Lehrformate und Unterrichtsmodelle

Lernen von Schwangeren – Ein innovatives Lernangebot im Bachelorstudium Hebamme

Beitrag von Gabriele Hasenberg

Foto: ZHAW

Was genau heisst es für eine werdende Mutter, schwanger zu sein und wie geht sie mit der neuen Situation um? Wie verändern sich Beziehungen, Interessen, Pläne, Beruf und Alltag? Welche Fragen tauchen auf? Wie informiert sich die Schwangere, welche Unterstützung braucht sie und was wünscht sie sich von einer Hebamme? Wie bereitet sich die Frau auf Geburt und Mutterschaft vor? Tausend Fragen, auf die die Hebammenstudentinnen* schon zu Beginn ihres Bachelorstudiums Antworten suchen.

Die meisten Hebammenstudentinnen am Departement G sind jung. Der Altersschnitt liegt bei Studienbeginn zwischen 22 und 23 Jahren. Vielfach bedeutet dies auch, dass sie mit dem Thema Schwangerschaft und Mutterwerden in ihrem eigenen Leben noch kaum in Berührung gekommen sind.

Andererseits wird von Ihnen im ersten Praktikum, wo sie nach fast zwei Semestern Theorieunterricht die ersten Erfahrungen im Berufsalltag sammeln, viel verlangt. Schon hier betreuen sie – zunächst noch unter Anleitung – Schwangere, gebärende Frauen oder Mutter und Kind kurz nach der Geburt und müssen dazu sowohl Fachwissen als auch Fertigkeiten, die zuvor im Skills-Unterricht trainiert wurden, mitbringen und anwenden. Wie sie in Kontakt treten können, was die Schwangere/Gebärende/junge Mutter von ihnen erwartet – diese Vorstellung bringen sie aus der exemplarischen Lernerfahrung im Projekt «Lernen von Schwangeren» mit.

Bald startet die neue Staffel

Für alle 66 Studentinnen, die im September mit dem Hebammenstudium beginnen, suchen wir also wieder die entsprechende Anzahl schwangerer Frauen, die Interesse haben, sich einige Male mit einer Studentin zu treffen, um mit ihr über die Schwangerschaft zu sprechen und sich gemeinsam darüber Gedanken zu machen, was in dieser Zeit passiert. Viele Hebammen und GynäkologInnen aus der Praxis, sowie Spitäler und Apotheken helfen mit, genügend interessierte Schwangere zu finden, indem sie Flyer verteilen und die Schwangeren ansprechen und auf das Projekt aufmerksam machen. Bis jetzt konnten so immer alle Studentinnen eingeteilt werden. Auch die Studentinnen selber machen kräftig Werbung und die Beiträge der Kommunikationsabteilung des Departements Gesundheit auf Facebook werden rege geteilt und geliked. Hören Sie hier zwei kurze Radio-Interviews mit der Projektleiterin Gabriele Hasenberg und der ehemaligen Projektteilnehmerin Tiziana Scheidegger:

Bevor es losgehen kann

Jede Studentin bereitet sich zusammen mit einer Dozentin, die ihr während des gesamten Studiums als Mentorin zugeteilt ist, auf ihr Schwangerenprojekt vor. Sie überlegt, was sie von der Schwangeren erfahren möchte, wie sie dazu beitragen kann, dass die Schwangere das Gespräch als vertrauensvoll wahrnimmt und wie sie verhindern kann, dass sie mit ihren Fragen möglicherweise zu weit geht. Sie erfährt, wie sie die Gespräche strukturieren kann, welche Vereinbarungen mit der Frau zu Beginn der Treffen hilfreich sind und dass Gesprächspausen für sie als Fragestellerin meist schon viel früher unangenehm empfunden werden, als dies für die Befragte der Fall ist.

Was tun, wenn die Schwangere Fragen stellt, die die Studentin ihr gar nicht beantworten darf, weil ihr für Beratungsgespräche Wissen und Fähigkeiten fehlen? Auf diese und andere Situationen bereiten sich die Studentinnen vor – auch darauf, dass sie Situationen antreffen könnten, in denen grössere Probleme offensichtlich werden und sie sich in einem solchen Fall von der Mentorin Unterstützung holen müssen. Die Schwangeren, die sich ab Anfang September auf der Projektwebsite anmelden können, werden unter Berücksichtigung des Wohnortes fortlaufend einer Studentin aus dem ersten Studiensemester zugeteilt. Die Einteilungen sind in der Regel gegen Ende des ersten Semesters abgeschlossen.

Wie die Gespräche zwischen Studentin und schwangerer Frau ablaufen

Sobald eine Studentin über die Zuteilung für das Projekt informiert wird, nimmt sie zeitnah Kontakt mit der Schwangeren auf und verabredet ein erstes Treffen. Hier sind grosse Gestaltungsspielräume vorhanden, wo, wie und wann das erste Treffen stattfinden soll. Die Herausforderung für die Studentinnen besteht darin, mit der Schwangeren in einen nicht mehr ganz privaten, aber doch auch noch nicht ganz professionellen Kontakt zu treten. Viele sind nervös, haben Respekt davor, einem fremden Menschen so nahe zu kommen und tasten sich zunächst einmal vorsichtig an die Situation heran. Die Erleichterung ist dann oft gross, wenn der erste Kontakt gar nicht so schwierig war, die Frau es der Studentin meistens auch leichtmacht indem sie sie herzlich begrüsst und ermuntert, alles zu fragen, was sie wissen möchte.

Für einige Schwangere ist es selbstverständlich, dass der Partner oder auch ältere Geschwister bei den Gesprächen dabei sind – andere planen sich die Zeit lieber ganz aus, damit sie sich ungestört unterhalten können. Viele laden die Studentinnen zu sich nach Hause ein, andere treffen sich «auf neutralem Boden» z. B. in einem Café, wenige nutzen einen Raum an der Eulach-Passage im Departement Gesundheit. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten und alle sind so individuell wie die Schwangeren, die mitmachen.

Foto: ZHAW

Was die Studentinnen lernen

Nach der ersten Kontaktaufnahme verfliegt die Anspannung meist schnell und viele Studentinnen staunen, wie leicht die Gespräche gelingen und wie schnell die Zeit dabei vergeht. Nach Projektabschluss reflektieren sie in kurzen Projektberichten Ablauf und Inhalt der Gespräche und ziehen ein Resümee, was sie daraus mitnehmen konnten. So und ähnlich klingt es in den Berichten:

«Es war erstaunlich, wie sehr sich die Lebensumstände und auch die Frau selber durch eine Schwangerschaft verändern. Das Leben wird komplett auf den Kopf gestellt.» —
«Mich überraschte die Offenheit der Schwangeren. Mit welchem Selbstverständnis sie sich mir öffnete und mich an ihrer Schwangerschaft teilhaben liess, beeindruckte mich sehr» —
Die Gespräche mit «meiner» Schwangeren ermöglichten mir eine neue Sichtweise auf das Thema Schwangerschaft zu bekommen. Es half mir zu verstehen, dass es auch in Ordnung ist, wenn eine Frau die Schwangerschaft nicht unbedingt als angenehm empfindet.»

Warum es auch für die Schwangeren ein interessantes Projekt ist

Es zeigt sich, dass nicht nur die Studentinnen an der Schwangeren interessiert sind, sondern auch, dass die schwangeren Frauen es sehr schätzen, wenn jemand zuhört, Gedanken teilt, staunt und nachfragt. Viele sind auch daran interessiert, von den Studentinnen mehr darüber zu erfahren, wie und warum sie Hebamme werden möchten.

Aber: Beraten dürfen die Studentinnen nicht; zu Beginn des Studiums fehlen ihnen dazu das Wissen und die Fertigkeiten. Damit müssen sich die Schwangeren vor Projektstart einverstanden erklären. Für die Studentinnen ist das nicht immer so einfach. Manches, das im Unterricht schon besprochen wurde, würden sie der Schwangeren gerne weitergeben, sind aber verpflichtet, sich damit zurückzuhalten und fachliche Beiträge den Hebammen und ÄrztInnen zu überlassen, die die Schwangere für die professionelle Betreuung vor der Geburt gewählt hat.

Wie es nach Projektabschluss weitergeht

Die allermeisten Studentinnen verabreden am letzten Treffen vor dem erwarteten Geburtstermin, dass sie nach der Geburt in Kontakt bleiben möchten. Natürlich sind sie sehr gespannt, zu erfahren, wie es Mutter und Kind während und nach der Geburt ergangen ist – auch wenn dieser Teil der Geschichte nicht mehr zum eigentlichen Projekt dazu gehört. Manchmal ist hier aber Geduld gefragt. Viele junge Familien sind nach der Geburt sehr damit beschäftigt, sich aneinander zu gewöhnen und einen neuen Rhythmus zu finden. Manchmal heisst das eben auch, dass der weitere Kontakt zwischen der jungen Mutter und der Hebammenstudentin noch ein wenig warten muss. Aber auch das ist eine ganz wichtige – wenn auch manchmal eine etwas schmerzliche Erfahrung, die viele Studentinnen machen.

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Zu Beginn des zweiten Studienjahres, wenn alle Babys geboren sind und die Studentinnen nach dem ersten Praktikum wieder in den Unterricht kommen, findet jeweils das Nachtreffen zum Projekt statt, an dem alle – Mütter mit Babys und Studentinnen – sich bei Kaffee und Kuchen im Departement Gesundheit wiedertreffen und sich über das Projekt und die Erlebnisse in der Zwischenzeit austauschen können. Ein fröhlicher und von meistens lautstarkem Kindergeplapper begleiteter Anlass.

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Die Online-Anmeldung ist ab Anfang September wieder offen: www.zhaw.ch/gesundheit/lernen-von-schwangeren

* im diesem Text wird jeweils die weibliche Form verwendet, da bisher ausschliesslich Studentinnen das Bachelorstudium Hebamme an der ZHAW aufgenommen haben. Künftige männliche Studenten und Projektteilnehmer sollen dadurch jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Beitrag von Gabriele Hasenberg

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