Digitales Lernen für Familien in Krisen

Die Digitalisierung ist in aller Munde, doch noch immer haben rund 350 Millionen Kinder und Jugendliche keinen Zugang zur Elektrizität und damit auch zum Internet. Millionen von Menschen sind in der Bildung benachteiligt. wilearn 4 Life will das ändern. Mit solarbetriebenen Servern ermöglicht die NPO Zugang zu Lernmaterialien. wilearn 4 Life musste allerdings feststellen, dass Fundraising allein nicht zum Ziel führt. Eine starke Marke ist nötig, um die Vision der NPO glaubwürdig und langfristig an die Spender zu bringen.

Die Bachelorarbeit von Michelle Furrer (Studentin Bachelorstudiengang in International Management an der ZHAW) hat sich deshalb dem Brand Building für wilearn 4 Life angenommen. Wie sie den Markenaufbau erlebt haben und was sich seither verändert hat, darüber sprechen wir im Interview mit dem Gründer und Geschäftsführer von wilearn 4 Life, Roland Diethelm.

Herr Diethelm, wie ist es zur Zusammenarbeit zwischen Ihrer Organisation, wilearn 4 Life und mit Michelle Furrer gekommen?

Wir haben über unser Netzwerk einen guten Kontakt mit Rolf Rellstab gepflegt und letztes Jahr konnten drei von seinen Studenten bereits im Rahmen einer kleineren Semesterarbeit etwas für wilearn 4 Life erarbeiten. Die Idee einer umfassenden Bachelorarbeit stand dabei schon länger im Raum und Rolf hat uns hierbei gut unterstützt. Wir haben uns alle sehr gefreut, dass Michelle Furrer sich für eine Zusammenarbeit mit wilearn 4 Life entschieden hat.

Inwiefern haben Sie gemerkt, dass Fundraising allein nicht mehr wirkt und Ihre Organisation auch ein starkes Branding benötigt?

Wir sind in vielen Bereichen gut aufgestellt mit erfahrenen Leuten vor Ort im Feld und dem ehrenamtlich tätigen Vorstand in der Schweiz. Bisher haben wir uns vor allem auf Fundraising innerhalb unseres Netzwerkes, mit Förderstiftungen und in den Projektländern fokussiert. Das hat sich grundsätzlich bewährt und nun ist es an der Zeit einen Schritt weiter zu gehen. Hierzu gehört auch ein entsprechendes Branding mit klaren Statements wofür die Marke „wilearn 4 Life“ steht.

Bildung ist ein zentrales Thema bei wilearn 4 Life © wilearn 4 Life

Wo zeigte sich, dass wilearn 4 Life als Marke wenig bekannt ist? Oder anders gefragt: Wo haben Sie gemerkt, dass der Nutzen Ihrer NPO bei den Spendern nicht ankommt?

Der Name „wilearn 4 Life“ ist Programm. Es geht um das lebenslange Lernen für alle Generationen, insbesondere für Menschen in fragilem Kontext ohne Zugang zu Internet und Bildungsangeboten, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Zum Beispiel in Flüchtlingslager oder abgelegenen Gebieten in Ländern Afrikas wie aktuell in Süd Sudan oder Kenia. Unser Produkt ist einerseits simpel und nahe bei den Menschen, aber technologisch auf hohem Niveau. Zudem haben wir unterschiedlich versierte Anspruchsgruppen. Wir müssen differenziert kommunizieren, je nachdem ob ich mit einer Förderstiftung spreche, die sich gut mit der Projektarbeit auskennt oder mit einer Privatperson in der Schweiz, die einfach unsere gute Sache unterstützen möchte. Beides ist wertvoll und wichtig.

Spender in der Schweiz leben in der Wirklichkeit des Informationszeitalters. Für sie ist Internet Information allgegenwärtig und immer zu einem guten Preis verfügbar. Die Vorstellung, dass man ein Leben ohne Internetinformation führen muss, ist für die jüngere Generation praktisch nicht mehr denkbar. Wer die Lebenswirklichkeit in unserem Projektgebieten nicht mitverfolgt, kann mit dem Gedanken der digitalen offline Bibliotheken nur wenig anfangen. Ein starker Brand ermöglicht der Organisation die Kommunikation und somit das Vertrauen auszubauen.

Lernen für alle Generationen © wilearn 4 Life

In der Bachelorarbeit wird erwähnt, dass Ihre Organisation eher Spender ab 25 Jahren anspricht, da jüngere noch zu wenig Geld und andere Prioritäten haben. Welche Spender möchten Sie konkret adressieren? Gibt es nicht auch die Möglichkeit, mit einem kleinen Betrag etwas für Ihr Anliegen zu tun?

Unbedingt, jeder Betrag ist willkommen und hilft. Und das Geld kommt am richtigen Ort an. Das ist auch ein grosser Vorteil unseres Schweizer Vereins, dass wir fast keine Overhead-Kosten haben, weil wir eine sehr schlanke Organisation sind. Unser Geschäftsführer ist zugleicht Entwickler und technischer Berater, sowie Projektleiter und als Instruktor im Projekt präsent. Der Vorstand und Mitglieder des Vereins arbeiten ehrenamtlich. Hier können sich auch Freiwillige engagieren, die als Multimedia Talent oder beim Texten einen Beitrag leisten möchten. Wir freuen uns auf tatkräftige Unterstützung jeglicher Art. Grössere Projektbeiträge sind effizienter in der Umsetzung zum Projekt und ermöglichen uns den administrativen Aufwand mit wenigen Ressourcen zu betreiben. Mit 200 Fr können wir ein Tablet finanzieren, welches für mindestens 6 Schüler pro Jahr eingesetzt wird. Mit 4000 Franken können bis zu 20 Lehrer an einem 5-tägigen digitalen Workshop teilnehmen. Mit 15‘000 Fr können wir die multimediale wiFi Bibliothek inklusive Tablets und Projektor einrichten und betreiben.

Das Fundraising ist wichtig, um die Projekte zu realisieren © wilearn 4 Life

Wie haben Sie und Ihr Team den Markenaufbau erlebt? Wo gab es Hürden? Wo mussten Sie sich öffnen für neue Ideen und Wege?

Wir haben die Zusammenarbeit als sehr konstruktiv erlebt. Die persönlichen Treffen wurden jedoch durch Covid19 stark eingeschränkt, so dass Michelle unsere Werkstatt nicht besuchen konnte, wo die Koffer für die digitale Bibliothek noch in Handarbeit zusammengestellt werden. Neue Wege mussten wir auch bei der Umsetzung der empfohlenen Massnahmen finden, da die Ressourcen knapp sind. Dieser Prozess ist noch am Laufen.

Sie wollten sich ja insbesondere für eine Fundraising-Initiative jetzt im Sommer optimal vorbereiten. Können Sie bereits erste Erfolge verbuchen? Merken Sie die Veränderungen, die Sie gemacht haben, auch auf Spenderseite?

Der Lockdown hat auch uns in der ursprünglichen Planung zurückgeworfen, so dass wir noch bei Weitem nicht alles umgesetzt haben, was wir geplant haben. Für ein Fazit ist es deshalb noch zu früh, aber wir fokussieren uns nun auf den Herbst. Dann wird insbesondere bei Geberstiftungen über die Förderbudgets vom nächsten Jahr entschieden.

Es wurde schon viel darüber diskutiert, dass die jetzige Krise einen Digitalisierungsschub bei Unternehmen, aber auch bei nicht profit-orientieren Organisationen auslösen wird. Ebenfalls hat man vermutet, dass NPOs vor allem jetzt mit Solidarität bei den Spendern punkten und auf Ihre Themen aufmerksam machen können. Wie haben Sie bisher die Krise erlebt?

Wir sind schon seit der Gründung unseres Vereins sehr digital unterwegs. Das liegt wohl in der Natur unserer Vision: Wir bringen digitale Lernfähigkeiten überall hin, wo sie dringend benötigt werden, um den Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Wir sprechen dabei von Empowerment, also die Befähigung der Menschen, dass sie das Lernen als persönliche Entwicklung entdecken. Hierfür sind die Möglichkeiten im Bereich der digitalen Bildung essenziell. Dass dieses Thema nun durch die Corona-Krise auch in der Schweiz und weltweit an Bedeutung gewonnen hat, kann wiLearn 4 Life Rückenwind verleihen. Die Aufmerksamkeit der digitalen Möglichkeiten im Bereich Bildung ist stärker ins Bewusstsein gerückt.

Digitale Lernfähigkeiten sollen gestärkt werden © wilearn 4 Life

Internet of Things: What’s Next? Smart Dust!

Von Dr. Manuel Holler

Momentan ist das Internet der Dinge eines der Hauptthemen, doch was kommt danach? Es könnte sich um Smart Dust handeln, weiträumig verteilte Sensornetzwerke mit winzigen Bestandteilen. In der Forschung wird die Rolle von Smart Dust im industriellen Sektor untersucht.

Smart Dust als radikale Miniaturisierung von IoT

Das Paradigma der Vernetzung von physischer und digitaler Welt hat in den letzten zehn Jahren weite Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst, und sich unter Schlagworten wie Smart City, Smart Manufacturing oder Smart Health etabliert. In Zeiten rasanten technologischen Wandels stellt sich die Frage: Was kommt nach dem Internet der Dinge? Die Chancen stehen gut für Smart Dust. Dieser «schlaue Staub» beschreibt integrierte, weiträumig verteilte Sensornetzwerke, deren einzelne Bestandteile sich in einer Grössenordnung von unter einem Kubikmillimeter bewegen [1].

Vision von Smart Dust in einem Trägermedium © iStock

SNF Spark-Projekt zur Erforschung von Nutzenpotenzialen

Motiviert zum einen durch die steigende Technologiereife und zum anderen durch das unklare Bild über Nutzungsmöglichkeiten, leitet das Product Management Center der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ein SNF-Grundlagenprojekt zum Thema.

Das Projekt im Rahmen des neuen Förderungsinstruments «Spark», welches besonders gewagte, aber auch vielversprechende Ideen adressiert, hat zum Ziel, einzelne Anwendungsfelder, übergeordnete Einsatzbereiche und die grundsätzliche Rolle von Smart Dust im industriellen Sektor zu untersuchen.

Grössenordnung eines einzelnen Smart Dust-Korns © iStock

Zwischenfazit: Grosse Potentiale, grosse Herausforderungen

Bisher durchgeführte Forschungsarbeiten [2,3] in der deutschsprachigen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie zeigen grosses Potential – einige Beispiele:

Im Fluidtechnikbereich kann Smart Dust durch verbesserte Flüssigkeitsmessungen helfen, hochsensible Prozesse, wie etwa das Thermomanagement in Rechenzentren, besser zu steuern. Auch industrieübergreifend bietet der «schlaue Staub» die Chance, Logistikprozesse transparenter und belastungsintensive Bauteile sicherer zu machen.

Spannend wird es insbesondere auch, wenn neben rein sensorischen auch noch aktuatorische Fähigkeiten ins Spiel kommen («Micro Robots»). So werden beispielsweise im Aerospacebereich adaptive Oberflächen, die dynamisch ihre Struktur verändern können, ermöglicht.

Gleichermassen gilt es noch viele offene Fragen zu beantworten, sei es bezüglich technischer Leistungsdaten, wirtschaftlicher Überlegungen, oder auch in Bezug auf Datenschutz und Nachhaltigkeit. Wenn auch heute noch visionär anmutend, hat das Internet der Dinge gezeigt, wie schnell und tief die Diffusion von digitalen Technologien erfolgen kann.

Danksagung

Dieses Projekt wurde durch das «Spark»-Programm des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) unterstützt.

Literatur zum Thema

[1] Warneke, B., Last, M., Liebowitz, B., and Pister, K.S.J. 2001. “Smart Dust: Communicating with a Cubic Millimeter Computer,” Computer (34), pp. 44–51.

[2] Holler, M., Haarmann, J., van Giffen, B., and Frank, A. 2020. “Smart Dust in the Industrial Economic Sector – On Application Cases in Product Lifecycle Management,” Springer IFIP Advances in Information and Communication Technology (forthcoming).

[3] Holler, M., Dremel, C., van Giffen, B., and Fuchs, R. 2020. “Smart Dust und Micro Robots im industriellen Sektor – Chancen, offene Punkte und Handlungsempfehlungen,” Springer HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik – Special Issue on Robotics (under review).

Ansprechpartner & Kontakt

Dr. Manuel Holler (manuel.holler@zhaw.ch | +41 58 934 7060) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Product Management Center der ZHAW. Seine Forschung konzentriert sich auf digitale Innovationen für das industrielle Produkt- und Dienstleistungsgeschäft.

NPOs und die Corona-Krise

NPOs helfen seit jeher den Schwachen der Gesellschaft und nehmen daher eine wichtige Stützfunktion ein. In der aktuellen Corona-Krise rücken plötzlich andere Werte in den Vordergrund und die Solidarität nimmt einen wichtigen Platz ein. Wie verhält man sich aber als NPO in so einer Krise? Wie schaffen NPOs den Spagat zwischen Fürsorge und Selbstsorge in der Krise? Darüber haben wir mit Dr. Adrienne Suvada gesprochen.

Zu Beginn eine ganz allgemeine Frage: Wie geht es NPOs in der aktuellen Krise?

Das kann man pauschal nicht beantworten. Es braucht immer eine Differenzierung. Die aktuelle Pandemie nimmt in der Medienberichterstattung und im alltäglichen Leben sehr viel Raum ein, was natürlich absolut verständlich ist. NPOs, die sehr viel von Events und Veranstaltungen leben und dort ihre Spenden generieren, haben sicher sehr grosse Probleme. Genau wie bei Unternehmen, wurde auch der Terminkalender von NPOs stark durchgewirbelt und viele Projekte können nicht wie geplant durchgeführt werden. Durch das starke Augenmerk auf die Krise, ist es auch deutlich schwerer sich in den Medien zu positionieren.

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche NPOs, die gerade jetzt profitieren können. NPOs, die im Gesundheitsbereich operieren, NPOs, die Kinder im Fokus haben oder NPOs, die sich um Tiere kümmern. Gerade jetzt sind viele Menschen sensibilisiert und wollen etwas tun. Helfen kann man glücklicherweise auch vom Sofa oder Home Office aus. Die meisten NPOs bieten digitale Spendenmöglichkeiten an und so kann man auch in einer Krise weiterhin Gutes tun.

Auch in der Krise sollen die NPOs aktiv sein, meint Dr. Adrienne Suvada

Unter den NPOs gibt es unterschiedliche Branchen und NPO-Grössen. Welche NPOs sind von der Krise besonders stark betroffen?

Wenn ich einen Bereich hervorheben darf, so sind es sicherlich die kirchlichen Institutionen, die in der Osterzeit besonders betroffen sind. Gerade in einer Krise ist für viele Menschen die Religion ein wichtiger Halt. Natürlich gibt es viele online Angebote, aber hier sieht man auch etwas die Grenzen der Digitalisierung. Religion bedeutet eigentlich ja genau kein „Social Distancing“, sondern eben Nähe zu den Menschen. Hier ist es aktuell sicher schwer Spenden oder schlichtweg Nähe, zu generieren.

NPOs, die thematisch nah an der Krise sind (z.B. SRK, Ärzte ohne Grenzen, Pro Senectute, aha), können sicher Sichtbarkeit erlangen und werden auch ihre Community mobilisieren. Da gibt es die verschiedensten Initiativen, über Nachbarschaftshilfe bis zu Futterspenden findet sich alles. Auch die ZEWO hat eine Übersichtsseite mit Initiativen erstellt. Kleinere NPOs, die Spezialthemen bearbeiten, haben sicherlich Mühe. Wenn die Krise länger andauert und die Menschen beginnen deutlich zu sparen, so werden die Spenden ziemlich sicher schwieriger zu generieren sein.

Können Sie eine Einschätzung geben, mit welchen kurz- und langfristigen Folgen die NPOs nach der Krise zu kämpfen haben?

Generell glaube ich, dass die Sensibilität für NPO Themen zunehmen wird. Zumindest in unseren Breitengraden sind wir doch von Konsum beherrscht. Die Krise wird uns sicherlich noch einige Zeit beschäftigen, auch wenn wir relativ schnell in den Alltagstrott finden werden. Ich glaube aber, dass bei einigen ein nachhaltiger Effekt eintreten wird und sie sich aktiver für die Gesellschaft einbringen wollen. Es ist durchaus auch möglich, dass für das Gesundheitssystem oder andere jetzige Helden ein „Fukushima-Effekt“ eintritt und das Volk hier auch politisch Änderungen umsetzen will. NPOs sind sich generell einen harten Wind gewohnt und ich denke, dass sie auch nach der Krise stark sein werden.

Die jetzige Krise hat ausserdem einen sehr hohen Digitalisierungsschub verursacht. Es ist absolut wichtig, dass die NPOs hier den Anschluss nicht verpassen. Sie müssen nun umso mehr ein professionelles strategisches Marketing mit den passenden digitalen Instrumenten etablieren. Es ist ratsam, dass sich NPOs mit dem strategischen und digitalen Marketing ernsthaft auseinandersetzen, um sich nachhaltig zu stärken. Gerade die NPOs sollten die digitalen Möglichkeiten nutzen, um ihre sehr wichtigen Botschaften einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.

Besteht die Möglichkeit, auch in Krisenzeiten Spendenaufrufe zu machen? Denken die Menschen jetzt an Spenden?

Auch das kann man nicht pauschal beurteilen. Generell muss man beachten, dass viele aus unserer Gesellschaft aktuell in deutlichen existenziellen Nöten sind. Nicht alle haben einen monatlichen Lohn und können es sich, etwas überspitzt gesagt, im Home Office gemütlich machen und die Krise aussitzen. Man muss also bei Spendenaufrufen sehr sensibel vorgehen. Spendenaufrufe, die gerade aktuell sind und die Gesellschaft unterstützen, sind sicherlich sehr willkommen. Ich habe gerade vor einigen Tagen ein Beispiel gesehen, wo eine Tierauffangstation kein Geld mehr für Futtermittel hatte und dann glücklicherweise von einem Futtermittellieferanten Spenden in Futterform erhielt. Ein anderes Beispiel waren freiwillige Helfer, die Kindern aus sozialschwachen Familien bei den Hausaufgaben per Videochat geholfen haben. Solche Aktionen, durchaus nicht immer nur monetär, sind extrem wirkungsvoll und bleiben den Leuten im Gedächtnis.

Primär sollte bei allen die Hilfe für andere zuoberst stehen und keine Image- oder Fundraisingabsichten. Derjenige, der einem in der Krise hilft, an den erinnert man sich auch später wieder. Das gilt für NPOs, wie für uns alle gleichermassen. Gerade NPOs verfügen über gute Netzwerke und könnten hier ev. auch über Zusammenarbeiten und Kooperationen sehr gut Menschen/Institutionen und eben auch Tieren helfen. Man muss vielleicht auch mal die Fundraiserbrille abnehmen und das Herz sprechen lassen. Welche Angebote sind wirklich sinnvoll, wo können wir unsere Kräfte einsetzen, wo müssen wir mit anderen zusammenarbeiten? Ich glaube, wenn man so agiert, dann bekommt man irgendwann einen höheren Lohn zurück.

Spenden sind natürlich wichtig, aber man sollte offen für neue Wege des Helfens sein © Pixabay

Ganz zu Beginn haben wir die Frage gestellt, wie NPOs in und nach der Krise den Spagat zwischen Fürsorge und Selbstsorge schaffen können. Was sind hier Ihre abschliessenden Empfehlungen? Können Sie diese kurz zusammenfassen?

Ich habe vorhin die aktuellen Helden erwähnt. Für mich sind auch die unermüdlichen „NPO-Menschen“ Helden. Aus meiner Erfahrung sind sie extrem motiviert, arbeiten teilweise zu einem sehr geringen Lohn und versprühen viel Lebensmut. Jede NPO steht für etwas, sie vertritt gewisse Werte. Ich glaube jetzt ist es an der Zeit diese Werte wieder hervorzuholen und zu schauen, wie man sich als nützliches Glied in der Gesellschaft positionieren kann. An den vielen privaten Initiativen, die entstanden sind, kann man sehen, dass offenbar das Gute im Menschen noch vorhanden ist. NPOs sollten sich deshalb auch auf ihre inneren Werte besinnen, Gutes tun und das kommunizieren. Die Kommunikation ist für NPOs in dieser Phase entscheidend. Sie müssen ihre Community informieren und durch die Krise begleiten. Sie müssen auch darauf aufmerksam machen, wenn die Schwachen unserer Gesellschaft nicht gehört werden. Das ist eine wichtige Aufgabe, die sie, trotz Social Distancing, im digitalen Raum wahrnehmen können und müssen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die NPOs diese Krise als Chance sehen sollten. Sie müssen sich dort positionieren, wo es sinnvoll ist und sollten für pragmatische Lösungen und Kooperationen offen sein. Ausserdem ist es ratsam die Zeit zu nutzen, um sich mit dem digitalen und strategischen Marketing auseinanderzusetzen. In Zukunft müssen sie im digitalen Raum fit sein.

Marketingführung während und nach der Krise

Die aktuelle Pandemie hat auch Auswirkungen auf Marketingführungskräfte. Wie soll man jetzt sein Marketing ausrichten und wie bereitet man sich auf die Zeit nach der Krise vor? Welche Fähigkeiten brauchen die CMOs jetzt? Dies beantwortet uns der Leiter des Instituts für Marketing Management, Prof. Dr. Brian Rüeger.

Die Corona-Krise hat viele in ihrer Wucht überrascht, unter anderem auch Marketingführungskräfte. Nicht nur arbeiten viele Teams nun im Home Office, auch viele Kampagnen mussten gestoppt werden und viele Aufträge sind gestrichen worden. Was sollen Marketingführungskräfte jetzt tun, wie halten sie ihr Team zusammen?

In einer Krise zeigt es sich, ob Führungskräfte wahre Leader sind oder nur Manager. Wenn die Dinge gut laufen, können viele führen. Im Moment sind die Unternehmen sehr unterschiedlich von der Krise betroffen. Was für die einen völliger Stillstand ist, kann für die anderen Schichtarbeit bedeuten. Im Vordergrund stehen nicht mehr die klassischen Marketingziele wie Wachstum, Gewinnung von Marktanteilen und neue Produkte und Services, sondern vielmehr Liquiditätssicherung, Stabilisierung, Risikomanagement, Prozessumstellung und, als wichtigste Aufgabe von Führungskräften in einer Krise, das Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Grundsätzlich verkürzt sich für alle der überblickbare Zeithorizont auf Flug auf Sicht, was für die meisten nur Tage oder Wochen bedeutet.

Für Prof. Dr. Brian Rüeger stehen nun nicht mehr die klassischen Marketingziele im Vordergrund

Wenn praktisch die ganze Welt mit einem Virus kämpft, ist es moralisch überhaupt vertretbar noch Marketing zu betreiben? Etwas überspitzt gesagt, darf ich profane Produkte noch bewerben?

Dem ist grundsätzlich nichts Neues entgegenzusetzen, nur haben sich für viele die Prioritäten schlagartig verschoben und das reine Überleben ist in den Vordergrund gerückt. Zentral ist jedoch, dass sich durch die Krise das Mediennutzungsverhalten der Konsumenten von einem Tag auf den anderen massiv verschoben hat. Und obwohl sich die Märkte nach der Krise wieder erholen werden, die Welt wird nicht mehr die Gleiche sein. Werte werden verschoben, Verhalten und Einstellungen ändern sich. Ich muss wissen, was genau passiert und wie ich das Unternehmen neu darauf ausrichten kann. Das wird auch Auswirkungen auf die Kommunikation und mein Werbeverhalten haben.

Marketing wird nicht nur in Unternehmensabteilungen betrieben, da hängen diverse Agenturen und Einzelfirmen dran. Was würden Sie raten, wie sollten CMOs und die externen Dienstleister in dieser Zeit vorgehen?

In einer Krise sollte, im Privaten wie im Geschäft, nicht nur auf sich geschaut werden. Eine Krise bietet immer viele Gelegenheiten, langfristig wertvolle Beziehungen zu pflegen und zu zeigen, wer ich bin und für was ich stehe. Wenn ich alle Partner im Geschäft fallen lasse, wird das wie ein Bumerang später auf mich zurückkommen. Die Krise ist irgendwann vorbei und das Leben wird weiter gehen. Wir werden uns erinnern, wie Unternehmen und Geschäftspartner sich in der Krise uns gegenüber verhalten haben und umgekehrt. Wer die Möglichkeit hat, sollte Solidarität zeigen, es ist das beste Investment in die Zukunft.

Ein CMO ist auch unternehmensintern eine wichtige Figur. Durch die Krise wurde die Bedeutung der Digitalisierung schlagartig sichtbar. Nicht alle CMOs sind aber dafür gerüstet, auch persönlich. Welche Möglichkeiten gibt es, wenn man hier aktuell seine Kompetenzen auffrischen muss?

CMOs müssen lernen, mit einer sich stetig erhöhenden Dynamik und einer gleichzeitig wachsenden Komplexität umzugehen. Das hat Auswirkungen auf Strategie, Kultur und Prozesse. Wir haben hierfür den Executive Master in Marketing Leadership entwickelt, speziell für Führungskräfte. Es geht nicht nur um ein kleines Auffrischen der Kompetenzen, sondern darum, wie CMOs das gesamte Unternehmen digital transformieren können, damit diese Transformation nicht an den Kundenbedürfnissen vorbei geht. Es geht darum zu verstehen, wie sich die Spielregeln verändern und wie ich meine Marketingkompetenzen aufstellen muss, um langfristig erfolgreich zu agieren. Die Krise hat die Relevanz dieses Lehrgangs massiv verschärft.

Die CMOs müssen gerade jetzt ihre Kompetenzen schärfen und die Kundenbedürfnisse im Blick haben (Bild: Pixabay)

In Bezug auf die Weiterbildung, wie sehen Sie aktuell die Lage? Streichen die Leute ihre geplanten Weiterbildungen oder setzen sie umso mehr auf eine Weiterentwicklung?

Einerseits hat «Life Long Learning» noch lange nicht seinen Zenit erreicht und andererseits verhält sich die persönliche Weiterbildungsnachfrage immer antizyklisch und die Nachfrage nach unternehmensinterner Weiterbildung immer zyklisch zur Konjunktur. Genau das sehen wir auch in der aktuellen Krise. Zahlreiche Unternehmen stornieren und verschieben Inhouse-Schulungen, welche wir für sie massschneidern. Hingegen wächst das Interesse an persönlichen Weiterbildungen stark, vielleicht auch gerade, weil wir alles auf digital umgestellt haben. Nur wenige müssen aus persönlichen Gründen ihre aktuelle Weiterbildung verschieben.

Zum Schluss, wie solle man sein Marketing nun aufstellen, damit man auch nach der Krise wieder auf die Erfolgsspur zurückkehren kann?

Nachdem das Unternehmen stabilisiert ist, sollte man die Zeit nutzen, um mit dem Marketing das ganze Unternehmen vorwärts zu bringen. Die Frage stellt sich: Wie sieht das Next Level Marketing für Ihr Unternehmen aus? Die aktuellen Kompetenzen müssen analysiert und ein sinnvoller, durchführbarer Entwicklungspfad aufgezeichnet werden. Jedes Unternehmen muss wissen, was für sie «Next Level Marketing» bedeutet und was sie dazu benötigen. Dann kann Marketing nicht nur den Lead in der Digitalen Transformation, sondern auch den Lead im Neuaufbau nach der Krise übernehmen.

E-Commerce in Krisenzeiten

Aktuell geht es vielen Branchen und Unternehmen schlecht. Wo es aber die einen trifft, da können andere profitieren. Der E-Commerce, besonders im Food-Bereich, ist im Hoch. Immer mehr wollen ihre Einkäufe online bestellen und nach Hause liefern lassen. Wir haben dem E-Commerce Experten Dr. Darius Zumstein, einige Fragen zur aktuellen Lage gestellt.

Der Food Bereich war im E-Commerce immer eher schwach unterwegs, der Anteil an online eingekauften Lebensmittel war mit gut 3% sehr tief. Aktuell hat sich das schlagartig geändert. Besonders die grossen Anbieter haben mit dem Ansturm zu kämpfen. Warum ist es so schwierig, sich schnell auf die gesteigerte Nachfrage einzustellen?

Food-Onlinehändler wie Farmy und die Onlinesupermärkte wie coop@home, LeShop und Brack.ch waren schlicht nicht vorbereitet. Sie wurden überrumpelt und können die Lager- und Logistikinfrastrukturen kurzfristig nicht so schnell ausbauen. Die Explosion der Bestellungen betrifft die Beschaffung, die Lagerwirtschaft und vor allem die Logistikzentren.

Bei vielen Food-Onlinehändlern wurden und werden mit dem Ansturm die Personal-Ressourcen hochgefahren und zahlreiche neue Mitarbeiter eingestellt. Bei Brack.ch wurden innert einer Woche 50 neue Leute eingestellt, Digitec Galaxus sucht zurzeit 200 neue Mitarbeiter.

Dr. Darius Zumstein, E-Commerce Experte am ZHAW Institut für Marketing Management

Gemäss Thomas Lang, Geschäftsführer von Carpathia, ist im Bereich Food zurzeit nicht die Beschaffung und Zustellung das Problem, und auch nicht zusätzliche Schichten mit mehr Personal, sondern die Platz-Limitierungen in den Logistikzentren von Lebensmittelhändlern wie LeShop und coop@home. Kurz: Die Logistikzentren sind maximal ausgelastet. Die beiden Grossverteiler Migros und Coop können kurzfristig höchstens neue Modelle anwenden, in denen beispielsweise einzelne Filialen picken und kommissionieren, sprich die bestellten Produkte in ein Paket packen und verschicken. Als weitere Alternative könnten Verteilzentren umfunktioniert werden.

Den Food Pure Playern (Lebensmittel-Onlinehändler ohne Filiale) und Food Start Ups sind Grenzen gesetzt. Farmy beispielsweise hat eine begrenzte Anzahl lokaler Gemüse- und Früchte-Lieferanten und damit auch eine begrenzte Menge an lieferbaren Produkten. Aufgrund der Kapazitätsbeschränkungen kann Farmy etwa in der Ostschweiz erst am 18. April 2020 wieder liefern, wie sie in ihrem Onlineshop kommunizierten.

Der Lebensmittel-Onlinehändler Farmy ist bis zum 18. April 2020 ausgebucht (Quelle: Screenshot www.farmy.ch, am 23.03.2020)

LeShop hat sogar eine online Warteschlange eingeführt, dennoch sind praktisch alle Lieferfenster ausgebucht. Wenn jemand seine Einkäufe frühzeitig plant und zum Beispiel erst Ende April seine Lieferung bekommen möchte, kann er den Einkauf dennoch nicht abschliessen, weil die Lieferfenster nicht verfügbar gemacht werden. Weshalb gibt es nur so kurzfristige Lieferfenster? Wäre es nicht besser, wenn die Leute langfristiger planen würden?

Die Lieferfenster stehen in Abgleich mit den Produktverfügbarkeiten bei der Beschaffung, mit dem Vorrat am Lager und vor allem mit den erwähnten Kapazitäten der Bestellverarbeitung, inklusive dem Packen und Kommissionieren der Pakete.

Ein Food Logistiker bietet in der Regel keine Lieferfenster weiter als 10 bis 14 Tage an, weil er gar nicht weiss, welche Frischwaren er zu diesen Daten erhalten wird. Gemäss Praxisexperten wie Thomas Lang ist Food-Logistik um Faktoren komplexer als Non-Food, nur schon wegen der Verderblichkeit und den drei Klimazonen (z.B. tiefgefrorene und gekühlte Produkte).

Eine langfristige Planung der Einkäufe käme den Onlinelebensmittelhändlern sicher entgegen. Aber Konsumenten planen den Einkauf von verderblichen Lebensmitteln eher kurzfristig: Es wird das bestellt, was zeitnah in der laufenden und kommenden Woche konsumiert wird. Zudem verschärfen irrationale und übertriebene Hamsterkäufe (grosse Bestellmengen von Einzelkäufern) die Problematik.

Bei haltbaren Lebensmitteln ist die Situation anders. Hier wäre eine mittel- und langfristige Planung der Konsumenten umso wichtiger, damit kurzfristig Ressourcen für den Versand von frischen Lebensmitteln genutzt werden können.

Hinweis auf ausgebuchte Lieferfenster auf LeShop (Quelle: Screenshot www.leshop.ch, am 23.03.2020)

Gerade Risikogruppen sollten jetzt vermeiden einkaufen zu gehen. Könnten die online Händler diese Risikogruppen nicht bevorzugt behandeln? Gäbe es hier technische Möglichkeiten?

Ja, eine Bevorzugung der Risikogruppen ergibt beim Onlineeinkauf von Lebensmitteln sicher Sinn, damit diese nicht in die Filiale gehen müssen und sich damit einer erhöhten Ansteckungsgefahr aussetzen.

Über das Alter kann ein Onlineshop nicht selektionieren, da ein Kunde einen falschen Geburtstag angeben kann. Es wäre höchstens eine Authentifizierung über einen öffentlichen Personalausweis (Pass oder Identitätskarte) möglich, wie dies schon beim Onlineverkauf von Alkohol, Zigaretten oder Telekommunikationsprodukten geschieht.

Mit der Altersverifizierung könnte man aber nur über das Kriterium «Alter» selektieren, etwa Personen älter als 65 Jahre, nicht aber jüngere Risikogruppen mit gesundheitlichen Vorbelastungen (z.B. Herz- oder Lungenkrankheiten, Diabetes, Krebs). Um diese Risikogruppe beim Onlinehandel zu bevorzugen, bräuchte es eine elektronische Patientenkarte, die den Status «Risikogruppe» ärztlich garantiert und dokumentiert. Die Politik und die ganze E-Health Industrie ist nun gefordert, eine solche Lösung zu erarbeiten. Krankenversicherungen sollten hier die Initiative übernehmen und Lösungsvorschläge erarbeiten, ob und wie ein Status der Risikogruppe auf der «Schweizerischen Krankenversicherungskarte KVG», die jeder Bürger besitzt, elektronisch abgespeichert wird und bei der Bestellung im Onlineshop eingegeben werden kann.

Technische Lösungen zur Verifizierung der Risikogruppe müssen dann über einen Service in den Onlineshops implementiert werden. Solche Verifizierungen im Hintergrund geschehen heute schon, z.B. bei der Überprüfung der Bonität der Kunden. Selbstverständlich muss bei einer solchen Lösung der Datenschutz und die Datensicherheit garantiert sein. Ein nationaler oder internationaler Standard für alle Onlineshops ergibt hier sicherlich Sinn und sollte schnellstmöglich erarbeitet werden. Da im «Cross Border E-Commerce» der Onlinelebensmittelverkauf und -einkauf nicht an der Grenze haltmacht, braucht es international anerkannte und nutzbare Lösungen. Den Stein ins Rollen bringen muss aber der Bundesrat, die nationale Politik.

Kommen wir kurz zu kleineren Händlern. Viele mussten ihre physischen Läden schliessen. Wie schnell kann ein physischer Händler nun einen online Shop lancieren? Was muss er hier beachten?

Ein Onlineshop kann relativ schnell, innert wenigen Stunden, aufgeschaltet werden. Dazu gibt es kostenlose Open Source Content Management Systeme (CMS) wie zum Beispiel WordPress oder Drupal, mit welcher eine Website erstellt werden kann. Durch die Aktivierung eines E-Commerce-Moduls (Plugins) im CMS kann ohne Programmieraufwand ein Onlineshop lanciert werden.

Natürlich gibt es viele Funktionen, Prozesse und Tätigkeiten eines Onlineshops, die nicht so schnell möglich sind. Dazu gehört die Erstellung der Produktinformationen (Content wie Bilder oder Produkttexte), die Anbindung von Bezahl- und Logistik-Lösungen, die Bewerbung des Onlineshops, der Aufbau und Betrieb eines Kundenservices und eben des Lagers und Versands.

Grosses Potential in der aktuellen Krise sehe ich in den Onlineshops von Herstellern von Lebensmitteln und von Bauern, welche ihre Produkte direkt an die Konsumenten verkaufen können, ohne Umwege über Händler mit Kapazitätsschwierigkeiten. Die Landwirtschaft und Lebensmittelhersteller sollen ermutigt und gefördert werden, Lebensmittel direkt online zu verkaufen.

Die Krise bietet Potential für Lebensmittelhändler und Bauern, um ihre Kunden zu erreichen (Bild: Pixabay)

Ein E-Commerce unerfahrener Händler braucht ev. Unterstützung von Experten. Wie kann er hier die richtigen Partner finden, die ihm einen fairen Preis berechnen?

Beim Aufbau eines Onlineshops gibt in jeder Region Unterstützung von Digital-Agenturen und Freiberuflern. Es gibt auf E-Commerce spezialisierte Agenturen wie zum Beispiel Carpathia, Aioma, Garaio, relate digital, Unchained Commerce, Ufirst, MySign und Go2Flow. Für grosse Projekte sind Full-Service-Agenturen wie Namics, Unic oder Liip bekannt. Kriterien zur Auswahl von Agenturen und Onlineshop-Systemen gibt es viele und können auf Anfrage gerne zur Verfügung gestellt werden.

Ein E-Commerce Startup oder Händler, der einen neuen Onlineshop lanciert, braucht systematische und durchdachte Strategien und Konzepte im Bereich Digital Commerce und Marketing. Die Agenturen unterstützen kurzfristig bei der Umsetzung, mittel- bis langfristig muss das Know-how auch intern aufgebaut werden, um sich weniger abhängig zu machen. Dazu ist eine passende Weiterbildung sicher gut investiertes Geld.

Gibt es Tipps, wie diese kleineren online Shops auch nach der aktuellen Krise weiterbetrieben werden können? Kann man das nutzen, wenn sich die Kundschaft auf die online Möglichkeit gewöhnt hat?

Kleine Onlineshops sollten einen möglichst guten Service bieten, sich von der Konkurrenz abheben und die Kunden zufrieden stellen. Habe ich als Kunde gute Erfahrungen mit einem Onlineshop gemacht und werde ich, z.B. über einen Newsletter oder über soziale Medien, immer wieder an ihn erinnert, ist es wahrscheinlich, dass ich da wieder einkaufe.

Es braucht gute Kommunikation und Anreize, dass ich beim Anbieter meines Vertrauens nachbestelle. Sei es aufgrund des Nutzens des Produkts oder der Dienstleistung, attraktiver Angebote und nachhaltigen, kundenorientierten Lösungen.

Wie eine repräsentative Onlinehändlerbefragung der ZHAW zeigt, sind über die Hälfte aller Schweizer Onlineshops kleine Unternehmen mit 1 bis 4 Mitarbeitern. Die KMUs sind das Rückgrat unserer Volkswirtschaft, das müssen sie auch digital bleiben und werden.

Tragischerweise ist die Corona-Krise auch eine Digitalisierungs-Chance, aus welcher der E-Commerce und andere Bereiche der Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Bildung (eTeaching, eLearning) sicher gestärkt herausgehen.

Eine Digitalisierungs-Chance nicht nur für den E-Commerce Bereich (Bild: Pixabay)

Zum Schluss, wie ist die allgemeine Einschätzung zum E-Commerce? Werden die Zahlen gesamthaft massiv ansteigen und wird es für den Food Bereich allenfalls zu einem langfristigen Erfolg?

Ich bin überzeugt, dass das Umsatz-Wachstum im E-Commerce weitergeht, und zwar in sämtlichen Branchen. Schon vor Corona verdoppelten sich die E-Commerce-Umsätze alle vier Jahre, die aktuelle Krise verstärkt den Trend.

Wie nachhaltig der Nachfrage-Boom im Bereich Digital Food ist, bleibt abzuwarten. Einige Konsumenten gewöhnen sich sicher an diesen sicheren, bequemen, schnellen und einfachen Kaufkanal und verändern nachhaltig ihr Einkaufsverhalten. Viele Menschen werden ihre Gewohnheiten ändern und Lebensmittel online bestellen.

Andere Konsumenten, für welche der stationäre Einkauf ein wichtiges, reales und sinnliches Erlebnis ist und bleibt, werden wohl wieder in den Supermarkt zurückkehren.

Die Konsumenten werden künftig wieder die Wahlmöglichkeiten haben, welche zurzeit eingeschränkt sind. Die zurzeit ungewohnte Knappheit und Limitationen können für unsere Wohlstandsgesellschaft auch eine lehrreiche Erfahrung für die Zukunft sein. Etwa der Blick für das Wesentliche und Solidarische, gerade was die Grundversorgung existenzieller Bedürfnisse anbelangt.

Das IMM und die aktuelle Corona-Krise

Corona hat die Welt fest im Griff. Nicht nur die Politiker, sondern auch die Unternehmen sind stark von den Massnahmen betroffen. Auch das ZHAW Institut für Marketing Management musste sich zwangsläufig schnell adaptieren und auf die neue Situation einstellen. Deshalb hier ein kleiner Lagebericht aus dem digitalen IMM.

Die Digitalisierung beschäftigt das Marketing schon seit einigen Jahren, dementsprechend war auch das ZHAW Institut für Marketing Management seit jeher an den neuesten Trends und Entwicklungen dran und hat versucht diese auch im Unterricht einzubauen. Dennoch, eine solche Lage, wie sie aktuell herrscht, dies stellt auch das IMM vor Herausforderungen. Trotz digitaler Tools, lebt der Unterricht auch vom sozialen Austausch, von der nonverbalen Kommunikation, von der Mimik und dem persönlichen direkten Gespräch. In Zeiten von Corona ist es aber allen verständlich, dass dies aktuell nicht möglich ist und man nun zu Alternativen greifen muss.

Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf den Lehrbetrieb © Pixabay

Digital heisst nicht schlechter

Mitten im Semester die Inhalte zu digitalisieren oder eine Weiterbildung mit externen Dozenten auf digital umzustellen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Es ist zwar richtig, dass die Folien teilweise vorbereitet sind, aber der digitale Unterricht bringt Veränderungen mit sich. Dies ist für die Beteiligten nicht einfach und die Digitalisierung ist plötzlich für alle ein sehr aktuelles Thema. Zentral ist aber der Gedanke, den Prof. Dr. Brian Rüeger, Institutsleiter des IMM, formuliert hat: „Digital heisst nicht schlechter, das ist ganz wichtig. Digital muss für uns heissen, noch mehr zu bieten, noch besser zu sein.“ Diese Botschaft wird vom ganzen IMM getragen. Es gilt aufzuzeigen, dass ein digitaler Unterricht nicht eine minderwertige Variante des Präsenzunterrichts ist. Digital bietet sehr viele Chancen, vielleicht andere als in der Präsenzveranstaltung, aber diese schwierige Zeit kann ideal genutzt werden, Dinge auszuprobieren. Natürlich braucht es Veränderungen, aber wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass wir mit Telefonen Fotos schiessen? Vielleicht wird durch diese Corona-Krise der digitale Unterricht plötzlich zu einem ganz normalen Mittel im Portfolio der Lehrkräfte.

Es gibt keine Ausreden mehr, der digitale Unterricht muss nun umgesetzt werden © Pixabay

Virtuell wird zusammengestanden

Was heisst das nun konkret? Seit Anfang der Woche sind die IMMler dran, ihre Unterrichtseinheiten zu digitalisieren. Die Energie und das Engagement sind überwältigend. Hier wird aktuell grosser Einsatz gezeigt. Es wird versucht für die Studentenschaft und für die Weiterbildung angepasste Lösungen zu finden. Testläufe werden durchgeführt, Ideen werden ausgetauscht und was besonders schön ist, das IMM-Team funktioniert auch digital hervorragend. Die gegenseitige Unterstützung ist riesig und gerade in solch einer Krise wird aufgezeigt, ob ein Team wirklich zusammenarbeiten kann. Beim IMM ist das sicher der Fall. Werden einige Dinge nicht funktionieren? Sicher. Wird es technische Probleme geben? Sicher. Werden einige unzufrieden sein? Sicher. Das alles gehört zu einer aussergewöhnlichen Lage dazu. Jeder Fehlschlag nützt, um sich zu verbessern. Das IMM ist also trotz Corona-Krise und Home Office aktiver denn je und will fachlich kompetente Unterstützung bieten. Virtuell wird zusammengestanden und die Herausforderung ist angenommen!

Der Wandel im Handel – Digitalisierung im Travel Retail

Von Tanja Hasler

Der Fokus der Digitalisierung im modernen Marketing liegt auf dem individuellen Kauferlebnis, welches einen höheren Stellenwert erlangt hat als der reine Besitz des Produkts. Für das Marketing 4.0 bedeutet das, vom Sender in die Empfänger-orientierte Kommunikation und damit von der Verkaufsorientierung hin zu PR- und Image-Management zu wechseln.

Verbraucher möchten sich mit den Marken und ihren Werten identifizieren können. Somit sind die Brands gefordert, auf die subjektiven Bedürfnisse der potenziellen Kunden einzugehen und die Shopping-Erfahrung so einfach und komfortabel wie möglich zu gestalten. Dies ist auch im Reisedetailhandel eine Herausforderung. Es ist wichtig, sich den gesteigerten Erwartungen der digital beeinflussten Konsumenten anzupassen, um für ein angenehmes Kundenerlebnis zu sorgen und im Omni-Channel-Kontext relevant zu sein. Am Beispiel der Duty Free Shops am Flughafen Zürich, die von der Dufry Group betrieben werden, wird dies näher beleuchtet.

Die Customer Journey beginnt digital

Wir begleiten die fiktive Kundin Nina Meier auf ihrer persönlichen Customer Journey im Duty Free Shop, die bereits startet, als Nina das Ticket zu ihrer Traumdestination zuhause bucht. Ein «Reserve & Collect»-Banner lockt sie auf die Website https://zurich.shopdutyfree.com/de/. Nina ist nämlich wissbegierig, schliesslich möchte sie das Maximum aus ihrem Wochenendtrip holen. Schon öffnet sich ein Chatbot, um sie bei der Produktsuche zu unterstützen. Beim Scrollen entdeckt Nina das Dufry Treueprogramm RED, das aktuelle Rabatte auf Einkäufe als auch attraktive Angebote bei Kooperationspartnern verspricht. Tatsächlich lässt sie sich ungern Schnäppchen entgehen und installiert daher die RED App auf ihrem Mobiltelefon.

Die digitalen Möglichkeiten werden im Zürich Duty Free Shop genutzt © Dufry Group

Kundenorientiertes Einkauferlebnis

Der Tag des Abflugs ist gekommen und Nina steuert zielsicher in den Duty Free Shop. Beim Eingang erspäht sie die Möglichkeit, Schokoladenverpackungen nach eigenen Vorgaben zu personalisieren. Ninas Tante Erna liebt Schweizer Schokolade und hat eigentlich schon alles, was man sich wünschen kann. Nur Schokolade ist dann doch etwas wenig für den runden Geburtstag. Da kommt Nina die Special & Limited Edition des Highland Park-Whiskys gerade recht, die es ausschliesslich in den Duty Free Shops in Zürich zu kaufen gibt.

Ein Beispiel des personalisierten Marketings, die personalisierte Toblerone-Verpackung ©Tanja Hasler

Während sich Nina bei einer kostenfreien Beauty-Behandlung verwöhnen lässt, welche ein weiterer App-Vorteil ist, fällt ihr auf, dass alle Shop Assistants mit einem Tablet ausgestattet sind. Das ermöglicht eine bessere Produktberatung und erhöht die Kundenzufriedenheit. Zudem wird das Cross- und Up-Selling angeregt. Es kam, wie es kommen musste: Nina hat auch ein paar Dinge für sich entdeckt. Sie will diese jedoch ungern in den Kurzurlaub mitnehmen. Natürlich gibt es auch hierfür eine Lösung. Sie kann ihre Einkäufe deponieren lassen und später bei ihrer Rückkehr wieder abholen.

Eine starke digitale Vision

Das fiktive Beispiel zeigt, wie die digitalen Möglichkeiten bereits genutzt werden. Allerdings zeigt die Zukunft noch weitere Möglichkeiten auf, so arbeitet die Dufry Group aktiv daran, Anwendungen auf Basis von künstlicher Intelligenz einzusetzen, um neue Kooperationen zu bilden und damit die Innovationen rund um die Customer Journey voranzutreiben. Ziel ist es, das Shoppingerlebnis für den Kunden so angenehm wie möglich zu gestalten und seine Bedürfnisse früh zu erkennen. Die Zeit vor dem Abflug soll optimal genutzt werden können und die Kundschaft soll durch die digitalen Helfer unterstützt werden. Das Schlüsselwort ist auch hier Customer Centricity, also den Fokus voll auf den Kunden zu legen. Mit einer digitalen Plattform sollen alle relevanten Stakeholder eingebunden werden, um den Reisenden über alle Kontaktpunkte hinweg Produkterlebnisse anbieten zu können.

Die 360° Experience © Dufry Group

Über die Autorin

Tanja Hasler arbeitet als Executive Assistant bei der Dufry Group am Flughafen Zürich. Um sich für die Eröffnung von «THE CIRCLE» in 2020 und den damit verbundenen Aufgaben fit zu machen, besucht sie den CAS Marketing- und Corporate Communications an der ZHAW.

Extended Reality im Marketing

Von Dr. Jesse Bächler

Während beim Stichwort „Digitalisierung“ die einen feuchte Hände bekommen, weil ihnen noch so viel Arbeit bevorsteht, werden die anderen kribbelig, weil sich so viele tolle neue Möglichkeiten auftun. Wir haben mit Urs Langenegger gesprochen, der mit seinem Start-Up Bandara schon zahlreiche Kampagnen in der „erweiterten Realität“ umgesetzt hat.

Heute haben die meisten schon einmal irgendwo etwas von „Virtual Reality“, „Augmented Reality“ oder „Mixed Reality“ gelesen. Können Sie jeweils mit einem Beispiel erklären, was dahinter steckt?

Von Virtual Reality (VR) spricht man, wenn ein Betrachter mittels einer Brille (und Kopfhörer) komplett in eine andere Welt eintaucht. Bei 360°-Videos kann man sich dank Sensoren in der Brille frei umschauen, wie beispielsweise im 360°-Film von ewz zum Wegdes Stroms. Bei interaktiven VR-Experiences ist es gar möglich, mit Controllern mit der 3D- Welt zu interagieren und sich darin zu bewegen – so haben wir Menschen per VR in dieVaillant-Arena nach Davos gebracht, wo sie als Eishockey-Goalie Pucks fangen müssen.

Bei Augmented Reality (AR) handelt es sich um eine Technologie, die digitale Inhalte auf Smartphones, Tablets oder speziellen AR-Brillen in die reale Umgebung einbettet. Ein Beispiel dafür ist die App «IKEA Place», mit der man virtuelle IKEA-Möbel in seinen eigenen vier Wänden platzieren kann. Mixed Reality (MR) ist eine verbesserte Art von Augmented Reality: Dank Sensoren an den Geräten wird die eigene Umgebung erkannt und die digitalen Inhalte kontextspezifisch und sehr genau eingebettet. Die reale und die digitale Welt vermischen sich also. Die bekannteste Form von AR besteht aber wohl aus den Effekten bei Snapchat, Instagram oder Facebook, welche es erlauben, das eigene Gesicht oder die Umgebung mit allerlei digitalen Inhalten zu ergänzen.

Ganz vereinfacht kann man sagen, dass Virtual Reality die Leute überall hinbringt, Augmented Reality dafür alles zu den Leuten bringt. Zudem fassen die Begriffe Extended Reality (XR) oder «immersive computing» diese Technologien unter einem Dach zusammen.

Wem das Spiel „Pokemon Go“ in den Sinn kommt, wird sich fragen, ob VR/AR/MR überhaupt gewinnbringend im Marketing angewendet werden kann.

Wenn man sich vor Augen führt, dass das AR-Spiel «Pokémon Go» bisher rund 2.5 Milliarden US-Dollar umgesetzt hat, erkennt man auch den wirtschaftlichen Erfolg hinter dieser AR-Anwendung. Abseits der Unterhaltung werden XR-Anwendungen auch im Marketing bereits gewinnbringend eingesetzt. So setzen Kosmetik-, Brillen- oder Sneaker- Hersteller bereits auf AR-Experiences, wo man die Produkte vor dem Kauf in einem virtuellen «Try-On» bereits ausprobieren kann. Ein weiteres Beispiel ist die oben erwähnte «IKEA Place»-App. Solche AR-Anwendungen schlagen die Brücke zwischen physischem Retail und e-Commerce. Dass auch ganze Kampagnen in Augmented Reality umgesetzt werden, zeigte kürzlich Burger-King: mit einer AR-Funktion in der Burger-King-App konnte man Plakate und Anzeigen des Konkurrenten McDonald’s virtuell verbrennen und erhielt dafür einen kostenlosen Whopper. Nicht zuletzt ist es auch eindrücklich zu sehen, dass 70% der 200 Millionen täglichen Snapchat-User AR-Effekte nutzen, darunter natürlich auch gebrandete. Dass auch VR gewinnbringend eingesetzt wird, zeigen über 1’000 VR-Showrooms von Audi, in welchem die Kunden Autos und Ausstattung vor dem Kauf sehr akkurat sehen können. Während man mit AR-Marketing also bereits heute grosse Reichweiten erzielen kann, eignet sich VR insbesondere für Erlebnisse am POS, an Messen oder Events. Da noch nicht viele Schweizerinnen und Schweizer eine eigene VR-Brille besitzen, sind solche Erlebnisse umso faszinierender. Übrigens: Gerade kürzlich haben wir auf unserem Blog einen Beitrag zu den Möglichkeiten von AR im Marketing verfasst.

Urs Langenegger ist Co-Founder von Bandara (c) Bandara

Was sind denn die Voraussetzungen für Unternehmen, die mit VR/AR/MR arbeiten möchten?

Diese Technologien sind ein weiteres Medium, welches man für die Kommunikation nutzen kann. Wie Film oder Print bringen auch VR, AR und MR ihre eigenen Vor- und Nachteile. Wir sehen uns in diesem Bereich auch ein bisschen als Aufklärer, um Möglichkeiten und Use Cases aufzuzeigen. Wer eine gewissene Offenheit gegenüber neuen Technologien mitbringt, kann mit VR, AR und MR innovative Markenerlebnisse schaffen und Dinge ermöglichen, die bis vor kurzem noch nicht machbar waren – Stichwort „Virtual Try-Ons“.

Muss ich denn beispielsweise für ein AR-Projekt ein anderes Agentur-Briefing erstellen als etwa für eine klassische Plakat-Kampagne?

Nein. Auch bei AR-Projekten ist es für uns zuerst mal wichtig zu verstehen, welche Botschaft der Kunde vermitteln will und welche Zielgruppe er damit erreichen will. Wir sehen es als unsere Aufgabe, dem Kunden eine für sein Kommunikationsbedürfnis passende AR-Strategie vorzuschlagen. Oft ergibt es auch Sinn, bei einem Workshop gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, die sowohl aus Content-, als auch aus Technologie-Sicht sinnvoll ist und die gesteckten Ziele erreicht.

Welche technischen Entwicklungen sehen Sie für die nächsten 2-5 Jahre?

Nebst der fortschreitenden Verbesserung der Hardware in den Bereichen Auflösung, Bequemlichkeit, Komfort und Rechenpower im Bereich von Virtual Reality wird voraussichtlich Augmented Reality im Alltag viel wichtiger. Facebook, Samsung, Sony, Lenovo (und Gerüchten zufolge auch Apple) arbeiten an AR-Brillen, welche auch den Massenmarkt erreichen sollen. Sobald also AR-Brillen täglich gebraucht werden, wird es für Brands auch wichtig sein, in diesen virtuellen Umgebungen angemessen präsent zu sein.

VR begeistert: Emina erlebt Ihr Traumhaus mit der VR-Brille «Oculus Rift». (c) Bandara

Was ist aus Ihrer Erfahrung die grösste positive Überraschung, die Unternehmen mit VR-/AR-/MR-Kampagnen erleben?

Auch wenn diese Technologien bereits seit einigen Jahren bekannt sind: Gut gemachte VR-/AR-/MR-Inhalte schaffen es immer, auch bei Skeptikern ein Wow-Erlebnis zu hinterlassen. Spannend ist dabei, dass die Technologie dabei in den Hintergrund rückt. Wenn sich z.B. jemand eine VR-Brille aufsetzt, dann ist er mitten im Inhalt – man schaut sich um, als wäre man vor Ort,. und man interagiert so mit der Umwelt, wie man es auch in der Realität tut. VR, AR, und MR sind zwar hochentwickelte Technologien, aber sie sind ein Schritt näher beim Menschen als z.B. Computer, die man mit einer Maus bedient oder Smartphones, die man mit dem Finger bedient.

Urs Langenegger ist Co-Founder von Bandara und als Dozent im CAS Digital Brand Management tätig.

Digitale Kundenbeziehungen in der Immobilienwelt

Von Tina Zanotta

Die fortschreitende Digitalisierung prägt alle Branchen und Märkte. In den letzten Jahren beeinflusst sie auch die Immobilienbranche, welche im Vergleich zu anderen Bereichen eher spät auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen ist. Mit dem digitalen Wandel verändern sich nicht nur Märkte, Angebot und Nachfrage, sondern auch die Ansprüche und Bedürfnisse der Kunden sowie das Pflegen von Kundenbeziehungen. Wie reagiert Mobimo auf digitale Kundenbedürfnisse und was tut sie für ihre digitalen Kundenbeziehungen?

Aus Bereichen wie der Vermarktung und dem Verkauf von Immobilien ist der Nutzen der Digitalisierung bereits bekannt. Die Vermarktung findet seit einigen Jahren über Online Portale wie homegate oder immoscout24 statt, wo auch virtuelle Rundgänge eingesetzt werden. In anderen Bereichen des Immobilienmanagements, wie beispielsweise der Kommunikation mit bestehenden MieterInnen, steckt die Digitalisierung jedoch noch in den Kinderschuhen. Kundenbeziehungen werden nach wie vor analog oder via Telefon gepflegt – Kundenkommunikationen erfolgen per Briefpost oder via E-Mail.

Die Antwort von Mobimo lautet „Digital Customer Services“

Mobimo setzt stark auf digitale Lösungen, und das in allen Bereichen des Immobilienmanagements. Ihre neuste hauseigene Entwicklung ist das Digital Customer Services (DCS) System, welches erstmals im August 2018 für das Aeschbachquartier Aarau eingesetzt wurde.

Das DCS setzt sich aus drei miteinander verknüpften Anwendungen zusammen: Mieterportal, Arealinformationssystem und Service-Desk, wobei jede der genannten Anwendungen individuelle Informationsbedürfnisse der verschiedenen Benutzergruppen abdecken soll. Die BenutzerInnen können in drei Kategorien unterteilt werden: MieterInnen (Gewerbe und Privat), externe NutzerInnen (BesucherInnen und Umgebung), sowie Bewirtschaftung, Areal-, Site- und Facility Management (Mobimo-Mitarbeitende).

Bestandteile und Inhalte

Den externen NutzerInnen steht die Website zur Verfügung. Darauf werden Informationen zu Events und Neuigkeiten aus dem Quartier publiziert. Exklusiv für MieterInnen gibt es zusätzlich das Mieterportal. Der Zugriff erfolgt via Login auf der Website oder über die Applikation (App Store/Google Play). Auf dem Mieterportal werden für die MieterInnen spezifische Informationen wie Vertrag, Merkblätter und Anleitungen (beispielsweise für Backofen oder Geschirrspüler) aber auch Informationen zu Carsharing und Entsorgung angezeigt. Zusätzlich werden die MieterInnen mittels Push Mitteilungen (wenn gewünscht) über Neuigkeiten und Events informiert.

Startseite Mieterportal © Mobimo Management AG

Via Arealinformationssystem wird auf öffentlichen sowie semiprivaten Stelen kommuniziert: Semiprivate Stelen befinden sich in den Gebäuden (meist im Erdgeschoss neben dem Lift), während öffentliche Stelen auf dem Areal platziert sind. Diese werden für das Publizieren von nutzerrelevanten Informationen wie beispielsweise dem SBB Fahrplan, Lageplan, kommenden Events und für die Vermarktung freier Mietflächen genutzt. Auf den semiprivaten Stelen werden zusätzlich mieterspezifische Informationen (wie z.B. Meldungen zu einer Betriebsstörung) angezeigt.

Stele im öffentlichen und semiprivaten Bereich © Mobimo Management AG

Über den Service-Desk können Anliegen von MieterInnen via Webformular jederzeit kommuniziert werden. Wer den persönlichen Austausch wünscht, kann nach wie vor via Telefon mit dem Service-Desk in Kontakt treten. Die meldende Person sowie das Mietobjekt werden dabei automatisch vom System identifiziert und es wird ein Ticket erfasst. Bei beiden Kanälen kann von den MieterInnen jederzeit der Status des Tickets nachverfolgt werden.

Hauseigene Entwicklung mit vielen Vorteilen

Neben der Stärkung der digitalen Kundenkommunikation und einer massgeschneiderten Lösung waren die zeitnahe Abwicklung und automatische Triage von Kundenanfragen zur Entlastung der internen Organisation weitere Ziele der hauseigenen Entwicklung.

Für das Projektteam war es wichtig, die Anwendungen miteinander zu verknüpfen und eine vollintegrierte Lösung zu entwickeln, also ein System zu schaffen, das mit den bereits vorhandenen internen Systemen verknüpft ist und die Daten teilt, beispielsweise mit dem CRM-System (Customer Relationship Management System), auf welchem mieterbezogene Daten wie Kontaktangaben, Grundrisspläne oder Mietverträge verwaltet werden. Die Verknüpfung der Systeme ermöglicht unter anderem die Führung einer „virtuellen Mieterakte“, auf welcher alle relevanten Informationen und Interaktionen automatisch dokumentiert werden. Bei der Entwicklung spielte demnach die Erfüllung der datenschutzrechtlichen Anforderungen ebenfalls eine grosse Rolle.

Das DCS ermöglicht ausserdem eine segmentierte Informationsverteilung. Somit können Mobimo-Mitarbeitende sowohl kanal- und nutzerspezifisch als auch ortsunabhängig kommunizieren. Bei einer Integration des ganzen Portfolios wäre also eine schweizweite, zielgerichtete Kommunikation an alle Wohnungsmieter auf einem völlig neuen, einfacheren Weg möglich.

„Es werden Vorteile für extern und intern geschaffen – via unserer digitalen Kommunikationsmittel sind unsere Kunden stets „up to date“, egal, welche Information sie abrufen oder welche Anliegen sie anbringen möchten. Die ganze Betriebsorganisation ist via DCS verknüpft – Bewirtschaftung, Facility Management, Site sowie Arealmanagement können direkt und zeitnah mit unseren Kunden kommunizieren, und das von überall!“, so Manuela Stucki, Projektleiterin DCS. Gewerbemieter und externe Unternehmen können die Plattformen ausserdem für ihre eigene Werbung nutzen – Mobimo bietet auf Stelen, Website und Applikation digitale Werbeflächen für eine Monatsmiete an.

Wo geht die Reise hin?

Eine Endstation gibt es nicht, das DCS soll stetig weiterentwickelt und auf weiteren Liegenschaften und Arealen eingesetzt werden, so wie seit März 2019 im Areal Mattenhof in Kriens.

Mehr über die Mobimo und ihre Tochterfirma Mobimo FM Service.

Mehr über das Aeschbachquartier in Aarau: Facebook, Instagram, Aargauer Zeitung

Mehr über den Mattenhof in Kriens: App Store, Google Play, Luzerner Zeitung

Über die Autorin

Tina Zanotta arbeitet bei der Mobimo FM Service (einer Tochtergesellschaft von Mobimo) als Leiterin FM Planung & Projekte / Business Administration und ist stellvertretende Geschäftsführerin. Sie besucht aktuell den CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW – School of Management and Law.

Digitalisierung: Kultureller Wandel wird immer dringender

Von Dr. Jesse Bächler

Die diesjährige Connecta hatte vor allem die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft und auf die Geschäftsmodelle zum Thema. Die Appelle verschiedener Keynotes und Workshops betonten wiederholt die Bedeutung der menschlichen Komponente in diesem technisch getriebenen Umbruch.

Drei grosse Aufgaben für Unternehmen

In der digitalen Transformation sind Unternehmen darum gezwungen, ihre internen Silos aufzubrechen, also über verschiedene Bereiche, Arbeitsprozesse und Hierarchiestufen hinweg zu kooperieren. Bei diesen Kooperationen steht jeweils nicht Perfektion, sondern Geschwindigkeit im Vordergrund. Das Ziel dieser Geschwindigkeit ist es, Datenpunkte zu generieren, die dank eines installierten Feedback-Loops den nächsten notwendigen Schritt anzeigen.

Massiver kultureller Wandel verlangt

Zusammengenommen bedeuten diese drei Aufgaben nichts weniger, als dass von den Unternehmen ein massiver kultureller Wandel verlangt wird. Dieser Wandel ist darüber hinaus auch kein „nice to have“, sondern absolut fundamental für das weitere Bestehen. Denn fortlaufend treten neue Mittbewerber in den Markt ein, die sich gerade auf Kooperation, Tempo und Feedback spezialisiert und das entsprechende Gedankengut tief in der Unternehmenskultur verankert haben. Diese Botschaft ist jedoch nicht neu – woran sich alle die Zähne ausbeissen, ist die Umsetzung.

Die Connecta thematisierte die Auswirkungen der Digitalisierung © Post CH AG

Aufgabe 1: Kooperation

Um die Kollaboration und Kooperation zu fördern, bedürfe es entsprechender Anreize, Prozesse und Tools, teilte Thomas Husson von Forrester Research dem Publikum mit. Alles beginne, ende aber nicht mit Employer Branding. Der Referent wies damit auf die Wichtigkeit hin, die geeigneten Talente anzuziehen und zu halten. Einerseits ist dieser Aspekt zu begrüssen, denn er leitet den kulturellen Wandel bottom-up ein. Andererseits müssten Unternehmen wissen, wie sie den Spagat zwischen den „alten“ und den „neuen“ Arbeitskräften hinbekommen und alle mit auf die Reise nehmen können.

Aufgabe 2: Tempo

Während die Iterationsschlaufen kürzer und damit schneller werden, ist die digitale Verschiebung insgesamt ein mehrjähriger Prozess. Es wurde in verschiedenen Workshops darauf hingewiesen, dass sich Digitalisierungs-Cases in gewissen Branchen eher nach drei bis fünf, anstatt in nur einem fiskalischen Jahr amortisierten. Während gewissermassen die „willingness to digitalize“ enorm sei, geschehe sie oftmals noch zu wenig durchdacht.

Aufgabe 3: Feedback

Obwohl sich wohl jedes Unternehmen auf die Flagge schreibt, „kundenorientiert“ zu sein, bleibt die tatsächliche Offenheit für Feedback aus den Operations in die Strategie- und Prozessplanung ein Dauerbrenner. Feedback ist denn auch weniger ein Digitalisierungs-Thema, sondern mit Blick auf die Kundensegmente der Gen Y, Gen Z oder bereits Gen Alpha wichtig. Sie bilden die Käuferschaft der Zukunft, deren Bedürfnisse heutige Unternehmen verstehen und befriedigen können müssen. Ein simpler Reminder lautete: „Sprecht nicht über die Generationen, sondern mit den Generationen!“