Einfluss auf den Kursverlauf hat. Ferner wird eher in solche Börsentitel investiert, deren Namen sich leichter aussprechen lassen. Die Menschen verlassen sich also teilweise auf sachfremde Kriterien, die völlig irrelevant sein sollten. Diese «irrationalen» Verhaltensmuster lassen sich entsprechend dadurch erklären, dass Anleger sich z.T. auf einfache Daumenregeln verlassen, wie z.B. ob man gerade in guter Stimmung ist (weil die Sonne lacht) oder man das Gefühl hat, das Unternehmen zu verstehen (weil sich der Name leicht aussprechen lässt), woraus dann eine entsprechend verzerrte Risikoeinschätzung resultiert.

Die Verhaltensökonomie hat mittlerweile unzählige solcher «irrationaler Verhaltensmuster» und deren zugrundeliegenden psychologischen Mechanismen identifizieren können. Und das Wissen darum, welche Faktoren das menschliche Entscheidungsverhalten wie beeinflussen, können natürlich genutzt werden, um Entscheidungen ein Stück weit zu lenken – z.B. mittels Nudging.

Viele kennen den Begriff der Verhaltensökonomie nicht

Wie kann man die Verhaltensökonomie im Marketing nutzen, wo liegt das Potenzial?

Es war natürlich schon immer das Ziel von Marketingmassnahmen, das Verhalten von Zielgruppen zu lenken, indem man z.B. mittels Werbung oder anderen Kommunikationsmitteln das Interesse an einem Produkt oder einem Service fördern und im Idealfall einen Kauf anregen will. Kurz gesagt liegt das Potenzial der Verhaltensökonomie im Marketingkontext darin, dieses Ziel effektiver und effizienter zu erreichen.

Marketingaktivitäten basieren auch heute noch oft auf Bauchgefühl und Bauchentscheiden, welche einen auch in die Irre führen können – insbesondere dann, wenn man die Wirksamkeit von Marketingmassenahmen nicht systematisch überprüft. Die Verhaltensökonomie als evidenzbasierte Disziplin kann hier auf zwei Arten helfen.

Zum einen können Marketingmassnahmen unter Hinzunahme verhaltensökonomischer Erkenntnisse über das menschliche Entscheidungsverhalten viel zielgerichteter und spezifischer auf den Entscheidungskontext zugeschnitten konzipiert werden, um deren Wirksamkeitspotenzial zu steigern. Zum anderen ist das Experiment als Tool zur Wirksamkeitsüberprüfung elementarer Bestandteil der verhaltensökonomischen Methodologie und kann entsprechend für die Messung der Effektivität von Marketingaktivitäten eingesetzt werden.

Das heisst, der Einbezug von Verhaltensökonomie kann das Marketing eines Unternehmens sowohl inhaltlich, wie auch methodisch auf ein neues Level bringen.

Dr. Kurt Ackermann plädiert für mehr Verhaltensökonomie im Marketing

Sie haben eine Studie durchgeführt und festgestellt, dass die meisten Unternehmen in der Schweiz die Verhaltensökonomie nicht nutzen. Warum ist das so?

Die Studie zeigt klar, dass es in den allermeisten Unternehmen schlicht noch an Wissen und Erfahrung mit dem Thema «Verhaltensökonomie» mangelt und entsprechend bislang auch wenig Sensibilisierung für das Thema vorhanden ist. Dies ist insofern verständlich, als dass ein zielgerichteter und effektiver Einsatz von Verhaltensökonomie doch ein gewisses Knowhow und Expertenwissen und damit entsprechend geschulte Mitarbeitende voraussetzt, wohingegen im deutschsprachigen Raum bislang erst wenige entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten vorhanden sind. Unternehmen, welche Verhaltensökonomie gezielt einsetzen, z.T. sogar ganze «Behavioral Insights Teams» inhouse haben oder bereits einen Chief Behavioral Officer (CBO) einsetzen, finden sich bislang vorwiegend im angelsächsischen Raum, wo es vergleichsweise auch bereits viel mehr entsprechende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt.

Die Verhaltensökonomie wird noch zu wenig genutzt

Welche weiteren Erkenntnisse konnten Sie durch die Studie gewinnen?

Was mir besonders aufgefallen ist war, wie aufgeschlossen die Befragten trotz limitiertem Wissen dem Thema gegenüber waren und welches Potenzial sie der Anwendung verhaltensökonomischer Erkenntnisse und Methoden zuschreiben. So gaben die Befragten im Schnitt an, dass sie glauben, mittels Verhaltensökonomie und Nudging liessen sich Umsatz und Gewinn um rund 13% bzw. 9% steigern, was unter gewissen Umständen durchaus realistisch ist.

Zudem zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen dem Ausmass, in dem Verhaltensökonomie angewendet wird und bestimmten Massen für Unternehmenserfolg, wie etwa dem erwarteten zukünftigen Gewinnzuwachs – zumindest gemäss Selbsteinschätzung. Eine solche Korrelation konnte zuvor nur vermutet werden, weil es schlicht keine Daten dazu gegeben hat.

Ferner zeigte sich, dass bislang nur eine Minderheit von weniger als einem Drittel der Unternehmen die Methode des Experiments im Rahmen von Marktforschungsaktivitäten einsetzt. Auch methodisch zeigt sich entsprechend noch viel ungenutztes Potenzial bei den Unternehmen – insbesondere hinsichtlich Überprüfung der Wirksamkeit von Marketingmassnahmen.

Was raten Sie Unternehmen konkret, wie sollten diese nun vorgehen?

Ich denke ein erster Schritt könnte sein, sich zunächst einmal überhaupt mit der Thematik auseinanderzusetzen. Es gibt mittlerweile zahlreiche sehr gute Bücher über Verhaltensökonomie und Nudging, welche einen Einblick über Erkenntnisse, Einsatzmöglichkeiten und Anwendungspotenziale geben – ich denke dabei an Bücher wie «Schnelles Denken, Langsames Denken» von Daniel Kahneman, «Predictably irrational» von Dan Ariely oder «Nudge» von Richard Thaler und Cass Sunstein.

Ein weiterer Schritt könnte sein, mit einem auf Verhaltensökonomie spezialisierten Drittanbieter ein Projekt durchzuführen, um selbst Erfahrungen zu sammeln, in welchen Bereichen sich ein Einsatz lohnen kann und welche Effekte zu erwarten sind.

Für eine langfristige Verankerung des Themas innerhalb des Unternehmens wäre es dann aber sicherlich zielführend, verhaltensökonomisch geschultes Personal zu rekrutieren oder natürlich bestehende Mitarbeitende auf dem Themengebiet der Verhaltensökonomie aus- und weiterzubilden.

Zum Schluss, was gefällt Ihnen persönlich an der Verhaltensökonomie?

Was mich schon im Psychologiestudium und dann auch während meines Doktorats in Verhaltensökonomie vor allem fasziniert hat war, wie oft wir uns irrational verhalten ohne uns dessen bewusst zu sein und welche psychologischen Effekte es gibt, die unser Urteilsvermögen und Entscheidungsverhalten beeinflussen. Es ist auch sehr beeindruckend zu sehen, wie sich mit zum Teil kleinen, relativ simplen, aber wohlüberlegten und auf Evidenz basierenden Interventionen grosse Effekte erzielen lassen. Da ist es jeweils auch unbezahlbar, in die erstaunten Gesichter der Studierenden im Unterricht zu blicken, wenn ich Ihnen vor Augen führe, dass sie selbst gerade bestimmten psychologischen Effekten zum Opfer gefallen sind obwohl sie vielleicht dachten, dass sie gegen jegliche psychologischen Beeinflussungsversuche immun wären. Und persönlich amüsant finde ich es natürlich auch immer, wenn ich mich selbst bei meinem irrationalen Denken und Handeln ertappe und dann genau identifizieren kann, welche Heuristik ich verwendet hatte und welcher kognitiven Verzerrung ich unterlag. Leider nützt es nicht viel, weil ich das nächste Mal mit höchster Wahrscheinlichkeit trotzdem wieder in die gleiche Denkfalle tappen werde. Und das ist es wahrscheinlich auch, was mir an der Verhaltensökonomie am besten gefällt: Die psychologischen Effekte wirken meist selbst dann noch, wenn man sie eigentlich sehr gut kennt.

Vollständige Studie: www.zhaw.ch/imm/behavioral-marketing

Kontakt

Dr. Kurt Ackermann, ZHAW School of Management and Law, Fachstelle für Behavioral Marketing, Telefon 058 934 68 98,
E-Mail: kurt.ackermann@zhaw.ch

Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg

Von Samira Tamburini

Man kann nicht nicht kommunizieren, sagte dereinst Paul Watzlawick. Egal wie wir uns verhalten, kommuniziert wird immer, auch wenn nichts gesagt wird. Sogar das Schweigen ist eine Art der Kommunikation. Kommunikation hat eine prägende und übergeordnete Rolle und bleibt auch in Zeiten von Social Distancing und Online Marketing zentral. Am Beispiel eines Pilates-Studios wird gezeigt, wie das konkret aussehen kann.

Die Kunst einer erfolgreichen Kommunikationspolitik liegt darin, die eigenen Kunden- und Zielgruppen so gut zu verstehen, dass die Wünsche und Bedürfnisse stets abgeholt und erfüllt werden können. Darauf basierend kann abschliessend der passende Mix an Kommunikationsmitteln und Kanälen bestimmt werden. Genau so ist Danielle Berger, Besitzerin des Pilates Studios «BodyProps Pilates» in Wallisellen, vorgegangen. Sie hat schon früh erkannt, welche Kunden wie angesprochen werden möchten.

Die Kundenansprache ist wichtig © Pixabay

Kundenorientierte Kommunikationsstrategie

Danielle Berger hat in den vielen Jahren eine sehr gute Beziehung zu ihren Kunden aufgebaut. Die meisten von ihnen sind langjährige und treue Klienten. Diese Art von Kundenbindung ist äusserst wertvoll und eine grosse Unterstützung für ihre Kommunikationsstrategie. Zum einen benutzt sie die persönliche Ansprache vor und nach dem Training, um Feedbacks abzuholen. Zum anderen organisiert sie Anlässe, bei welchen sie in einer lockeren Atmosphäre, weitere Insights und Inputs bekommt. Parallel dazu verwendet sie das Direct Marketing wie beispielweise Mailings und Messaging via WhatsApp, wo sie entweder mit einem CTA (Call-to-Action) oder einer kurzen Befragung, hochwertige Rückmeldungen bekommt. Dies ist nicht nur zielführend sondern besonders effizient in puncto Ressourcen und Investitionen. Vor allem bei unerwarteten Ereignissen, wie gerade mit COVID-19, in denen kein direkter und persönlicher Kundenkontakt stattfinden kann. Jetzt ist eine gute Kenntnis der eigenen Klientel äusserst wertvoll und wesentlich.

Danielle Berger © BodyProps Pilates

Deine Arbeit als Trainerin bedingt sowohl verbale als nonverbale Kommunikation. Wie empfindest Du die zwei Formen und welche Erkenntnisse hast du bis jetzt gesammelt?

Korrekt: Meine Lektionen sind eine Mischung aus verbaler und nonverbaler Kommunikation. Ich staune immer wieder, wie stark die nonverbale Kommunikation wirkt, vor allem bei Neukunden. Ein Blickkontakt oder die körperliche Ausführung einer Übung, wirkt Wunder. Die Teilnehmer fühlen sich durch meine Präsenz und Aufmerksamkeit, die ich ihnen schenke, abgeholt und sind motiviert mitzumachen und bereit an ihren eigenen Grenzen zu gehen. Und das ist auch meine Hauptaufgabe als Trainerin: Meine Kunden dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.

Welche Instrumente setzt du für den Kundendialog, ausserhalb der Unterrichtszeiten, regelmässig ein und wie kommunizierst du hauptsächlich?

Ich kommuniziere ausschliesslich über die digitalen Kanäle: Newsletter, Social Media und Messaging via WhatsApp. Auf Facebook und Instagram poste ich regelmässig Videos, verbal und nonverbal 😊, mit Übungsausführungen und Ideen für das Training zu Hause oder unterwegs. Mit Messaging via WhatsApp pflege ich den persönlichen Dialog, indem ich die Wertschätzung und meinen Brand als Person verstärke und somit den Wiedererkennungswert schaffe.

In der momentanen Corona-Krise ist Umdenken angesagt. Wer neue Wege geht, kann sich mitunter auch neue Chancen eröffnen. Hast du deine Kommunikationsstrategie der Situation angepasst?

Jein, ich bediene weiterhin die digitalen Kanäle und was Facebook und Instagram betrifft, bin ich nach wie vor mit Videos präsent. Die Häufigkeit und die Inhalte der Messaging via WhatsApp habe ich jedoch erhöht und angepasst: Ich habe gemerkt, dass meine Kundschaft dieser Art von Kommunikation sehr schätzt und ich bekomme hierzu regelmässig positive Rückmeldungen. Zudem habe ich, auf Grund des Lockdowns, mein Angebot erweitert: Auf Video können die eingeloggten Teilnehmer eine Lektion verfolgen und zu Hause mitmachen. Das ist auch eine Art von Kommunikation und Kundenbindung. Diese Aktivität war für mich ein Erfolg: Ich konnte sogar, langjährige «Offline» Kunden (sie sind mit der Onlinekommunikation nie richtig warm geworden), dazu bewegen, sich für das Online Training zu melden. Sie waren danach so begeistert und dankbar.

Was ist deiner Meinung nach das Wesentliche für glückliche und treue Kunden?

Ganz wichtig: Die Kundenbindung aufrechthalten, indem man den eigenen Kunden gut kennt und ihn liebt. Das ist nur mit Hilfe der richtigen Kommunikationspolitik möglich. Sprich, der Kundendialog muss gepflegt werden und regelmässig stattfinden. Selbstverständlich muss man agil bleiben, um neue Bedürfnisse rechtzeitig zu identifizieren und die nötigen Massnahmen aufzugleisen und entsprechend umzusetzen.

Die Kundenbindung ist weiterhin sehr wichtig © BodyProps Pilates

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Über die Autorin

Samira Tamburini arbeitet als Brand & Communication Manager bei der CWS-boco Suisse SA in Glattbrugg und absolviert aktuell bei der ZHAW den CAS Marketing- & Corporate Communications.

Hypo60+ – Damit das Eigenheim im Alter nicht zur Hypothek wird

Von Corinne Wüthrich

Vor rund dreissig Jahren hat sich Familie Meier den Wunsch vom Eigenheim erfüllt und damit die grösste Investition ihres Lebens getätigt. Mittlerweile haben die Kinder das Nest verlassen. Trotzdem möchten Elisabeth und Peter Meier auch nach der Pensionierung in ihrem geliebten Haus im Grünen wohnen bleiben. Doch ihre Bank hat sie darauf aufmerksam gemacht, dass sie mit dem tieferen Renteneinkommen die Tragbarkeitsrichtlinien nicht mehr einhalten und das Haus daher verkaufen müssen. Muss sich das Ehepaar wirklich vom Eigenheim trennen? Die Ersparniskasse Schaffhausen bietet hier eine Lösung.

Daniel Burlon, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter des Bereichs Kredite und Finanzierungen bei der Ersparniskasse Schaffhausen, kennt viele Geschichten, wie diejenige des Ehepaars Meier aus seinem Geschäftsalltag. In dieser Situation eine Verkaufsempfehlung auszusprechen, widersprach seinem Verständnis einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Dies hat ihn dazu bewogen, eine massgeschneiderte Lösung zu suchen: Die Hypo60+.

Daniel Burlon, Leiter des Bereichs Kredite und Finanzierungen bei der Ersparniskasse Schaffhausen © bbf.ch / Ersparniskasse Schaffhausen AG

Daniel Burlon, bei Familie Meier ist die Tragbarkeit nicht mehr gegeben. Was ist die Tragbarkeit genau?

Gemäss der Tragbarkeitsregel dürfen sämtliche Kosten für den Unterhalt der Immobilie maximal ein Drittel des jährlichen Bruttoeinkommens betragen. Da sich der Hypothekar-Zinssatz im Laufe der Jahre verändern kann, rechnet die Bank mit einem kalkulatorischen Zinssatz von 4.5 bis 5 Prozent. Im Fall der Familie Meier könnte dies vor der Pensionierung wie folgt aussehen:

Setzt man nun die Kosten ins Verhältnis zum jährlichen Bruttoeinkommen von CHF 120’000 erhält man die Tragbarkeit von 29 Prozent. Da dieser Wert unter 33 Prozent liegt, ist die Tragbarkeit gegeben.

Weshalb wird die Tragbarkeit nach der Pensionierung zum Problem?

Durch die Pensionierung verschlechtert sich die Einkommenssituation der meisten Personen in der Schweiz. Gemäss der vom Bundesamt für Wohnungswesen in Auftrag gegebenen und von der ZHAW in Partnerschaft mit dem Hauseigentümerverband Schweiz im April 2019 erschienenen Studie «Nachhaltige Sicherung des Wohnraums im Alter» verringerte sich das monatliche Einkommen von Paarhaushalten im Durchschnitt um 38 Prozent. Beziehen wir dies auf das Ehepaar Meier, so sinkt deren jährliches Einkommen auf CHF 74’400. Die Tragbarkeit liegt neu bei 47 Prozent und somit weit über 33 Prozent.

Wie kann die Hypo60+ dem Ehepaar Meier helfen?

Das Eigenheim der Familie Meier ist mit 50 Prozent belehnt. Mit der Hypo60+ kann die Hypothek bis auf maximal 66 Prozent aufgestockt werden. Sie wird als Festhypothek abgeschlossen, wobei die Kunden die Laufzeit zwischen 5 und 10 Jahren frei wählen können. Bereits beim Abschluss ist also klar, welchen Betrag das Ehepaar für die Zinsen während der gesamten Laufzeit bezahlt. Dieser Betrag wird von der Aufstockung der Hypothek direkt auf ein gesperrtes und der Bank verpfändetes Konto eingezahlt. Das Haus bezahlt also seine Zinsen selbst. Und in der Kostenberechnung entfällt der grösste Posten, denn die Hypothekarzinsen müssen nicht mehr berücksichtigt werden:

Auch mit dem tieferen Einkommen von CHF 74’400 kann die Tragbarkeitsregel mit 13 Prozent eingehalten werden.

Wird der gesamte Betrag der Hypothekarerhöhung auf das gesperrte Konto überwiesen?

Falls die Kunden die Hypothek nur für die Begleichung der Hypothekarzinsen erhöhen, ja. Ansonsten stellen wir lediglich den Betrag für die effektiven Zinsen sicher. Bei Familie Meier betragen die Zinskosten für 10 Jahre CHF 100’000. Ihnen bleiben also CHF 60’000, die sie nach eigenem Gutdünken ausgeben können, beispielsweise für die Renovation des Eigenheims, die laufenden Lebenskosten oder eine Reise.

Dank Hypo60+ können Pensionierte weiterhin mit den Enkeln den eigenen Garten geniessen. © bbf.ch / Ersparniskasse Schaffhausen AG

Das klingt nach einem einmaligen Angebot. Wie gross ist das Interesse?

Die Hypo60+ wurde 2017 lanciert und ist in der Region nach wie vor einmalig. Das Interesse ist seit der Einführung sehr gross. Insbesondere die Medienresonanz hat uns überrascht. Die Hypo60+ wurde sogar im Geldblog des Tages-Anzeigers positiv erwähnt. Infolge dieses Artikels wurden Auslandschweizer auf unser Angebot aufmerksam und kontaktierten uns. Dank der Hypo60+ kann der dritte Lebensabschnitt ohne finanzielle Sorgen genossen werden.

Screenshot der Webseite über die Hypo60+ der Ersparniskasse Schaffhausen

Mehr Informationen unter: https://www.ersparniskasse.ch/hypo60/

Über die Autorin

Fronwagplatz 4 8200 Schaffhausen +41 52 624 80 92 www.bbf.ch

Corinne Wüthrich ist Assistentin der Geschäftsleitung bei der Ersparniskasse Schaffhausen AG und betreut dort den Bereich Marketing und Kommunikation. Neben der beruflichen Tätigkeit absolviert sie zurzeit bei der ZHAW den CAS Marketing- & Corporate Communications.

Unverpackt einkaufen und Begegnung erleben

Von Rahel Bachmann

Bald gibt es für die Thurgauer Hauptstadt ein Unverpackt-Lädeli. Die Frauenfelder Bevölkerung kann es kaum erwarten, bis die Füllstation Frauenfeld seine Tür öffnet. Das Bedürfnis nach diesem Angebot sowie die Vorfreude aller Beteiligten ist gross.

Kichererbsen, Mehl, Körperseife und Allzweckreiniger; was sich wie eine wahllose Aufzählung von Alltagsprodukten, wie man sie aus den Supermärkten von Migros und Coop kennt, liest, kann man in absehbarer Zeit mitten im Herzen von Frauenfeld bald unverpackt kaufen. Möglich machen das drei Frauen, die mit dem Verein Füllstation Frauenfeld eine gemeinsame Vision verfolgen und damit ein ökologisches, faires und möglichst unverpacktes Einkaufen ermöglichen möchten.

«Aktuell sind wir dran, konkrete Vereinbarungen mit den Lieferanten zu machen. Neben hoher Produktqualität haben für uns Unverpackt und Regionalität höchste Priorität. Zudem ist es uns wichtig, bei möglichst vielen Produzenten vor Ort gehen zu dürfen und uns über die Produkte zu informieren. Sind wir von der Produktion und der Philosophie hinter dem Produkt überzeugt, wird es ins Sortiment aufgenommen.», so erläutert Isabelle Zarn, Verantwortliche PR & Medien, den Prozess der Produktaufnahme ins Sortiment. Ausserdem wird ein Handbuch erstellt, das alle wichtigen Labels erklärt, die Herkunft der Produkte deklariert und die Menschen hinter den Produkten portraitiert. So wird wichtige Aufklärungsarbeit geleistet, indem das Wissen des Vereins an seine Kundschaft weitergegeben wird. Natürlich werden auch die Mitarbeitenden den Kundinnen und Kunden beratend zur Seite stehen.

Die Gründerinnen der Füllstation Frauenfeld: v.l.n.r. Isabelle Zarn, Verantwortliche PR & Medien, Eliane Hirschi, Präsidentin und Marion Lieberherr, Aktuarin © Füllstation Frauenfeld

Ein Angebot für alle

Vor über zwei Jahren eröffnete in Hüttwilen das erste Lädeli mit unverpackten Produkten im Kanton Thurgau. Dasselbe Angebot wünschen sich die drei Frauen auch für die Frauenfelder Bevölkerung. Um herauszufinden, ob auch in Frauenfeld die Nachfrage nach einem solchen Angebot besteht, mieteten sie im vergangenen Jahr an drei Samstagvormittagen einen Stand am Frauenfelder Wochenmarkt. Dort verkauften sie unverpackte Produkte und nutzten den Kontakt zur Bevölkerung sogleich, um mittels online Umfrage mit Tablet und Smartphone, das Bedürfnis nach einem solchen Angebot abzufragen. Die Vermutung der Gründerinnen war, dass Personen, die auf regionale Frischprodukte vom Markt wertlegen, auch gern lagerfähige Produkte unverpackt, regional und wenn möglich in Bio-Qualität kaufen würden. Die Resultate der Umfrage bestätigten die Vermutung. Von einer definierten Zielgruppe möchte die Füllstation Frauenfeld jedoch nicht sprechen. «Wir bieten Grundlegendes für jeden Haushalt an. In der Füllstation ist jede und jeder herzlich willkommen; niemand, der bei uns einkauft, muss ein Zero-Waste-Profi oder eine Nachhaltigkeitspionierin sein. Wir lernen selbst auch laufend dazu und das ist das Schöne daran.»

Nachhaltigkeit mit Stil: Plastikfreie Lebensmittelaufbewahrung ist im Trend. © Füllstation Frauenfeld

Miteinander statt Alleingang

Gemäss Zarn wird das Einkaufen im Unverpackt-Lädeli für viele ein neues Einkaufsgefühl sein. «Bei uns nimmt man sich mehr Zeit, entdeckt und versteht die Produkte und deren Herkunft. So kommt man bestimmt eher ins Gespräch, als beim normalen Einkaufen.» Der Austausch mit den Füllstation-Fans wird sich wahrscheinlich mittelfristig auch auf das Angebot auswirken; denn der Verein möchte das Angebot so gut wie möglich der Nachfrage anpassen und keinen Alleingang fahren.

Dass das Trompetenhüüsli vom Miteinander lebt, sieht man auch in der Zusammenarbeit der Mieter. Das Bistro «Hansi», welches ebenfalls ins Trompetenhüüsli einziehen wird, wird Grundnahrungsmittel, wie zum Beispiel Mehl und Zucker direkt von der Füllstation beziehen. Dass man sich bei Spitzenzeiten gegenseitig aushilft, ist für beide Parteien selbstverständlich.

Die Füllstation im Untergeschoss des Trompetenhüüsli nimmt Gestalt an. © Gabriel Müller

So rasch wie möglich, so spät wie nötig

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte die Eröffnung nicht wie geplant am 25. April stattfinden. “Die Unsicherheit der Bevölkerung und unser Verantwortungsgefühl gegenüber unseren Kundinnen und Kunden sowie unseren Mitarbeiterinnen haben uns dazu bewogen, den schwierigeren, aber vernünftigeren Weg zu wählen”, meint Zarn zur verschobenen Eröffnung. Wann diese sein wird, ist aktuell noch unklar. Bis dahin werden die Füllstation-Fans über den Instagram– und Facebook-Kanal mit Produkte- und Nachhaltigkeitstipps sowie Updates bestens unterhalten und das mit nachhaltiger Wirkung.

Über die Autorin

Rahel Bachmann (25) arbeitet seit neun Jahren für die Genossenschaft Migros Ostschweiz. Seit 2016 ist sie Projektleiterin Kulturprozent/Sponsoring in der Stabstellen-Abteilung Kommunikation, Kulturprozent, Sponsoring und Kundenmanagement. Mit dem CAS Marketing- & Corporate Communications eignet sie sich das nötige Wissen an, um sich weiterentwickeln und neue spannende Aufgaben in der externen sowie internen Kommunikation übernehmen zu können.

Online Bergtouren – Höhenfieber in den Schweizer Alpen

Von Leonie Koller

Ausbrechen aus dem Alltag – die Komfortzone verlassen. Dem Bedürfnis vieler Sportbegeisterten Menschen an die Grenzen zu stossen und darüber hinaus zu wachsen, geht Höhenfieber nach und bietet Touren für jedes Technik- und Konditionslevel an. Doch was tun, wenn die Corona-Krise einen zwingt, daheim zu bleiben?

Leonie Koller mit Gruppe, Aletschgletscher 2019, Höhenfieber-Tour

Virtuell über den Gletscher

Höhenfieber, die Berg- und Kletterschule mit Sitz in Root LU, stellt eine findige Lösung für alle daheimgeblieben bereit. Virtuelle Bergtouren. So können nicht nur geübte Berggänger, sondern auch die die es noch werden wollen über den Gletscher wandern oder eine Höhentour machen. Ohne, dass der Bergführer die Sportlichkeit prüft. Auch ganz ohne Seil und Steigeisen. Bequem vom Sofa – eine Massnahme, die so manches Herz höher schlagen lässt und Gästen die Zeit während dem Lockdown etwas kurzweiliger macht.

Für jedes Level

Ist man nicht auf einer virtuellen Bergtour, bietet Höhenfieber für jedes Technik- und Konditionslevel angepasste Touren an. Meldet sich ein Teilnehmer auf eine Tour an, wird kritisch geprüft ob er den Anforderungen gewachsen ist. Die Gäste müssen bei ihrer Anmeldung angeben, wie sie ihre Erfahrung einschätzen. Fabian Bietenhader Bergführer bei Berg+Tal und Höhenfieber und zuständig für das Tourencoaching und den Sicherheitsprozess auf den Touren: «Für uns als Bergsportanbieter hat Sicherheit oberste Priorität. Bei Touren ab der Stufe 2 (sportlich) müssen zusätzlich Referenztouren angegeben werden. Diese Referenzen werden von einem Bergführer beurteilt ob diese ausreichen für eine Teilnahme. Im Zweifelsfall kontaktiert der Bergführer den Teilnehmer telefonisch und klärt die Erfahrung detailliert ab.»

Beispiel der Technik und Konditionsstufe für eine Skitour © Höhenfieber

In die Schule beim Schweizer Bergführerverband

Das Risikosportartengesetzt gibt Aufschluss darüber, welche Ausbildung für welche Tour erforderlich ist. Die Höhenfieber Touren bewegen sich zu 90% im Bereich der Bergführern mit Fachausweis vorbehalten ist. Die Ausbildung dafür dauert mindestens drei Jahre und wird vom Schweizer Bergführerverband organisiert. Nach dieser Ausbildung sind Bergführer dazu verpflichtet regelmässig Weiterbildungen zu absolvieren. Für gewisse Schneeschuhtouren sind auch Wanderleiter mit Fachausweis berechtigt. Bei den Kletterkursen im Klettergarten kommen zudem einige Kletterlehrer mit Fachausweis zum Einsatz.

Safety first – ohne Kommunikation geht nichts

Höhenfieber verfolgt einen aufwändigen Tourencoaching Prozess. Bereits in der Ausschreibung auf https://www.hoehenfieber.ch/ müssen die Touren inhaltlich und von den technischen und konditionellen Anforderungen her korrekt beschrieben werden. Jeder Teilnehmer soll anhand dieser Beschreibung und seinem eigenen technischen und konditionellen Level die für ihn passende Tour finden. Bei jeder Tour wird das Teilnehmermaximum der Schwierigkeit der Tour angepasst. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ausrüstungsliste. Diese muss für jede Tour individuell, korrekt und vollständig sein. Die Ausrüstung wird bei Bedarf für jede Tour von Höhenfieber bereitgestellt.

Wenige Tage vor der Tour beginnt dann der eigentliche Prozess des Tourencoachings. Tourencoach und Bergführer prüfen selbstständig die Verhältnisse und den Wetterbericht. Anschliessend tauschen sie sich über die Erkenntnisse aus und treffen gemeinsam den Durchführungsentscheid. Der ganze Prozess wird dokumentiert. Passen Wetter und Verhältnisse nicht für die geplante Tour, versuchen sie wenn immer möglich eine gemeinsame Alternative auszuarbeiten. Nach der Tour meldet sich der Bergführer im Büro zurück und gibt Rückmeldung zur Tour. Dieses Feedback fliesst wiederum in die Ausschreibung der Touren ein und die Meldungen zu aktuellen Verhältnissen werden dem nächsten Bergführer weitergeleitet.

«Auf der Tour selbst hat der Bergführer die komplette Entscheidungskompetenz. Er überprüft laufend die Verhältnisse und entscheidet vor Ort. Die Bergführer sind auch dazu befugt, Teilnehmer von der Tour auszuschliessen, falls diese den Anforderungen nicht gewachsen sind und dadurch die Sicherheit der Gruppe gefährdet wäre.» Dieser Fall tritt aber äusserst selten auf, dank dem vorher genannten Prozess bei der Ausschreibung und Buchung, so Fabian Bietenhader weiter.

Nun bleibt zu hoffen, dass Corona den Weg in die Berge schnell wieder freigibt, und wir statt virtuell wieder tatsächlich die Schweizer Berge geniessen können.

Aletschgletscher 2019, Höhenfieber-Tour © Leonie Koller

Weitere Informationen:

https://www.hoehenfieber.ch

https://sbv-asgm.ch/#ausbildungen

https://www.hoehenfieber.ch/Online-Bergtouren

Über die Autorin

Leonie Koller arbeitet als Communication Specialist bei SIX. Aktuell absolviert sie den CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW. In ihrer Freizeit ist sie meistens auf dem Mountainbike, in den Bergen, auf dem Gletscher oder sonst in der Natur anzutreffen.

Von dreckigen Unterhosen in der Bundesverwaltung

Von Cécile Stäger

Es war einmal eine vergrabene Unterhose, ein Bodenforscher und ein Hashtag. So beginnt das Märchen über die erfolgreiche Bekanntmachung eines wichtigen, aber wenig beachteten Themas.

Doch von vorne: Bei Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, ist der Boden ein wichtiger Forschungsgegenstand. Nur mit einem gesunden, fruchtbaren Boden kann eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion sichergestellt werden. Millionen kleinster Bodenlebewesen, von Regenwürmern über Asseln bis hin zu Pilzen und Bakterien, bilden einen gigantischen Organismus und sorgen mit ihrer Zersetzungsarbeit von Pflanzenresten für wichtige Nährstoffe im Boden. Grundsätzlich gilt: je mehr Bodenlebewesen, desto gesünder der Boden.

Doch dieses faszinierende Reich unter unseren Füssen wird wenig wahrgenommen und seine wichtigen Funktionen vielfach unterschätzt. Agroscope wollte deshalb im Rahmen eines entsprechenden Forschungsprojektes dazu beitragen, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren und ihr aufzeigen, dass es eine grosse Bodenbiodiversität gibt, die zu fruchtbarer Erde beiträgt.

Erzähl mir (k)ein Märchen

Doch wie bringt man dem breiten Publikum eine solch verborgene und auf den ersten Blick eher langweilige Materie näher? Eine geeignete Form der Wissensvermittlung ist das sogenannte Storytelling. Durch eine Geschichte werden Bilder und Assoziationen geweckt und Emotionen hervorgerufen, womit eine Botschaft leichter aufzunehmen ist und nachhaltig in Erinnerung bleibt. Das Grundrezept für eine gute Geschichte setzt sich folgendermassen zusammen: ein interessanter Protagonist, ein Setting, mit dem sich die Menschen identifizieren können, ein plakatives, einfach zu vermittelndes Bild, ein Ereignis und eine Auflösung. Humor kann dabei ein geeignetes Stilmittel sein, um eine Botschaft erfolgreich zu vermitteln (1).

In unserem Fall erzählt die Geschichte also von einer Baumwollunterhose, die im Boden vergraben und später wieder ausgegraben wird und die durch ihren Verrottungsgrad anschaulich vermittelt, was im Boden vor sich geht und wie es um seine Qualität steht. Hintergrund dieser Idee ist die internationale Kampagne #SoilYourUndies, die von amerikanischen Bauern ins Leben gerufen wurde. Im Juni 2019 lud Agroscope also zum «Tag des unterirdischen Lebens» und vergrub zusammen mit Familien Baumwollunterhosen, um sie zwei Monate später wieder auszugraben. Je stärker zersetzt die Unterhosen nach zwei Monaten waren, desto aktiver die Bodenlebewesen und desto gesünder der Boden. Die verborgene Welt des Bodens wurde damit auf humorvolle Weise sicht- und erlebbar gemacht.

Der Protagonist der Story: Die Baumwollunterhose. Foto: Nicolas Zonvi

Während wir unsere eigenen Kommunikationskanäle mit der Geschichte bespielten, wurde der Event medial begleitet und stiess schweizweit auf grosses Echo. 20 Minuten etwa titelte: «Bund ruf dazu auf, Unterhosen zu vergraben»; auch Schweiz aktuell berichtete darüber und sogar bei Glanz und Gloria fand das Thema Einzug, um nur einige Medienbeiträge zu nennen.

Reputationsverlust oder Aufmerksamkeitsgewinn?

Der Grat aber war schmal: Zu viel Dreck an den Unterhosen und es hätte ein Reputationsverlust gedroht. Darf die Bundesverwaltung dazu aufrufen, Unterhosen zu vergraben? Muss es gerade eine Unterhose sein? Eine staatliche Institution ist unter starker Beobachtung der Medien und der Öffentlichkeit. Eine solche Geschichte könnte auch schnell nach hinten losgehen. Zu unseriös, zu vulgär, zu dreckig. Entsprechende Kommentare in den Online-News-Portalen liessen auch nicht lange auf sich warten: «Ihr seid nicht mehr dicht […]», «da wird sich die ganze Welt über die Schweiz lustig machen […]» oder «[…] Kasperlis in der Landesregierung […]» (2).

Klar aber ist: Ohne den Protagonisten Unterhose wäre das mediale Echo und damit die Sensibilisierungskraft für das Thema nicht so gross gewesen.

Ein Blick in unser Medienmonitoring zeigt denn auch deutlich: Die Unterhosen-Aktion war ein Erfolg; das Thema Boden hat in dieser Zeit viel Aufmerksamkeit erhalten und zur Sensibilisierung der Bevölkerung beigetragen. Gleichzeitig hat sie zu einem Bekanntheits- und Reputationsgewinn für Agroscope und seiner Boden-Forschung geführt. Ein klassisches Happy End also.

Die Abbildung zeigt einen Auszug aus der Analyse der Medienberichterstattung 2019 zu Agroscope. Der Auszug vergleicht die Resonanzwerte (Anzahl Medienbeiträge) und die Tonalitätswerte der vier wichtigsten Kommunikationsereignisse von Agroscope. Der Tonalitätswert zeigt die Bewertung innerhalb der Ereignisse für einen bestimmten Zeitraum. Er kann maximal +100 (vollständig positiv) bis -100 (vollständig negativ) annehmen. Mediensample: 42 Schweizer Nachrichtenmedien. © commsLAB AG / fög – University of Zurich

Erzählen oder nicht erzählen?

Beim Abwägen, ob und wie man eine Geschichte publizieren und pushen soll, ist geraten, sich an ein paar Grundsätze zu halten und sich vorab insbesondere folgende Fragen zu stellen:

  • Was ist das Ziel der Geschichte? Geht es um eine Einstellungsänderung, um eine Wissensvermittlung oder darum, Aufmerksamkeit zu generieren?
  • Wie sieht der gesellschaftliche Kontext aus? Ist es der richtige Zeitpunkt für eine solche Geschichte? Werden keine Gefühle und Werte verletzt?
  • Entspricht die Geschichte dem Leitbild? Es ist wichtig, dass man seinem Leitbild und seinen Werten immer treu bleibt. In unserem Fall war das der Forschungskontext und die Seriosität und Relevanz der Bodenforschung. Entsprechend achteten wir darauf, dass bei der Berichterstattung immer der Forschungskontext im Vordergrund stand.
  • Nehmen Sie kritische Stimmen in Kauf: Gewisse kritische Stimmen lassen sich nicht vermeiden, denn man kann es nie allen recht machen. Was zählt, ist die Gesamtbilanz und das Erreichen des Kommunikationsziels.

Und die Moral von der Geschicht’? Es lohnt sich, ab und an die Komfortzone zu verlassen und eine gewagte Geschichte zu erzählen, die die Leute packt und Emotionen auslöst:

Die Baumwollunterhosen wurden also im Boden vergraben und warteten zwei Monate auf ihre Ausgrabung. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann … ist das kein gutes Zeichen für die Bodenqualität. The End.

Quellen:

(1) Vgl. Martin Eisend und Alfred Kuß (2009). Humor in der Kommunikation. In: Manfred Bruhn, Franz-Rudolf Esch, Tobias Langner (Hrsg.): Handbuch Kommunikation. S. 629-644. Wiesbaden: Gabler).

(2) Kommentarspalte 20 Minuten: https://www.20min.ch/schweiz/news/story/Bund-ruft-dazu-auf–Unterhosen-zu-vergraben-30658358

Über die Autorin

Cécile Stäger arbeitet als Kommunikationsspezialistin bei Agroscope an der faszinierenden Schnittstelle von Forschung, Politik und öffentlicher Verwaltung. Zurzeit absolviert sie den CAS Marketing- und Corporate Communications, um ihre Kenntnisse in diesem sich schnell wandelnden Bereich aktuell zu halten und zu vertiefen.