Neue digitale Geschäftsmodelle für die Freizeitwirtschaft am Bodensee

Die Digitalisierung verändert nicht nur unser gesellschaftliches Handeln, sie prägt auch alle Wirtschaftszweige in der Bodenseeregion in tiefgreifender Weise. Dies gilt natürlich auch für den Tourismus und die Freizeitwirtschaft, die am Bodensee eine herausragende Bedeutung haben. Ein Team aus Forschenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Hochschule Konstanz begibt sich in einem IBH-Projekt auf die Suche, wie sich KundInnenerlebnisse und Geschäftsmodelle in der Freizeitwirtschaft durch die Digitalisierung verändern. Wir haben mit Projektleiter Marcel Hüttermann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ZHAW, darüber gesprochen.*

Was sind die Ziele des Projekts?

Diese Forschungsstudie soll einen Beitrag dazu leisten, die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Erlebniskonsum und auf die Freizeitwirtschaft in der Bodenseeregion besser zu verstehen. Aus Sicht der Unternehmen und Organisationen der Freizeitwirtschaft stellt sich nicht nur die Frage, wie sich die KundInnenerlebnisse durch die Digitalisierung verändern, sondern auch, welche neuen Geschäftsmodelle sich ergeben.

Marcel Hüttermann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Marketing Management
Marcel Hüttermann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Marketing Management

Welche Rolle spielt die Freizeitwirtschaft für die Bodenseeregion?

Die Relevanz und das Potential für die Unternehmen der Freizeitwirtschaft ist evident, da ihre angebotenen Leistungen Erfahrungsgüter sind, die von KonsumentInnen um des Erlebens willen bezogen werden. Die Freizeitwirtschaft umfasst zahlreiche unterschiedliche Dienstleister, die eine hohe Bedeutung für die europäische Wirtschaft und damit auch die Bodenseeregion haben: Medien, Unterhaltung, Handel, Industrie, Gastgewerbe, Gesundheit, Sport, Transport, Kultur, Bildung und soziales Engagement. Die gesamte Wertschöpfungskette der Freizeitwirtschaft unterliegt dabei der Dynamik der Digitalisierung. Vor allem für die Segmente Sport und Outdoor, Event-Tickets, Ferienwohnungen, Pauschalreisen, Hotels, Bahn- und Bustickets sind bedeutende Zuwächse zu erwarten. Und hier bietet die Bodenseeregion ein ideales Forschungsfeld da all diese Punkte gesamthaft wichtig für die Wirtschaft und damit die Menschen in der Region sind.

Inwiefern verändert sich die Freizeitwirtschaft durch die Digitalisierung? Welches sind die grossen Trends? Was ist bereits jetzt sichtbar?

Digitale Plattformgeschäftsmodelle haben insbesondere die Bereiche Tourismus (z.B. Airbnb, Holiday Check, Uber, Trip Advisor u.v.m.) und Events radikal verändert. Die Auswirkungen von erweiterten und virtuellen Realitäten (AR und VR) steht aber beispielsweise noch ganz am Anfang. Schätzungen gehen von enormen wirtschaftlichen Veränderungen aus.  Es bieten sich zahlreiche Innovationsmöglichkeiten und es öffnen sich ganz neue Geschäftsfelder. Es ist jetzt schon möglich Konzerte, Sportveranstaltungen, Museen usw. nicht nur physisch, sondern virtuell zu erleben. Das bedeutet für den Konsumenten, dass er «von daheim», und somit von überall auf der Welt, beispielsweise das Pfahlbaumuseum virtuell erkunden kann. Dies erschliesst völlig neue Zielgruppen und bietet enorme Einnahmepotenziale.

Sie planen auf der Basis des Projekts einen COST-Antrag zu stellen: was kann man sich darunter genau vorstellen?

COST ist eine Förderorganisation für Forschungs- und Innovationsnetzwerke. Die Organisation unterstützt pan-europäische Netzwerkbildung zu definierten Themen. Auf diese Weise wird ein gemeinsamer Austausch zwischen den Forschenden ermöglicht und die Koordination von Forschungsaktivitäten sowie die Verbreitung ihrer Ergebnisse verbessert. Außerdem legt COST Wert darauf, dass die Netzwerke sowohl jüngere Forschende als auch Forschende aus „Forschungs- und innovationsschwächeren“ europäischen Staaten gezielt einbeziehen. Es gilt also die Netzwerkaktivitäten zu bündeln und die PartnerInnen zusammenzubringen, um schlussendlich den COST Antrag einzureichen. Dabei gilt es PartnerInnen aus den Mitgliedstaaten zu akquirieren. Das können Universitäten sein, aber auch Unternehmen, NGO’s etc.

Wie werden Sie im Projekt konkret vorgehen?

Nach einem Kick-Off Meeting im Januar forscht jeder Projektpartner nach den jeweiligen Expertisen (Sport, Tourismus, Kultur, Soziologie) in den jeweiligen Bereichen um zentrale Themen zu identifizieren. Im Anschluss dient der Austausch mit Forschenden aus ganz Europa dazu neue, bisher unbekannte Erkenntnisse zu gewinnen, aber auch um gegenseitig Wissen auszutauschen. Dies geschieht u.a. durch den Austausch auf internationalen Konferenzen. Danach werden Praxispartner identifiziert die in diesem europäischen Themennetzwerk mitarbeiten möchten. Anschliessend werden die Ergebnisse zusammentragen, verdichtet und zu einem COST-Antrag formuliert. Das Projekt soll jedoch nicht allein mit der Einreichung des COST-Antrags enden, sondern auch mit der Verbreitung des gewonnenen Wissens an Forschende, die PraxispartnerInnen und an interessierte Unternehmen im generellen, sowie die Öffentlichkeit.

*Dieser Beitrag wurde am 05. März 2019 von der IBH publiziert und durfte mit freundlicher Genehmigung der IBH verwendet werden. Link zum Originalbeitrag: https://www.bodenseehochschule.org/neue-digitale-geschaeftsmodelle-fuer-die-freizeitwirtschaft-am-bodensee/

Tagung bei der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft

Das Institut für Marketing Management war durch Prof. Dr. Frank Hannich und Marcel Hüttermann auf der 21. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft (DGT) vertreten. Die Tagung fand im vergangenen Monat auf der Insel Mainau statt. Nicht zuletzt aufgrund des gewählten Veranstaltungsortes im Drei-Länder-Eck, stand die Internationalisierung des Tourismus im Fokus der Veranstaltung.

Das betrifft sowohl die Akteure der Anbieterseite (z.B. durch grenzüberschreitende Kooperationen), als auch die Nachfrageseite (z.B. grenzüberschreitende Aktivitäten der Touristen). Andererseits sieht sich der Tourismus mit einer Vielzahl (neuer) Herausforderungen konfrontiert: Demographischer Wandel, Sicherheitsfragen, Digitalisierung oder Folgen des Klimawandels sind nur einige Beispiele der sich verändernden Rahmenbedingungen für den Tourismus.

Die 21. DGT-Jahrestagung setzte sich im Rahmen von Keynote-Vorträgen, Präsentationen wissenschaftlicher Untersuchungen, Podiumsdiskussionen mit Praktikern oder der Vorstellung aktueller Forschungsprojekte im Rahmen einer Poster-Ausstellung mit den vielfältigen Themen auseinander.

Prof. Dr. Frank Hannich und Marcel Hüttermann konnten auf der DGT die Ergebnisse einer Befragung mit 1’600 SchweizerInnen zum Thema «Einkaufs- und Freizeitverhalten im Grenznahen Ausland» präsentieren. Die Befragung ist ein Element im Rahmen des IBH-Projekts PredTour (Predicting Tourism Movements) welches die ZHAW in Zusammenarbeit mit Informatikern und Tourismuswissenschaftlern der HTWG Konstanz abwickelt. Ziel ist es, Daten zu den Bewegungsströmen und -mustern mit einer App zu gewinnen, um anschliessend Massnahmen zu identifizieren, um diese Ströme zu lenken.

Das PredTour Projektteam v.l.n.r.: Wilhelm Daniel Scherz, Marcel Hüttermann, Tatjana Thimm, Christine Bild, Frank Hannich

Marketing auf vier Beinen: Kuh Zoe als Kamerafrau

Tiere gelten schon lange als Erfolgsfaktor im Marketing. Im Zürcher Oberland geht man aber noch einen Schritt weiter und lässt die Tiere gleich selbst zu Regisseuren werden. Eine Woche lang hat die Kuh Zoe Livebilder aus ihrem Alltag ins Internet gestreamt. Das Projekt wurde von natürli Zürioberland Regionalprodukte und Zürioberland Tourismus lanciert. Michael Dubach (Regionalmanager) und Aline Schmucki (Praktikantin) von Pro Zürcher Berggebiet geben uns Auskunft.

Frau Schmucki, wie entstand die Idee zu diesem Projekt? Es ist schliesslich nicht alltäglich einer Kuh eine Kamera umzuschnallen…

Die Idee stammt vom Geschäftsführer von Pro Zürcher Berggebiet, Michael Dubach. Die Idee hinter dem Projekt war, Tourismus und Regionalprodukte zu verbinden. Die Kuhkamera soll auf eine realitätsnahe und unterhaltsame Art und Weise aufzeigen, woher die die natürli Zürioberland Regionalprodukte kommen. Die Kühe geniessen auf ihren Weiden eine sehr schöne Aussicht. Diese konnte durch die Kuhkamera aus einer neuen Perspektive gezeigt werden und hat hoffentlich einige Gäste gluschtig auf die schöne Ausflugsregion gemacht.

Wie schwierig war die Umsetzung dieses Projekts? Die Kamera ist ja ein Fremdkörper und sollte die Kuh nicht stören.

Die grösste Herausforderung des Projekts war die Technik und der schwache Mobilfunkempfang rund um den Hof Auen. Es wurde eigens für das Projekt eine Glasfaserleitung in den Kuhstall gezogen, um diesen Bereich mit WLAN abdecken zu können.

Das Tierwohl stand immer an erster Stelle. Die Kamera wurde auf dem Halsband einer üblichen Kuhglocke befestigt. Zoe wurde deshalb in ihren Bewegungsfreiheiten nicht eingeschränkt. Zoe’s Ausrüstung wurde zudem bewusst so konstruiert, dass die Kamera kaputtging, bevor es der Kuh etwas machte, wenn es beispielsweise zu einem Kampf kommt.

Moderne Technik für Zoe © Kuhkamera

Was waren die Ziele dieser Kampagne? Mehr Sichtbarkeit, aber auch neue Zielgruppen zu erreichen?

Die Sichtbarkeit und das Erreichen neuer Zielgruppen waren beides Ziele der Kampagne.

Sie haben mit diesem Projekt das ländliche Leben mit dem modernen Alltag und mit den digitalen Medien verbunden. Ein schönes Beispiel für eine gelungene Integration der modernen Kommunikationsmittel. Wie wichtig ist dieses Zusammenspiel mit den digitalen Möglichkeiten?

Sehr wichtig. Mehr als die Hälfte der Websitezugriffe kamen von Smartphones. Das Marketing unsererseits hat sich stark auf digitale Medien konzentriert. Die Sozialen Medien waren zudem ein wichtiges Instrument für die Kampagne. Erfolgsbringend war sicherlich die Partnerschaft mit 20 Minuten, wo wir täglich rund 10 Ticker absetzen konnten.

Wie waren die Reaktionen auf diese Kampagne? Gab es neben den digitalen Besuchen auch live Besucher vor Ort?

Wir erhielten viel positives Feedback und viele Gratulationen zur Idee. Daneben gab es kritische Konsumenten, welche beispielsweise die Trennung von Kalb und Kuh ansprachen, oder dass die Kühe keine Hörner haben. Diese Fragen haben wir proaktiv auf unserem Blog bearbeitet.

Ja, jedoch im Verhältnis wenige. Bei der Kampagne ging es ja darum, in die Stuben nach Hause und die Büros zu streamen… 🙂 Wir hatten zwei Kindergartenklassen, die sich die Kuhkamera vor Ort anschauten.

Zoe schaffte es Land und Stadt mit den digitalen Möglichkeiten zu verbinden © Foto: Christof Sonderegger

Zum Schluss, wenn Sie angehenden Marketingfachleuten einen Tipp geben könnten, was würden Sie raten?

Weg vom klassischen Agenturdenken und den immer wieder gleichen Werbevorgängen.

10 Tage Winterthur – Die Social-Media-Entdeckungstour

Vor rund einem Monat wurde eine einzigartige Social-Media-Kampagne der Stadt Winterthur gelaunched. Winterthur ist die sechstgrösste Stadt der Schweiz und berühmt für ihre Bildungsmöglichkeiten und die zahlreichen Kultur- und Freizeitangebote (über 1000 Angebote pro Jahr). In einem interaktiven Entdeckungserlebnis sollten Bewohner und Besucher nun näher an diese Vielfalt von Angeboten und Sehenswürdigkeiten herangeführt werden.
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