
Von Irene Kobler
Am 19. März 2026 trafen sich rund 60 Vertreterinnen und Vertreter aus Verbänden, Behörden, Wissenschaft und Praxis in Bern, auf Einladung der Swiss Platform Ageing Society (SPAS). Das Ziel war, die drängendsten Herausforderungen der Schweizer Alterspolitik zu vertiefen: Was ist besonders dringlich, wo besteht Handlungsbedarf, was funktioniert bereits? Die ZHAW hat den Anlass wissenschaftlich begleitet und die Diskussionen dokumentiert. Was ist dabei herausgekommen?
Warum dieser Anlass, warum jetzt?
Die SPAS, ein Netzwerk aus Verbänden, Vereinen und weiteren Organisationen aus Wissenschaft, Praxis und Politik im Fachbereich Alter, hat die Einschätzungen ihrer Partnerorganisationen zu den drängendsten Herausforderungen der Schweizer Alterspolitik systematisch erhoben. In einer vorgelagerten Befragung Anfang 2026 wurden die Partnerorganisationen befragt. Der Netzwerkanlass bildete die zweite Etappe: Ausgewählte Themen aus der Befragung wurden in vier Workshops mit rund 60 Fachpersonen vertieft.
Die Arbeiten der SPAS erfolgten nicht im Vakuum. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) hat den Auftrag, die nationale Altersstrategie von 2007 bis Ende 2027 zu überarbeiten. Die Synthese aus Befragung und Netzwerkanlass wird dem BSV als Orientierungswissen für diesen Prozess übergeben und versteht sich als ein Beitrag unter vielen. Die SPAS will damit die Diskussion über die neue Altersstrategie mit fundierten Informationen bereichern.
Vier Workshops, vier Blitzlichter
Nach diversen Inputreferaten arbeiteten die Teilnehmenden in vier parallelen Workshops von je 60 Minuten. Die Themen wurden von der SPAS unter Beizug der Ergebnisse der vorgelagerten Befragung ausgewählt: als Herausforderungen mit hohem Konsens und gleichzeitig noch wenig Präsenz in der bestehenden Strategie.
Psychische Gesundheit im Alter. Der Workshop machte ein grundlegendes Problem sichtbar: Psychische Gesundheit im Alter wird gesellschaftlich häufig aus einer problemorientierten Perspektive diskutiert. Ältere Menschen als Ressource, nicht nur als Risikogruppe: dieses Umdenken fehlt, auf individueller Ebene ebenso wie in Institutionen. Zudem wurde auf fehlendes Wissen bei Betroffenen und Fachpersonen aufmerksam gemacht. Gefordert wurden positivere Altersbilder, Entstigmatisierung und Angebote, die frühzeitig die soziale Einbindung stärken (z. B. «Social Prescribing», Förderung von Freiwilligenarbeit).
Fachkräftemangel in der Pflege. Es geht dabei gemäss den Teilnehmenden nicht nur um fehlende Köpfe, sondern um strukturelle Spannungsfelder. Pflegende wollen pflegen, verbringen aber einen wachsenden Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation. Internationale Rekrutierung stabilisiert kurzfristig die Versorgung, wirft aber die ethische Frage auf, welche Verantwortung die Schweiz gegenüber den Herkunftsländern trägt. Als Hebel wurden genannt: Investitionen in Ausbildung, weniger Bürokratie, flexiblere Arbeitsmodelle und ein Berufsimage, das der Realität der Facharbeit gerecht wird.
Gewalt gegenüber älteren Menschen. Rund jede sechste Person über 60 Jahren ist gemäss inter-nationalen Studien von Gewalt betroffen. Das Thema wurde in der Strategie von 2007 jedoch noch nicht berücksichtigt. Die Diskussion zeigte: Gewalt im Alter hat viele Gesichter, von emotionaler Ausbeutung über Betrug bis zu Vernachlässigung in der Pflege. Sie trifft nicht nur «vulnerable» Risikogruppen. Die Datenbasis für die Schweiz ist dünn: Wie häufig welche Formen von Gewalt auftreten, ist unklar. Das erschwert Aussagen zum Ausmass des Problems und zur Wirksamkeit möglicher Präventionsmassnahmen.
Digitale Inklusion. Ältere Menschen und Technologie: Das bringt Herausforderungen mit sich. Die Diskussion im Workshop begann mit einem Korrektiv: Alter ist kein zuverlässiger Prädiktor für digitale Kompetenz. Viele Menschen 65+ sind längst digital versiert. Das eigentliche Problem ist eine faktische «Barriere 65» bei der Bildung: Staatliche Bildungsförderung endet mit dem Rentenalter. Gleichzeitig setzen öffentliche Dienstleistungen zunehmend digitale Kompetenz voraus, analoge Zugangswege werden abgebaut. Betont wurde im Workshop ein ungenutztes Potenzial: Ältere Menschen bringen kritisches Denkvermögen und Erfahrungswissen mit, werden aber in der Entwicklung digitaler Angebote bisher kaum einbezogen.
Drei Muster, die sich durch alle Workshops ziehen
So unterschiedlich die vier Themen sind: In den Diskussionen zeigten sich drei wiederkehrende Muster.
- Koordination, nicht nur Aufgabenteilung. Immer wieder wurde deutlich, dass die Herausforderungen nicht von einer politischen Ebene allein gelöst werden können. Hervorgehoben wurde die Bedeutung einer abgestimmten Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden. Mehrere Teilnehmende betonten, dass dies über die reine Klärung von Zuständigkeiten hinausgeht.
- Evidenzlücken. In mehreren Bereichen fehlt eine belastbare Datenbasis. Welche digitalen Kompetenzen hat die Bevölkerung 65+? Wie häufig treten welche Formen von Gewalt im Alter auf? Welche psychosozialen Interventionen wirken? Ohne Antworten auf diese Fragen lassen sich Mass-nahmen kaum gezielt entwickeln und evaluieren.
- Gute Praxis bleibt lokal. In der Schweiz existieren vielfältige Erfahrungen und Modelle, etwa in der psychischen Gesundheitsförderung oder in kantonalen Altersstrategien wie Vieillir 2030. In der Diskussion wurde jedoch hervorgehoben, dass sie zu wenig bekannt und nicht flächendedeckend umgesetzt sind. Lokale Gegebenheiten, bestehende Strukturen und spezifische Rahmenbe-dingungen erschweren die Übertragung; hinzu kommen administrative, rechtliche oder finanzielle Hürden sowie fehlende Umsetzungskenntnisse. Mehrere Teilnehmende sprachen sich dafür aus, erfolgreiche Ansätze systematischer zu verbreiten. Diskutiert wurde zudem die mögliche Rolle des Bundes bei der Koordination und beim Austausch von Erfahrungen, etwa in Anlehnung an bestehende Plattformen.
Was bleibt
60 Personen, vier Workshops, ein halber Tag. Das reicht nicht für Handlungsempfehlungen, und das war auch nicht das Ziel. Es reicht aber für eine erste Orientierung und zur Identifikation von Handlungsfeldern. Die Diskussionen zeigen, wo Konsens besteht, wo Unklarheit herrscht und welche Fragen auf dem Weg zur neuen Altersstrategie noch beantwortet werden müssen. Die vollständigen Ergebnisse erscheinen im Juni 2026 als Bericht der SAGW-Reihe.
Irene Kobler ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der ZHAW.