Opt-In Kampagnen: das Permission Marketing und Datenteilbereitschaft in Zeiten von Big Data

Sind Opt-In Kampagnen von heute die Weiterentwicklung des Permission Marketings der 2000er Jahre? Wie gehen Unternehmen vor, wenn Sie im Rahmen neuer Geschäftsmodelle persönliche Kundendaten abrufen wollen? Und würden Sie wollen, dass Ihr Arbeitgeber weiss, wann und wie lange Sie nachts schlafen und wie es ihnen gesundheitlich geht?

Das klassische Permission Marketing aus den 2000er Jahren ist durch die Verbreitung des Internets als Kommunikationskanal in wesentlichem Masse getrieben worden. Es geht dabei primär um den Versand von Werbung, Newsletter oder Produktinformationen, und zwar mit der ausdrücklichen Erlaubnis (Permission) des Kunden.

Im benachbarten Deutschland ist beispielsweise die Einwilligung für E-Mail- und Telefonwerbung von Gesetzes wegen notwendig, wenn Unternehmen Kunden ansprechen wollen. Die so genannte Kunden-Einwilligungsklausel ist  für beispielsweise Versicherungsunternehmen oder aber insbesondere für Telekommunikationsunternehmen unlängst zu einem Standard KPI im Outbound-Geschäft. Das heisst, zum Kampagnenerfolg zählt, wenn der angesprochene Kunden weiterhin einwilligt, kontaktiert zu werden. Ähnliche Szenarien könnten sich auch in der Schweiz anbahnen.

Permission Marketing Lucco

Lag „gestern“ der Fokus des Permission Marketings auf der Einwilligung zur Ansprache von Kunden, geht es in Zeiten von Big Data und vernetzten Sensoren einen Schritt weiter: um das Teilen von persönlichen Daten. Kann ich Ihre Misfits-Gesundheitsdaten verwenden? Darf ich in Ihren Einkaufskorb schauen? Wo geben Sie überall Geld aus? Wo Sind Sie im Urlaub gewesen? Darf ich mir Ihre Kontakte anschauen? Die Durchdringung der Privatsphäre durch kommerzielle Unternehmen ist ein Phänomen der technologischen Entwicklung und damit auch Digitalisierung von Produkten, Services, Kommunikation und Prozessen.

Wie überwinden wir diese Hürde der Privatsphäre? Die Einwilligung von Kunden, persönliche Daten zu teilen, lässt sich im Dialog bewerkstelligen. Die Kunst, das Opt-In geschickt und nachhaltig abzuholen, wird in Zukunft ein wesentlicher Erfolgsfaktor sein, insbesondere für Kleinunternehmen (KMU). Denn diese verfügen  in der Regel nicht über eine grosse Plattform, wie Google, Amazon aber auch Coop und Migros, die es sich leisten können, die Einwilligung in den kleingedruckten AGBs zu platzieren (die dann meist ungelesen angenommen werden).

Wohin geht die Reise in einem abstrakten 2030? Wer weiss. Wenn sich die Sensorik in dem Masse weiterentwickelt, wie bisher, werden wir in Zukunft auch unsere Wahrnehmung über unsere Sinne technisch messbar, speicherbar und wieder-erlebbar machen können. „Magst Du meinen Surfurlaub auf Hawaii oder mein letztes Konzert am Openair erleben?“ Ja, wie wäre es, wenn Sie Ihr Leben immer und immer wieder im Replay erleben könnten?

Wie virale Werbevideos wirken

Über die Werbewirkung von Content Marketing-Massnahmen und deren Zusammenhänge wird häufig diskutiert. Eine Studie aus Rotterdam hat diese Thematik im Zusammenhang mit viralen Werbevideos untersucht.

Content Marketing zählt seit Jahren zu den Top Prioritäten im Digitalen Marketing.[1] Dahinter steht die Idee, mit informierenden, beratenden und unterhaltenden Inhalten seine Zielgruppen anzusprechen und den Kontakt mit dem Unternehmen oder seiner Produkte so zu gestalten, dass für den Kunden ein möglichst unmittelbar spürbarer Mehrwert entsteht. Letztlich ist interessanter Content einer der Hauptgründe, warum Menschen Marken in den Sozialen Medien folgen[2]. Während in B-to-B Märkten der Fokus des Content Marketing auf informativen und fachspezifischen Inhalten liegt, z.B. in Form eines Blog-Artikels, Whitepapers, E-Books oder Webinars, dominiert in Konsumgütermärkten der Unterhaltungswert von Inhalten, vorzugsweise in Form von Bildern und Videos. Sobald Content in den Augen einer Zielgruppe attraktiv ist, entsteht daraus aus Unternehmenssicht ein weiterer, zentraler Nutzen: Die Inhalte werden geteilt. Beim sogenannten viralen Marketing / Word-of-mouth Marketing besteht darin sogar das eigentliche Kernziel. Damit eine solche Marketingstrategie für ein Unternehmen auch im Hinblick auf die quantitativen Unternehmensziele Wirkung erzielt, hängt allerdings von einem zusätzlichen Faktor ab: Kaufen aufgrund der viralen Verbreitung des Contents tatsächlich mehr Menschen die Produkte des Unternehmens? Im Konsumgütermarketing ging man bisher davon aus, dass die beiden genannten Zielsetzungen – Anzahl «Shares» und «Views» auf der einen Seite, Markenbekanntheit und Kaufabsicht auf der anderen Seite – schwierig zu vereinbaren sind. Videos, die darauf ausgelegt sind, dass sie möglichst oft geteilt werden, entfalten wenig Wirkung hinsichtlich Kaufabsicht und Markenbekanntheit. Hingegen werden Videos, in denen die Marke und die Werbebotschaft dominieren, erfahrungsgemäss weniger geteilt. Zugunsten einer hohen Teilungsrate («Share Rate») hat man in Werbeagenturen und Marketingabteilungen daher häufig darauf verzichtet, in Storytelling-Videos der beworbenen Marke eine prominente Rolle zuzuweisen. Eine Studie der Rotterdam School of Management[3] zeigt nun, dass diese Vorurteile unberechtigt sind. Die Untersuchung zeigt, dass kein Zusammenhang zwischen einem dominanten Markenauftritt und der Teilungsrate eines Videos besteht. Werbevideos, die eine Geschichte erzählen, in deren Kern eine Marke oder ein spezifisches Produktmerkmal steht, werden nicht weniger oft geteilt. Die zwei diskutierten Wirkungsziele stellen somit keinen Trade-off dar. Nichtsdestotrotz tut man gut daran, seine Werbeziele und deren Messgrössen immer wieder kritisch zu hinterfragen.

[1] Econsulting & Adobe (2013). http://www.emarketer.com/Article/Content-Vaults-No-1-Marketing-Priority-2013/1009648

[2] Demand Metric (2014). http://www.demandmetric.com/content/content-marketing-plan-methodology

[3] http://www.rsm.nl/about-rsm/news/detail/3073-what-gets-some-product-content-talked-about-more-than-others/

Link zum eingebetteten Youtube-Video Puppyhood.

Swiss CRM Forum 2015

Das Swiss CRM Forum, die Marketing Leadership Konferenz, vereinigte am vergangen Dienstag mehr als 500 Führungskräfte in den Bereichen Marketing, Product Management und CRM im Zürcher Kongresshaus. Nebst spannenden Key-Notes, Best Practice Cases und Workshops konnten sich die Teilnehmenden auch an den Infoständen einiger Anbieter von Lösungen und Beratern, wie am Stand des IMMs, über die neuesten Trends in den jeweiligen Bereichen informieren.

Swiss CRM Forum 2015 - Marketing Leadership Konferenz

Panorama-Saal des Zürcher Kongresshauses

Ein Höhepunkt des Forums war die Vergabe der Swiss CRM und Swiss Marketing Leadership Awards. Institutsleiter Brian Rüeger durfte als Präsident der Jury den Marketing Leadership Award übergeben. Die Auszeichnung ging dieses Jahr an das Unternehmen CAMAG aus Muttenz. Die 1958 gegründete Schweizer Firma ist Spezialistin für Dünnschicht Chromatographie. Es gelang ihr trotz Frankenschock eindrucksvoll Kundenbeziehungen erfolgreich zu pflegen und seine Weltmarktführerschaft zu behaupten.

(v.l.n.r.: Stephan Isenschmid (Geschäftsführer Swiss CRM Forum), Bernhard Egger (Gewinner Swiss CRM Award, Geschäftsführer Schweiz und Österreich Walbusch), Dr. Markus Wyss (CEO, Head Sales & Marketing CAMAG) und Dr. Brian Rüeger (Leiter des Instituts für Marketing Management))

v.l.n.r.: Stephan Isenschmid (Geschäftsführer Swiss CRM Forum), Bernhard Egger (Gewinner Swiss CRM Award, Geschäftsführer Schweiz und Österreich Walbusch), Dr. Markus Wyss (CEO, Head Sales & Marketing CAMAG) und Dr. Brian Rüeger (Leiter des Instituts für Marketing Management)

Ein weiteres Highlight war die exklusive Präsentation der Swiss Marketing Leadership Studie 2015 auf dem Swiss CRM Forum. Die Studie ist eine Fusion der beiden bewährten Studienformate «Swiss CRM» und «Swiss Product Management». Das Institut für Marketing Management der SML hat dazu 2910 mittlere und grosse Unternehmen zufällig ausgewählt, von denen 525 den Fragebogen ausgefüllt haben. Die Befragung bei Inhabern, Geschäftsführern, Marketing-, CRM- oder Produktmarketing-Verantwortlichen hat ergeben, dass der Stellenwert des Marketings einen massgeblichen Einfluss auf die Performance von Unternehmen hat. So geben bspw. 41 Prozent der Top-Performer dem Marketing eine strategische Gewichtung innerhalb des Unternehmens. Insofern war der Untertitel des Forums „Die Marketing Leadership Konferenz“ mehr als passend gewählt.

SMLS2015

Studie downloaden

Haben Sie Fragen zur Studie? Dann können Sie sich an Marcel Hüttermann unter 058 934 76 98 oder per E-Mail an: marcel.huettermann@zhaw.ch wenden

 

Herzlich willkommen im Studiengang CAS Innovation, Customer Experience Management & Service Design

CAS Innovation, CEM & Service Design

Wie können Kundenerlebnisse nachhaltig verbessert werden und wie schaffen es Unternehmen, sich mit Ihren Angeboten und Serviceleistung dauerhafte Wettbewerbsvorteile zu sichern?

Im neuen Studiengang, welcher am 4. September 2015 begonnen hat, werden diese und noch viele andere Fragen beantwortet. Die Studenten lernen wie man systematisch Produkt- und Serviceideen von und mit Kunden sammelt und wie man erfolgreich, langfristige Angebote entsprechend den Kundenbedürfnissen entwickelt.

Warum ist ein kontinuierlicher Ausbau der Serviceleistungen so wichtig?

Da Produkte, gerade im globalen und stetig wachsenden Wettbewerb, immer austauschbarer werden, ist eine stetige Optimierung der Serviceleistungen für das weitere Bestehen eines Unternehmens von zentraler Bedeutung. Als Schlüsselwort fällt hier die Service Dominant Logic, welche eine neue Denkweise im Marketing darstellt, die einen Paradigmenwechsel von einer Güter-dominierten Logik (GDL) zur Service-dominierten Logik (SDL) fordert. Die Tatsache, dass sich zunehmend auch Unternehmen mit Produktfokus vermehrt mit Dienstleistungen auseinandersetzen, widerspiegelt sich auch in der Branchenvielfalt der Teilnehmenden, welche vom Finanzsektor bis hin zur Medizinbranche reicht.

Die vielseitigen Berufserfahrungen unserer Teilnehmenden integrieren wir deshalb im Unterricht, damit sie einerseits aus einer übergeordneten Managementperspektive und andererseits aus der Sicht eines Praktikers lernen, die spezifischen Methoden anhand von Praxisbeispielen anzuwenden

Das Studium ist unterteilt in Modul 1 «Service Design» und Modul 2 «Customer Experience Management».

Das erste Modul behandelt Vorgehensmodelle und Methoden des Service Designs. Man befasst sich mit der Nutzerforschung, welche beispielsweise beinhaltet, wie man Beobachtungen, Interviews und Tagebücher führt. Darüber hinaus entwickeln und testen die Studierenden auch Service-Prototypen.

Im zweiten Modul werden neue Strategien sowie Methoden zur Identifikation vielversprechender Innovationsfelder vermittelt und die Studierenden erfahren, wie man innovationsfreundliche Unternehmenskulturen schaffen kann. Zudem werden Erhebungen der Customer Experience durchgeführt und es wird erläutert, wie diese laufend verbessert werden können. Im Bereich Change Management werden Lösungswege aufgezeigt, wie Kundenorientierung in der Unternehmenskultur verankert werden kann.

Zum Studienstart, am vergangenen Wochenende, wurde mit dem oben beschriebenen Thema Service Dominant Logic begonnen. Dazu haben sich die Teilnehmer in der Theorie mit Beobachtungs- und Interviewmethoden befasst, die dazu dienen, Erkenntnisse über bestehenden Serviceleistungen eines Unternehmen zu gewinnen. Die theoretisch erlernten Methoden wurden auch gleich anhand von selber geführten Interviews, in der Praxis angewandt. Die daraus erhobenen Daten werden im kommenden Unterricht ausgewertet und weiterverarbeitet.

Wir freuen uns auf weitere spannende Lektionen im neuen Studiengang CAS Innovation, Customer Experience Management und Service Design.

PWA Praktikantin unterstützt das IMM für sechs Monate

Wir freuen uns sehr auf unseren Zuwachs im IMM Team und begrüssen Vanessa ganz herzlich. Wie immer stellt sie sich gleich selbst vor:

«Nach abgeschlossener Matura an der Kantonsschule Musegg in Luzern im Jahr 2012 legte ich ein Zwischenjahr ein, welches ich mehrheitlich mit dem Arbeiten im Gastgewerbe verbrachte.
Im Sommer 2013 begann ich dann an der Universität Luzern das Studium der Politischen Ökonomie. Obwohl mir das Studium thematisch sehr zusagte, musste ich leider erkennen, dass ich für das Studentenleben nicht geschaffen bin. Lieber wollte ich so schnell wie möglich anfangen «richtig» zu arbeiten. Jedoch war es schwierig, nur mit einer Matura irgendwo unterzukommen und noch eine Lehre zu beginnen entsprach auch nicht unbedingt meinen Vorstellungen.
matv_ZHAW_Mgmt-LAW_W3-431-2Nach einem Termin bei der Studien – und Laufbahnberatung war ich mir dann sicher, die perfekte Lösung für mich gefunden zu haben: Die Postmaturitäre Wirtschaftsausbildung PWA an der Kaderschule Zürich.
Diese Ausbildung kombiniert Theorie und Praxis genauso wie ich es mir vorgestellt habe; sechs Monate Schulteil mit schriftlichen und mündlichen Prüfungen und ein anschliessendes 18 monatiges Praktikum bei einer der Partnerfirmen der Kaderschule Zürich. So kam ich zu der ZHAW.
Da der Arbeitsweg von Nidwalden nach Winterthur aber zu lang wäre und der Zufall noch etwas mitspielte, wohne ich jetzt unter der Woche in einer WG mit einer Freundin aus Kanti-Zeiten im Kanton Thurgau.
So ziemlich jedes Wochenende kehre ich aber nach Nidwalden zurück um dort Zeit mit Freunden und der Familie zu verbringen.
Die ersten beiden sechsmonatigen Praktikumsteile absolvierte ich beim Zentrum für Strategie and Operations und im Centre for Innovation and Entrepreneurship.
Dort konnte ich ganz zu meiner Freude einige verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Unter anderem war ich übergangsmässig Kursmanagerin für die CTI Entrepreneurship Kurse und habe auch im ansonsten einige Weiterbildungskurse selbständig administriert.
Dies war, wenn es auch am Anfang ein ziemlicher Schubs ins kalte Wasser war, eine tolle Erfahrung, aus der ich sehr viel mitnehmen konnte.
Nun freue ich mich über den Wechsel ins IMM und auf die neuen Aufgaben die auf mich warten.»

 

«Ich lerne immer wieder Neues dazu. Das reizt mich.»

In der aktuellen Ausgabe der INLINE des Dachverbands der FH Schweiz erschien ein Interview mit unserer Wissenschaftlichen Mitarbeiterin Verena Berger über ihre Forschungstätigkeit .

Augustausgabe der INLINE des Dachverbandes FH Schweiz http://www.fhschweiz.ch/de/media/

Augustausgabe der INLINE des Dachverbandes FH Schweiz

Frau Berger, Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW und schreiben eine Doktorarbeit an der Technischen Universität Berlin. Forschung ist Ihr tägliches Brot. Was fasziniert Sie daran?

Was mich reizt, ist, dass ich immer wieder Neues lerne. Es wird nie langweilig. Mal kreiert man einen Fragebogen, dann führt man Experimente durch, beschäftigt sich mit Methoden oder wertet etwas aus. Ausserdem steht man in Kontakt mit verschiedensten Leuten: Man tauscht sich im Team aus, spricht bei den Interviews mit Probanden, steht mit dem Auftraggeber im Gespräch. Forschung ist also gar nicht so trocken, wie ich mir vorgestellt hatte.

Zu forschen war nicht immer Ihr Ziel?

Nein, überhaupt nicht. Hatte mir jemand prophezeit, dass ich mal eine Doktorarbeit schreibe, hatte ich gesagt: «Nee, ich doch nicht.»

Was hat den Sinneswandel ausgelöst?

Der kam ganz allmählich, Schritt für Schritt. Zuerst absolvierte ich ein Bachelorstudium in den Niederlanden. Dahin hatte es mich gezogen, weil ich in Englisch studieren wollte. Anschliessend hatte ich gar nicht geplant, weiter zu studieren.

Stattdessen kamen Sie in die Schweiz.

Ja, der Liebe wegen. Und ich fand meine jetzige Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW. Hier arbeite ich am Institut für Marketing Management der ZHAW, in der Fachstelle Behavioral Marketing. Da dreht sich alles um Konsumentenverhalten und wie sich dieses verändern lässt. Oft ist das Ziel ein nachhaltiger Konsum.

Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?

Meine Arbeit besteht aus der Mitarbeit in Forschungsprojekten und aus Tätigkeiten in der Lehre. Ich betreue zum Beispiel auch Bachelorarbeiten, gebe Übungsstunden in Marketinggrundlagen und vermittle Nachhaltigkeitsthemen in verschiedenen Weiterbildungskursen.Zitat 1 Verena

Und was beschäftigt Sie aktuell am meisten?

Meine Doktorarbeit. Nach wenigen Monaten an der neuen Stelle hatte man mir gesagt: «Verena, mach doch noch den Master. Du kannst das.» Ich dachte, Neues lernen ist immer gut. Also absolvierte ich neben der Arbeit das Masterstudium in Business Administration. Nach dem Abschluss hatte ich irgendwann wieder das Gefühl, dass noch etwas kommen muss – wenn nicht an der Hochschule, dann in Form einer neuen Herausforderung ausserhalb dieses Umfelds. Weil einer unserer Professoren in Winterthur mich dazu motivierte, begann ich mit dem Gedanken an eine Doktorarbeit zu spielen. Und machte mich schliesslich auf die Suche nach einem Betreuer.

Das ist ja als Fachhochschulabsolventin nicht ganz einfach.

Allerdings. Wer von der Fachhochschule kommt, hat es schwer. Fachhochschulen selbst verfügen nicht über das Promotionsrecht. Man ist also gezwungen, es extern zu versuchen. Hinzu kommt, dass hier in ausgeschriebenen Doktorandenstellen meist die Schweizer Staatsbürgerschaft verlangt wird. Deshalb habe ich als Deutsche primär in Deutschland gesucht. Doch auch da war es schwierig. Fast überall galt als Voraussetzung ein Universitätsabschluss. Zudem werden Studierende der eigenen Universität bevorzugt und am liebsten werden Leute mit Bestnoten gewählt.

Aber Sie hatten Glück.

Ja, ich kam durch eine Mentorin, die ich in einer Weiterbildung kennengelernt hatte, in Kontakt zu meinem heutigen Doktorvater und konnte ihn treffen. Mein Thema sagte ihm zu. Und die Technische Universität Berlin überlässt es der Einschätzung der Professoren, ob jemand als Doktorand geeignet ist. So habe ich diese tolle Chance bekommen.

Herzliche Gratulation! Und worum geht es in Ihrer Arbeit?

Das Thema heisst Gamification zur Forderung eines nachhaltigen Ernährungsverhaltens. Gamification bedeutet, spielerische Elemente in einem spielfremden Kontext einzusetzen. Man kennt das aus den Apps. Es gibt zum Beispiel Laufapps, die zur Belohnung Punkte verteilen, wenn man beispielsweise eine bestimmte Distanz erreicht hat. Auch kann man sich mit Freunden oder einer Community in sogenannten Leaderboards vergleichen. Dies sind typische Spielelemente.

Wie kommt die nachhaltige Ernährung ins Spiel?

Nachhaltige Ernährung ist komplex. Sie muss gesund und schmackhaft sein, aber auch biologisch, saisonal und regional. Es steht wenig Fleisch auf dem Speiseplan, und die Produkte sollten minimal verarbeitet und verpackt sein. Die Frage ist, wie man Spielelemente nutzen kann, um entsprechendes Verhalten zu fördern. Und vor allem: «Geht das überhaupt?» Das herauszufinden, ist meine Grundidee. Die Wirksamkeit dieser Elemente in diesem Kontext ist meines Wissens noch nicht wissenschaftlich untersucht worden: Man geht zwar davon aus, dass sie funktionieren, aber eine konkrete Studie wurde nie durchgeführt. Hier werde ich ansetzen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Ich möchte dies experimentell untersuchen. Einerseits will ich herausfinden, was die Leute motiviert. Beim Energiesparen hat man festgestellt: Es reicht bei bestimmten Konsumenten nicht, wenn sie wissen, wie viel Energie sie im Vergleich zu anderen sparen. Erst wenn sie belohnt werden mit Punkten oder Smileys, funktioniert es. Ich möchte nun prüfen, wie sich dies bei nachhaltiger Ernährung verhält. Andererseits interessiert mich, mit wem sich die Leute vergleichen wollen: Ist dies der Bevölkerungsdurchschnitt, die Community oder mein bester Freund?

Und danach, wie geht es weiter?Zitat 2 Verena

Erkenntnisse aus der Literatur und aus ersten Untersuchungen sollen in ein optimales Gamification-Design einfliessen. Dieses soll im Rahmen längerfristiger Untersuchungen auf seine Wirksamkeit im Feld geprüft werden.

Also sehr angewandt und praxisnah?

Ja, genau. Einen solchen Ansatz verfolgen wir auch in unserer Fachstelle: Wir hören nicht auf, wenn wir Erkenntnisse gewonnen und Massnahmen entwickelt haben. Wir setzen auch um und prüfen, ob es funktioniert. Das ist das Spannendste daran.

Wo stehen Sie mit der Doktorarbeit?

Zurzeit beschäftigt mich ein konzeptioneller Artikel, den ich bald einreiche. Darin beschreibe ich auch, wie ein mögliches Gamification-Design aussehen könnte. Um dieses zu testen, sind noch ein paar technische Herausforderungen zu lösen, zum Beispiel eine Verknüpfung mit einem Onlineshop. Aber dann soll es mit einem ersten Testlauf losgehen.

Wie finanzieren Sie die Arbeiten?

Dank einem Beitrag der Stiftung Suzanne und Hans Biasch zur Förderung der Angewandten Psychologie kann ich parallele Studien durchfuhren, die zur Entwicklung des Gamification-Designs beitragen. Die weitere Finanzierung ist noch offen. Davon hängt auch die Gestaltung der nachfolgenden Untersuchung ab. Will man Leute beispielsweise beim Einkaufen begleiten, ist das spannend, es wird aber auch schnell sehr aufwendig.

Bisher machten Sie Ihre Doktorarbeit in der Freizeit. Da muss Enthusiasmus und Herzblut auch fürs Thema dahinterstecken.

Was die Gamification betrifft, habe ich mich einfach gefragt, was hinter diesem Hype steckt, ob das überhaupt etwas bringt. Die Fragestellung kam also eher aus einer kritischen Haltung heraus.

Sie sind kein spielerischer Typ?

Nein. Spielerisch bin ich nur, wenn es darum geht, Dinge auszuprobieren. Oder beim Memory. Mit Brettspielen kann ich nicht viel anfangen. Auch bin ich kein Smartphone-Junkie. Ich benutze zwar eine Laufapp, aber teile meine Aktivitäten nicht und bin auch nicht auf Facebook.

Es ist also die Nachhaltigkeit, die Sie antreibt.

Ja, hier steckt mein persönliches Interesse. Woher das kommt, kann ich gar nicht sagen. Meine Eltern haben zwar den Mull getrennt, und ich war viel draussen in der Natur, aber das war alles. Irgendwann habe ich wohl einfach festgestellt, dass wir nicht so weitermachen sollten wie bisher. Es ist mehr die Sorge darum, wie es auf unserer Erde in zehn, zwanzig Jahren aussieht.

Wie beeinflusst diese Sorge Ihr Leben?

Das Thema ist immer präsent. Was Lebensmittel betrifft, kaufe ich nur regionale Produkte, die auch Saison haben. Zudem esse ich kein Fleisch. Abgesehen davon habe ich ein «Fairphone», ein etwas fairer hergestelltes Smartphone, und eine kleine Solaranlage auf dem Balkon. Mobil bin ich mit dem öffentlichen Verkehr und dem Velo. Ich vermeide es, zu fliegen. Nur einmal ging es nicht anders, weil die Reise sonst extrem umständlich geworden Ware. Da musste ich allerdings sehr mit mir kämpfen.

Wie reagiert Ihr Umfeld?

Neulich hat mir jemand gesagt, wie bewundernswert das alles sei. Ich weiss nicht, ob das jeweils ernst gemeint ist. Denn viele verstehen es, glaube ich, nicht so ganz. Auch schon hat sich jemand bei mir entschuldigt, weil es bei einem Apéro Plastikbecher gab. In solchen Situationen komme ich mir etwas komisch vor. Jeder soll schliesslich leben, wie er möchte.

Sie studieren in Berlin und arbeiten in Winterthur. Wie reisen Sie?

Ich muss nur zweimal pro Jahr zu Doktorandenkolloquien nach Berlin fahren. Dann reise ich mit dem Nachtzug. Der grösste Teil des Kontakts läuft über E-Mail und Telefonate.

Welche Eigenschaften braucht es, um eine gute Forscherin zu sein?

Eine innere Motivation und persönliches Interesse am Thema sind das A und O. Daneben braucht es tolle Kollegen. Ich arbeite an der Fachstelle mit super Leuten zusammen, die mich täglich inspirieren, motivieren und unterstutzen. Und ab und zu braucht es gedanklichen Freiraum.

Wo finden Sie diesen?

Definitiv nicht im Büroalltag. Nur Kopfarbeit ist gar nichts für mich. Ich brauche unbedingt den sportlichen Ausgleich: Jogging und Rennvelofahren bringen mich auf neue Ideen. Und wenn ich einfach mal an nichts denken möchte, nähe ich (lacht). Nähen ist sozusagen mein Yoga, da kann ich prima abschalten.

Und Zukunftspläne schmieden?

Eigentlich nicht. Mein nächster Meilenstein ist meine Doktorarbeit. Ich hoffe, dass ich sie spätestens 2018 abschliessen kann. Je nach Ergebnissen lasst sich vielleicht etwas daraus entwickeln, zum Beispiel eine App oder ein Ernährungstool. Darüber hinaus habe ich im Moment keine Pläne und bin ganz offen.

Irrational