Hilfsaktion für syrische Flüchtlinge – Ein Reisebericht, Teil 1

Im Rahmen einer privaten Hilfsaktion für Syrien sammelten im Dezember 2012 und Januar 2013 Mitarbeiter der Abteilung International Business über CHF 32’000 und kauften damit Wolldecken, Mehl und Bluttransfusionskits. Die SML-Dozenten Khaldoun Dia-Eddine und Prof. Dr.  Mathias Schüz sowie Assistent Raphaël Granito lieferten die Hilfsgüter persönlich nach Syrien. Der erste Teil des Reiseberichts erzählt von der Entstehung der Aktion, den Verhandlungen der Hilfsgüter und die Reise nach Syrien. Der folgende Bericht wurde von Raphaël Granito verfasst.

Aufbau Hilfsaktion

“Schnell, schnell! Holt euch einen Passstempel und geht zur anderen Seite der Grenze, wo die Lastwagen bereits warten. Wir sehen uns dann dort.” Dies waren die Anweisungen, welche wir von unserem syrischen Kontaktmann, Abu Abdu, an der türkisch-syrischen Grenze erhalten haben. Wir hatten mit ihm anfangs Januar 2013 die vergangenen 24 Stunden verbracht, wobei er uns half, die Waren für unsere Hilfsaktion zu erwerben.

Unseren syrischen Kollegen Khaldoun, Dozent an der ZHAW in Winterthur, ereilten über Freunde Hilferufe von Flüchtlingen in Syrien, die unter Kälte und Hunger litten. Sogleich organisierte er eine Spontanaktion noch vor Weihnachten und erhielt durch seinen Kollegen Mathias, ebenfalls Dozent an der ZHAW, und mich, dem wissenschaftlichen Assistenten an der gleichen Hochschule, Unterstützung. Wir beschlossen, sofort unsere persönlichen Kontakte anzuschreiben und um Spenden zu bitten. Wir garantierten dafür, dass wir das gesammelte Geld möglichst effizient für Hilfsgüter einsetzen und diese persönlich an die Bedürftigen verteilen würden. Die Reisekosten bezahlten wir aus der eigenen Tasche. Bis kurz nach Weihnachten hatten wir bereits mehr als CHF 20‘000 gesammelt. Zu Beginn unserer Reise am 2. Januar waren es sogar CHF 32‘000. Mit diesem Geld flogen wir nach Gaziantep im Süden der Türkei, einer 2-Millionen-Stadt knapp 35 Kilometer vor der syrischen Grenze entfernt.

Dank den Beziehungen und Türkischkenntnissen unseres erwähnten Kontaktmanns konnten wir zu sehr guten Konditionen Mehl, Wolldecken und am Ende sogar Bluttransfusionskits kaufen.

Verhandlungen

Das Verhandeln mit türkischen Geschäftsmännern ist ein interessanter Prozess. Angefangen wird mit Teetrinken und einer einleitenden Diskussion über den Zweck des Einkaufs. Bald darauf wird über den Preis gesprochen und ein Angebot unterbreitet. Nach dem ersten Angebot ist der Kunde natürlich noch nicht zufrieden und will eine Preissenkung, die dann eifrig weiter verhandelt wird, bis sich beide Parteien einig sind. In unserem Fall, beim Erwerb des Mehls, lag das erste Angebot schon weit unter unseren anfänglichen Berechnungen, offensichtlich wollte der Verkäufer nicht allzu viel an einer Hilfsaktion verdienen. Als wir dann mit dem Besitzer der Mühle noch besser bekannt wurden und uns an seinen Ahnenportraits in seinem Büro interessiert zeigten, wurden die Konditionen für das Mehl immer besser. Er organisierte nicht nur die Transportmittel für uns, drei grosse Lastwagen mit Fahrer, sondern spendete sogar aus eigener Tasche zusätzlich 10 Tonnen Mehl. Der verhandelte Endpreis für eine Tonne Mehl lag bei USD 495. Mit den Spendengeldern konnten wir also 35 Tonnen kaufen. Mit der Zugabe des Verkäufers kamen wir schliesslich auf insgesamt 45 Tonnen Weizenmehl.

Da der Besitzer der Textilfabrik ein Freund Abu Abdus ist, waren die Verhandlungen für die Wolldecken noch einfacher. Anstatt den anfänglich berechneten USD 16.50 pro Wolldecke, erhielten wir besonders grosse Wolldecken, die für je zwei Personen reichen, zu einem Preis von USD 9.30. Dies ermöglichte uns den Kauf von 1‘300 Doppelwolldecken.

Am Abend desselben Tages war alles auf den drei gemieteten Lastwagen geladen. Der Besitzer der Mühle hat sogar die Tageslieferung an seine üblichen Kunden ausfallen lassen, um uns noch rechtzeitig mit unserem Mehl versorgen zu können. Khaldoun und Mathias haben am späten Nachmittag das Verladen der Mehlsäcke koordiniert, während Ziad, ein syrischer Freund Khaldouns aus Genf, und ich die Wolldecken bei der Textilfabrik verluden. An diesem Abend kehrten wir schon früh in unser Hotel zurück, da wir am nächsten Morgen um 9.30 Uhr unsere Lastwagen an der Grenze treffen sollten.

Reise nach Syrien

Als wir dann am nächsten Morgen an der türkisch-syrischen Grenzstation Öncüpinar (auf Arabisch: Ma’bar Al Salamah) eintrafen, waren die Lastwagen schon im Zollfreibereich. In diesem Niemandsland mussten wir die Ware von den türkischen auf syrische Lastwagen umladen. Es gab in der Vergangenheit Zwischenfälle, bei denen Lastwagen aus der Luft angegriffen wurden. Seitdem dürfen keine türkischen Lastwägen die Grenze mehr passieren.

Umladen des Mehls von den türkischen auf die syrischen Laster

Von Öncüpinar aus verliessen wir die „normale“ Welt: Keine Einreisekontrolle, kein Zoll auf der syrischen Seite, stattdessen ein Paar Jugendliche mit AK-47, wohl Vertreter der Rebellenarmee, und einige improvisierte Checkpoints auf dem Weg ins Landesinnere. An der Grenze hatten uns Bekannte von Abu Abdu empfangen, die uns jetzt als Guides dienen sollten und gleichzeitig für unseren Schutz zuständig waren. Ein paar Kilometer hinter der Grenze stoppten wir bei den Trümmern eines einst ziemlich grossen Hauses. Der Besitzer des Hauses kam uns entgegen und berichtete uns, was passiert war: „Mein Haus wurde vor zwei Monaten bei einem Luftangriff getroffen. Meine acht Kinder und meine Ehefrau waren noch am Schlafen, als es geschah, und ich war draussen.“

Er ist der einzige Überlebende seiner Familie. Gerade als ich mich fragte, wie sich das anfühlen muss, schlagartig einfach alles zu verlieren, das einem je wichtig war, brach der Mann in Tränen aus und fragte sich dabei, was seine Familie denn verbrochen hätte. Wir waren alle sehr betroffen, versuchten ihn zu trösten und umarmten ihn. Wir konnten es noch gar nicht richtig fassen, so kurz hinter der Grenze mit dem Elend des syrischen Volkes konfrontiert zu werden. Für Khaldoun, der seit 33 Jahren zum ersten Mal wieder einen Fuss in sein Heimatland gesetzt hatte, war dieser Moment besonders schwer zu ertragen.

Wir mussten schnell lernen mit der Zerstörung umzugehen

Nach einer kurzen Autofahrt ins Landesinnere, vornehmlich über Feldwege, aber auch asphaltierte Landstrassen, hielten wir an einem Sicherheitscheckpoint der syrischen Befreiungsarmee (FSA) an. Die Rebellen luden uns in ihr kleines Zelt auf eine Tasse Tee ein. Dieser Halt zeigte uns, wie gutmütig und grosszügig die Menschen dieses Landes sind. Bauern, Hirten, Lehrer, Ingenieure, Lastwagenfahrer, Schüler – alle sind sie nun gezwungen zu kämpfen und sind stets bewaffnet. Ein älterer Mann erzählte uns von seinem abenteuerlichen Leben, das ihn schon vor Jahren in ein Gefängnis des Geheimdienstes Assads gebracht hatte. In den letzten beiden Jahren war er häufig ohne Dach über dem Kopf als Anhänger der Rebellen unterwegs. Er war sehr belesen und diskutierte gerne über Politik und Philosophie. Er war stolz auf die Zahl seiner Nachkommen.

Nach unseren Gesprächen mit Menschen aus der Region am Checkpoint brachten unsere Begleiter uns zu einem kürzlich erbauten Krankenhaus. Ein syrischer Bauingenieur, der eigentlich in Dubai lebte, war in seine Heimat zurückgekehrt, um sein Volk in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Er hatte das Krankenhaus geplant und den Bau geleitet, kurz nachdem die Region von der Regierung befreit worden war. Das Krankenhaus umfasst zwei Operationsräume, eine Intensivstation, eine Aufwachstation und ein paar Krankenzimmer. Der zuständige Arzt erklärte uns, dass das Krankenhaus nicht ausreichend ausgerüstet sei und noch einige Gerätschaften wie z.B. ein Röntgengerät benötigt würde. Das Krankenhausteam offerierte uns ein kleines Frühstück, worauf wir dann noch ein weiteres Krankenhaus besuchten, das sich zur Zeit noch im Bau befindet. Dieses Krankenhaus wird in den ehemaligen Gebäuden der Baath Partei gebaut. Es handelt sich dabei um eine kleine gynäkologische Klinik für werdende Mütter mit Geburtsstation, aber auch Versorgungsräumen für Frühgeborene. Die Verantwortliche, eine junge Dame, die im vierten Jahr ihres Medizinstudiums ist, erzählte uns unter Tränen, dass sie seit Monaten einen Kinderarzt und eine Geburtshelferin suche. An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass die ganze Region in den vergangenen Jahrzehnten unter der Assad-Regierung nicht ein einziges Krankenhaus hatte.

Der zweite Teil des Reiseberichtes folgt nächste Woche und erzählt wie die Hilfsgüter verteilt wurden, wie die Einwohner momentan leben und zeigt Eindrücke von einem Flüchtlingslager.

Wir haben eine neue Hilfsaktion für Syrien gestartet. Auf unserer letzten Hilfsreise nach Nordsyrien, haben wir einige Krankenhäuser besucht, die von der Bevölkerung gebaut wurden. Leider sind diese nur notdürftig ausgerüstet und können ihre Patienten deswegen nur unzureichend Behandeln. Weiter Informationen zu dem neuen Projekt und wie Sie uns helfen können, finden Sie hier.

Aus Sicherheitsgründen mussten wir einige Namen ändern. Leider wurden Menschen die sich für humanitäre Hilfe in Syrien engagiert haben zu Zielscheiben des Regimes. Wir bitten um Ihr Verständnis.

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