Alle reden über KI – Ihren Einfluss auf das Lernen verstehen wir aber noch nicht

Eigene Aufnahme

Von Olivia Malek

Künstliche Intelligenz ist inzwischen überall präsent. Auch das Lernen ist davon betroffen. KI verändert nicht nur, welche Fähigkeiten wir erlernen, sondern auch, wie wir lernen. Ab 2027 werde ich verschiedene Unternehmen und Hochschulen besuchen und untersuchen, wie Lernen in einer Zeit gestaltet wird, in der sich Arbeitswelten, Technologien und Kompetenzanforderungen gleichzeitig verändern.

In den vergangenen Wochen hatte ich die Gelegenheit, mich mit Führungspersonen, Personalverantwortlichen und Bildungsexpertinnen aus unterschiedlichen Gesundheitsorganisationen über die Zukunft von Lernen und Arbeit auszutauschen. Dabei fielen immer wieder dieselben Begriffe: Künstliche Intelligenz (KI), Future Skills, Lernökosysteme oder digitale Lernplattformen.

Eine Aussage ist mir dabei besonders geblieben. Sinngemäss sagte mir eine Führungsperson: «Wir investieren derzeit viel in Lernen. Aber wenn ich ehrlich bin, wissen wir noch gar nicht genau, was Lernen in Zukunft für unsere Organisation bedeuten soll.»

Dieser Satz hat mich beschäftigt. Nicht, weil Lernen in Organisationen keine Bedeutung hätte. Im Gegenteil.

Die strategische Bedeutung von Lernen scheint heute weitgehend unbestritten zu sein. Kaum jemand stellt noch infrage, dass Organisationen und deren Mitarbeitenden lernen müssen, um sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig hatte ich in den Gesprächen den Eindruck, dass wir noch dabei sind zu verstehen, was diese Entwicklung eigentlich für unser Verständnis von Lernen bedeutet.

Denn die eigentliche Veränderung besteht möglicherweise nicht darin, dass wir neue (KI-)Tools einsetzen.

Sie besteht vielmehr darin, dass sich die Voraussetzungen für Lernen und die Erwartungen an das Lernen verändern.

Lange Zeit war die Logik relativ klar: Menschen eigneten sich Wissen an, sammelten Erfahrung und entwickelten sich schrittweise weiter. Berufsbilder waren vergleichsweise stabil. Wissen hatte eine längere Halbwertszeit.

Heute beobachten wir etwas anderes. KI verändert nicht nur, welche Kompetenzen künftig gefragt sind. Sie verändert auch, wie Menschen lernen.

“Education for AI” und “AI for Education”

In der aktuellen Diskussion wird häufig über neue Kompetenzen gesprochen: AI Literacy, kritisches Denken oder der reflektierte Umgang mit Daten. Diese Perspektive beschreibt KI als Lerngegenstand (Education for AI).

Gleichzeitig beobachten wir aber eine zweite Entwicklung. KI wird zunehmend selbst Teil des Lernprozesses (AI for Education) – etwa als Sparringpartner, Tutor, Feedback- oder Ideengeber. Lernen findet damit nicht mehr ausschliesslich zwischen Menschen, Büchern oder Kursen statt, sondern zunehmend auch in Interaktion mit KI.

Wer heute eine Frage hat, wartet oft nicht mehr bis zum nächsten Kurs oder sucht lange nach Informationen. Die erste Anlaufstelle ist immer häufiger ein KI-System. Allein diese Verschiebung verändert bereits, wann, wie und in welchem Kontext Lernen stattfindet.

Genau diese Entwicklung beschäftigt mich besonders. Denn sie verändert die bekannten Lernwege und -gewohnheiten. Wenn Lernen zunehmend in Interaktion mit KI stattfindet, stellt sich nicht nur die Frage, was Menschen lernen. Es stellt sich auch die Frage, wie Lernen künftig überhaupt entsteht.

Und genau an dieser Stelle stehen heute viele Organisationen. Sie investieren in Lernplattformen, digitale Lernangebote oder KI-Anwendungen. Gleichzeitig stellen sie sich die grundlegende Frage, wie sich Lernen verändert, wenn Wissen jederzeit verfügbar ist und Unterstützung auf Knopfdruck bereitsteht.

Die Antwort auf diese Frage kennen wir noch nicht. Und genau hier möchte ich im Rahmen meines Sabbaticals ansetzen.

Olivia Malek ist Studiengangs- und Projektleiterin am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der ZHAW School of Management and Law. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Lernarchitekturen, digitalen Lernformaten und der Frage, wie Lernen in einer sich wandelnden Arbeitswelt gelingen kann.

Seufert, S. (2026). AI in Higher Education: SSC considerations and recommendations. Swiss Science Council (SSC) Secretariat Working Paper. Bern: Schweizerischer Wissenschaftsrat.


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