Hilft Baldrian wirklich gegen Schlaflosigkeit?

Sie liegen im Bett, die Augen sind müde, doch der Schlaf will nicht kommen. Dieses Gefühl kennen viele Menschen nur zu gut. Wer nicht schlafen kann, greift in einem ersten Schritt oft zu natürlichen Mitteln. Baldrian gilt seit langem als sanfte pflanzliche Alternative zu Schlaftabletten. Doch wirkt er tatsächlich besser als ein Scheinmedikament? Im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit haben wir alle verfügbaren Studien dazu genau unter die Lupe genommen.

Quelle: Adobe Stock

Von Cécile Grobet

Schlaflosigkeit betrifft einen beachtlichen Teil der Bevölkerung, ebenso wie psychische Belastung im Alltag oder die Nervosität vor einer Prüfung. Wer nach einem niederschwelligen Mittel gegen diese Probleme sucht, landet oft bei Baldrian. Das pflanzliche Mittel ist rezeptfrei erhältlich, gilt als gut verträglich und wird seit Jahrhunderten zur Beruhigung eingesetzt. Kein Wunder, dass die von der obligatorischen Krankenversicherung übernommenen Kosten für baldrianhaltige Präparate in der Schweiz seit 2014 auf das Dreifache gestiegen sind. Im Handel finden sich sowohl Monopräparate mit reinem Baldrianextrakt als auch Kombinationen mit Melisse, Hopfen, Passionsblume oder Pestwurz. Wenn Baldrian verschrieben wird, kann es über die Grundversicherung abgerechnet und vergütet werden.

Vor gut einem Jahr haben wir an dieser Stelle das damals anlaufende Health Technology Assessment (HTA) vorgestellt und die zentrale Frage aufgeworfen, ob baldrianhaltige Medikamente tatsächlich wirksam sind. Nun wurde unser Bericht publiziert und die Resultate liegen vor.

Für unseren Bericht haben wir alle weltweit publizierten Studien systematisch durchsucht. Insgesamt flossen 36 Studien in die Auswertung ein, 33 davon randomisiert kontrollierte Studien. Wo es die Datenlage zuliess, haben wir die Resultate einzelner Studien in eine umfassende Analyse (Meta-Analyse) zusammengefasst, um ein möglichst verlässliches Gesamtbild zu erhalten.

Neben der Wirksamkeit und Sicherheit haben wir auch die Kosten untersucht, mit einem eigenen Budget-Modell auf Basis von Schweizer Abrechnungsdaten der Krankenversicherer und einer Befragung von Hausärztinnen und Hausärzten. Ergänzend haben wir ethische, rechtliche, soziale und organisatorische Fragen untersucht, die im Falle einer allfälligen Streichung der Vergütung relevant wären. Im Zentrum standen die drei Anwendungsgebiete Schlaflosigkeit, psychische Belastung und Prüfungsangst.

Das Ergebnis fällt ernüchternd aus. Baldrian wirkte im Vergleich zu einem Placebo meist nicht besser. Dies galt sowohl für die Einschlafzeit, die Schlafdauer, die Schlafeffizienz oder die nächtlichen Aufwachphasen. Auch Kombinationspräparate mit Melisse oder Hopfen schnitten nicht besser ab als ein Scheinmedikament.

Nur bei zwei Messgrössen ergab sich ein Vorteil zugunsten von Baldrian, nämlich bei der subjektiv empfundenen Schlafqualität direkt nach der Behandlung und beim Gesamtwert des Pittsburgh Schlafqualitätsindex. Bei genauerem Hinsehen relativiert sich aber auch dieser Befund, denn zwei der drei zugrundeliegenden Studien beobachteten die Teilnehmenden nur einen einzigen Tag lang, was die Unsicherheit dieses Resultats deutlich erhöht. Für psychische Belastung und Prüfungsangst lagen zu wenige vergleichbare Studien vor, um überhaupt eine Meta-Analyse durchzuführen.

Die Ergebnisse sind mit grossen Unsicherheiten behaftet. Dies hat mehrere Gründe. Erstens unterscheiden sich die Studien stark voneinander, beispielsweise betreffend Dosierung (300 bis über 1000 Milligramm pro Tag), Therapiedauer, Outcomes oder untersuchte Personengruppen. Diese Vielfalt erschwert einen direkten Vergleich der Resultate.

Zweitens weisen viele Studien methodische Schwächen auf. Nur gerade sieben Prozent der Studien zu Schlaflosigkeit waren methodisch einwandfrei durchgeführt. Häufig fehlten vorab festgelegte Auswertungspläne, was Zweifel an der Vollständigkeit der berichteten Resultate weckt.

Drittens sind viele Studien älter und berichten ihre Zahlen unvollständig. Oft fehlten die Angaben, die wir für eine Meta-Analyse benötigt hätten, weshalb wir diese Resultate nur beschreibend zusammenfassen konnten, statt sie statistisch zu bündeln.

Mit den vorliegenden Daten lässt sich eine Wirksamkeit von Baldrian über den Placeboeffekt hinaus nicht konsistent nachweisen. Das heisst nicht, dass Baldrian niemandem hilft, sondern dass die Studienlage dünn ist und die meisten Studien mit Kontrollgruppe keine ausgewiesene Wirksamkeit einer Baldrianbehandlung zeigen. Unser Bericht liegt jetzt bei der zuständigen eidgenössischen Kommission, die auf dieser Grundlage eine Empfehlung an das Bundesamt für Gesundheit zur künftigen Vergütung baldrianhaltiger Arzneimittel aussprechen wird. Würden baldrianhaltige Arzneimittel nicht mehr vergütet werden, könnten über einen Zeitraum von fünf Jahren mehr als 200 Millionen Franken eingespart werden.


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