
Von Matthias Maurer
Das Schweizer Gesundheitswesen steht vor der Herausforderung, Über-, Unter- und Fehlversorgung zu reduzieren. Mangelnde Indikationsqualität wird häufig als Hauptursache für solche nicht angemessene Versorgung identifiziert. Doch was genau ist mit «Indikationsqualität» gemeint? Trotz seiner zentralen Bedeutung fehlen bislang eine einheitliche Definition und systematische Nutzung dieses Konzepts. In einem Bericht im Auftrag der Groupe Mutuel klären wir das Konzept der Indikationsqualität, zeigen seine Bedeutung für eine bedarfsgerechte Versorgung auf und stellen konkrete Handlungsoptionen zur Stärkung der Indikationsqualität im Schweizer Gesundheitswesen vor.
Aber auch sonst beschäftigen wir uns intensiv mit Qualitätsthemen. Mutieren wir zum Winterthurer Institut für Qualität (WIQ)?
Auch „Nichtstun“ kann gute Indikationsqualität bedeuten
Indikationsqualität beschreibt die Angemessenheit von Entscheiden über medizinische Massnahmen für eine bestimmte Person. Eine hohe Indikationsqualität bedeutet, die richtige Massnahme zum richtigen Zeitpunkt zu wählen – wobei auch «Nichtstun» eine angemessene Option sein kann. Das Konzept umfasst evidenzbasierte Medizin, Patientenpräferenzen und Shared Decision Making, also dem gemeinsamen Entscheiden von Patient:innen und Ärzt:innen. Indikationsqualität wird bei verschiedenen Entscheiden relevant, die entlang eines Patientenpfads gefällt werden (siehe Abbildung oben).
Unterschiedliche Perspektiven
Während Ärzt:innen im Kontext der Indikationsentscheidung die individuelle Behandlungsautonomie betonen, fokussieren Versicherer auf die Einhaltung der WZW-Kriterien (Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit). Patient:innen wiederum wünschen sich verständliche Information und Mitbestimmung. Diese unterschiedlichen Sichtweisen können zu Spannungen führen, bieten aber auch Potenzial für gemeinsame Qualitätsentwicklung.
Wie können die Akteure zu besserer Indikationsqualität beitragen?
Der Bericht identifiziert konkrete Handlungsoptionen, die auf der Basis einer verbesserten Transparenz zur Indikationsqualität ermöglicht werden könnten. Drei zentrale Akteure stehen im Fokus:
- Leistungserbringer: Verbindlichere Guidelines, systematische Qualitätsentwicklung, individualisierte Behandlungspfade
- Patient:innen: Stärkung der Gesundheitskompetenz und Erhöhung der Mitverantwortung
- Kostenträger: Qualitätsorientierte Vergütung und innovative Versicherungsprodukte
Für eine erfolgreiche Umsetzung solcher Handlungsoptionen braucht es die Entwicklung und Implementierung validierter Indikatoren, bessere Daten, die Förderung einer aktiven Qualitätskultur in den Organisationen sowie eine koordinierte Zusammenarbeit aller Akteure. Als angewandtes Forschungsinstitut unterstützen wir alle interessierten Akteure gerne bei der schrittweisen Implementierung.
Winterthurer Institut für Qualität (WIQ)?
Seit einiger Zeit setzen wir uns intensiv mit Qualitätsthemen auseinander. Dies tun wir in der angewandten Forschung wie derzeit in einer führenden Rolle in zwei nationalen Qualitätsentwicklungsprogrammen der EQK für ambulante Pflege (Spitex) sowie ambulante Physiotherapie. Aber auch in der Weiterbildung thematisieren wir Qualität als ein Querschnittsthema.
Und auch unser nächster Herbstanlass vom 3. November 2026 in Winterthur steht ganz im Zeichen dieses Themas. Qualität in der Leistungserbringung aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Strategischer Erfolgsfaktor oder Admin-Monster? In einem früheren Blog von Florian Liberatore fragt er sich, wieso das Thema Qualität aus betriebswirtschaftlicher Sicht einen solch schweren Stand hat. Für ihn ist klar, dass sich Investitionen in Qualität wirtschaftlich auch ohne Vorgaben oder Anreize durch die Tarifsysteme lohnen können. Aber viele Manager:innen und ärztliche Direktor:innen trauen sich nicht an dieses Thema heran. Die Fragen, warum das so ist, und warum bisher nur wenige Organisationen der Leistungserbringer das Motto «Quality as a business case» haben, wollen wir im Plenum diskutieren.
Aber keine Angst! Wir bleiben das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG). Qualität ist ein wichtiger Aspekt, ohne den auch gesundheitsökonomische Studien nicht auskommen.
Matthias Maurer ist stv. Institutsleitung des WIG, Dozent und Leitung Bildung & Gesundheitspolitik am WIG.