Schatztruhe «Behavioral Economics» – Warum noch viel ungenutztes Potential brachliegt

Von Dr. Kurt Ackermann

Fünfzehn Jahre nach der Vergabe des Wirtschafts-Nobelpreises an Daniel Kahneman ging die prestigeträchtige Auszeichnung dieses Jahr wiederholt an eine Koryphäe auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie: Richard Thaler. Doch trotz dieser ruhmreichen Würdigungen und der Publikation von zahlreichen Bestsellern (Thinking fast and slow, Nudge, Misbehaving, Predictably irrational, etc.), welche die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie einem breiten Publikum eröffnen, scheint die Anwendung von Behavioral Economics in der Marketingpraxis noch immer nicht zum Mainstream geworden zu sein.

Zwar erfreuen sich einige Begriffe und Phänomene, wie etwa Verlustaversion, Framing oder Priming, durchaus einer gewissen Bekanntheit. Das gesamte Potential aus der Schatztruhe von Erkenntnissen, welche sich aus der Verknüpfung von Psychologie und Wirtschaftswissenschaften ergeben und sich aus verhaltensorientierten Experimenten ableiten lassen, scheint aber in der Praxis bislang noch bemerkenswert selten genutzt zu werden.

Was heisst das für die Praxis?

Ein möglicher Grund dafür könnte darin liegen, dass Möglichkeiten für die konkrete Anwendung von Inhalten der verhaltensökonomischen Forschung für Praktiker ohne entsprechendes Vorwissen zum Teil nicht ganz einfach zu erkennen sind. So ist die Verlustaversion als Phänomen möglicherweise bekannt, doch es fehlt am Umsetzungs- und Transferwissen, wie dieses psychologische Phänomen nun konkret in der Praxis aufgegriffen und entsprechende Massnahmen konzipiert werden können. Das heisst, die Werkzeuge aus dem reichen Fundus der verhaltensökonomischen Toolbox sind vielen möglicherweise bekannt und stehen natürlich allen zur Verfügung, doch das Wissen darüber, wie man diese Werkzeuge zielgerichtet einsetzen kann, scheint oft noch zu fehlen.

Das Wissen über Behavioral Economics auch praxisgerecht umsetzen

Hier können Schulungen Abhilfe schaffen, welche die psychologischen und verhaltensökonomischen Phänomene, Heuristiken und Biases nicht nur beschreiben und erläutern, sondern anhand praktischer Beispiele konkrete Anwendungsfelder aufzeigen und damit den Teilnehmenden neben Sachwissen, auch ein Transfer- und Umsetzungswissen vermitteln. Nur so kann die Schatztruhe Behavioral Economics für Praktiker gänzlich geöffnet und das Potential der verhaltensökonomischen Erkenntnisse ausgeschöpft werden.

CAS zum Thema

Falls alle, die dieses Potential für sich erschliessen möchten, für die dürfte der CAS Behavioral Insights for Marketing interessant sein, welcher im Frühjahr 2018 durchgeführt wird. Informieren Sie sich unverbindlich bei einem Info-Apéro oder melden Sie sich direkt an! Die Schatztruhe Behavioral Economics steht auch Ihnen offen.

Gamification am Institut für Marketing Management


Gamification, also die Anwendung von Spielelementen und –prinzipien in Kontexten ausserhalb von Spielen, ist vermehrt auch am Institut für Marketing Management (IMM) ein Thema in der Lehre, Weiterbildung, Forschung und Dienstleistung. In diesem Blogbeitrag möchten wir zwei spielerische Tools des Instituts für Marketing Management vorstellen.

img_4786Das Behavioral Insights Kit ist eine Sammlung bekannter Heuristiken und Effekte aus der Psychologie und Verhaltensökonomie in Spielkartenformat und verschafft auf spielerische Art und Weise einen einfachen Einstieg in das Themengebiet Behavioral Insights. Es soll dabei helfen zu verstehen, welche Treiber und Barrieren, das Verhalten oder Entscheidungen von Konsumenten beeinflussen und wie diese gezielt fürs Marketing genutzt werden können.


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In folgenden Bereichen wurde das Behavioral Insights Kit bereits eingesetzt.

  • Die Teilnehmenden des CAS Behavioral Insights for Marketing (CAS BIT) und des Kurses erhalten ihr eigenes Kit und lernen, wie sie es in Ihrem Arbeitsalltag einsetzen und nutzen können.
  • In Beratungsprojekten kommt das Kit im Rahmen von Workshops zum Einsatz, z.B. zur Inspirationssuche für die Entwicklung innovativer Marketingmassnahmen.
  • Im interdisziplinären Forschungsprojekt „Essen für die Zukunft“ wurde das Kit verwendet, um Ideen zu generieren für die Kommunikation des Menü-Nachhaltigkeits-Index (MNI).

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Lego Serious Play ist ein innovatives Tool, mit welchem businessbezogene Sachverhalte auf spielerische Weise mit Lego-Steinen nachgestellt und strukturiert werden können. Durch die Verbindung von Spielelementen mit der Unternehmenswelt wird ein kreativer Rahmen geschaffen, um funktionsbedingte Barrieren in den Köpfen abzubauen und die Teilnehmer in die Lage zu versetzen, sich „out of the box“ mit einem Thema oder einer Fragestellung auseinanderzusetzen. Der Hauptvorteil liegt darin, dass komplexe Zusammenhänge greifbar und zugänglich gemacht werden, wodurch der kollaborative Austausch im Team gefördert und kreative Prozesse angeregt werden.

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Lego Serious Play wird am IMM eingesetzt:

Neuigkeiten aus der Fachstelle Behavioral Marketing: Neue Leitung durch Dr. Steffen Müller

Die Fachstelle Behavioral Marketing des Instituts für Marketing Management vereinte bisher insbesondere zwei Kompetenzschwerpunkte: Forschung in den Bereichen Konsumentscheidungen, Behavioral Economics und Nudging, sowie im Bereich bewährter und innovativer Marktforschung. Dabei ergänzen sich die beiden Schwerpunkte insofern, dass neue Forschungsfrage15n und Projekte, Anstoss für die Verwendung neuer Methoden geben. Ein Forschungsprojekt der Fachstelle, gefördert von der Mercator Stiftung Schweiz, beschäftigt sich mit der Promotion nachhaltiger Ernährung in der Systemgastronomie und setzt hier unter anderem auf die Anwendung von Nudging (mehr Informationen dazu hier oder folgen Sie unserer Fachstelle auf Twitter @zhawNudgeUnit).

Nun sollen die Schwerpunkte in Zukunft vermehrt auch in der Dienstleistung und Weiterbildung zum Einsatz kommen. Inhaltlich ist die Fachstelle breit ausgelegt, fokussiert jedoch basierend auf den Kompetenzen und Erfahrungen des Teams auf die Themenfelder Behavioral Marketing (Nudging und Interventionen zur Verhaltensänderung, Datenteilbereitschaft, Ernährungsverhalten, nachhaltiger Konsum, Gesundheitsmarketing) und Marktforschung (Evaluation von Marketing-Massnahmen, Konzept- und Akzeptanztests, Value Pricing und Preissegmentierung, Kundenfeedbacksysteme, Conjoint Analysis). Unter anderem werden in Zukunft die folgenden neuen Dienstleistungen und Weiterbildungen angeboten:

  • Workshops und Beratung zum Thema Behavioral Economics mit Hilfe unseres Nudging Tools: Gemäss Erkenntnissen aus Behavioral Economics und Konsumentenpsychologie der letzten Jahrzehnte entscheiden und handeln Kunden in der Regel nicht rational, sondern zeigen irrationale, aber vorhersehbare Muster. Zentrales Ziel dieser Workshops ist es Möglichkeiten zu erfassen und aufzuzeigen, wie diese Erkenntnisse gezielt in Unternehmen (z.B. im Marketing) genutzt werden können.
  • Workshops und Beratung zum Thema Marktforschung: Basierend auf der breiten Methodenkenntnis der Fachstelle und der Kontakte mit Marktforschungsinstituten, wie DemoSCOPE AG und Best Practice Communities (z.B. Net Promoter Score) werden spezifische Workshops zu verschiedenen Marktforschungsthemen (z.B. Kundenfeedbacksysteme, Preisbereitschaft) oder –methoden (z.B. multivariate Analysemethoden, Conjoint Analysis) angeboten.
  • Nebst den bewährten Weiterbildungsprodukten des IMM bietet die Fachstelle neu ab Frühjahr 2017 den CAS BIM (Behavioral Insights for Marketing) an. Ein Teil der Inhalte des CAS wurden dabei bereits im kleinen Rahmen von zwei Kurzkursen in Zusammenarbeit mit FehrAdvice umgesetzt.

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Das neue Team der Fachstelle Behavioral Marketing wird geleitet von Dr. Steffen Müller (Kontakt: steffen.mueller@zhaw.ch, +41 (0) 58 934 79 24). Das Team von vorne links im Uhrzeigersinn: Rafael Domeisen (wiss. Assistent und Experte für Finanzen und Aviatik), Verena Berger (wiss. Mitarbeiterin und Nachhaltigkeits- und Ernährungsexpertin), Carolina Kubli (wiss. Assistentin und Expertin für Marktforschungsanwendungen und Outdoorsportmarkt), Dr. Steffen Müller (Dozent und Leiter der Fachstelle, Experte für Kundenfeedbacksysteme und Pricing), Dr. Angela Bearth (wiss. Mitarbeiterin und Expertin für Gesundheitsmarketing, Risikowahrnehmung und Verhaltensänderung) und Dr. Linda Miesler (Dozentin und Expertin für Konsumentenverhalten, Behavioral Economics und Nudging).

Verhaltensökonomie im Marketing? – Konsumenten besser verstehen mithilfe des neuen Weiterbildungskurses „Behavioral Economics for Marketers“

Konzepte und Erkenntnisse aus Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) und Entscheidungspsychologie können Marketers dabei unterstützen, das Denken und Verhalten ihrer Kunden besser zu verstehen und vorherzusagen. So beschreibt Linda Miesler in einem vor kurzem auf M&K Online  erschienenen Beitrag, warum Behavioral Economics „mehr als reine Theorie“ ist und auch im Marketing Anwendung finden kann.
Die Erkenntnis, dass Kunden nicht immer rational denken und entscheiden, ist nicht neu. Populärwissenschaftliche Bücher wie Daniel Kahnemans „Thinking fast and slow“ oder Rolf Dobellis „Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“ erfreuen sich auch bei Praktikern wachsender Beliebtheit. Der Knackpunkt besteht jedoch in der Anwendung dieses Wissens. Auch wenn bei vielen Marketers ein grundsätzliches Interesse an Themen wie Entscheidungspsychologie, Nudging etc. besteht, wissen sie oft nicht, wie sie dieses Wissen auf ihre konkreten Probleme in der Praxis anwenden können. Diese Lücke soll der neue Weiterbildungskurs des Instituts für Marketing Management möglichst anschaulich und praxisnah schliessen. Noch bis zum 6. September 2015 können sich interessierte Personen aus Marketing, Kommunikation oder Marktforschung für den 3-Tages-Kurs anmelden.

Unser „Nudges for Marketing“-Tool wurde von den Kursteilnehmern erfolgreich zur Ideenfindung eingesetzt.

Unser „Nudges for Marketing“-Tool wurde von den Kursteilnehmern erfolgreich zur Ideenfindung eingesetzt.

Nähere Informationen zum Kurs und Anmeldung.

5 Fragen an Dr. Linda Miesler zum neuen Kurs «Behavioral Economics for Marketers»

Dr. Linda Miesler

Dr. Linda Miesler

Warum sollte man als Marketingverantwortlicher diesen Kurs unbedingt besuchen?
Unternehmen gehen häufig bei der Umsetzung ihrer Marketingstrategie von einem rein rational entscheidenden Kunden aus. Wir nehmen beispielsweise an, dass der Kunde alle Zeit der Welt, unbegrenzte mentale Ressourcen, ein riesiges persönliches Interesse, etc. hat, um sich intensiv mit Informationen zu Produkten und Services auseinanderzusetzen. Aber wenn wir uns einmal selbst in die Situation des Kunden versetzen, wird schnell klar, dass wir bei unseren Entscheidungen häufig nicht rational sondern beispielsweise impulsiv, emotional oder auch gleichgültig handeln. Oft lassen sich Kunden auch stark durch irrelevante Informationen oder durch situative Einflüsse beeinflussen. All diese (vermeintlich) irrationalen Verhaltensmuster müssen von Marketingverantwortlichen berücksichtigt werden, um beim Kunden mit den entsprechenden Marketingmassnahmen den gewünschten Erfolg zu erzielen.

Was erwartet die Teilnehmer bei Kursteilnahme?
Die Erkenntnisse aus Behavioral Economics und Konsumentenpsychologie erlauben neue Sichtweisen auf den Kunden. Wir vermitteln in diesem Kurs die Grundlagen aus diesen Forschungsgebieten und zeigen die Bedeutung für das Marketing auf. Durch eine abwechslungsreiche Kursgestaltung, in der theoretische Inputs mit Beispielen in Form von Praxiscases, kleinen Übungen oder Gruppenaufgaben kombiniert werden, sollen die Teilnehmer ein Gefühl dafür bekommen, wie sie auf Basis dieser Erkenntnisse die Gestaltung von Marketingmassnahmen optimieren können und wie sie Kundenentscheidungen besser vorhersehen können.

Wo können die Inhalte im Unternehmen vor allem eingesetzt werden?
Neben dem besseren Kundenverständnis zeigen wir den Teilnehmenden, wo die Grenzen der bestehenden Marktforschungs-Tools zur Messung des Konsumentenverhaltens liegen und geben Inputs zu neuen Methoden, die sie im Unternehmensalltag anwenden können. Mit einem Rucksack vollgepackt mit neuen Kenntnissen ist zu erwarten, dass die Teilnehmenden aber auch selbst komplett neue Spielräume für ihre Produkte oder Strategien erkennen, die in der Praxis sehr erfolgreich sein können.

Kann ich auch teilnehmen, wenn ich nicht im Marketing-Bereich tätig bin?
Sicher. Der Kurs richtet sich zwar grundsätzlich an Personen mit Endkundenfokus aus Marketing, Kommunikation und Marktforschung. Beziehungsweise auf alle, die sich auf diese Funktionen vorbereiten möchten. Jedoch auch Personen, die lediglich daran interessiert sind, Behavioral Economics nicht nur theoretisch kennenzulernen, sondern mehr über das mögliche Zusammenspiel vieler faszinierender einzelner Effekte und dem Einsatz von Marketinginstrumenten erfahren möchten, sind herzlich willkommen.

Wo kann ich mich anmelden und wann findet der Kurs statt?
Anmelden kann man sich direkt bei der Kursleitung Verena Berger per E-Mail. Die Durchführung richtet sich nach der Anzahl der Anmeldungen. Damit kleine Gruppenarbeiten durchgeführt werden können und die Teilnehmenden während der drei Kurstage vom gegenseitigen Austausch profitieren, ist eine Teilnehmeranzahl von mindestens 10 Interessierten sinnvoll.

Das IMM zu Besuch an der «CODE@MIT» in Cambridge, USA

Bildquelle http://mitsloan.mit.edu/

Bildquelle http://mitsloan.mit.edu/

Anfang Oktober konnten zwei Forscher des Instituts für Marketing Management, Linda Miesler und Roger Seiler, an einer Konferenz der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge ihre Forschungsarbeit präsentieren. Die Sloan School of Management ist im Bereich Marketingforschung kein unbeschriebenes Blatt. So hatte dort beispielsweise der für seine unkonventionellen und oft sehr unterhaltsamen Experimente zur Irrationalität des Konsumentenverhaltens bekannte Dan Ariely eine Professur in Behavioral Economics inne.

Das Thema Experimentieren stand auch im Fokus der Konferenz «Conference on Digital Experimentation» (CODE). Grundsätzlich behandelte die Konferenz die Frage, wie grossangelegte Online-Experimente dazu beitragen können, kausale Beziehungen in diversen gesellschaftlich und ökonomisch relevanten Problemfeldern wie  Gesundheit, Wahlverhalten oder Konsumentenbedürfnisse zu entdecken. Die von den Referenten vorgetragenen Cases und Projekte waren in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Sie zeigten stark den Nutzen von Experimenten im Marketing auf: So beschrieb einer der führenden Ingenieure bei Microsoft, wie sie kontrollierte Online-Experimente auf der Seite ihrer Suchmaschine Bing einsetzen, um das erfolgreichste Layout für Ad-Links zu finden. Bereits kleine Änderungen im Layout solcher Links können einen grossen Effekt auf die Klickhäufigkeiten der Nutzer haben. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass man selbst Teilnehmer eines Experiments wird, wenn man über Bing das Internet durchsucht – pro Tag laufen parallel über 200 Mini-Experimente auf dieser Webseite. Neben Microsoft präsentierten auch Unternehmen wie Google, Facebook und Airbnb ihre Erfahrungen in der Anwendung von Experimenten. Aber auch Erkenntnisse aus der Forschung kamen dank der Teilnehmer von renommierten Universitäten (zum Beispiel Harvard, Stanford, MIT, Carnegie Mellon) nicht zu kurz.

Da solche Online-Experimente durch Nutzer, beziehungsweise Konsumenten, auch kritisch wahrgenommen werden – man denke an den Fall bei Facebook, wo die emotionale Befindlichkeit der Facebook-Nutzer gezielt und ohne ihr Wissen «zu Forschungszwecken» beeinflusst wurde – durfte eine Paneldiskussion zu ethischen Grenzen solcher Online-Experimente nicht fehlen. Die diskutierten Standpunkte der Panelteilnehmer waren vielfältig und reichten von «Menschen werden eh permanent beeinflusst, online und offline» bis «es fehlt an genauen Richtlinien, wo und wie die ethischen Grenzen von Experimenten zu ziehen sind».

Wir am Institut für Marketing Management betrachten Experimente ebenfalls als eine nützliche und zukunftsträchtige Methode, um die direkte Wirkung bestimmter Gestaltungsmassnahmen auf das Verhalten von Konsumenten untersuchen zu können, sei es online oder offline. Wir vermuten, dass in Zukunft auch in der Schweiz immer mehr Unternehmen auf den Geschmack dieser Experimentalmethodik kommen werden – die Erkenntnis, dass reine Einstellungsmessungen sehr oft keine zuverlässige Vorhersage des Konsumentenverhaltens erlauben, verbreitet sich zunehmend auch in der Praxis.

„Was ist eigentlich Behavioral Marketing?“

Der Begriff Behavioral Marketing löst bei den meisten, die ihn zum ersten Mal hören, direkt Assoziationen aus. Diese gehen meist in die Richtung, dass es „irgendwas mit Kundenverhalten zu tun hat“. Am Institut für Marketing Management verwenden wir den Begriff in einer engeren Bedeutung als solche spontanen Assoziationen vermuten lassen. Da diese spezifische Bedeutung wegleitend für unsere Projekte in diesem Bereich ist, möchten wir hier kurz unser Verständnis von Behavioral Marketing beschreiben.

Bildquelle: www.brafton.com

Bildquelle: www.brafton.com

Für unser Verständnis des Begriffs sind zwei Facetten massgeblich, die charakterisieren, was am Marketing „behavioral“ ist:

Einerseits kennzeichnet der Begriff unsere theoretische Auffassung darüber, wie Kunden denken und sich verhalten. In Anlehnung an Disziplinen wie Entscheidungspsychologie, Behavioral Economics und Behavioral Finance berücksichtigen wir bei der Analyse des Kundenverhaltens, dass das Verhalten von Kunden oft vom Idealbild des Homo Oeconomicus abweicht. Da Wahrnehmungen, Denkmuster und Verhaltensweisen von Menschen häufig (scheinbar) irrational sind , müssen solche Irrationalitäten berücksichtigt werden, um das tatsächliche Verhalten der Kunden zu erfassen. So ist es bspw. im Versicherungsbereich wichtig zu verstehen, dass die Risikowahrnehmung der Kunden nicht nur durch objektive Auftretenswahrscheinlichkeiten beeinflusst wird, sondern auch davon abhängt, wie gut sich ein Kunde ein negatives Ereignis vorstellen kann (bzw. wie einfach mental „verfügbar“ solche Ereignisse sind). Bei abstrakten oder komplexen Risiken wie einer unzulänglichen finanziellen Absicherung im Alter ist diese Verfügbarkeit meist eingeschränkt. Dieser „Availability bias“ führt dann in der Konsequenz dazu, dass Kunden Risiken unterschätzen und nicht aktiv werden. Ein weiteres Beispiel ist der Vergleich mit dem Verhalten von Personen aus unserem sozialen Umfeld (sog. „Social Proof“): bekommen wir bspw. Rückmeldung darüber, wieviel Geld unsere Freunde für die Altersvorsorge zurücklegen, motiviert uns das, ebenfalls über Altersvorsorge nachzudenken.

Andererseits soll der Begriff Behavioral Marketing ausdrücken, welche Art von Methoden wir bevorzugen, um das Kundenverhalten zu messen. Diese Facette unseres Begriffsverständnisses weist Überschneidungen mit der Verwendung des Begriffs im Online-Marketing auf, ist aber nicht gleichbedeutend damit. Wie im Online-Bereich, wo Behavioral Marketing (bzw. Targeting) bedeutet, durch die Analyse des Nutzerverhaltens im Web Marketingmassnahmen zu personalisieren, meinen auch wir, dass Methoden eingesetzt werden müssen, die das tatsächliche Kundenverhalten so unmittelbar wie möglich messen. Hierfür bieten sich besonders Experimente an, die bspw. überprüfen, wie sich die Entscheidung eines Kunden verändert, je nachdem, wie die Entscheidungssituation gestaltet ist (siehe Blog-Post SilentSurfer). Das konkrete Verhalten von Kunden direkt in der Entscheidungssituation zu messen, ist in herkömmlichen Umfragen kaum möglich, da die in Umfragen vorgegebenen Präferenzen oft vom realen Verhalten der Kunden abweichen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Konzept Behavioral Marketing beinhaltet, das Kundenverhalten sowohl auf theoretischer als auch auf methodischer Ebene so realistisch wie möglich abzubilden. Dies, um unter anderem erfolgreich Massnahmen zu entwickeln, mit denen es gelingt, positive Verhaltensänderungen beim Kunden auszulösen.

Behavioral Economics in der Marktforschung

esomar.org

Behavioral Economics und Gamification sind zwei Begriffe, die im Marketing immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die Bücher von Dan Ariely und Daniel Kahneman sind schon fast Pflichtlektüren. Doch welchen Einfluss haben diese Themen auf die Marktforschung? Einiges aus der Verhaltensökonomie ist längst bekannt aus der Psychologie und findet insbesondere in der qualitativen Marktforschung bereits Anwendung. Einige andere Themen aus dem Bereich Verhaltensökonomie lassen sich ebenfalls gut auf das tägliche Geschäft der Marktforschung anwenden. Auch Gamification lässt sich gut in Experimenten umsetzten. Schaut man sich etwas nach links und rechts um, so erblickt man Institute die diese Themen weitgehenden ignorieren, aber auch einige die sich aktiv mit diesen Themen befassen.

Die ESOMAR Summer Academy 2013 in Amsterdam bot die Gelegenheit zu erfahren, wie andere Institute Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie anwenden und welche Rolle Gamification beim Studiendesign spielt. Die Summer Academy bot eine exzellente Möglichkeit sich mit anderen Marktforschern auszutauschen, neue Idee zu sammeln und Themen kritisch zu hinterfragen. Das Teilnehmerfeld war breit gestreut: Vertreter aus Lateinamerika, Europa, Asien und Australien waren anwesend.

Die ersten beiden Tage standen ganz im Zeichen der Anwendung von Behavioral Economics in der Marktforschung. Am Ende waren sich alle einige, dass weniger nach dem „Wieso“ gefragt, sondern viel mehr experimentell gearbeitet werden soll. Auch die Wichtigkeit von Beobachtungen wurde dabei hervorgehoben. Aus dem Bereich Werbung wurden spannende Studien präsentiert, die belegen, wie wichtig Emotionen sind und wie „unwichtig“ die eigentliche Message ist; wie beispielsweise die Werbung des „DancePonyDance“ aus England zeigt.

 

Emotionen waren ein weiterer Schwerpunkt der Summer Academy. Mit Neuroscience lassen sich Emotionen messen und bis anhin waren solche Verfahren sehr teuer und umständlich für den Probanden. Die Technik ist derzeit soweit fortgeschritten, dass die Messgeräte immer kleiner und günstiger werden. Kombiniert mit Tiefeninterviews und anderen Methoden der Marktforschung (z.B. eye-tracking) können valide Resultate sichergestellt werden. Bei einer Werbung beispielsweise können die Emotionen gemessen werden und so kann ermittelt werden, wo der Konsument ein High-Involvement zeigt.

Es bewegt sich derzeit einiges in der Marktforschung; neue Methoden etablieren sich. Um die Vorteile dieser Neuerungen optimal zu nutzen sollten sie mit den herkömmlichen Methoden kombiniert werden. Nur so können die Vorteile jeder Methode optimal genutzt werden.