Extended Reality im Marketing

Von Dr. Jesse Bächler

Während beim Stichwort „Digitalisierung“ die einen feuchte Hände bekommen, weil ihnen noch so viel Arbeit bevorsteht, werden die anderen kribbelig, weil sich so viele tolle neue Möglichkeiten auftun. Wir haben mit Urs Langenegger gesprochen, der mit seinem Start-Up Bandara schon zahlreiche Kampagnen in der „erweiterten Realität“ umgesetzt hat.

Heute haben die meisten schon einmal irgendwo etwas von „Virtual Reality“, „Augmented Reality“ oder „Mixed Reality“ gelesen. Können Sie jeweils mit einem Beispiel erklären, was dahinter steckt?

Von Virtual Reality (VR) spricht man, wenn ein Betrachter mittels einer Brille (und Kopfhörer) komplett in eine andere Welt eintaucht. Bei 360°-Videos kann man sich dank Sensoren in der Brille frei umschauen, wie beispielsweise im 360°-Film von ewz zum Wegdes Stroms. Bei interaktiven VR-Experiences ist es gar möglich, mit Controllern mit der 3D- Welt zu interagieren und sich darin zu bewegen – so haben wir Menschen per VR in dieVaillant-Arena nach Davos gebracht, wo sie als Eishockey-Goalie Pucks fangen müssen.

Bei Augmented Reality (AR) handelt es sich um eine Technologie, die digitale Inhalte auf Smartphones, Tablets oder speziellen AR-Brillen in die reale Umgebung einbettet. Ein Beispiel dafür ist die App «IKEA Place», mit der man virtuelle IKEA-Möbel in seinen eigenen vier Wänden platzieren kann. Mixed Reality (MR) ist eine verbesserte Art von Augmented Reality: Dank Sensoren an den Geräten wird die eigene Umgebung erkannt und die digitalen Inhalte kontextspezifisch und sehr genau eingebettet. Die reale und die digitale Welt vermischen sich also. Die bekannteste Form von AR besteht aber wohl aus den Effekten bei Snapchat, Instagram oder Facebook, welche es erlauben, das eigene Gesicht oder die Umgebung mit allerlei digitalen Inhalten zu ergänzen.

Ganz vereinfacht kann man sagen, dass Virtual Reality die Leute überall hinbringt, Augmented Reality dafür alles zu den Leuten bringt. Zudem fassen die Begriffe Extended Reality (XR) oder «immersive computing» diese Technologien unter einem Dach zusammen.

Wem das Spiel „Pokemon Go“ in den Sinn kommt, wird sich fragen, ob VR/AR/MR überhaupt gewinnbringend im Marketing angewendet werden kann.

Wenn man sich vor Augen führt, dass das AR-Spiel «Pokémon Go» bisher rund 2.5 Milliarden US-Dollar umgesetzt hat, erkennt man auch den wirtschaftlichen Erfolg hinter dieser AR-Anwendung. Abseits der Unterhaltung werden XR-Anwendungen auch im Marketing bereits gewinnbringend eingesetzt. So setzen Kosmetik-, Brillen- oder Sneaker- Hersteller bereits auf AR-Experiences, wo man die Produkte vor dem Kauf in einem virtuellen «Try-On» bereits ausprobieren kann. Ein weiteres Beispiel ist die oben erwähnte «IKEA Place»-App. Solche AR-Anwendungen schlagen die Brücke zwischen physischem Retail und e-Commerce. Dass auch ganze Kampagnen in Augmented Reality umgesetzt werden, zeigte kürzlich Burger-King: mit einer AR-Funktion in der Burger-King-App konnte man Plakate und Anzeigen des Konkurrenten McDonald’s virtuell verbrennen und erhielt dafür einen kostenlosen Whopper. Nicht zuletzt ist es auch eindrücklich zu sehen, dass 70% der 200 Millionen täglichen Snapchat-User AR-Effekte nutzen, darunter natürlich auch gebrandete. Dass auch VR gewinnbringend eingesetzt wird, zeigen über 1’000 VR-Showrooms von Audi, in welchem die Kunden Autos und Ausstattung vor dem Kauf sehr akkurat sehen können. Während man mit AR-Marketing also bereits heute grosse Reichweiten erzielen kann, eignet sich VR insbesondere für Erlebnisse am POS, an Messen oder Events. Da noch nicht viele Schweizerinnen und Schweizer eine eigene VR-Brille besitzen, sind solche Erlebnisse umso faszinierender. Übrigens: Gerade kürzlich haben wir auf unserem Blog einen Beitrag zu den Möglichkeiten von AR im Marketing verfasst.

Urs Langenegger ist Co-Founder von Bandara (c) Bandara

Was sind denn die Voraussetzungen für Unternehmen, die mit VR/AR/MR arbeiten möchten?

Diese Technologien sind ein weiteres Medium, welches man für die Kommunikation nutzen kann. Wie Film oder Print bringen auch VR, AR und MR ihre eigenen Vor- und Nachteile. Wir sehen uns in diesem Bereich auch ein bisschen als Aufklärer, um Möglichkeiten und Use Cases aufzuzeigen. Wer eine gewissene Offenheit gegenüber neuen Technologien mitbringt, kann mit VR, AR und MR innovative Markenerlebnisse schaffen und Dinge ermöglichen, die bis vor kurzem noch nicht machbar waren – Stichwort „Virtual Try-Ons“.

Muss ich denn beispielsweise für ein AR-Projekt ein anderes Agentur-Briefing erstellen als etwa für eine klassische Plakat-Kampagne?

Nein. Auch bei AR-Projekten ist es für uns zuerst mal wichtig zu verstehen, welche Botschaft der Kunde vermitteln will und welche Zielgruppe er damit erreichen will. Wir sehen es als unsere Aufgabe, dem Kunden eine für sein Kommunikationsbedürfnis passende AR-Strategie vorzuschlagen. Oft ergibt es auch Sinn, bei einem Workshop gemeinsam eine Lösung zu erarbeiten, die sowohl aus Content-, als auch aus Technologie-Sicht sinnvoll ist und die gesteckten Ziele erreicht.

Welche technischen Entwicklungen sehen Sie für die nächsten 2-5 Jahre?

Nebst der fortschreitenden Verbesserung der Hardware in den Bereichen Auflösung, Bequemlichkeit, Komfort und Rechenpower im Bereich von Virtual Reality wird voraussichtlich Augmented Reality im Alltag viel wichtiger. Facebook, Samsung, Sony, Lenovo (und Gerüchten zufolge auch Apple) arbeiten an AR-Brillen, welche auch den Massenmarkt erreichen sollen. Sobald also AR-Brillen täglich gebraucht werden, wird es für Brands auch wichtig sein, in diesen virtuellen Umgebungen angemessen präsent zu sein.

VR begeistert: Emina erlebt Ihr Traumhaus mit der VR-Brille «Oculus Rift». (c) Bandara

Was ist aus Ihrer Erfahrung die grösste positive Überraschung, die Unternehmen mit VR-/AR-/MR-Kampagnen erleben?

Auch wenn diese Technologien bereits seit einigen Jahren bekannt sind: Gut gemachte VR-/AR-/MR-Inhalte schaffen es immer, auch bei Skeptikern ein Wow-Erlebnis zu hinterlassen. Spannend ist dabei, dass die Technologie dabei in den Hintergrund rückt. Wenn sich z.B. jemand eine VR-Brille aufsetzt, dann ist er mitten im Inhalt – man schaut sich um, als wäre man vor Ort,. und man interagiert so mit der Umwelt, wie man es auch in der Realität tut. VR, AR, und MR sind zwar hochentwickelte Technologien, aber sie sind ein Schritt näher beim Menschen als z.B. Computer, die man mit einer Maus bedient oder Smartphones, die man mit dem Finger bedient.

Urs Langenegger ist Co-Founder von Bandara und als Dozent im CAS Digital Brand Management tätig.

Technologiesafari in Berlin und Leipzig

Die Grenzen zwischen der digitalen und der physischen Welt verschwimmen und stellen Geschäftsmodelle und Marketinglogiken infrage. Der viertägige Weiterbildungskurs «Technology Impact, Business Models & Services» ging in Berlin und Leipzig der Digitalisierung auf die Spur. Unternehmensbesuche und der Austausch mit Gründern und Startup-Vertretern in Kombination mit Workshops und akademischen Inputs führten zu vielschichtigen Erkenntnissen.

Innovationslabors als Antwort auf die Kundenwelten der Zukunft

Die Studienreise widmete sich unter anderem den Fragen, wie sich etablierte Unternehmen vor dem Hintergrund der Lebens-, Arbeits- und Kundenwelten der Zukunft neu erfinden können, wie sich Innovation und unternehmerisches Denken fördern und eine Innovationskultur entwickeln lässt.

Die Technologiesafari führte zu neuen Erkenntnissen und interessanten Einblicken © Rolf Rellstab

Die Deutschen Bahn investiert in verschiedene Intrapreneurship-Initiativen, um das milliardenschwere Verkehrsunternehmen für die Zukunft fit zu machen. Der eigene Risikokapitalfonds DB Digital Ventures hilft dem Konzern zudem, Erfahrungen mit zukünftigen Mobilitätskonzepten und neuen Geschäftsmodellen zu machen, aktuelle Kundentrends zu erfassen und Technologie-Scouting zu betreiben.

Die ALBA Gruppe betreibt seit September 2017 im Herzen Berlins einen Innovation Hub. Im sogenannten BluehouseLab wird gemeinsam mit innovativen Startups an der Recyclingbranche von morgen getüftelt. ALBA, das Unternehmen aus der Entsorgungs- und Recyclingbranche mit 7’500 Mitarbeitenden und 1,8 Milliarden Jahresumsatz, möchte Startups mit innovativen Technologien im Bereich Smart City, Smart Logistics, Big Data oder Internet of Things dabei helfen, Geschäftsmodelle zu identifizieren, zu finanzieren und aufzubauen. Für ALBA ist das BluehouseLab eine Investition in die eigene Zukunft. Aus dem familiengehaltenen und traditionellen Grossunternehmen soll dereinst eine «cutting-edge Company» werden, die auch in Zeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz im Recycling-Markt Deutschlands eine führende Rolle einnimmt.

Als Innovationslabor sind auch die signals Open Studios gedacht. Hinter dem Konzept steckt der Versicherungskonzern Signal Iduna. Im Mittelpunkt steht die branchenübergreifende und crossindustrielle Vernetzung von Unternehmen und Startups. Die Begriffe Customer Centricity, Co-Creation und Open Innovation umschreiben dabei die massgebende Arbeits- und Gestaltungsweise. „Fail often and early“ soll in den Open Studios Wirklichkeit werden. Schnell kreieren, Prototypen bauen, die Nutzer fragen, Konzepte hinterfragen, anpassen, bis es passt. Die signals Open Studios geben sich unabhängig, flexibel und offen, verleugnen dabei aber nicht ihre Herkunft. Man versteht sich als Keimzelle für die digitale Transformation des Versicherungskonzerns, ein Prozess, der mit einem signifikanten Wandel der Unternehmenskultur einhergehen muss. Seit 2017 haben 600 Mitarbeitende das zweitägige Training «the future of work» in Berlin besucht.

Die signals Open Studios als innovatives Konzept © Rolf Rellstab

(Technologie-)Startups auf den Zahn fühlen

Wie funktionieren Jungunternehmen? Welche Herausforderungen haben sie? Wie können sie von aussen beurteilt werden? Das Berliner Technologie-Startup HomeToGo wurde 2014 gegründet und beschäftigt inzwischen mehr als 150 Mitarbeitende. Auch gemessen am Umsatz gehört es zu den am schnellsten wachsenden Startups Deutschlands. HomeToGo betreibt eine Metasuchmaschine für Ferienunterkünfte. Wenn Nutzer eine Anfrage starten, durchsucht HomeToGo Partnerseiten wie Booking.com, FeWo-direkt oder TripAdvisor. Mittlerweile nutzen pro Monat rund 20 Millionen Menschen die Plattform. HomeToGo liefert interessante Einblicke in die Kultur und die Herausforderungen eines Jungunternehmens auf der Schwelle zu einem etablierten Player in der Reisebranche, von der Rekrutierung und Organisationsentwicklung bis hin zu Marketing und PR.

Trendinstitut in alter Baumwollspinnerei

Welche Auswirkungen haben neue Technologien auf Geschäftsmodelle und Marketingansätze? Das Trendinstitut 2bAHEAD, einer der grössten Think Tanks Europas, sucht nach Antworten. Auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei Leipzig-Lindenau, wo sich mehrere Galerien, eine Vielzahl an Künstlern, Werkstätten, Architekten, Designer, Schmuck- und Modemacher und natürlich Startups niedergelassen haben, beschäftigen sich Trendforscher auch mit dem Kundendialog der Zukunft, der von intelligenten persönlichen Assistenten geprägt sein wird.

Aus Sicht von Markus Brunold, CEO von BSI und Teilnehmer der Studienreise, ein «tolles Programm, mit Einblicken in Innovation Labs und Startups, ergänzt mit der Sichtweise von Investoren.»

2bAHEAD befasst sich mit den Trends von morgen © Rolf Rellstab

Eine nächste Studienreise nach Berlin ist im Rahmen des Executive Master in Marketing Leadership für Herbst 2019 geplant. Rolf Rellstab (rolf.rellstab@zhaw.ch) gibt dazu gerne Auskunft.

Wer sich vorher fit für die Zukunft machen will, der findet im Weiterbildungsangebot des Instituts für Marketing Management spannende Lehrgänge.

https://weiterbildung.zhaw.ch/de/school-of-management-and-law/programm/cas-marketing-analytics.html

https://weiterbildung.zhaw.ch/de/school-of-management-and-law/programm/cas-digital-marketing.html

Augmented Reality – das Kommunikationsinstrument der Zukunft?

Von Petra Meier

Brandaktuell und vielversprechend: Augmented Reality (AR). Innovationsgrössen wie Google, Apple und Ikea widmen sich dem Thema, auf Messen präsentieren Industrieunternehmen ihre neusten Maschinen virtuell und Agenturen speziell für diese Thematik werden gegründet. Nicht zu vergessen der grosse Hype 2017 um das Spiel «Pokémon Go». Doch welchen Mehrwert bietet die neue Technik tatsächlich? Ist AR eine futuristische Blase oder fixer Bestandteil zukünftiger Marketing- und Kommunikationskonzepte? Wir fragen bei David Hugi, Leiter Marketing & Kommunikation im Raiffeisen Unternehmerzentrum AG (RUZ) nach.

David, im RUZ wird Augmented Reality seit Januar 2018 in der Kommunikation eingesetzt. Was ist dein Zwischenfazit?

Wir haben uns vom Hype anstecken lassen, sind immer noch sehr begeistert und entdecken immer wieder neue Möglichkeiten. Jedoch ist es aktuell bei uns noch eine Spielerei. Wie wir als klassisches Beratungsgeschäft mit Augmented Reality einen Mehrwert für unsere Kunden schaffen können, ist nach wie vor eine offene Frage. Doch solche Herausforderungen suchen wir. Bei uns ist es enorm wichtig, Trends aus der Marketing & Kommunikationswelt auszuprobieren, daraus zu lernen und dann unsere Erfahrungen in der Begleitung an unsere Kunden weiterzugeben.

Bildlegende: David Hugi, Leiter Marketing & Kommunikation Raiffeisen Unternehmerzentrum AG © RUZ

Tim Cook, CEO von Apple, sagte kürzlich zu Augmented Reality: «I don’t think there is any sector or industry that will be untouched by AR». Was hältst du davon?

Jede neue Technologie erlebt früher oder später einmal einen Höhepunkt. Es folgt das «Tal der Desillusionierung», weil die Erwartungen der Leute dann doch nicht 100% erfüllt werden. Dann dauert es einen Moment, bis der tatsächliche Nutzen neuer Technologien für Geschäftsmodelle erkannt wird. Das zeigt auch der berühmte Hype Cycle von Gartner. Aber ich gebe Tim Cook Recht, Augmented Reality hat enormes Potenzial. Besonders im Industriesektor.

Warum im Industriesektor?

Ich denke beispielsweise an die Hannover Messe 2018, den globalen Hotspot für Industrie 4.0. Da haben unzählige Firmen mit der AR-Technik grosse Maschinen auf weisse Flächen projiziert und so die Maschine für Besucher in Echtgrösse erlebbar machen können. Oder zusätzliche Objektinformationen wie Seriennummer, Wartungstermine etc. können eingeblendet werden. Über die direkte Verbindung zum Dokumenten Management-System ist auch die Darstellung von bspw. Reparaturanweisungen möglich.

Bildlegende: Veranstaltungsbroschüre im RUZ mit Augmented Reality © RUZ

Die Zielgruppe des RUZ sind Unternehmerinnen und Unternehmer. Wie schätzt du den Einsatz von AR im Marketing für KMU in der Schweiz ein?

Das ist sehr branchenabhängig. Grundsätzlich sehe ich klaren Mehrwert mit dem Einsatz im Messebereich. Oder im Tourismusbereich mit dem Prinzip von «Pokémon Go». Bei Handwerksbetrieben bin ich schon eher kritisch. Denn der Faktor Mensch kann wie bei allen Technologien nicht ersetzt werden. Vor Allem Emotionen und die haptischen Fähigkeiten des Menschen sind unersetzlich. Ich rate einem KMU aber einfach auszuprobieren. Und habe für alle Trends aus der Marketing – und Kommunikationswelt eine klare Meinung: erfolgreiches Marketing basiert nicht auf entweder oder. Sondern lebt davon, die verschiedenen Möglichkeiten der heutigen Zeit schlüssig miteinander zu kombinieren.

https://www.ruz.ch/ruz-schweiz.html

https://www.facebook.com/ruz2014

https://www.linkedin.com/company/raiffeisen-unternehmerzentrum-ruz/

Erläuterung zu den Begrifflichkeiten:

  • Augmented Reality (AR): Nutzer sieht die reale Welt und erhält über ein Gerät (Smartphone, Tablet, Headupdisplay, Holographiesystem) zusätzliche Informationen.
  • Virtual Reality (VR): Nutzer nimmt reale Welt nicht mehr wahr und kann die virtuelle Welt nur mit einer VR-Brille erleben.
  • Mixed Reality (MR): analog AR, aber Inhalte können zwischen realer und virtueller Welt interagieren

Über die Autorin

Petra Meier hat eine Leidenschaft für Bild & Video und ist fasziniert von deren Einsatz in der Kommunikation. Die junge Kommunikatorin arbeitet seit rund drei Jahren im Raiffeisen Unternehmerzentrum AG in Marketing & Kommunikation. Das RUZ ist die unternehmerische Initiative der Raiffeisen Gruppe und begleitet Unternehmerinnen und Unternehmer von der Gründung bis zur Nachfolge. Petra Meier trägt den Titel «Bachelor of Science ZFH in Kommunikation» und ist aktuelle Teilnehmerin vom CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW.

Virtual und Augmented Reality in der Vorlesung

Die ZHAW ist berühmt für ihre Praxisnähe. Die Studierenden kommen früh mit Unternehmen in Kontakt und lernen das Wissen zu transferieren. Wichtig für die Zukunft sind aber auch die neuen Technologien und Trends. Im Masterstudiengang Business Administration mit der Vertiefung Marketing konnten die Studierenden dies mit eigenen Augen erleben – hier hielt nämlich die Virtual und Augmented Reality Einzug.

Nach wie vor sind Produkte ein entscheidender Bestandteil des Marketings. Dafür gibt es im Masterstudium auch ein spezielles Fach mit dem Titel Product Service und Innovationsmanagement (PSIM). Neben dem klassischen Produktmanagement mit seinen Methoden und Werkzeugen, wird der Digitalisierung ein wichtiges Augenmerk geschenkt. Die Folgen der Digitalisierung sind auch im Produktmanagement spürbar und rufen Veränderungen hervor.

Eine grosse Rolle spielt natürlich die Innovationsphase, aber auch in der Produktion und in der Logistik sind digitale Hilfsmittel im Einsatz. Mehr digitale Möglichkeiten gibt es ausserdem in der Vermarktung und in der After Sales Phase. Hier stehen die Virtual und Augmented Reality Technologien ganz vorn.

Im Rahmen des Unterrichts haben Prof. Dr. Rainer Fuchs und Dr. Roger Seiler den Studierenden demonstriert, welche Potenziale diese Technologien für das Produktmanagement eröffnen und wo ihre Einsatzmöglichkeiten sind. Den Studierenden wurde dabei ein VR Cardboard, eine Virtual Reality Brille aus Pappe zum selber falten, zur Verfügung gestellt. Danach konnten sie mit ihren Smartphones verschiedene Applikationen ausprobieren. Schliesslich ist es durchaus möglich, dass sie nach ihrem Abschluss mit diesen Technologien arbeiten werden.

VR und AR in der Vorlesung

Für die Dozenten war diese Veranstaltung nur ein erster Schritt. Zukünftig soll der Unterricht noch fokussierter sein, z.B. soll darauf eingegangen werden, wie produktbezogene Daten im Laufe des Produktlebenszyklus gewonnen werden und wie man sie für Marketing resp. After Sales auswerten und nutzen kann.

Besucherorientiertes Marketing im Swiss Science Center Technorama

In Zeiten der digitalen Möglichkeiten, haben es Museen nicht immer leicht. Die schulischen Museumsbesuche stossen nicht immer bei allen Klassen auf Begeisterung. Es gibt aber Ausnahmen und eine davon ist sicher das Swiss Science Center Technorama. Hier werden Naturwissenschaften als Erfahrungswissen, statt Faktenwissen vermittelt. Da gibt es verblüffende Phänomene, die die Begeisterung für naturwissenschaftliche Fragestellungen wecken. Das Technorama empfängt jedes Jahr über 250’000 Besucherinnen und Besucher. Welche Rolle hier das Marketing spielt, erklärt Roy Schedler, Leiter Marketing & Partnerschaften beim Technorama.

Das Logo vom Technorama © Courtesy Swiss Science Center Technorama

Herr Schedler, das Smartphone ist unser ständiger Begleiter. Wissen ist damit ebenfalls jederzeit abrufbar und über YouTube kann man diverse Videos aus dem naturwissenschaftlichen Bereich anschauen. Weshalb lohnt sich dennoch ein Besuch im Technorama?

Von Albert Einstein stammt der schöne Satz: „Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information“. Uns geht es um die Ermöglichung von Erfahrungswissen, nicht um die Vermittlung von Faktenwissen. Anders als in einem Museum darf man im Technorama alles anfassen und damit spielen. Nur das aktive Mittun und die eigenen Erfahrungen zählen. Dinge und Vorgänge sollen sinnlich erfahren werden.

Naturwissenschaften sind nicht für alle die Lieblingsfächer in der Schule. Wie kann das Technorama dennoch die Begeisterung für die Phänomene unseres Lebens wecken?

Beim Spielen mit riesigen Seifenbasen lernen wir die Besonderheiten der Oberflächenspannung kennen, ohne diese wissenschaftlich verstehen zu müssen. Fahrradfahren lernt man auch nicht aus Büchern, und wer schwimmen können will, muss dafür ins Wasser steigen. Ohne das unmittelbare Erleben der Drehimpulserhaltung und des Auftriebs sind diese Fähigkeiten nicht zu haben. Und ohne dieses Erfahrungswissen ist auch nicht zu verstehen, welche Naturgesetze damit zusammenhängen. Das Technorama ist ein Ort, der unzählige solcher Erfahrungen ermöglicht, mit denen man die Welt im doppelten Sinne des Wortes „be-greifen“ kann.

Besondere Erfahrungen sind möglich © Courtesy Swiss Science Center Technorama

Ein Museum muss sich immer weiterentwickeln. Integrieren Sie digitale Technologien, wie z.B. Virtual Reality?

Im Technorama geht es um authentisches Erleben, wir setzen keine Simulationen ein und täuschen nichts vor. Wir müssen uns aber auch bewusst sein, dass unser Bild von der Welt eine Interpretation von Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen unseres Gehirns ist. Und je besser es den VR-Anwendungen gelingt, diese Sinneswahrnehmungen zu simulieren, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen physischer Realität und virtueller Realität. VR ist insofern eine Herausforderung, als es Realität zwar simuliert, diese Realität aber authentisch erlebt wird. Die Virtual Reality Sickness als eine Form von Übelkeit, die mit dem Eintauchen in eine computergenerierte Umgebung auftritt, bringt das sehr schön zum Ausdruck.

Wo VR-Anwendungen unseren Besuchern helfen zu verstehen, wie ihr Gehirn ein Bild von der Welt entwirft, prüfen wir ihren Einsatz. Aber: Die Erfahrung virtueller Welten setzt die Erfahrung der echten Welt voraus, VR kann diese Erfahrungen zwar abrufen, in naher Zukunft aber noch nicht vollständig erzeugen. Solange die Vision aus dem Film „Matrix“ Fiktion bleibt, wird das Technorama auch in einer Welt voller Virtual Reality seine Bedeutung und Attraktivität behalten.

Obwohl das Technorama bekannt ist, braucht es dennoch das Marketing. Wie sieht Ihre Marketingstrategie aus und welche Marketinginstrumente nutzen Sie?

Marketing heisst für uns Besucherorientierung. Unsere Marketingstrategie basiert auf Erkenntnissen aus unserer – nota bene zusammen mit der ZHAW durchgeführten – eigenen Besucherforschung. Wir wissen relativ viel über unsere Besucher, insbesondere über ihre (Besuchs-) Motive und Erwartungen. In der gesamten Marketingkommunikation adressieren wir in erster Linie diese Wünsche und Bedürfnisse. Die Angebote selber – die Vielzahl der Experimentierstationen in den Ausstellungen, die Vorführungen, Demonstrationen und die Workshops in den Laboren – kommen in der Kommunikation erst an zweiter Stelle.

Auf der Massnahmenebene setzen wir eine Fülle von owned und paid media ein. Auch Content- und Event-Marketing spielen zunehmend eine wichtige Rolle.

Besucherorientierung ist das Schlüsselwort © Courtesy Swiss Science Center Technorama

Das Technorama muss das Angebot auf die Zielgruppen abstimmen. Wie definieren Sie die Zielgruppen und wie wissen Sie, was die Kunden mögen?

Wir arbeiten sowohl mit Zielgruppen (Familien, Schulklassen und Gruppen) als auch mit sog. Phänotypen in Anlehnung an das visitor identity-Modell von John Falk. Der wichtigste Phänotyp ist dabei der sog. Faciltator. Ein solcher „Ermöglicher“ kann eine Mutter mit ihrem Kind sein, aber auch ein Paar, das seinen ausländischen Freunden das Technorama als touristischer Leuchtturm zeigen will. Das zentrale Besuchsmotiv ist somit sozialer Natur. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erleben und dabei einzigartige Erfahrungen zu machen. 27% unserer Besucher sind solche Faciltators.

Gibt es auch Angebote für B2B Kunden, wie z.B. Firmen?

Ja, wir haben ein kleines MICE-Business (MICE = Meetings Incentives Conventions Events Anm. d. Red.). Das Technorama verfügt – neben dem Auditorium für 180 Personen – über mehrere Seminarräume und ein grosses Foyer für Tischmessen. Als Incentives bieten wir Workshops in den Laboren, Sondervorführungen, Abendöffnungen oder die Führung „Wunderkammer Technorama“ an. Das Catering übernimmt das hauseigene Restaurant. Apéros und Essen sind neu auch in der Ausstellung möglich.

Welchen Stellenwert nimmt bei Ihnen das online Marketing ein? Welche Erfahrungen haben Sie mit der Facebook Seite gemacht?

Der Relaunch der neuen Website mit einem zeitgemässen Online-Booking ist in Vorbereitung. Ansonsten testen wir die verschiedensten Kanäle und Plattformen, von Google Adwords über Webbanner bis hin zu digitalen Coupons mit QR- oder Bar-Codes. Die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts ist bekanntlich hoch, es ist alles andere als einfach, hier Schritt zu halten.

Bei Facebook sind wir seit gut drei Jahren dabei, und das auf der Grundlage eines umfassenden Konzepts, das auch jährliche Evaluationen vorsieht. Ohne dieses Konzept wären wir verloren – und wir lernen täglich dazu. Da wir auf Facebook auch Werbe-Posts schalten, erleben wir die Disruption bei den Printmedien und im Werbemarkt aus erster Hand.

Trotz digitaler Welt, einen fliegenden Teppich muss man selbst ausprobieren © Courtesy Swiss Science Center Technorama

Wo sehen Sie die Schwierigkeiten in der Vermarktung eines Science Centers?

Das Swiss Science Center Technorama wird von der breiten Bevölkerung als Technikmuseum bzw. aufgrund der Namenserweiterung „Swiss Science Center“ als Forschungseinrichtung wahrgenommen. Beide Wahrnehmungen sind falsch. Diese falsche Wahrnehmung – „Problemmeinung“ – kann auf unterschiedliche Weise entkräftet werden: durch Widerspruch, Relativierung oder Perspektivänderung.

Im Fall des Swiss Science Center Technorama gibt es drei verschiedene „Problemmeinungen“: Technik, Museum und Forschungseinrichtung. Diese drei Auffassungen gilt es zu entkräften:

  1. Technik: Relativierung
    Naturphänomene finden ihre Anwendung oft in der Technik. Das Technorama zeigt aber nicht die Anwendung von Technik, also keine Maschinen oder Geräte, sondern die Naturphänomene, die sich die Technik zum Bau dieser Anwendungen zunutze macht.
  2. Museum: Perspektivänderung
    Das Technorama ist im Gegensatz zu einem herkömmlichen Museum ein Ort, wo es laut sein kann, wo man Dinge anfassen kann und wo man nicht nur passiv rezipieren, sondern aktiv interagieren kann.
  3. Forschungseinrichtung: Widerspruch und Relativierung
    Das Technorama ist eine Erlebnisausstellung und Bildungsinstitution, aber keine Forschungseinrichtung. Zwar betreibt das Technorama im Rahmen des Exponatebaus Forschung und Entwicklung, die international bei anderen Science Centern grosse Beachtung findet. Die Ausstellungen und Labore sind wiederum Gegenstand von Forschungsarbeiten von Hochschulen und Universitäten. Das Technorama tritt jedoch gegenüber seinen Besuchern nicht als Ort naturwissenschaftlicher Forschung in Erscheinung und publiziert auch nicht selbst.

Welchen Ratschlag würden Sie angehenden Marketingfachleuten geben?

Know and understand your customer. And deliver.

Die Kunden stehen im Zentrum © Courtesy Swiss Science Center Technorama

Mehr über das Swiss Science Center Technorama:

http://www.technorama.ch

https://www.facebook.com/technorama

Angaben zur Person

Roy Schedler *1957