Politische Kommunikation in der Corona-Krise

Von Dr. Adis Merdzanovic

Eigentlich sind politische Parteien stets darum bemüht, die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit auf ihre Forderungen und Anliegen zu lenken. Die Medialisierung der Politgeschehens hat ihre Stellung im Schweizerischen politischen System gestärkt. In der Corona-Krise kommunizieren die Parteien indes zurückhaltender, wie ein Blick auf die jeweiligen Strategien zeigt. Politische Forderungen bleiben zwar nicht aus, kommen jedoch deutlich milder daher als in Zeiten des politischen Normalbetriebs.

Mit der Ausrufung des Notstandes hat der Bundesrat in der aktuellen Pandemie das Zepter des politischen Handelns klar in die Hand genommen. Die politische Agenda, ansonsten ein regelrechter Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit für verschiedenste Interessen und Ansichten, gehört aktuell ganz der Landesregierung und den Fachverantwortlichen der verschiedenen Behörden. Insbesondere Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit ist zum allseits geachteten Krisenmanager und Krisenkommunikator geworden.

Diese Situation stellt insbesondere die Schweizer Parteien vor eine Herausforderung, finden sie sich doch in einer Lage wieder, in der sie ihre ureigensten Funktionen – die Aggregation und Artikulation gesellschaftlicher Interessen wie auch die Mobilisierung der Bürger – nicht wirklich erfüllen können. Wie Adrian Vatter in seiner Studie zum politischen System der Schweiz festgestellt hat, haben die Parteien im Schweizer System eine eher schwache Stellung, wobei sie aufgrund von zunehmender Polarisierung und Mediatisierung ihre Rolle in den letzten Jahrzehnten eher gestärkt haben. In Krisensituationen treten jedoch pragmatische und zielführende Lösungen an die Stelle von gesellschaftlich-ideologischen Auseinandersetzungen, was die Parteien in eine kommunikative Zwickmühle bringt.

Gute Noten für den Bundesrat

Eine Anfrage, wie sie ihre Rolle in der aktuellen Krise sehen und welche strategischen Überlegungen sie sich für die Zeit nach Beendigung des Ausnahmezustands machen, liessen drei der sechs grössten Parteien im Parlament unbeantwortet. Bei der SVP hiess es, diese Fragen könnten zum aktuellen Zeitpunkt nicht seriös beantwortet werden. Auf ihrer Webseite spricht sich die Partei gegen eine Sondersession zur aktuellen Corona-Krise aus, weil die Finanzdelegation die finanziellen Massnahmen des Bundesrats bereits genehmigt habe. «Denn nun gilt es, der effektiven Umsetzung dieser Massnahmen nicht im Weg zu stehen, sondern bis zur Beendigung des Notstandes das Beschlossene – ob mangelhaft oder nicht – durchzusetzen. Die nötigen Legislativbeschlüsse können im Nachgang zu dieser ausserordentlichen Lage gefällt werden.»

Die Parteien zeigen sich in der aktuellen Krise verständlicherweise zurückhaltend (Bild: Pixabay)

Die CVP beantwortet die Anfrage mit dem Verweis auf eine Medienmitteilung. Darin bringt die Partei ihre Unterstützung für die Massnahmen des Bundesrats zum Ausdruck, verweist jedoch auf die Notwendigkeit, nach Beendigung der Krise eine klare Analyse durchzuführen, um so für weitere Krisen gerüstet zu sein. Dann sollen auch die weiterführenden Fragen in Hinblick auf flexible Arbeitszeiten, die Effektivität der Strukturen und Zielsetzungen der Sozialversicherungen oder die «lang geübte Zurückhaltung gegenüber weitsichtigen staatlichen Investitionen zugunsten einer geringen Staatsverschuldung» hinterfragt werden.

Die SP wertet in ihrer Antwort auf die Anfrage die Arbeit des Bundesrats als «sehr gut» und betont, dass in Krisenzeiten parteipolitische Auseinandersetzungen «richtigerweise» in den Hintergrund rücken: «Für die SP Schweiz dringlich ist die zielgerichtete Bewältigung der wirtschaftlichen, gesundheitspolitischen und sozialen Herausforderungen», so Mediensprecher Nicolas Haesler. «Arbeitsplätze, Lohnfortzahlungen und die Existenz von kleinen Unternehmen und Selbständigerwerbenden müssen garantiert, der immer stärker unter Druck stehende Gesundheitssektor muss gestärkt werden. Zudem braucht es vorausschauend ein mittelfristiges Konjunkturprogramm für die jetzt gebeutelten Kleinst-, Klein- und mittleren Unternehmen.» Nach der Krise werde die Wirtschaft nicht sofort in Gang kommen, so Haesler weiter, weswegen der Bund «alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausschöpfen» müsse, um «Arbeitsplätze und Einkommen auch für die Zeit nach der Krise langfristig und nachhaltig zu sichern.»

Aufklären und behutsam fordern

Die Grünen und Grünliberalen liessen die Anfrage genauso wie die FDP unbeantwortet. Auf den Webseiten der jeweiligen Parteien sind indes Stellungnahmen zur Corona-Krise zu finden, wenngleich diese bei einigen Parteien über eine Woche zurückliegen, was in Zeiten sich ständig überschlagender Ereignisse doch bemerkenswert ist. So betonen die Grünen, dass es nun die Hilfe aller brauche, um die Krise zu bewältigen. Neben der Organisation von lokalen Gruppierungen zur gegenseitigen Hilfe ruft die Partei dazu auf, an einem kurz- und mittelfristigen Programm zum Schutz vor Entlassungen und Firmenkonkursen zu arbeiten. Ebenfalls stellt sie klare Forderungen im Bereich der Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftspolitik.

Die Grünliberalen stellen sich ebenfalls hinter den Bundesrat und fordern auf ihrer Webseite «Solidarität mit den gefährdeten Personen und den betroffenen Unternehmen». Sie betonen dabei insbesondere die Wichtigkeit von Unterstützungsleistungen für selbstständig Erwerbende und KMUs. Auch die FDP fordert auf ihrer Webseite eine «langfristige Strategie» zur Unterstützung der Unternehmen. «Wer nun ausserordentliche Massnahmen fordert und ergreift, muss der Wirtschaft danach die Möglichkeiten geben, rasch wieder stark und konkurrenzfähig zu werden – dies ist die klare und unmissverständliche Forderung der FDP», heisst es auf der Website. «Nur eine gesunde Wirtschaft und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen die Möglichkeiten, auch eine nächste Krise zum Wohle der Gesellschaft erfolgreich zu meistern.»

Die politischen Parteien, die dem Bundesrat in einer gemeinsamen Erklärung Mitte März den Rücken gestärkt haben, setzen in der aktuellen Krise also auf zwei Elemente. Einerseits zeigen sie vollste Unterstützung für die Massnahmen des Bundesrats und nutzen insbesondere ihre Webseiten, um über die Corona-Krise zu informieren und die Bevölkerung zur Solidarität aufzurufen. Dazu passt auch, dass sie aktuell eher wenig öffentlich in Erscheinung treten und vor allem reaktive Stellungnahmen, also nach Medienanfragen, abgeben oder gar ganz auf diese verzichten. Zweitens nutzen sie ihre Webseiten, um klare Forderungen im Einklang mit ihren ideologischen Ausrichtungen zu lancieren, oder zumindest anzudiskutieren. Die Schweizer Parteien scheinen sich bewusst, dass in der aktuellen Krise die parteipolitische Auseinandersetzung nicht gefragt ist und vonseiten der Bevölkerung wohl auch kaum goutiert würde. Entsprechend versuchen sie, den kommunikativen Spagat zwischen dem Einbringen der eigenen Ideen und der Unterstützung der getroffenen Massnahmen. Dieser Spagat gelingt ihnen bis jetzt ganz gut.

Langfristige Effekte noch unklar

Doch wird die aktuelle Krise auch einen langfristigen Effekt auf das politische Geschehen haben? Das Schweizer Politsystem dürfte sich als robust erweisen, die Parteien und auch die Regierung werden so bald wie möglich wieder zum Alltag zurückfinden. Der Zürcher Kantonsrat hat bereits wieder seine Arbeit aufgenommen und andere Parlamente dürften folgen. Die politische Auseinandersetzung wird demnächst also weitergehen, auch unter Beteiligung der Parteien.

Aber Krisen verändern politische Auseinandersetzungen, teilweise nachhaltig; dies zeigt nicht zuletzt das vielzitierte Fukushima-Beispiel. Insbesondere wenn der formelle oder effektive Ausnahmezustand lange andauert oder die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft gravierender als erwartet sind, dürften Forderungen beispielsweise nach einer noch breiteren staatlichen Unterstützung für Unternehmen oder Massnahmen zur Entlastung des Gesundheitssektors signifikanten politischen Sukkurs erfahren. Ob diese Diskussionen tatsächlich stattfinden und in welche Richtung sie sich entwickeln werden, lässt sich aktuell aber nicht sagen. Dies wird nicht zuletzt von den politischen Akteuren abhängen.

Heute kochen wir mit CO2

Von Carmen Murer

Aus Luft und Sonnenlicht Treibstoffe herstellen. Das klingt nach Zauberei oder der wilden Fantasie eines Science-Fiction-Liebhabers. Seit Juni 2019 ist diese Technologie eine bewiesene Tatsache. Eine wissenschaftliche Sensation, die grosse Hoffnungen auf eine nachhaltigere Zukunft weckt. Aber wie erklärt man diese hochkomplexen Prozesse der Öffentlichkeit?

Der Zeitpunkt hätte nicht besser sein können. Mitten in der Klimadebatte gelang ETH-Forschenden der grosse Durchbruch: In einer solaren Mini-Raffinerie auf dem Dach der ETH Zürich demonstrierten sie, wie aus Luft und Sonnenlicht flüssige Treibstoffe hergestellt werden können. Die erzeugten Treibstoffe sind klimaneutral, da sie bei der Verbrennung nur so viel CO2 freisetzen, wie für ihre Herstellung der Umgebungsluft entzogen wurde. Zwei ETH Spin-offs bringen diese Technologie nun zur Marktreife. Climeworks spezialisiert sich auf die Abscheidung von CO2 aus der Umgebungsluft. Synhelion verarbeitet CO2 zu Treibstoffen, die mit der bereits vorhandenen Infrastruktur kompatibel sind.

Die solare Mini-Raffinerie auf dem Dach der ETH Zürich. © ETH Zürich / Alessandro Della Bella

Kommunikative Herausforderung

Was simpel klingt, ist Resultat jahrzehntelanger Forschung. Die Prozesse sind äusserst komplex und müssen noch weiterentwickelt werden, bis die Technologie marktreif ist. Daraus ergibt sich eine kommunikative Gratwanderung: Einerseits soll die Technologie so erklärt werden, dass sie verstanden und ihr Potenzial erkannt wird. Andererseits dürfen keine falschen Hoffnungen auf eine unmittelbare Lösung der CO2-Problematik geweckt werden. Zudem sollte die Kommunikation zu dieser bahnbrechenden Technologie bei den Lesern nicht nur ein Gähnen auslösen. Emotionen sind der Schlüssel zum Erfolg.

Zwei Lösungsansätze

Ein bewährtes Mittel zum Erklären technisch komplexer Prozesse sind Grafiken. Die Kombination aus Text und Bild unterstützt das Verständnis. Bei manch einem Leser wecken Grafiken voller chemischer Formeln aber ungute Erinnerungen an den Chemieunterricht – Periodensystem pauken und Protonenzahl berechnen … und die Aufmerksamkeit ist weg. Wie kann man also ein Laienpublikum für dieses Thema begeistern? Indem man mit einer Analogie einen Bezug zum Alltag herstellt. Die chemischen Prozesse sollen erlebbar gemacht und mit positiven Emotionen verknüpft werden. Eine leidenschaftliche Tätigkeit wie das Kochen eignet sich hierfür ausgezeichnet. Beim Kochen verarbeitet man genau wie in der Chemie Zutaten zu einem neuen Endprodukt, das im Ergebnis besser als die Summe aller Zutaten ist. Also ran an die Kochlöffel! Das folgende Rezept kann ab circa 2025 nicht nur auf kleiner Flamme auf dem ETH-Dach, sondern auch in der industriellen Grossküche gekocht werden.

Wasserdampf und CO2 werden zu Kerosin umgewandelt. © Pixabay

Kerosin aus Luft und Sonnenlicht

Rezept reicht für 10 Liter Kerosin oder einen Flug von Zürich nach Genf (pro Passagier).

Das brauchts:

1 Sonne

1 Parabolspiegel

1 Reaktor mit Cerdioxid-Struktur

65 kg CO2

55 kg Wasser

1 Druckreaktor mit Katalysatorbett

1 Kerosinsieb

1 Benzinsieb (nach Belieben)

Und so wird’s gemacht:

Schritt 1: Herstellung von Synthesegas

Die Sonnenstrahlen mithilfe des Parabolspiegels auf den Reaktor richten und diesen auf 1500 Grad Celsius vorheizen. Einige Minuten warten bis genügend Sauerstoff aus dem Reaktor ausgetreten ist. Anschliessend den Reaktor auf 900 Grad Celsius abkühlen lassen. CO2 und Wasser in den Reaktor geben und während circa 5 Minuten reagieren lassen. Das CO2 und das Wasser wurden nun zu Synthesegas umgewandelt.

Schritt 2: Verflüssigung des Synthesegases

Das Synthesegas in den Druckreaktor geben und durch das Katalysatorbett strömen lassen. Es entsteht eine Mischung aus verschiedenen Produkten wie Benzin, Kerosin und Wachsen.

Schritt 3: Kerosin-Extraktion

Die Masse durch das Kerosinsieb passieren und Kerosin in einem separaten Behälter auffangen.

Flugzeug tanken und abheben.

Guten Flug!

PS: Falls ein Dessert erwünscht ist, die Masse noch einmal durch ein Benzinsieb passieren. Ergibt circa 17 Liter Benzin, was gerade für den Heimweg im Auto reichen sollte.

Über die Autorin

Carmen Murer, 29, besucht aktuell den CAS Marketing- und Corporate Communications an der ZHAW. Diese Ausbildung liefert ihr wertvolle Inputs für ihre Arbeit als Head Corporate Communication bei Synhelion.

Irrationales Kundenverhalten in der Krise

Die Bilder gingen um die Welt, leergefegte Supermarktregale und sogar Handgreiflichkeiten wegen Toilettenpapier. Was macht die Corona-Krise mit uns? Wieso verhalten wir uns plötzlich noch irrationaler, als im Normalfall? Das haben wir bei unserem Experten, Dr. Kurt Ackermann, nachgefragt.

Die aktuelle Krise und auch die Angst vor dem Virus verändert unser Konsumverhalten. Wieso reagierten die Menschen so panisch und kauften Supermärkte leer und weshalb ist in so vielen Ländern das Toilettenpapier so hoch im Kurs?

Spätestens als das Virus nach Europa übergriff, sahen sich die Menschen hier mit einem realen, ängstigenden Phänomen konfrontiert, dessen Ausmass und die damit verbundenen Gefahren für sie nicht wirklich abschätzbar waren und wo sie plötzlich mittendrin standen. Da es zumindest zu unseren Lebzeiten noch keine vergleichbare Situation gab, konnte man auch nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen und entsprechend waren viele Menschen stark verunsichert, wie man sich jetzt verhalten sollte. Nun sind aber Unsicherheit und Angst zwei Dinge, mit denen wir im Allgemeinen nicht gut  – und vor allem nicht völlig rational – umgehen können. Menschen sind risiko- sowie verlustaversiv und haben entsprechend die starke Tendenz, Risiken und potentielle Verluste mit allen Mitteln vermeiden zu wollen. Um für sich selbst so viel Sicherheit wie möglich zu haben und möglichst sicherzustellen, dass es einem selbst in dieser unsicheren Situation nicht an essentiellen Dingen mangeln wird, haben manche dann begonnen, Lebensmittel und Hygieneartikel zu hamstern – darunter auch Klopapier. In solchen Situationen sind Menschen dann auch wenig empfänglich für sachliche Informationen (z.B. dass die Grundversorgung sichergestellt ist) und rationale Überlegungen (z.B. dass man im Falle einer tatsächlichen Nahrungsmittelknappheit auch kaum mehr Klopapier bräuchte); man ist ein Stück weit im Panikmodus und das Gehirn schaltet in gewisser Weise auf den «Selbsterhaltungs-Autopiloten».

Dr. Kurt Ackermann erklärt das irrationale Kundenverhalten in der Krise

Sobald das Hamster-Verhalten dann von einer kritischen Masse gezeigt wird, setzt ein weiterer psychologischer Effekt ein. Insbesondere in Situationen, mit denen wir keine Erfahrung haben, achten wir darauf, was andere tun und haben die Tendenz, es ihnen gleichzutun. Dieser Effekt verstärkt sich dann selbst, weil immer mehr Menschen das Verhalten anderer kopieren und dies wiederum von immer mehr anderen Menschen beobachtet wird. Man spricht dann auch vom Herdenverhalten oder «Bandwagon Effect». In gewisser Hinsicht führt dies dann tragischerweise zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, so dass dann am Ende tatsächlich kein Klopapier mehr verfügbar ist. Und sobald diese Produkte dann tatsächlich knapp sind, setzt noch der Scarcity-Effekt ein: «Wenn etwas knapp verfügbar ist, muss ich es mir vielleicht doch auch noch ergattern». Und dann beginnen auch noch solche Menschen, diese Produkte nachzufragen, die sich bis dahin noch eher rational verhalten hatten.

Es handelt sich bei den Hamsterkäufen also um ein Verhalten, welches auf verschiedenen psychologischen Mechanismen basiert, die sich leider auch noch gegenseitig verstärken können. Es braucht dann eine gewisse Zeit, bis sich das wieder normalisiert.

In vielen Staaten herrscht ein Lockdown, man kann aber noch einkaufen, teilweise aber nur noch die lebensnotwendigen Artikel. Welchen Einfluss hat das auf das Konsumverhalten und kann es nachhaltige Veränderungen auslösen? Besinnen wir uns vielleicht generell auf das Wesentliche?

Das mag kurzfristig vielleicht der Fall sein, aber ich glaube diese Effekte sind nicht langfristig. Wir kennen vielleicht alle die Situation, dass wir im Urlaub waren und dort etwas nicht so gut funktioniert hat wie zu Hause, z.B. der öffentliche Verkehr oder dass man Wasser direkt aus dem Hahn trinken kann, etc. Nach der Rückkehr aus den Ferien schätzen wir die Dinge zu Hause dann wieder viel mehr, aber nur für eine gewisse Zeit bis die Gewohnheit wieder einsetzt. Ich mag mich z.B. erinnern, dass ich in den Ferien einmal über eine Woche nur mit ausserordentlich geringem Wasserdruck und höchstens lauwarmem Wasser duschen konnte. Als ich wieder zu Hause war, habe ich meine Schweizer Dusche dann wieder unglaublich geschätzt. Nach einer Weile ist der Effekt aber wieder verpufft und ich nehme es wieder als selbstverständlich wahr – wenn ich mich, wie bei der Beantwortung dieser Frage, nicht gerade explizit wieder daran zurückerinnere. Ich glaube, dass dieser Adaptionsprozess auch in Bezug auf das Konsumverhalten nach der Krise ablaufen wird. Wir werden die Konsummöglichkeiten, die wir in unserer freiheitlichen Gesellschaft zurückgewinnen werden, zunächst sicherlich wieder mehr zu schätzen wissen. Meine Prognose ist aber, dass dann über die Zeit auch die Gewohnheiten wieder einsetzen und sich das Konsumverhalten wieder demjenigen vor der Krise annähern wird.

Nehmen wir noch einmal das Beispiel Toilettenpapier. Wie sollte ein Supermarkt jetzt vorgehen, um die Panik bei diesem Produkt abzumildern? Gibt es psychologische Tricks, die man in der Kommunikation oder im Laden selbst anwenden könnte, wenn ein Produkt knapp wird?

Das ist eine wirklich sehr schwierige Herausforderung für einen Detailhändler. Wie bereits angesprochen sind Menschen im «Hamstermodus» für sachliche und rationale Apelle wenig empfänglich. Eine Möglichkeit wäre aber vielleicht, auf klassisch ökonomische Anreize zurückzugreifen, so dass man –statt wie sonst üblich – keine Mengenrabatte, sondern Mengenzuschläge gibt. Dass also z.B. wenn eine Packung Klopapier alleine 10 Franken kostet, zwei Packungen dann 50 Franken und 3 Packungen 100 Franken kosten, etc. Dies wäre gegebenenfalls eine interessante Möglichkeit, Hamsterkäufe unattraktiv zu machen.

Das aktuell begehrteste Gut – Toilettenpapier (Bild: Pixabay)

Eine solche Krise ist ein absoluter Ausnahmezustand. Viele Existenzen sind gefährdet. Nun stellt sich die moralische Frage, darf ich zum Beispiel auf meinem online Shop meine anderen Produkte trotzdem bewerben, die vielleicht nicht lebensnotwendig sind?

Ich sehe nichts Verwerfliches darin, in der aktuellen Situation auch andere Angebote zu bewerben, welche mit der Grundversorgung nichts zu tun haben. Im Gegenteil: Gerade in dieser Ausnahmesituation suchen viele Konsumenten wieder etwas Normalität und haben z.T. auch etwas mehr Zeit als sonst, sich nach Produkten umzuschauen, die das Leben in den eigenen vier Wänden vielleicht etwas versüssen und mit denen man sich etwas Gutes tun kann. So gesehen wäre es aktuell moralisch wohl fast eher geboten statt verboten, den Konsumenten etwas zu bieten und anzupreisen, was ihnen die Zeit in der Krise etwas angenehmer macht. Und aus Unternehmenssicht geht es natürlich auch darum, durch diese insbesondere auch wirtschaftlich gesehen sehr grosse Krise möglichst unbeschadet hindurchzukommen. Wenn die Konsumenten sich momentan auch für andere Produkte interessieren und vielleicht sogar in bestimmten Bereichen kauffreudiger sind als sonst, sollen die Unternehmen diese Chance doch nutzen. Ich sähe wirklich keinen Grund, sie dafür an den Pranger zu stellen.

Nicht nur Lebensmittel, sondern auch andere Produkte können die Zeit etwas versüssen (Bild: Pixabay)

Generell, wie sollten sich die Unternehmen jetzt verhalten und wie könnten sie allenfalls die Krise nutzen, um auch positive Effekte zu generieren?

Krisen haben ja immer zwei Seiten. Einerseits stellen sie einen vor grosse bis gar existenziell bedrohende Herausforderungen. Andererseits sind sie auch eine Chance, zu lernen, sich anzupassen, sich zu verändern und gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Zum Beispiel wird diese Krise voraussichtlich über alle Branchen hinweg einen positiven Effekt auf das Voranschreiten der Digitalisierung haben und auch einen Fortschritt in Bezug darauf bringen, wie wir miteinander mobil und flexibel zusammenarbeiten können.

Um von einer Krise effektiv profitieren zu können, braucht es aber natürlich Flexibilität, Agilität, Anpassungsvermögen, Kreativität und Experimentierfreudigkeit. Wir sehen aktuell ja auch, dass Not durchaus erfinderisch machen kann. So bieten gewisse Hotels ihre freistehenden Zimmer nun als Arbeitsräume an für Personen, welche im Home-Office keine guten Arbeitsbedingungen vorfinden. Manche Restaurants stellen momentan auf Take-Away-Service oder Heimlieferservice um. In den Nachrichten habe ich sogar gesehen, dass Priester in den USA nun Drive-In Stationen anbieten, wo man sich die Beichte quasi im Vorbeifahren abnehmen lassen kann.

Natürlich können nicht alle Unternehmen innert kürzester Zeit ihr Geschäftsmodell umkrempeln oder erweitern. Aber es ist sicher eine gute Idee, sich zu überlegen, wie man bestmöglich und vielleicht auch kreativ auf diese Ausnahmesituation reagieren kann, um sie zu bewältigen. Im Idealfall entstehen daraus vielleicht sogar neue innovative Produkte und Services, die man nach der Krise beibehält oder sogar noch ausbaut. Ich hoffe, dass dies möglichst vielen Unternehmen gelingt.

Sportmarketing im Stillstand

Der Sport steht fast auf der ganzen Welt still. Nicht nur grosse Turniere wurden abgesagt, sondern auch die individuelle Sportausübung im Verein ist momentan nicht möglich. Wenn alles im Stillstand ist, wie kann hier das Sportmarketing noch funktionieren? Das haben wir bei unserem Sportmarketing-Experten Marcel Hüttermann nachgefragt.

Das öffentliche Leben ist vielerorts praktisch lahmgelegt und damit auch die Sportveranstaltungen. Dies ist für Sportler, aber auch für Vereine ein grosses Problem. Abgesehen vom regelmässigen Training, fehlt auch die regelmässige Interaktion. Könnte hier das Sportmarketing auch digital unterstützend wirken?

Die Branche wird jetzt dazu gezwungen sich schneller zu digitalisieren und sich Gedanken über Inhalte zu machen. Das passiert durch Trainingsangebote, die nun digitalisiert werden, aber auch in der Interaktion mit den Fans vor allem über die Social Media Kanäle. Hier sind einige Vereine bereits sehr kreativ an die Sache herangegangen was sich auch nachhaltig positiv auf die Beziehung zwischen Verein und Fans auswirken.

Sportmarketingexperte Marcel Hüttermann

Grosse Vereine haben eine starke Fanbase und treue Fans. Wie sollte aktuell die Kommunikation erfolgen?

Hier bieten sich den Sportvereinen, aber auch den einzelnen Athleten eine grosse Möglichkeit mit den Fans über digitale Kanäle zu kommunizieren. Borussia Dortmund hat bspw. letzte Woche ad-hoc einen Podcast aus dem Boden gestampft. Ohne grosse Vorbereitung, ohne sich gross Gedanken darum zu machen. Die Inhalte sind einfach: Gespräche mit Mitarbeitern, ehemaligen und aktuellen Spielern über privates und geschäftliches. Persönlich, nah und interessant. Der Podcast ist auf sehr positive Resonanz gestossen.

Das ist lediglich ein Beispiel. Sportvereine tun gut daran jetzt nicht in eine Schockstarre zu verfallen, sondern in dieser Zeit auch kreativ zu sein. Auf Twitter duellieren sich GC und Servette in einem virtuellem Vier-gewinnt, Schalke O4 twittert komplette Live-Ticker von Spiele aus ihrer Historie, Athleten posten auf ihren Social Media Kanälen wie Sie zu Hause trainieren und Sportreporter kommentieren von Ihrem Wohnzimmer aus was auf Ihrer Strasse passiert. Das sind alles kreative Ansätze um den Kontakt zum Fan, vor allem auch nachhaltig, zu verbessern. Jetzt ist die Zeit für Emotionale Inhalte.

Gerade Fussballstars sind für viele Vorbilder. Könnte man diese dazu nutzen, um auf die aktuelle Gefahr und vor allem auf die Wichtigkeit hinzuweisen, jetzt zu Hause zu bleiben?

Definitiv. Es ist zu beobachten, dass vor allem Jungendgruppen sich noch draussen in Parks und auf der Strasse in grösseren Gruppen treffen. Über die Social-Media-Kanäle haben die Stars die Möglichkeit die Jugendlichen zu erreichen und Vorbild zu sein. Zu erläutern warum es wichtig ist daheim zu bleiben, ihnen aber auch zu zeigen wie Sie Ihre Zeit zu Hause verbringen können. Etwa mit der Klopapier-Challenge.

Kommen wir kurz zu kleineren Vereinen. Die Schweiz ist ja bekannt für ihre Vereinskultur. Da sind ja diverse Sportarten vertreten. Was würden Sie aktuell diesen Vereinen raten? Wie könnte hier das Sportmarketing unterstützend wirken?

Digitalisiert euren Sport und eure Trainings! Wir können uns nicht in der Halle oder auf dem Platz treffen? Egal! Treffen wir uns virtuell und machen das was wir können in den eigenen vier Wänden. Und das Ganze muss aktuell noch nicht mal technisch ausgefeilt sein. Jeder ist mit der aktuellen Lage vertraut, jeder versteht die Lage, also ist mein Ratschlag: Einfach machen! Das wird sich für die Zukunft nachhaltig positiv auszahlen. Der Trainer oder die Trainerin kann die Übungen live vormachen und alle anderen können Sie vor dem Bildschirm nachmachen. Das gilt für Yoga, Pilates aber auch für den Turnverein. Selbst bei Ballsportarten kann an gewissen Techniken zu Hause gearbeitet werden. Dann wird halt die Garage umfunktioniert.

Jetzt gilt es das Training zu digitalisieren, damit man Techniken auch zu Hause üben kann (Bild: Pixabay)

Wenn man nun physisch fast keinen Sport ausüben kann, wird jetzt der digitale Sport boomen? Wäre das eine Chance für die Esports Branche?

Ziemlich sicher ist das so. Auch weil aktive Fussballspieler den Esports selbst pushen da sie sich in virtuellen Ligen duellieren und die Fans sich dies genüsslich anschauen. Gestern hat bspw. ein Fussballspieler von Real Madrid den Verein zum ersten virtuellen Titel geführt. 170.000 Zuschauer haben sich dies angesehen.

Und auch ohne die aktiven Fussballer wird Esports einen Boom erleben obwohl er grade eigentlich bereits boomt. Das wird nun nur noch schneller passieren. Grade jetzt wo man daheim sitzen muss ist der PC oder die Konsole doch noch stärker gefragt als ohnehin schon.

Darf ich noch etwas abschliessend loswerden?

Gerne doch!

Liebe Sportorganisationen. Ja, es ist eine harte Zeit, Ticket- und Broadcasteinnahmen fallen weg, die Vereinsexistenz steht teilweise auf dem Spiel und meine Antworten hören sich arg simpel an: Einfach machen. Aber, ich bin fest davon überzeugt das dieses Virus auch eine unglaubliche Chance für Sportvereine darstellt die sich darauf einlassen, kreative Ideen entwickeln und nun ins digitale investieren. Wohl wissend ist diese Investition hart, wenn andere Umsätze wegbrechen, allerdings werdet Ihr für euren Mut belohnt werden, wenn diese Pandemie vorbei ist. Davon bin ich überzeugt.

E-Commerce in Krisenzeiten

Aktuell geht es vielen Branchen und Unternehmen schlecht. Wo es aber die einen trifft, da können andere profitieren. Der E-Commerce, besonders im Food-Bereich, ist im Hoch. Immer mehr wollen ihre Einkäufe online bestellen und nach Hause liefern lassen. Wir haben dem E-Commerce Experten Dr. Darius Zumstein, einige Fragen zur aktuellen Lage gestellt.

Der Food Bereich war im E-Commerce immer eher schwach unterwegs, der Anteil an online eingekauften Lebensmittel war mit gut 3% sehr tief. Aktuell hat sich das schlagartig geändert. Besonders die grossen Anbieter haben mit dem Ansturm zu kämpfen. Warum ist es so schwierig, sich schnell auf die gesteigerte Nachfrage einzustellen?

Food-Onlinehändler wie Farmy und die Onlinesupermärkte wie coop@home, LeShop und Brack.ch waren schlicht nicht vorbereitet. Sie wurden überrumpelt und können die Lager- und Logistikinfrastrukturen kurzfristig nicht so schnell ausbauen. Die Explosion der Bestellungen betrifft die Beschaffung, die Lagerwirtschaft und vor allem die Logistikzentren.

Bei vielen Food-Onlinehändlern wurden und werden mit dem Ansturm die Personal-Ressourcen hochgefahren und zahlreiche neue Mitarbeiter eingestellt. Bei Brack.ch wurden innert einer Woche 50 neue Leute eingestellt, Digitec Galaxus sucht zurzeit 200 neue Mitarbeiter.

Dr. Darius Zumstein, E-Commerce Experte am ZHAW Institut für Marketing Management

Gemäss Thomas Lang, Geschäftsführer von Carpathia, ist im Bereich Food zurzeit nicht die Beschaffung und Zustellung das Problem, und auch nicht zusätzliche Schichten mit mehr Personal, sondern die Platz-Limitierungen in den Logistikzentren von Lebensmittelhändlern wie LeShop und coop@home. Kurz: Die Logistikzentren sind maximal ausgelastet. Die beiden Grossverteiler Migros und Coop können kurzfristig höchstens neue Modelle anwenden, in denen beispielsweise einzelne Filialen picken und kommissionieren, sprich die bestellten Produkte in ein Paket packen und verschicken. Als weitere Alternative könnten Verteilzentren umfunktioniert werden.

Den Food Pure Playern (Lebensmittel-Onlinehändler ohne Filiale) und Food Start Ups sind Grenzen gesetzt. Farmy beispielsweise hat eine begrenzte Anzahl lokaler Gemüse- und Früchte-Lieferanten und damit auch eine begrenzte Menge an lieferbaren Produkten. Aufgrund der Kapazitätsbeschränkungen kann Farmy etwa in der Ostschweiz erst am 18. April 2020 wieder liefern, wie sie in ihrem Onlineshop kommunizierten.

Der Lebensmittel-Onlinehändler Farmy ist bis zum 18. April 2020 ausgebucht (Quelle: Screenshot www.farmy.ch, am 23.03.2020)

LeShop hat sogar eine online Warteschlange eingeführt, dennoch sind praktisch alle Lieferfenster ausgebucht. Wenn jemand seine Einkäufe frühzeitig plant und zum Beispiel erst Ende April seine Lieferung bekommen möchte, kann er den Einkauf dennoch nicht abschliessen, weil die Lieferfenster nicht verfügbar gemacht werden. Weshalb gibt es nur so kurzfristige Lieferfenster? Wäre es nicht besser, wenn die Leute langfristiger planen würden?

Die Lieferfenster stehen in Abgleich mit den Produktverfügbarkeiten bei der Beschaffung, mit dem Vorrat am Lager und vor allem mit den erwähnten Kapazitäten der Bestellverarbeitung, inklusive dem Packen und Kommissionieren der Pakete.

Ein Food Logistiker bietet in der Regel keine Lieferfenster weiter als 10 bis 14 Tage an, weil er gar nicht weiss, welche Frischwaren er zu diesen Daten erhalten wird. Gemäss Praxisexperten wie Thomas Lang ist Food-Logistik um Faktoren komplexer als Non-Food, nur schon wegen der Verderblichkeit und den drei Klimazonen (z.B. tiefgefrorene und gekühlte Produkte).

Eine langfristige Planung der Einkäufe käme den Onlinelebensmittelhändlern sicher entgegen. Aber Konsumenten planen den Einkauf von verderblichen Lebensmitteln eher kurzfristig: Es wird das bestellt, was zeitnah in der laufenden und kommenden Woche konsumiert wird. Zudem verschärfen irrationale und übertriebene Hamsterkäufe (grosse Bestellmengen von Einzelkäufern) die Problematik.

Bei haltbaren Lebensmitteln ist die Situation anders. Hier wäre eine mittel- und langfristige Planung der Konsumenten umso wichtiger, damit kurzfristig Ressourcen für den Versand von frischen Lebensmitteln genutzt werden können.

Hinweis auf ausgebuchte Lieferfenster auf LeShop (Quelle: Screenshot www.leshop.ch, am 23.03.2020)

Gerade Risikogruppen sollten jetzt vermeiden einkaufen zu gehen. Könnten die online Händler diese Risikogruppen nicht bevorzugt behandeln? Gäbe es hier technische Möglichkeiten?

Ja, eine Bevorzugung der Risikogruppen ergibt beim Onlineeinkauf von Lebensmitteln sicher Sinn, damit diese nicht in die Filiale gehen müssen und sich damit einer erhöhten Ansteckungsgefahr aussetzen.

Über das Alter kann ein Onlineshop nicht selektionieren, da ein Kunde einen falschen Geburtstag angeben kann. Es wäre höchstens eine Authentifizierung über einen öffentlichen Personalausweis (Pass oder Identitätskarte) möglich, wie dies schon beim Onlineverkauf von Alkohol, Zigaretten oder Telekommunikationsprodukten geschieht.

Mit der Altersverifizierung könnte man aber nur über das Kriterium «Alter» selektieren, etwa Personen älter als 65 Jahre, nicht aber jüngere Risikogruppen mit gesundheitlichen Vorbelastungen (z.B. Herz- oder Lungenkrankheiten, Diabetes, Krebs). Um diese Risikogruppe beim Onlinehandel zu bevorzugen, bräuchte es eine elektronische Patientenkarte, die den Status «Risikogruppe» ärztlich garantiert und dokumentiert. Die Politik und die ganze E-Health Industrie ist nun gefordert, eine solche Lösung zu erarbeiten. Krankenversicherungen sollten hier die Initiative übernehmen und Lösungsvorschläge erarbeiten, ob und wie ein Status der Risikogruppe auf der «Schweizerischen Krankenversicherungskarte KVG», die jeder Bürger besitzt, elektronisch abgespeichert wird und bei der Bestellung im Onlineshop eingegeben werden kann.

Technische Lösungen zur Verifizierung der Risikogruppe müssen dann über einen Service in den Onlineshops implementiert werden. Solche Verifizierungen im Hintergrund geschehen heute schon, z.B. bei der Überprüfung der Bonität der Kunden. Selbstverständlich muss bei einer solchen Lösung der Datenschutz und die Datensicherheit garantiert sein. Ein nationaler oder internationaler Standard für alle Onlineshops ergibt hier sicherlich Sinn und sollte schnellstmöglich erarbeitet werden. Da im «Cross Border E-Commerce» der Onlinelebensmittelverkauf und -einkauf nicht an der Grenze haltmacht, braucht es international anerkannte und nutzbare Lösungen. Den Stein ins Rollen bringen muss aber der Bundesrat, die nationale Politik.

Kommen wir kurz zu kleineren Händlern. Viele mussten ihre physischen Läden schliessen. Wie schnell kann ein physischer Händler nun einen online Shop lancieren? Was muss er hier beachten?

Ein Onlineshop kann relativ schnell, innert wenigen Stunden, aufgeschaltet werden. Dazu gibt es kostenlose Open Source Content Management Systeme (CMS) wie zum Beispiel WordPress oder Drupal, mit welcher eine Website erstellt werden kann. Durch die Aktivierung eines E-Commerce-Moduls (Plugins) im CMS kann ohne Programmieraufwand ein Onlineshop lanciert werden.

Natürlich gibt es viele Funktionen, Prozesse und Tätigkeiten eines Onlineshops, die nicht so schnell möglich sind. Dazu gehört die Erstellung der Produktinformationen (Content wie Bilder oder Produkttexte), die Anbindung von Bezahl- und Logistik-Lösungen, die Bewerbung des Onlineshops, der Aufbau und Betrieb eines Kundenservices und eben des Lagers und Versands.

Grosses Potential in der aktuellen Krise sehe ich in den Onlineshops von Herstellern von Lebensmitteln und von Bauern, welche ihre Produkte direkt an die Konsumenten verkaufen können, ohne Umwege über Händler mit Kapazitätsschwierigkeiten. Die Landwirtschaft und Lebensmittelhersteller sollen ermutigt und gefördert werden, Lebensmittel direkt online zu verkaufen.

Die Krise bietet Potential für Lebensmittelhändler und Bauern, um ihre Kunden zu erreichen (Bild: Pixabay)

Ein E-Commerce unerfahrener Händler braucht ev. Unterstützung von Experten. Wie kann er hier die richtigen Partner finden, die ihm einen fairen Preis berechnen?

Beim Aufbau eines Onlineshops gibt in jeder Region Unterstützung von Digital-Agenturen und Freiberuflern. Es gibt auf E-Commerce spezialisierte Agenturen wie zum Beispiel Carpathia, Aioma, Garaio, relate digital, Unchained Commerce, Ufirst, MySign und Go2Flow. Für grosse Projekte sind Full-Service-Agenturen wie Namics, Unic oder Liip bekannt. Kriterien zur Auswahl von Agenturen und Onlineshop-Systemen gibt es viele und können auf Anfrage gerne zur Verfügung gestellt werden.

Ein E-Commerce Startup oder Händler, der einen neuen Onlineshop lanciert, braucht systematische und durchdachte Strategien und Konzepte im Bereich Digital Commerce und Marketing. Die Agenturen unterstützen kurzfristig bei der Umsetzung, mittel- bis langfristig muss das Know-how auch intern aufgebaut werden, um sich weniger abhängig zu machen. Dazu ist eine passende Weiterbildung sicher gut investiertes Geld.

Gibt es Tipps, wie diese kleineren online Shops auch nach der aktuellen Krise weiterbetrieben werden können? Kann man das nutzen, wenn sich die Kundschaft auf die online Möglichkeit gewöhnt hat?

Kleine Onlineshops sollten einen möglichst guten Service bieten, sich von der Konkurrenz abheben und die Kunden zufrieden stellen. Habe ich als Kunde gute Erfahrungen mit einem Onlineshop gemacht und werde ich, z.B. über einen Newsletter oder über soziale Medien, immer wieder an ihn erinnert, ist es wahrscheinlich, dass ich da wieder einkaufe.

Es braucht gute Kommunikation und Anreize, dass ich beim Anbieter meines Vertrauens nachbestelle. Sei es aufgrund des Nutzens des Produkts oder der Dienstleistung, attraktiver Angebote und nachhaltigen, kundenorientierten Lösungen.

Wie eine repräsentative Onlinehändlerbefragung der ZHAW zeigt, sind über die Hälfte aller Schweizer Onlineshops kleine Unternehmen mit 1 bis 4 Mitarbeitern. Die KMUs sind das Rückgrat unserer Volkswirtschaft, das müssen sie auch digital bleiben und werden.

Tragischerweise ist die Corona-Krise auch eine Digitalisierungs-Chance, aus welcher der E-Commerce und andere Bereiche der Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Bildung (eTeaching, eLearning) sicher gestärkt herausgehen.

Eine Digitalisierungs-Chance nicht nur für den E-Commerce Bereich (Bild: Pixabay)

Zum Schluss, wie ist die allgemeine Einschätzung zum E-Commerce? Werden die Zahlen gesamthaft massiv ansteigen und wird es für den Food Bereich allenfalls zu einem langfristigen Erfolg?

Ich bin überzeugt, dass das Umsatz-Wachstum im E-Commerce weitergeht, und zwar in sämtlichen Branchen. Schon vor Corona verdoppelten sich die E-Commerce-Umsätze alle vier Jahre, die aktuelle Krise verstärkt den Trend.

Wie nachhaltig der Nachfrage-Boom im Bereich Digital Food ist, bleibt abzuwarten. Einige Konsumenten gewöhnen sich sicher an diesen sicheren, bequemen, schnellen und einfachen Kaufkanal und verändern nachhaltig ihr Einkaufsverhalten. Viele Menschen werden ihre Gewohnheiten ändern und Lebensmittel online bestellen.

Andere Konsumenten, für welche der stationäre Einkauf ein wichtiges, reales und sinnliches Erlebnis ist und bleibt, werden wohl wieder in den Supermarkt zurückkehren.

Die Konsumenten werden künftig wieder die Wahlmöglichkeiten haben, welche zurzeit eingeschränkt sind. Die zurzeit ungewohnte Knappheit und Limitationen können für unsere Wohlstandsgesellschaft auch eine lehrreiche Erfahrung für die Zukunft sein. Etwa der Blick für das Wesentliche und Solidarische, gerade was die Grundversorgung existenzieller Bedürfnisse anbelangt.

Weshalb Content-Marketing Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Event-Marketing ist

Von Alexandra Mächler

Events als Form der Live-Kommunikation bieten hervorragende Möglichkeiten zur Inszenierung der eigenen Produkte und Marke (Image) gegenüber den Kunden. Allerdings ist jeder Event zeitlich und örtlich limitiert, was in zweierlei Hinsicht ein grosser Nachteil ist. Erstens können nicht alle teilnehmen, die wollen und sollten. Zweitens kann die erzielte Wirkung des Events schnell verpuffen. Eine zielgerichtete Content-Marketing-Strategie ist Voraussetzung, um einen Event zu unterstützen und dessen Wirkung nachhaltig zu optimieren.

Der Event ist die ideale Plattform, um Wissen gepaart mit Unterhaltung (Infotainment) zu übermitteln. Gut gemacht, kann der Event eine langanhaltende emotionale Verbundenheit mit der Firma entfalten und idealerweise ein positives Bild hinterlassen. Damit eine nachhaltige Wirkung erzielt wird, muss ein Event mit einer umfassenden Content Marketing-Strategie vorbereitet, begleitet und nachbereitet werden. Es müssen Inhalte recherchiert und kreiert werden, die für die Zielgruppe nicht nur relevant sind, sondern einen klaren Mehrwert darstellen. Das Event-Marketing, welches das Ziel hat, den Event bei der Zielgruppe bekannt zu machen, ist eng auf das Content-Marketing abzustimmen. Anhand des Kongresses «Tag der Wirtschaft» soll stellvertretend beleuchtet werden, wie Content-Marketing sämtliche Eventphasen beeinflusst und für den langfristigen Erfolg Grundvoraussetzung ist.

Content-Strategie definiert das Ziel und die Einzigartigkeit des Events

«Tag der Wirtschaft» 2019; Panorama-Aufnahme aus der mit 3‘500 Gästen gefüllten St. Jakobshalle in Münchenstein (Bild: Dominik Plüss)

Der von der Wirtschaftskammer Baselland – Dachverband der kantonalen Wirtschaft – einmal jährlich für ihre rund 10’000 Mitglieder (Zielgruppe) durchgeführte «Tag der Wirtschaft» ist mit 3’500 Gästen der grösste Wirtschaftskongress in der Region Nordwestschweiz und findet in der St. Jakobshalle in Münchenstein statt. Als Impulsgeberin präsentierte die Wirtschaftskammer 2019 unter dem Motto «Erfolgsfaktor Mensch» anhand von konkreten Beispielen, dass der grösste Erfolgsfaktor in einem Unternehmen stets der Mensch ist. Mit den daraus gewonnenen Inputs erhalten die Mitglieder einen Mehrwert, der die reine Verbandszugehörigkeit und -dienstleistungen übersteigt. Darauf aufbauend sind die Event-Marketing-Massnahmen eng auf die einzelnen Eventphasen auszurichten.

Content-Marketing-Strategie vor dem Event

Die für den «Tag der Wirtschaft» eigens im Event-CI/CD erstellte Webseite (Landingpage) kombiniert die Textabschnitte gezielt mit Bild- und Videoelementen und stimmt die Besucher auf den Anlass ein. Damit das Suchmaschinen-Ranking (SEO) optimiert wird, werden interne (Verweis auf Inhalte der eigenen Event-Webseite) und externe Links (Verknüpfung zu anderen Webseiten) gesetzt. Dadurch erhält man mehr Traffic, mehr Follower und höhere Reichweite. Die für die Zielgruppe relevanten Social-Media Kanäle Facebook und LinkedIn sind ebenso entscheidend. Idealerweise agiert die Zielgruppe als Promotor und Eventbotschafter. Die Social Media greifen zudem die in der Verbandszeitung «Standpunkt der Wirtschaft» und dem Programmheft «Standpunkt – das Magazin» veröffentlichten Eventberichte auf. Die ergriffenen Massnahmen helfen, die Aufmerksamkeit, die Reichweite und die Bekanntheit für den Event zu erhöhen und dessen Relevanz in der Zielgruppe, aber auch weit über die Verbandsgrenzen hinaus, herzustellen. Insgesamt lässt sich auch so die Teilnehmerzahl erhöhen.

Content-Marketing-Strategie während des Events

Um die Ferngebliebenen dennoch am Event teilhaben zu lassen, gibt es zum Glück die Live-Berichterstattung über das Fernsehen oder über die Sozialen Medien. Aus Kostengründen bevorzugt die Wirtschaftskammer letzteres. Mittels kurzen Live-Videos und Fotos mit aussagekräftigen Informationen (ähnlich eines Live-Tickers) werden auf den Social-Media-Kanälen besonders wichtige Momente veröffentlicht. Der Zielgruppe muss aufgezeigt werden können, dass der Events erstens eine hohe Relevanz besitzt. Zweitens, dass es wichtig ist, am Event teilzunehmen. Und drittens: dass es Spass macht, am Event zu sein.

Content-Marketing-Strategie nach dem Event

Die unterschiedlichsten Akteure referierten am «Tag der Wirtschaft» 2019 zum Thema «Der Mensch im Mittelpunkt»: Bildlegende v.l.n.r. oben: Bundesrat Guy Parmelin; Daniel Bloch, CEO Chocolats Camille Bloch ; Birgit Gebhardt, Trendexpertin. V.l.n.r. unten: David Bosshart, CEO Gottlieb Duttweiler Institut (GDI); Christoph Buser, Direktor Wirtschaftskammer Baselland; Mike Schwede, Digital Strategist, Entrepreneur. (Bilder: Dominik Plüss)

Nach dem Event wird die mediale Dokumentation (Content) für die Berichterstattung im Print- und Onlinebereich aufbereitet und genutzt. Auf der Landingpage werden die Bilder und Best-of-Videos hochgeladen und alle relevanten Teilnehmer darauf markiert, bevor auf diese mittels Social-Media-Kanäle hingewiesen werden. Die markierten Gäste werden gerne auf ihre eigene Teilnahme hinweisen und der Wirtschaftskammer ihre eigene Reichweite leihen. Mit den Massnahmen werden drei Ziele erreicht: Erstens können die anwesenden Gäste ihre Teilnahme als bestätigt sehen. Zweitens zeigt es den Nichtteilnehmern, dass sich eine künftige Teilnahme lohnt. Drittens kann der Event eine Kontinuität erreichen, wenn er für künftige Veranstaltungen das Interesse und somit die Teilnehmerzahlen steigert.

Fazit Event-Marketing ist Content-Marketing in eigener Sache

Richtig auf das Content-Marketing abgestimmt bewirkt Event-Marketing, was es bewirken soll: Grosse Aufmerksamkeit bei der Zielgruppe erregen, diese für die Veranstaltung als Teilnehmer gewinnen, eine Event-Kontinuität erreichen und das Image der Organisation und des Events nachhaltig positiv beeinflussen.

Über die Autorin

Alexandra Mächler arbeitet als Projektleiterin KMU-Förderung / Public Affairs bei der Wirtschaftskammer Baselland in Liestal. Um sich für ein Auftragsmandat in der Unternehmenskommunikation und in der Vermarktung im Event-Management fit zu machen, besucht sie den CAS Marketing- & Corporate Communications an der ZHAW.

Das IMM und die aktuelle Corona-Krise

Corona hat die Welt fest im Griff. Nicht nur die Politiker, sondern auch die Unternehmen sind stark von den Massnahmen betroffen. Auch das ZHAW Institut für Marketing Management musste sich zwangsläufig schnell adaptieren und auf die neue Situation einstellen. Deshalb hier ein kleiner Lagebericht aus dem digitalen IMM.

Die Digitalisierung beschäftigt das Marketing schon seit einigen Jahren, dementsprechend war auch das ZHAW Institut für Marketing Management seit jeher an den neuesten Trends und Entwicklungen dran und hat versucht diese auch im Unterricht einzubauen. Dennoch, eine solche Lage, wie sie aktuell herrscht, dies stellt auch das IMM vor Herausforderungen. Trotz digitaler Tools, lebt der Unterricht auch vom sozialen Austausch, von der nonverbalen Kommunikation, von der Mimik und dem persönlichen direkten Gespräch. In Zeiten von Corona ist es aber allen verständlich, dass dies aktuell nicht möglich ist und man nun zu Alternativen greifen muss.

Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf den Lehrbetrieb © Pixabay

Digital heisst nicht schlechter

Mitten im Semester die Inhalte zu digitalisieren oder eine Weiterbildung mit externen Dozenten auf digital umzustellen, ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Es ist zwar richtig, dass die Folien teilweise vorbereitet sind, aber der digitale Unterricht bringt Veränderungen mit sich. Dies ist für die Beteiligten nicht einfach und die Digitalisierung ist plötzlich für alle ein sehr aktuelles Thema. Zentral ist aber der Gedanke, den Prof. Dr. Brian Rüeger, Institutsleiter des IMM, formuliert hat: „Digital heisst nicht schlechter, das ist ganz wichtig. Digital muss für uns heissen, noch mehr zu bieten, noch besser zu sein.“ Diese Botschaft wird vom ganzen IMM getragen. Es gilt aufzuzeigen, dass ein digitaler Unterricht nicht eine minderwertige Variante des Präsenzunterrichts ist. Digital bietet sehr viele Chancen, vielleicht andere als in der Präsenzveranstaltung, aber diese schwierige Zeit kann ideal genutzt werden, Dinge auszuprobieren. Natürlich braucht es Veränderungen, aber wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass wir mit Telefonen Fotos schiessen? Vielleicht wird durch diese Corona-Krise der digitale Unterricht plötzlich zu einem ganz normalen Mittel im Portfolio der Lehrkräfte.

Es gibt keine Ausreden mehr, der digitale Unterricht muss nun umgesetzt werden © Pixabay

Virtuell wird zusammengestanden

Was heisst das nun konkret? Seit Anfang der Woche sind die IMMler dran, ihre Unterrichtseinheiten zu digitalisieren. Die Energie und das Engagement sind überwältigend. Hier wird aktuell grosser Einsatz gezeigt. Es wird versucht für die Studentenschaft und für die Weiterbildung angepasste Lösungen zu finden. Testläufe werden durchgeführt, Ideen werden ausgetauscht und was besonders schön ist, das IMM-Team funktioniert auch digital hervorragend. Die gegenseitige Unterstützung ist riesig und gerade in solch einer Krise wird aufgezeigt, ob ein Team wirklich zusammenarbeiten kann. Beim IMM ist das sicher der Fall. Werden einige Dinge nicht funktionieren? Sicher. Wird es technische Probleme geben? Sicher. Werden einige unzufrieden sein? Sicher. Das alles gehört zu einer aussergewöhnlichen Lage dazu. Jeder Fehlschlag nützt, um sich zu verbessern. Das IMM ist also trotz Corona-Krise und Home Office aktiver denn je und will fachlich kompetente Unterstützung bieten. Virtuell wird zusammengestanden und die Herausforderung ist angenommen!

Swiss Biodesign – Ein anwendungsorientiertes Trainingskonzept für radikale MedTech Innovationen in Kooperation mit der Stanford University

Fortschritt in der Medizin ist eng verbunden mit medizintechnischen Innovationen. Meist erst durch diese wird es möglich klinische Ergebnisse oder die Kosteneffizienz deutlich zu verbessern. Doch wie können Behandler und Produktentwickler im zunehmend regulierten, kostenintensiven Gesundheitswesen noch radikal neuartige Produktideen entwickeln?

Dieser Herausforderung widmeten sich im vergangenen Herbst zwei internationale Teams im ersten Swiss Biodesign Bootcamp. Dieses wurde organisiert von der ZHAW und dem Kantonsspital Winterthur. Das übergeordnete Ziel dieses Innovationsmanagementkurses: Intra- und Entrepreneuren einen systematischen Prozess zu vermitteln, um Bedürfnisse und Marktchancen jenseits existierender Produktlösungen zu identifizieren. Der berufsbegleitende Kurs basiert dabei auf dem international bewährten, praxisorientierten Biodesign Trainingsprogramm der renommierten Stanford University. Neben Prof. Tom Krummel und Dr. Orestis Vardoulis aus Stanford, kamen ausgewiesene MedTech-Innovationsexperten von ETH, ZHAW, Unternehmen, Start-ups und Early-Stage Investoren zum Einsatz. Die maximal 12 Teilnehmenden aus Medizin, Technik und Betriebswirtschaft bilden während der Weiterbildung drei- bis vierköpfige, interdisziplinäre Projektteams und arbeiten ab dem ersten Tag wie im Start-up: Mit dem Ziel ein konkretes Medizinprodukt zu konzeptionalisieren und die Managementaufgaben eines Produktentwicklers unter realen Bedingungen kennenzulernen. Mit diesem anwendungsorientierten Ansatz ist es Biodesignern aus Stanford gelungen bereits Dutzende neuer MedTech-Produkte und sehr erfolgreicher Startups zu erschaffen.

Die Teilnehmer des ersten Swiss Biodesign Bootcamps

Beobachten statt Befragen als Erfolgsrezept

Aus der Design Thinking Forschung ist bekannt, dass Menschen die wenigsten ihrer Bedürfnisse verbal kommunizieren. Daher fokussiert Biodesign darauf Patienten und Behandelnde nicht nur zu befragen, sondern ihr Verhalten und Behandlungsumfeld genau zu beobachten. Doch wie funktioniert das konkret? Dazu der Studiengangleiter, Dr. Jens Haarmann: «In der Clinical Immersion-Phase begleiten die Teilnehmenden Operationen, Konsultationen und Fallbesprechungen. Es ist dabei erstaunlich wie schnell sich der Blick schärft, scheinbar Selbstverständliches hinterfragt wird und die Projektteams auf 30-40 Ansatzpunkte für potenzielle Innovationen kommen.»

Der Blick wird geschärft und scheinbar Selbstverständliches wird hinterfragt.

Im vergangenen Jahr erfolgte dies in der Viszeralchirurgie am Kantonsspital Winterthur (KSW), in der die Teilnehmenden über mehrere Tage sämtliche Aspekte des Alltags in einer grossen chirurgischen Abteilung hautnah erleben konnten. Seitens des KSW wurde der Kurs von Chefarzt Prof. Dr. Michel Adamina begleitet, welcher den Nutzen aus seiner Sicht prägnant zusammenfasst: «Die Clinical Immersion war für die Teilnehmer und die Klinik eine spannende Zeit regen Austausches zu unterschiedlichsten klinischen Bedürfnissen, sowie neuen Einblicken in die technischen und marktseitigen Aspekte einer globalen Produktentwicklung.»

Clinical Immersion als wichtiger Teil des Bootcamps.

Während der anschliessenden Entwicklung der eigentlichen Produktideen wurden die Projektteams von branchenerfahrenen Experten zu Marktanalysen, Intellectual Property, Regulatory, Market Access, Health Economics und zur Business Plan-Entwicklung intensiv gecoacht. Aus der schrittweisen Konkretisierung und Priorisierung resultierten am Schluss zwei innovative Produktlösungen: Ein Smart Stoma Device und ein neues GERD Antireflux-Implantat. Prof. Krummel, Stanford Biodesign Co-Director und Gastreferent im Swiss Biodesign Programm meint dazu: «Da Biodesign in Stanford ein mehrmonatiges Vollzeitprogramm ist, wussten wir nicht genau, welche Ergebnisse wir in einem Teilzeitkurs erwarten konnten. Dass ein Projektteam in der vergleichsweise kurzen Zeit sogar bis zu einer Patentanmeldung kam, zeigt mir, dass der Biodesign-Prozess auch im hocheffizienten Swiss Biodesign-Format funktioniert.»

Nach dem erfolgreichen Piloten wird das Bootcamp im Jahre 2020 als ausgewachsener CAS Swiss Biodesign for MedTech Innovators fortgeführt. Der genaue, medizinische Themenbereich für die Clinical Immersion variiert jedes Jahr und wird erst zum Kursbeginn bekannt gegeben. Soviel kann aber bereits gesagt werden: Der diesjährige Hauptpartner der Clinical Immersion ist die Balgrist Universitätsklinik in Zürich.

Kantonsspital Winterthur – Swiss Biodesign Fellowship Award

Die medizinischen Partnerkliniken des Swiss Biodesign Programms vergeben jedes Jahr einen Innovation Fellowship Award. Dieser ermöglicht es Jungmedizinern mit ausserordentlichem, klinischem Leistungsausweis und Interesse an MedTech/HealthTech Innovationen eine gebührenfreie Teilnahme am Managementkurs.

Der KSW – Swiss Biodesign Fellowship Award ging im Jahre 2019 an Dr. Jonathan Douissard vom Universitätsspital Genf (zweiter von links).

English Version

Swiss Biodesign – An application-oriented training concept for radical MedTech innovation in cooperation with Stanford University

Progress in medicine is closely linked to innovations in medical technology. It is oftentimes through new medical devices that clinical results or cost efficiency can be significantly improved. But how can clinicians and product developers still develop radically new product concepts in an increasingly regulated, cost-intensive healthcare system?

This challenge was addressed by two international teams at the first Swiss Biodesign Bootcamp last autumn. The part-time program was organized by the ZHAW and the Kantonsspital Winterthur. The overall goal of this innovation management course: To give intra- and entrepreneurs a systematic process to identify needs and market opportunities beyond existing product solutions. The extra-occupational course is based on the internationally proven, practice-oriented Biodesign training program of the renowned Stanford University. In addition to Prof. Tom Krummel and Dr. Orestis Vardoulis from Stanford, proven MedTech innovation experts from ETH, ZHAW, companies, start-ups and early-stage investors were involved.

The participants from the fields of medicine, technology and business administration formed interdisciplinary project teams of three persons during the training and worked from day one as if they were in a start-up: with the aim of conceptualising a concrete medical product and getting to know the management tasks of a product entrepreneur under real conditions. With this application-oriented approach, biodesigners from Stanford have already succeeded in creating dozens of new medtech products and very successful start-ups.

Observing instead of interviewing as a recipe for success

From design thinking research, it is known that only a small part of individual needs are communicated verbally. Therefore, Biodesign focuses on not only interviewing patients and caregivers, but also observing their behavior and treatment environment. But how does this work in practice? Jens Haarmann, head of the course, says: „In the clinical immersion phase, participants accompany operations, consultations and case discussions. It is astonishing how quickly the participants sharpen their view, question seemingly self-evident facts and the project teams come up with 30-40 starting points for potential innovations.“

Last year, this took place in the Visceral Surgery Department at the Cantonal Hospital Winterthur (KSW), where the participants were able over several days to experience up close all aspects of everyday life in a large surgical department. On the part of the KSW, the course was accompanied by Chief Physician Prof. Dr. Michel Adamina, who summarized the benefits from his point of view: „The Clinical Immersion was an exciting time of lively exchange on the most varied clinical needs, as well as new insights into the technical and market aspects of global product development.

During the subsequent development of the actual product ideas, the project teams were coached closely by industry experienced experts on market analysis, intellectual property, regulatory, market access, health economics and business plan development. The gradual prioritization of needs and concepts resulted in two innovative product solutions: A Smart Stoma Device and a new GERD anti-reflux implant. Prof. Krummel, Stanford Biodesign Co-Director and guest speaker in the Swiss Biodesign Program comments: „Since Biodesign at Stanford is a full-time program lasting several months, we did not know exactly what results we could expect in a part-time course. The fact that a project team even managed to apply for a patent in the comparatively short time shows me that the biodesign process also works in the highly efficient Swiss Biodesign format„.

After the successful pilot, the Bootcamp will be continued in 2020 as a full-fledged CAS Swiss Biodesign for MedTech Innovators. The exact medical subject area for the Clinical Immersion varies each year and will be announced at the beginning of the course. But this much can already be said: This year’s main partner for Clinical Immersion is Balgrist University Hospital in Zurich.

Winterthur Cantonal Hospital – Swiss Biodesign Fellowship Award 2019

The medical partner clinics of the Swiss Biodesign Programme offer two Innovation Fellowship Awards every year. This award is available to young doctors and researchers with an outstanding clinical track record and interest in MedTech/HealthTech innovation.

In 2019, the KSW – Swiss Biodesign Fellowship Award went to Dr. Jonathan Douissard of the University Hospital of Geneva (second from left).

Eingesandte Texte als Marketing-Instrumente für Kleinstbetriebe

Von Dr. Adis Merdzanovic

Viele Kleinstbetriebe haben aufgrund von beschränkten Budgets Mühe, ein effizientes Marketing zu betreiben. Eingesandte Texte in Lokal- oder Regionalzeitungen, die in der Regel kostenlos abgedruckt werden, können hier Abhilfe schaffen und ein Unternehmen im Markt positionieren. Damit ein Text aber auch wirklich in der Zeitung erscheint, müssen gewisse Feinheiten beachtet werden.

Rund 99 Prozent aller Unternehmen in der Schweiz gehören gemäss Angaben des Bundesamts für Statistik in die Kategorie der KMU, sind also kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten. Rund 590’000 solcher Unternehmen gibt es insgesamt, wobei gut 530’000 weniger als 10 Beschäftigte ausweisen. Diese sogenannten Mikrounternehmen haben es nicht immer leicht, die für ihr Unternehmen geeigneten Marketingmassnahmen zu finden und umzusetzen, insbesondere auch, weil oftmals kein eigentliches Marketing-Budget zur Verfügung steht.

Anteil der Unternehmen nach Grössenklassen © BFS 2019

Microunternehmen haben aber den Vorteil, dass ihr Einzugsgebiet meistens beschränkt ist und sie beispielsweise durch Sponsoring der lokalen Vereine oder Inserate in der Lokal- oder Regionalzeitung ihre werberelevante Zielgruppe relativ gut erreichen können. Doch auch diese Engagements sind mit Kosten verbunden.

Eingesandte Beiträge als kostengünstiges Marketing

Eine wirtschaftlich bessere Alternative und ein gutes Marketingtool stellen deshalb eingesandte Beiträge in Lokal- und Regionalzeitungen dar. Im Gegensatz zu Inseraten werden diese von den Zeitungen in der Regel kostenlos veröffentlicht, sofern sie ein öffentliches Interesse abdecken, wobei letzteres je nach Zeitung unterschiedlich definiert wird.

Bei diesen «Eingesandten» handelt es sich um eine Art von Medienmitteilungen, die aber ungefiltert an die Leserinnen und Leser weitergereicht werden. Damit dies geschieht, ist zunächst das Thema ausschlaggebend. Hier gilt es, das öffentliche Interesse nachzuweisen. Der Wechsel eines Geschäftsleitungsmitglieds erfüllt die Schwelle in der Regel nicht, die Eröffnung einer neuen Filiale an prominenter Lage in der Regel schon. Auch Auftritte an weit entfernten Messen, zu denen die Leserschaft keinen Bezug hat, haben einen schweren Stand, während die Lancierung eines neuen Produkts oder einer neuen Dienstleistung durchaus Chancen hat, wenn der Text ansprechend daherkommt. Ebenfalls sind die Chancen höher, falls schon einmal Inserate geschalten wurden; in einigen Lokalmedien gilt die ungeschriebene Regel, dass nach einigen Inseraten ein kostenloser Text platziert werden darf.

Eingesandte Beiträge als gutes Marketingmittel © Pixabay

Ziel Leserschaft zu informieren

Um erfolgreich einen eingesandten Text zu platzieren, muss dieser gewissen Kriterien entsprechen, denn in der Regel erscheint er im redaktionellen Teil der Zeitung. Wichtig zu beachten ist, dass es dabei nicht um einen Werbetext im klassischen Sinne geht. Es soll nicht ein Produkt oder eine Dienstleistung als «top» beworben werden. Dies unterscheidet das «Eingesandte» auch von einer kostenpflichtigen Publireportage. Vielmehr ist das Ziel, die Leserschaft zu informieren, was das Produkt oder die Dienstleistung ist und wie diese in deren Alltag passen. Auf Superlative ist deshalb zugunsten einer nüchternen, informativen Sprache zu verzichten. Ebenfalls sollte der Leser keinesfalls direkt angesprochen werden. Auf «Ich»-, «Wir»- und «Sie»-Formulierungen wie auch komplexe Fachbegriffe ist deshalb zu verzichten.

Wie bei einer klassischen Medienmittelung ist dem Text ein «Lead» von einigen Sätzen mit den wichtigsten Informationen vorauszustellen, und der Text ist eher kürzer als länger zu halten. Viele Zeitungen sind zudem über eine passende Bebilderung froh, die gleichzeitig mitgeschickt werden sollte – als separater Anhang und nicht nur in der elektronischen Vorlage des Textes. Je einfacher man es der Redaktion macht, den Text und das Bild weiterzuverarbeiten, umso grösser sind die Chancen, dass er auch wirklich erscheint. Ebenfalls steigt das Interesse für solche eingesandten Texte in Zeiten, in denen «wenig los» ist und die Zeitungen ebenfalls gefüllt werden müssen – also zur Ferienzeit, insbesondere im Sommer, und nach längeren Feiertagen.

Keine Werbung, sondern Content

Mit eingesandten Texten können Unternehmen hervorragend über Veränderungen im Produkt-Portfolio, neue Dienstleistungen oder bevorstehende Anlässe berichten. Ebenfalls sind allgemeine Informationen von öffentlichem Interesse, die das Unternehmen betreffen, der Leserschaft aber einen klaren Mehrwert bieten, gerne gesehen. Insofern fällt der eingesandte Text eher in den Bereich des «Content»-Marketings als in jenen der klassischen Werbung. Im Gegensatz zu einer Medienmitteilung richtet sich der eingesandte Text jedoch nicht in erster Linie an die Journalisten und Experten, sondern an die breite Leserschaft. Unternehmen, die regelmässig in der Lokalpresse vertreten sind – durch Inserate, aber eben auch durch eingesandte Texte – kreieren zudem einen Wiedererkennungswert und steigern so ihren Brand.

Spannendes Non-Profit Marketing am Abschlusstag

Non-Profit Organisationen brauchen eine professionelle Marketingkommunikation. Die diesjährige Durchführung des CAS Marketing & Kommunikation in NPO verhalf den Teilnehmenden zu mehr Wissen in diesem Bereich und zu mehr Selbstsicherheit im Umgang mit dem NPO-Marketing.

Non-Profit Organisationen geniessen einen guten Ruf, weil hier Werte und, wie der Name schon sagt, nicht der Profit im Vordergrund stehen. Allerdings hat sich die Spendenwelt stark gewandelt und der Markt an diversen Organisationen wird immer grösser. Kleine und grosse NPOs müssen sich daher mit der Frage auseinandersetzen, wie sie ihre Zielgruppen mit welcher Form der Marketingkommunikation am besten erreichen.

Die CAS Abschlussklasse (Bild: A. Merdzanovic)

Praxisnahe Inhalte bis zum Abschluss

Verschiedene Institutionen waren am diesjährigen CAS vertreten und zeigten die Bandbreite an NPOs auf. NPOs sind eine spezielle Gruppe, die Besonderheiten aufweist, die es auch in der Weiterbildung zu berücksichtigen gilt. Die Teilnehmenden lernten in den vergangenen Monaten die Marketingkommunikation in ihren diversen Facetten kennen – und das stets zugeschnitten auf die Bedürfnisse der NPOs. Wichtig war auch, dass das Gelernte schnell in die Praxis übertragbar ist. Dies hat sich besonders in den Abschlusspräsentationen gezeigt. Es musste ein Kommunikations- oder Marketingkonzept erstellt werden und schlussendlich präsentiert werden. Diverse spannende Ansätze wurden aufgezeigt und es wurde sichtbar, mit welchen Schwierigkeiten die vorgestellten NPOs zu kämpfen haben. Überraschungen gab es auch, etwa in Form eines speziellen Gaastes oder in Form von Tee.

Die Klasse hat eine grosse Entwicklung durchgemacht und es darf herzlich zum Abschluss gratuliert werden. Die Leistungen waren eindrücklich und es werden sicher in den jeweiligen NPOs Veränderungen in der Marketingkommunikation erfolgen. Für alle, die sich ebenfalls für diesen CAS interessieren, er wurde etwas transformiert und kommt 2020 unter einem geschärften Profil daher. Da erkannt worden ist, dass gerade NPOs spezifische Unterstützung im digitalen Marketing und in der digitalen Transformation benötigen, wurde der CAS modifiziert und startet im Oktober 2020 unter dem Namen CAS Digital Marketing in NPO. Bewährtes wurde natürlich belassen, aber es gibt auch spannende neue Inhalte zu entdecken.

Der neue CAS Digital Marketing in NPO – das digitale Marketing speziell für NPOs

Weitere Informationen: CAS Digital Marketing in NPO