Soziale Nachhaltigkeit in Schweizer Unternehmen – ein aktueller Einblick

Von Christine Bircher

Erkenntnisse der Bachelorarbeit von Christine Bircher im Rahmen des Bachelorstudiengangs Betriebsökonomie der ZHAW School of Management and Law.

Durch die Globalisierung von Unternehmen und Wertschöpfungsketten sind in den letzten Jahren soziale Themen, wie Arbeitsbedingungen, Menschenrechte und Korruption in die politische und gesellschaftliche Debatte gerückt. Kunden verlangen vermehrt Produkte, deren Herstellung minimale Standards sozialer Nachhaltigkeit erfüllen. Studien zeigen aber auch, dass Unternehmen ihre soziale Verantwortung vermehrt wahrnehmen, weil eine tadellose Reputation und sozial verträgliche Arbeitsbedingungen in Zeiten des Fachkräftemangels ein entscheidender Erfolgsfaktor auf dem Arbeitsmarkt sind.

Die Bachelorarbeit untersuchte den aktuellen Stand sozialer Nachhaltigkeitsaktivitäten in Schweizer Unternehmen und wie sich diese in den letzten fünf Jahren verändert haben. Basierend auf aktuellen Trends und Studien wurden 58 Schweizer Unternehmen aus verschiedenen Branchen befragt und die Ergebnisse mit dem Swiss Corporate Sustainability Survey 2012 der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften verglichen.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie

  • Interesse: Schweizer Unternehmen beschäftigen sich vermehrt mit sozialer Nachhaltigkeit. Begründet werden Nachhaltigkeitsaktivitäten primär durch die Verbesserung der Unternehmensreputation, der Stärkung der Kundenbindung und der Attraktivitätssteigerung auf dem Arbeitsmarkt.
  • Stakeholder: In Zusammenhang mit sozialer Nachhaltigkeit befassen sich die meisten Schweizer Unternehmen eingehend mit den Erwartungen ihrer Stakeholder, insbesondere mit denjenigen von Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten. Die verstärkte Interaktion mit Stakeholdern führt zu mehr Transparenz im Umgang mit Nachhaltigkeitsthemen, was sich oftmals in der Einhaltung von Standards und Zertifikaten sowie in Mitgliedschaften bei Verbänden äussert. Tendenziell investieren grosse Unternehmen dafür mehr Mittel.
  • Themengebiete: Für Schweizer Unternehmen sind Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz, Arbeitsmarktfähigkeit und Förderung der Mitarbeitenden sowie faire Wettbewerbspraktiken in Bezug auf soziale Nachhaltigkeit am wichtigsten. Generell werden Themen zu Arbeitspraktiken und menschenwürdiger Beschäftigung am intensivsten bearbeitet. Menschenrechtsthemen werden je nach Grösse und internationaler Verflechtung des Unternehmens unterschiedlich gewichtet.

Soziale Nachhaltigkeit als bedeutendes Thema für die Unternehmen © eigene Darstellung von Christine Bircher

Die Zukunft sozialer Nachhaltigkeit in der Schweiz

Aus Sicht von Schweizer Unternehmen steigt die Bedeutung sozialer Nachhaltigkeit. Sie gehen davon aus, dass dazu mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen. Externe Herausforderungen werden vor allem bei der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft und der zunehmenden Bedeutung von Work-Life-Balance gesehen.

Die Resultate verdeutlichen, dass sich Schweizer Unternehmen in einer fortgeschrittenen Entwicklungsstufe des Nachhaltigkeitsmanagements befinden. Daher sollten Unternehmen soziale Nachhaltigkeit nicht als Risikofaktor sehen, sondern als Chance zur strategischen Differenzierung.

Über Christine Bircher

Christine Bircher arbeitet am Center for Law & Economics der ETH Zürich und hat diesen Sommer erfolgreich ihr Bachelorstudium in Betriebsökonomie mit Vertiefung in General Management an der ZHAW abgeschlossen. Im Herbst wird sie ihr Masterstudium an der ZHAW in Business Administration – Major Marketing beginnen..

http://www.lawecon.ethz.ch/people/bircher.html

Chancen und Herausforderungen von Stakeholder-Dialogen

Die «Swiss Corporate Sustainability Survey 2012» hat gezeigt, dass das Thema Stakeholder-Dialoge bei den befragten Schweizer Unternehmen noch wenig in Zusammenhang mit der Umsetzung von Nachhaltigkeitsaktivitäten berücksichtigt wird.

Um herauszufinden, welche Potentiale in Stakeholder-Dialogen stecken und wie man sie erfolgreich umsetzt, haben wir ein Interview mit Vera Frieg, Expertin vom Collective Leadership Institute (CLI) e.V. geführt:

Verena Berger (ZHAW)*: Frau Frieg, was könnten die Gründe dafür sein, dass viele Unternehmen den Dialog mit ihren Stakeholdern bisher nicht suchen?

Vera Frieg:Das hat meist verschiedene Gründe. Oft ist es so, dass die Unternehmen gar nicht wissen, wer die relevanten Stakeholder für die jeweiligen Entscheidungsprozesse sind; eine Stakeholder Analyse wird dann generell, aber nicht themenorientiert gemacht. Häufig sind sie sich auch über Ziele des Stakeholder-Dialogs unklar. Dadurch greifen Unternehmen nicht immer zu zielführenden Methoden für den Stakeholder-Dialog. So lässt zum Beispiel eine Stakeholder Veranstaltung mit 500 Teilnehmern ohne thematischen Fokus und transparentes Ziel der Veranstaltung die Stakeholder am Nutzen dieses Prozesses zweifeln. Die Firmen erfahren dadurch viel Kritik und zweifeln zunehmend am Nutzen von Stakeholder-Dialogen. Ein kleiner Teufelskreis…. Ein anderer Grund für die fehlende Einbindung von Stakeholdern ist die Angst, sich durch die Öffnung nach Außen angreifbar zu machen und eine Welle der Kritik loszutreten, die nicht mehr kontrollierbar ist. Aus diesen Gründen ist es unabdingbar, Stakeholder-Dialog in einem gut vorbereiteten und transparenten Planungsprozess anzugehen.

Quelle: Collective Leadership Institute

ZHAW: Warum machen Stakeholder-Dialoge insbesondere bei der Umsetzung von Projekten im Kontext von Nachhaltigkeit Sinn?

Vera Frieg: Wenn es um die verschiedenen Dimensionen von Nachhaltigkeit geht, dann ist den Meisten von uns klar, dass wir etwas tun müssen. Wir wissen aber in vielen Bereichen noch nicht genau, wie das es gehen könnte. Durch den strategischen Stakeholder-Dialog können hier Handlungsoptionen generiert werden. Die Umsetzung von Nachhaltigkeit ist eine kollektive Lernerfahrung. Bindet man als Unternehmen die relevanten Stakeholder zu einem bestimmten Thema ein, erhält man neue Einblicke aus verschiedenen Stakeholderperspektiven. Man kann dann auf Potentiale und Ideen zurückgreifen, die man anderenfalls nicht gehabt hätte. Dadurch entsteht Innovation in Produkten und Dienstleistungen, die die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Zudem kann man die schärfsten Kritiker zu Verbündeten machen, indem man zuhört und sie  in Entscheidungen einbezieht. Berechtigte Kritik gibt Unternehmen die Chance, sich  zu verbessern und daran zu wachsen. Auch hier muss klar sein, wie weit man sich öffnet und wie man den Input im Nachhinein verwendet. Denn nichts ist schlimmer, als Stakeholder zu konsultieren, ihre Perspektiven und Ideen zu  sammeln und sie dann in der Schublade zu vergessen. Das erzeugt Frust – die Menschen fühlen sich nicht ernst genommen, Vertrauen geht verloren. Stakeholder-Dialoge machen Sinn, wenn es ganz konkreten Veränderungsbedarf zu einem Thema gibt.

ZHAW: Was wäre der erste Schritt für Unternehmen, wenn sie mit ihren Stakeholdern in den Dialog treten möchten?

Vera Frieg: Zunächst sollte sich das Unternehmen fragen: Welches Ziel verfolgen wir mit einem Stakeholder-Dialog? Streben wir in einem bestimmten Bereich eine Veränderung an? Brauchen wir die Akzeptanz und den Input verschiedener externer Stakeholder? Oder geht es mir eher um eine Informationsveranstaltung? Das CLI hat ein Tool entwickelt, welches dabei hilft herauszufinden, ob Stakeholder-Dialoge im jeweiligen Anliegen der geeignete Weg sind.

Wenn dem so ist, sollte zuerst der Kontext analysiert werden. Hierzu eignet sich eine themenzentrierte Stakeholderanalyse.

Ist die Entscheidung für einen  Stakeholder-Dialog gefallen, erfordert es Mut, sich einem ergebnisoffenen Prozess mit externen Stakeholdern zu stellen. Die Involvierung eines Prozessexperten gleich zu Beginn kann helfen. Das CLI hat auf diesem Gebiet jahrelange Erfahrung und begleitet sowohl die Privatwirtschaft als auch den öffentlichen Sektor und zivilgesellschaftliche Organisationen in Stakeholderprozessen. In unserer zunehmend komplexen und vernetzten Welt ist das Gestalten und die strategische Leitung von Stakeholder-Dialogen eine immer wichtigere Führungsaufgabe und Berufsfeld der Zukunft.

ZHAW: Können Sie uns abschließend noch ein Beispiel aus der Praxis nennen, in dem Stakeholder-Dialoge erfolgreich und gewissenhaft geführt wurden?

Vera Frieg: Als Einstieg empfehle ich einen Blick in den Artikel A turning point for responsible supply chain management in the coffee sector von Petra Künkel. Die 4 C Initiative ist ein sehr gelungenes Beispiel für einen erfolgreichen Multistakeholder Prozess.

*Das Interview führte Verena Berger, ZHAW School of Management and Law, Institut für Marketing Management und Teilnehmerin des Qualifizierungsprogramms Young Leaders for Sustainability (YLS) 2012, welches jährlich vom CLI durchgeführt wird.

Das einzigartige Programm richtet sich an junge Menschen, die sich für das Thema Nachhaltigkeit und Führung interessieren. Eine Anmeldung für YLS 2013 ist möglich bis zum 31.Mai.

Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Stakeholderinteraktion und die Kommunikation von Nachhaltigkeitsaktivitäten bergen noch viel Potenzial

Die Ergebnisse der „Swiss Corporate Sustainability 2012“ wurden vergangene Woche am Proofit Apéro der Öbu und der ZHAW School of Management and Law vorgestellt (Siehe dazu auch den Blogbeitrag vom 4. März 2013).

Ein Ziel der Studie war es unter anderem herauszufinden wie systematisch die Schweizer Unternehmen Nachhaltigkeitsthemen bearbeiten. Grundlage für diesen Teil der Erhebung bei insgesamt 511 Schweizer Unternehmen der deutschen und französischen Schweiz unterschiedlicher Branchen und Grössen, war der Bezugsrahmen aus dem Leitfaden Management der sozialen Verantwortung in Unternehmen (Winistörfer et al., 2012), der entsprechend den relevanten Nachhaltigkeitsthemen angepasst wurde. Die Ergebnisse zeigen: Rund der Hälfte der befragten Unternehmen geben in den meisten Phasen des Führungszyklus an, die entsprechenden Themen zu behandeln.

Stakeholder Dialoge sind ein Weg gemeinsam innovative Lösungen für Herausforderungen zu finden

Es gibt jedoch eine auffällige Ausnahme: Zwar geben die Unternehmen mehrheitlich an, ihre Stakeholder zu kennen (Orientierungsphase), die Interaktion mit den relevanten Anspruchsgruppen und damit die gemeinsame Definition von Richtlinien und Zielen wird jedoch nur von den wenigsten als zutreffende Aktivität angegeben.

Aber ist nicht gerade diese Interaktion wichtig für eine langfristige Unternehmensentwicklung? Eine Frage zu Netzwerkaktivitäten hat gezeigt, dass 75% der befragten Unternhemen in keinem „Nachhaltigkeits“-Netzwerk aktiv sind. Dieses Ergebnis war einerseits überraschend, anderseits aber auch nachvollziehbar. Denn es ist zu vermuten, dass viele KMU sich durchaus austauschen, jedoch eher in informellen, persönlichen oder branchenspezifischen Netzwerken.

Glaubwürdigkeit und Transparenz ist für eine erfolgreiche Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen das A und O.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass mindestens 55% der befragten Unternehmen das mündliche Gespräch mit den Kunden zu suchen. Ebenfalls relevant sind regelmässige Infos an die Mitarbeitenden, sowie wie die eigene Webseite.

Die Ergebnisse decken sich interessanterweise mit einer Studie von Ernst & Young, die ebenfalls im letzten Jahr bei 500 Unternehmen durchgeführt wurde. Sie zeigt, dass Unternehmen im Bereich Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen eher zurückhaltend bleiben. Wenn man jedoch Vertrauen aufbauen möchte, braucht es Transparenz. Transparente Kommunikation steigert die Glaubwürdigkeit, die wiederum nicht nur das Vertrauen der Kunden, sondern auch der anderen Stakeholder steigert.

Wie jedoch noch weitere Anspruchsgruppen ansprechen? Eine Möglichkeit ist der Nachhaltigkeitsbericht, der zunehmend auch für Investoren ein relevantes Entscheidungskriterium wird (z.B. PwC, 2012). Immerhin 19% (dieser Anteil umfasst vornehmlich grosse Schweizer Unternehmen) geben an, einen Nachhaltigkeitsbericht als Kommunikationsinstrument zu verwenden. Der Aufwand für die Erstellung ist gross und darum eine zielgruppenspezifische Adressierung wichtig. Eine Möglichkeit ist die Einbettung in die Sozialen Medien, von denen jedoch die wenigsten Unternehmen Gebrauch machen. Dieses Ergebnis deckt sich mit dem Social Media Report 2012, aber auch mit einer PwC-Studie, ebenfalls aus dem Jahr 2012. Social Media ist für viele Unternehmen immer noch Neuland und Ziele, wie auch Risiken der Social Media Aktivitäten scheinen mehrheitlich noch unklar.

“Wir werden nicht durch die Erinnerung an unsere Vergangenheit weise, sondern durch die Verantwortung für unsere Zukunft.“ (George Bernhard Shaw)

 

Nachhaltiges Anstossen am Proofit-Apéro

Am 26. Februar 2013 fand an der ZHAW School of Management and Law (SML) ein Apéro der Proofit-Reihe zum Thema „Nachhaltigkeit auf dem Vormarsch?“ statt. Organisiert wurde die Veranstaltung gemeinsam mit dem Öbu – Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften.

Pünktlich um 17.30 Uhr begrüsste Pierre Strub von der Öbu die rund 80 interessierten Teilnehmenden in der Aula der SML. Im Anschluss daran stellte Verena Berger die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Swiss Corporate Sustainability Survey 2012“ vor. Eingeflossen in die Studie sind Antworten von 511 Schweizer Unternehmen zu Themen wie der Definition von Nachhaltigkeit, den aktuellen Trends und Herausforderungen sowie der Systematik der Nachhaltigkeitsbemühungen.

Im anschliessenden Podiumsgespräch diskutierten Christian Weber (Briner AG), Günther Kscheschinski (Maestrani) und Herbert Winistörfer (SML) die Erkenntnisse aus der Umfrage und stellten anschauliche Praxisbeispiele vor.

Karin Ehmann von der Zürcher Kantonalbank präsentierte im Anschluss den KMU-Preis der Zürcher Kantonalbank für nachhaltige Unternehmen, für den sich interessierte Unternehmen noch bis zum 15. April 2013 bewerben können.

Als weiteren Programmpunkt stellte Thomas Wälchli von der Öbu die Proofit-Plattform vor. Diese unterstützt Unternehmen mit praxisrelevanten Instrumenten und Fallbeispielen bei der Ausschöpfung ihres Nachhaltigkeitspotenzials.

Dann stand der Apéro auf dem Programm. Bei saisonal belegten Brötchen und regionalem Wein wurden angeregte Diskussionen geführt und Pläne für zukünftige Projekte geschmiedet. Der Proofit-Apéro an der ZHAW – ein wirklich nachhaltiger Anlass!

Alle Präsentationen des Proofit-Apéros können hier heruntergeladen werden.