
Von Cécile Grobet
Berufsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen belasten nicht nur die Betroffenen, sondern verursachen auch erhebliche Kosten für Unternehmen und die Gesellschaft. Prävention ist deshalb eine zentrale Aufgabe des Arbeits- und Gesundheitsschutzes. Doch welche Ansätze sind besonders wirksam, und was kann die Schweiz von anderen europäischen Ländern lernen?
Diesen Fragen gingen wir im Auftrag der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (EKAS) nach. In diesem Blogbeitrag haben wir bereits einmal über dieses Projekt berichtet. Nach einer Analyse von Präventionssystemen und -massnahmen in 13 europäischen Ländern, einer vertieften Untersuchung ausgewählter Ansätze und zahlreichen Interviews mit Fachpersonen haben wir im abschliessenden Projektmodul jene Massnahmen beurteilt, die für die Schweiz besonders interessant sind. Drei Erkenntnisse sind für mich zentral.
1. Erfolgreiche Prävention beginnt mit einer systematischen Risikobeurteilung
In vielen der untersuchten Länder sind Unternehmen verpflichtet, Gefährdungen systematisch zu erfassen, Risiken zu bewerten und daraus konkrete Präventionsmassnahmen abzuleiten. Die Risikobeurteilung bildet dort die Grundlage für zahlreiche weitere Präventionsaktivitäten.
In der Schweiz besteht zwar eine gesetzliche Pflicht zur Gefahrenerkennung, aber kein standardisiertes Instrument, das alle Betriebe nutzen können. Das von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz entwickelte Online-Tool OiRA, das in mehreren Ländern erfolgreich eingesetzt wird, könnte diese Lücke schliessen. Es führt Unternehmen Schritt für Schritt durch die Risikobeurteilung, ist nach Tätigkeitszweigen aufgeschlüsselt und berücksichtigt die typischen Risiken einer Branche. Aus der Beurteilung werden konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet. Idealerweise käme OiRA in Kombination mit einer verbindlicheren Verpflichtung zur Risikobeurteilung zum Einsatz, denn die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt: Freiwillig wird das Tool kaum genutzt. Die Risikobeurteilung schafft Transparenz, erleichtert die Priorisierung von Massnahmen und fördert eine proaktive Auseinandersetzung mit Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.
2. KMU brauchen einfache und praxisnahe Unterstützung
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bilden das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft, stehen bei der Prävention jedoch vor besonderen Herausforderungen. Oft fehlen personelle Ressourcen oder spezifisches Fachwissen, um sich vertieft mit Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz auseinanderzusetzen. Erfolgreiche Beispiele aus anderen europäischen Ländern setzen deshalb auf niederschwellige, branchenspezifische Unterstützungsangebote wie Beratungen, digitale Hilfsmittel oder strukturierte Risikoanalysen, die sich mit vertretbarem Aufwand in den Betriebsalltag integrieren lassen. Die Untersuchung zeigt, dass in der Schweiz insbesondere bei der gezielten Unterstützung von KMU noch Potenzial besteht.
3. Sicherheitskultur durch gemeinsamen Entwicklungsprozess von Management und Mitarbeitenden
Gesetze und verpflichtende Vorgaben bilden wichtige Grundlagen der Prävention. Die erfolgreichsten Beispiele aus Europa zeigen jedoch, dass nachhaltige Verbesserungen vor allem dort entstehen, wo sich Unternehmen aktiv mit ihrer Sicherheitskultur auseinandersetzen.
Sicherheitskultur beschreibt die gemeinsamen Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen im Umgang mit Sicherheit und Gesundheit. Sie entwickelt sich nicht automatisch, sondern muss gezielt gefördert werden. Erfolgreiche Programme setzen deshalb auf die aktive Beteiligung von Führungskräften und Mitarbeitenden. Gemeinsam werden Stärken und Schwächen analysiert, Verbesserungsbereiche identifiziert und konkrete Massnahmen entwickelt.
Besonders wirksam sind Ansätze, die Unternehmen bei diesem Prozess unterstützen, zum Beispiel durch strukturierte Selbsteinschätzungen, moderierte Workshops, Best-Practice-Beispiele, Beratungsangebote oder praktische Werkzeuge. Sicherheitskultur wird damit zu einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess und nicht zu einer einmaligen Intervention.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Die Schweiz verfügt bereits über zahlreiche erfolgreiche Initiativen. Gleichzeitig zeigen die internationalen Beispiele, dass weiteres Entwicklungspotenzial besteht. Besonders vielversprechend erscheinen Ansätze, welche die systematische Risikobeurteilung stärken, KMU gezielt unterstützen und die Entwicklung einer gelebten Sicherheitskultur fördern. Die analysierten Massnahmen lassen sich dabei an bestehende Schweizer Angebote anknüpfen und schrittweise einführen.
Cécile Grobet ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Co-Leitung im Team HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie, ZHAW.
Dieser Beitrag basiert auf dem Schlussbericht «Beurteilung von Massnahmen zur Prävention von Berufsunfällen und Berufskrankheiten aus ausgewählten europäischen Ländern», erstellt vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der ZHAW im Auftrag der EKAS (Dezember 2025).