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Von Präsenz zu Blended Learning: Erfahrungsbericht zur Umgestaltung eines Mastermoduls

Ein Beitrag von Manuel Gil

Foto: Arthur Lambillotte/Unsplash

In den letzten Jahren bin ich als Dozent vier Mal pro Semester nach Fribourg oder Olten gereist. Ich übernachtete jeweils in einem Hotel, ging am Abend nochmals durch die Vorlesung, um am nächsten Tag 80-160 Studierende im obligatorischen Modul „Central Teaching“ von „D1 Data Management and Visualisation“ des Master of Science in Life Sciences zu unterrichten.

Kooperation: Master of Science in Life Science
Der Master of Science in Life Sciences ist eine Kooperation zwischen der Berner Fachhochschule (BFH), Fachhochschule Westschweiz (HES-SO), Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Zum Central Teaching kamen die Studierenden aus den verschiedenen Fachhochschulen an einem Ort zusammen. Ich unterrichtete mit einem Mix aus Vorlesungen und Übungen. Neben dem Central Teaching bot jede Schule ergänzend einen Übungsbetrieb an ihrem Standort an, ein sogenanntes „Local Teaching“ in kleineren Klassen, um die Studierenden enger zu betreuen.

D1 ist ein Modul mit 3 ECTS. Die Modulbeschreibung rechnet mit 90 Stunden. Davon sind 20 Stunden für eine Vorbereitungsphase, weitere 20 für die Nachbearbeitung und 18 für Selbststudium reserviert. Der Rest geht auf Unterricht im Rahmen des Local und Central Teaching.

Eine Sporttasche voll mit Prüfungen 
Ein Hauptteil von D1 führt in die explorative Datenanalyse ein. Für die statistischen Berechnungen und Grafiken verwenden wir die Programmiersprache R. Um die heterogene Klasse darauf vorzubereiten und die Studierenden auf einen minimalen Wissenstand zu bringen, stellen wir ihnen einen Online-Kurs auf Moodle zur Verfügung. Erfahrungen mit einem Vorgängermodul hatten gezeigt, dass nach Abschluss dieser Vorbereitungsphase eine Einstiegsprüfung hilfreich ist, um sicherzustellen, dass sich die Studierenden vorbereiten.

Diese Prüfung fand immer am ersten Tag des Central Teaching statt. Die 80-160 Studierenden mal 10 Blätter schweren Prüfungen brachte ich in einer Sporttasche mit und transportierte die ausgefüllten Schätze, schwer bedacht sie nicht zu verlieren, zurück nach Zürich. Nach der Korrektur musste ich die Prüfungen scannen und per Mail an die jeweiligen Hochschulen senden. 2019 schrieben sich etwa 200 Studierende für D1 ein. Die Prognosen sagten einen Anstieg voraus, den die verfügbaren Hörsäle (und meine Sporttasche?) nicht hätten fassen können.

D1 goes Blended Learning
In der Kooperation sind wir Lösungen von „Mehrfach halten“ über „Liveübertragung in zweitem Hörsaal“ bis hin zu „in einem Theatersaal auftreten“ durchgegangen. Wir entschieden uns für ein Blended Learning Konzept bei dem die Vorbereitungsphase, Central / Local Teaching und Nachbearbeitung wie oben beschrieben beibehalten wurden. Ziel war das Central Teaching in Blended Learning mit Online- und Präsenzphasen zu überführen und das Local Teaching als Präsenzveranstaltungen beizubehalten.

Das war alles vor Corona! In der Zwischenzeit ist viel passiert und viele Lehrpersonen mussten ungeplante Stunden arbeiten, um ihren Unterricht auf Online umzustellen und Neues zu lernen. Ich hatte für D1 das Glück, dass mir Gelder zugesprochen wurden und dass die E-Learning Elemente mit den Erfordernissen der Corona-Krise zusammenfielen. Central und Local Teaching laufen über 7 Wochen mit je einer Session pro Woche und sind neu als Blended Learning wie folgt gestaltet:

Material

  • Online-Kurs auf Moodle zur Vorbereitung; Grundlagen von Data Handling in R
  • Skript im PDF-Format mit Theorie, Beispielen und Übungen – das Herzstück des Moduls
  • R-Dateien mit Codebeispielen aus dem Skript und Lösungen der Programmieraufgaben
  • Screencasts der Vorlesungen des Central Teachings
  • Syllabus im PDF-Format der die Inhalte der Materialien auf die Wochen und die Gefässe „Selbststudium“, Central und Local Teaching abbildet und Orientierung bietet für das Selbststudium.
  • Moodle-Tests für die zwei theoretischeren Themen, damit die Studierenden ihr Verständnis testen und in Zoom Breakout-Sessions besprechen können.

Vorbereitungsphase und Einstiegstest: Die ehemals schriftliche Prüfung ist neu eine open Internet Prüfung auf Moodle mit Zufallsfragen, damit nicht alle Studierenden dieselben Fragen erhalten. Mit einer verkürzten Demoprüfung können sich die Studierenden vorbereiten.

Local Teaching findet weiterhin als Präsenzveranstaltungen in kleinen Klassen an den lokalen Standorten der Hochschulen statt. Die Local Teachers können auf die Bedürfnisse der Studierenden eingehen und individuelle Fragen zu den Übungen sowie den Programmcode besprechen. Zusätzlich bieten die Local Teachers weitere Kanäle wie z.B. E-Mail und ein eigenes Forum für Fragen an.

Central Teaching findet wöchentlich an einem Morgen für vier Lektionen statt. Ich beginne den Morgen live via Video-Konferenz, führe in das Tagesthema ein und gebe einen Fahrplan durch das Skript und die Videos vor. Mit der Begrüssung möchte ich die Studierenden aktivieren und an den Computer bringen. Danach arbeiten sie selbstständig mit den Materialien. Gleichzeitig stehe ich in einem Video-Konferenzraum für 1-zu-1 Fragen und Gespräche zur Verfügung. Dabei können wir Bildschirme und virtuelle Wandtafeln teilen. Um die Studierenden zu motivieren, am online Unterricht teilzunehmen und die Interaktion zu erhöhen, bespreche ich zwischendurch Lösungen, halte eine live Vorlesung, oder lasse die Studierenden die theoretischeren Themen in kleinen Gruppen in „Breakout-Sessions“ besprechen. Zusätzlich steht ein Moodle Forum für Fragen zur Verfügung.

Bewertung der Lernergebnisse: Der Einstiegstest wird zu 25% in der Modulnote gewichtet. Die frühere schriftliche Präsenzprüfung mit theoretischem und praktischem Teil, welche die restlichen 75% beitrug, wurde durch eine Projektarbeit ersetzt.

Projektarbeit: Die Studierenden arbeiten selbständig an einer individuellen Projektarbeit, bei der sie einen frei wählbaren Datensatz aus dem Internet durch alle behandelten Phasen der explorativen Datenanalyse bis hin zur Visualisierung führen. Für eine effiziente Korrektur müssen die Studierenden den Bericht in 20 Teilaufgaben strukturieren und für jede Aufgabe eine möglichst knappe Beschreibung (1 bis drei Sätze) ihrer Lösung liefern. Jede Teilaufgabe gibt zwei, keinen oder einen Punkt, je nachdem, ob sie „richtig“, „falsch / gar nicht“, oder „teilweise richtig“ erfüllt wurde. Ich lese den Bericht und gebe in einem Scoring Sheet via Drop-Down die Punkte (könnte man auch mit einer Rubrik direkt im Moodle umsetzen). Bei nicht voller Punktzahl mache ich einen kurzen Kommentar. Wenn ich Zweifel beim Bewerten habe, kann ich den Programmcode lesen. Korrigieren ist so hinreichend effizient und spannender als die traditionelle Prüfung.

Erstes Feedback der Studierenden
Im Herbstsemester 2020 haben wir eine erste Ausgabe des Moduls unterrichtet und evaluiert, wobei das Local Teaching wegen Corona nicht in Präsenz durchgeführt werden konnte. Die Studierenden waren generell zufrieden. Besonders gut bewerteten sie die Materialien und asynchronen Sequenzen. Dabei hoben sie die Videos, das Skript und die Strukturierung des Moduls hervor.

Kritisiert haben die Studierenden die Gestaltung des Central Teachings. Im Herbstsemester 2020 habe ich nur in der ersten Lektion eine sehr kurze Einführung gegeben und stand danach für 1-zu-1 Konsultation zur Verfügung. Die Konsultation wurde rege genutzt. Ein Teil der Studierenden hätte sich jedoch zusätzlich mehr Aktivitäten und Interaktion – sowohl mit mir wie auch mit Mitstudierenden – gewünscht. Die Kritik habe ich mit den oben beschriebenen Aktivitäten in das Projekt einfliessen lassen.

Some Lessons Learned

  • Die Online-Eintrittsprüfung erleichtert die Korrektur und die Kommunikation der Resultate an die Studierenden und lokalen Schulen. Zudem können wir leicht neue Fragen zur Sammlung hinzufügen. Das erleichtert das Zusammenstellen und Individualisieren der Prüfungen.
  • Mit den Materialien können die Studierenden das Modul im Prinzip im Selbststudium absolvieren und im Local Teaching Fragen stellen. Siehe dazu auch Eine Empfehlung für Lehrpersonen (unten).
  • Die Studierenden haben das Bedürfnis nach Interaktion, Aktivitäten und Networking. Nur mit Selbststudium und 1-zu-1 Fragen ist das Central Teaching nicht für alle nützlich. Networking ist auch ein Anliegen der Kooperation.
  • Das Local Teaching nimmt eine wichtige Rolle ein, um mit der heterogenen Grossklasse umzugehen.
  • Das Schlussprojekt ist einfacher und spannender zu korrigieren als die traditionelle Schlussprüfung. Zudem ist so ein Projekt auch näher an der Praxis der Masterarbeit und des Berufslebens, wo die Studierenden die explorative Datenanalyse einsetzen werden.
  • Die Videos sind sehr gut angekommen. Die Studierenden haben sie wiederholt herausgehoben.

Videoproduktion im Studio
Wir haben die Videos am Zentrum für Innovative Didaktik (School of Management and Law) gedreht. Das Studio produziert hauptsächlich „Talking-Head-Videos“. Bei dieser Videoform können Dozierenden in verschiedenen Einstellungen (von Kopf bis Höhe Bauchnabel) gefilmt werden, während sie mit Powerpoint vortragen.

Vorbereitung: Ursprünglich wollte ich meine Folien verwenden, merkte aber bald, dass grössere Anpassungen nötig waren. Ich habe die Lektionen in kürzere Einheiten von drei bis 13 Minuten eingeteilt. Mein Kollege, Simone Ulzega, hat etwas längere Videos erstellt, die neben Einführungen auch komplexere Erklärungen enthalten. Das Studio schlägt Formate vor (z.B. Seitenverhältnis, Schriftgrössen, Inhaltsmenge pro Slide), die wir einbezogen habe. Zur Vorbereitung gehört auch die Videogestaltung: In der Einführung bin ich zuerst alleine und dann vor Folien sichtbar. Im Mittelteil zeige ich nur die Folien. Und im Abschluss sieht man mich wieder. Der Abschluss referenziert das Skript und die darin enthaltenen Übungen. Während ich in Vorlesungen hauptsächlich frei spreche, habe ich den Text für die Aufnahmen „geskriptet“.

Dreh: Gedreht wird vor einem Greenscreen, so dass später Logos, Hintergrundfarben und die Folien eingebaut werden können. Zum Präsentieren hat man eine Art Teleprompter vor sich, der die Kamera enthält und einem die Presenter Notes anzeigt. Vom technischen Standpunkt aus konnte ich mich ganz aufs Präsentieren konzentrieren, manchmal längere Passagen sprechen und manchmal auf einer Folie hängen bleiben und Re-takes machen. Das Studioteam kümmerte sich um den Rest, das machte den ganzen Prozess sehr angenehm, unterstützend und effizient.

Nachbereitung: In der Nachbearbeitung schneidet das Studio die Videos, fügt Übergänge, Hintergrund, Logos, Medien, usw. ein. Die Videos werden auf Switchtube veröffentlicht und können bequem in Moodle verlinken werden.

Ich kann die Zusammenarbeit mit dem Studio sehr empfehlen. Durch die Arbeitsteilung konnte ich mich auf Inhalt und Form konzentrieren und den Rest den Profis überlassen. Neu gibt es ein ähnliches Angebot auch am Departement Life Sciences und Facility Management. Die Studierenden waren sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ein Teil favorisierte eher die einführenden Videos (wo sie mehr mit dem Skript arbeiten), andere Simones Videos mit eingehenderen Erklärungen.

Eine Empfehlung für Lehrpersonen
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in den Bereichen Mathematik, Statistik und Programmieren ein gutes Skript, das die gesamte Theorie und die Übungen enthält, Gold wert ist. Ein Skript schreiben ist viel Arbeit, aber eine gute Investition. Kombiniert mit einem detaillierten Syllabus, der auch die Lernziele enthalten kann, hat man ein robustes Rückgrat, an dem sich Dozierende und Studierende orientieren können. Die Inhalte eines Skripts lassen sich gut in andere Formate, wie Wandtafelvorlesung, freier Vortrag, Slideshow, Video, Moodle-Quizze, usw. übertragen und innerhalb der Skriptform weiterentwickeln. Interessant sind diesbezüglich sicherlich auch neue Formate wie z.B. Markdown oder das Mediawiki, denn leider sind PDF-Skripte nicht immer barrierefrei, was den Zugang für Studierende mit einer Sehbehinderung beeinträchtigt.

Ausblick
In Zukunft möchte ich die Vorbereitungsmaterialen straffen, die Moodle Seite überarbeiten und die eine oder andere Aktivität zum Central Teaching hinzufügen. Zudem möchte ich die Kommunikation mit und zwischen den Lehrpersonen der zentralen und lokalen Einheiten verbessern, damit wir Ideen und Erfahrungen austauschen und gewisse Kernaktivitäten einführen können.

Die Central Teachings in Olten und Fribourg waren immer eine besondere Erfahrung. Ich vermisse sie etwas. Um das Flair aufleben zu lassen, erwägen wir in der Kooperation ein „Central Teaching Treffen“ pro Semester in Präsenz zu gestalten. Im Vordergrund stände Socialising. Auch ein Event gemeinsam mit den anderen Daten-Modulen ist denkbar.

Digital Learning Projekte
Das ZHAW Departement Life Sciences und Facility Management fördert jährlich rund acht Digital Learning Projekte. Ziel des Programmes ist es, die Lehrpersonen bei der Digitalisierung ihrer Lehrveranstaltungen und Weiterbildungsangebote zu unterstützen, Synergien zu nutzen und den Wissensaustausch sowie die Vernetzung zu fördern. Kontakt bei Fragen zum Förderprogramm: Daniela Lozza, Verantwortliche Digital Education.

Ein Kommentar

  1. Bettina Mack Bettina Mack

    Danke für den spannenden Beitrag und den „Einblick“ in das Studio im Zentrum für innovative Didaktik.

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