Kleiner Flitzer, grosse Show – der Microlino stellt sich vor

Von Dana Müller

Er ist 450kg leicht, bietet Platz für zwei, fährt bis zu 90km/h schnell und kommt je nach Ausführung 120 km bis 215 km weit. Vor allem ist er praktisch und äusserst ökologisch: Der Microlino.

Auf den ersten Blick erinnert der Microlino an die Isetta Kabinenroller aus den 50ern. Von da kam dem Gründer von Micro Wim Ouboter, auch die Idee, einen modernen Kabinenroller ins Leben zu rufen. Klein, wendig, platzsparend und vor allem auch umweltfreundlich sollte der e-Isetta werden. Schon bald werden wir den Microlino wohl öfters auf der Strasse sehen, vor Kurzem wurde er vor einem grossen Publikum im Kaufleuten vorgestellt.

Merlin, Wim und Oliver Ouboter ® Microlino Presskit

Wim Ouboter hatte grossen Erfolg mit seiner «Micro-Mobility» Innovation 1999, dem Micro Scooter®. Die Produktion in China verdreifachte sich innert einem Jahr. Seither kamen weitere Modelle dazu und noch heute ist das Kickboard® ein beliebtes Transportmittel für kurze Strecken die zu Fuss zu lang und für das Fahrrad zu kurz sind. Micro ist seither zu einer starken, innovativen und weltweit bekannten Marke gewachsen.

Vom Marketing-Gag zur Realität

Die Vision von der Micro-Mobility lebt weiter, nicht nur im Herzen von Wim Ouboter sondern auch in seinen Söhnen Oliver und Merlin, sowie dem ZHAW Absolventen Pascal Studerus. Im Rahmen seiner Bachelorarbeit am Technikum der ZHAW, hatte Pascal Studerus den Auftrag, ein Auto ähnlich einer originalen Isetta mit einem elektronischen Motor zu designen. Seit seinem Abschluss an der ZHAW ist er stark im Projekt involviert und hat zusammen mit Merlin Ouboter und in Zusammenarbeit mit einer Chinesischen Fabrik, einen ersten Prototyp des e-Isetta gefertigt. Die Herausforderung war gross, denn diese Fabrik besass weder ein Engineering Departement noch sprachen sie fliessend Englisch. Mit viel Eifer schaffte es der erste Prototyp als Marketing-Gag an die Genfer Messe. Innerhalb einer Woche wollten bereits 500 Besucher einen Microlino erwerben. Die Söhne waren von der Idee gepackt und überzeugten Wim Ouboter dieses Projekt zu realisieren und den Microlino in Serie zu produzieren. Zusammen mit Eric Tazzari, Besitzer eines italienischen Automobilzulieferers mit langer Erfahrung im Bau von kleinen Elektromobilen, kam innert 24 Stunden eine Kooperation zu Stande, welche die Realisierung des elektronischen Automobils innerhalb von lediglich zwei Jahren erlaubte.

Praktischer kleiner Helfer ohne Strassenverkehrssteuern

Die Mission, eine mobile Lösung, die Spass macht, ökologisch und praktisch ist, wurde mit dem Microlino ermöglicht. Dieser kleine Flitzer ermöglicht die tägliche Fahrt zur Arbeit oder zum Supermarkt problemlos und bietet im Kofferraum Stauraum für zwei Kanister Bier und eine Einkaufstasche. Er lässt sich innert vier Stunden an der normalen Steckdose aufladen und braucht dabei einen Drittel des Platzes eines herkömmlichen Autos. Ein weiterer Clou ist Micro mit der Zulassung des Microlino als motorisiertes Kleinfahrzeug gelungen. Das Mobil hat damit den Status, der vergleichbar ist mit einem Motorrad, was unter anderem die Kosten weiter reduziert – auch Strassenverkehrssteuern fallen für einen Microlino nicht an.

Mittels Facebook Umfrage wurden die Farben des Microlinos zur Markteinführung bestimmt. Die offiziellen Farben des Microlinos sind: Zürich-Blau, Milano-Rot, Paris-Mint, Holland-Orange, Gotham-Schwarz, London-Grau Und Vienna-Weiss. Aktuell haben bereits 4600 Leute einen Microlino reserviert. Das Interesse um die Microlinos ist gross, und die Vision von Wim Ouboter ein Kickboard® für die letzte Strecke zum Zielort in jedem Kleinfahrzeug zu haben, kann endlich Realität werden. Schon vor fast 20 Jahren hätte es beinahe bei einer Kooperation mit Smart geklappt, leider wurde das Projekt durch die Übernahme von Mercedes gestoppt. Wim Ouboter ist jedoch niemand der einfach so aufgibt, sondern seine Visionen hartnäckig verfolgt und auch dieses Ziel – nun eben mit einem eigenen Kleinfahrzeug – bis zur Erreichung verfolgt. Der Microlino wird voraussichtlich ab Mitte 2018 zum Verkauf stehen, die Schweiz und Deutschland werden die ersten Länder sein, weitere Europäische Städte folgen.

https://www.micro-mobility.com

https://www.facebook.com/microlino.car/ 

Strategic Foresight: Wie DARPA radikale Innovationen vorantreibt

Von Corinne Scherrer

Seit 1958 existiert die U.S. Defense Advanced Research Projects Agency, auch bekannt als DARPA. Sie ist eine Behörde des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten und führt Forschungsprojekte für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten durch u.a. auch Weltraumprojekte. Durch die Organisationsstruktur und die Anwendung spezifischer Methoden, hat DARPA es immer wieder geschafft, radikale Innovationen hervorzubringen. In der heutigen immer mehr vernetzten Welt, in welcher bewährte Vorgehensweisen veraltet sein können und in der auch gestandene Unternehmen Innovation treiben müssen und in welcher globale Herausforderungen mehr Kollaborationen und Innovationen auf einer neuen Ebene erfordern, wird es auch für nicht spezialisierte Unternehmen immer wichtiger agil, flexibel und affin für Veränderungen zu sein. Doch wie genau schafft man das?

Design Thinking und Strategic Foresight können hier zur Lösung beitragen. Strategic Foresight baut auf dem Denkansatz Design Thinking auf und nähert sich der planungsorientierten Trend- und Zukunftsforschung in Unternehmen auf ganzheitliche und iterative Weise an. DARPA setzt unter anderem Strategic Foresight als Toolkit ein, um Zukunftsszenarien und neue Lösungen zu erarbeiten. Strategic Foresight bietet eine breite Palette an Tools, mit denen neue Märkte gefunden, der zukünftige Kunde skizziert oder verlässliche Teams gebildet werden können, welche Visionen in neue Märkten einführen.

Anhand eines Playbooks können die einzelnen Tools erlernt werden. Der erste Teil des Buches behandelt die Entwicklung von radikalen Ideen (engl. radical ideas), welche dann in einem neuen Service, Produkt oder Unternehmen resultieren. Den drei Schritten Perspektive, Chance und Lösung sind jeweils drei Tools zugeordnet. Im zweiten Teil des Buches wird vermittelt, wie eine Organisation aufbaut werden kann, welche diese radikalen Ideen in den Markt trägt. Die zwei Elemente Team und Vision können wiederum mit je drei Tools erarbeitet werden.

Insbesondere fürs Marketing interessant ist ein Tool, welches sich „Future User“ nennt. Dieses kann genutzt werden, um den typischen Kunden (im Fachjargon auch Persona genannt) der Zukunft zu skizzieren. Damit können zukünftige Bedürfnisse sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Generationen hinsichtlich Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen evaluiert werden (Playbook Seite 103ff.)

Wie beim Design Thinking ist auch bei Strategic Foresight ein Grundbaustein das Prototypisieren und Testen von Ideen. In iterativen Zyklen nähert man sich dem Endergebnis an und stellt sicher, auf dem Weg dahin viele Ideen zu entwickeln, diese zu visualisieren oder erlebbar zu machen, zu testen und das im Rahmen des Zyklus Erlernte in den nächsten Prototypen der Lösung einzubringen. Das Endergebnis im Sinne einer ausgefüllten Tool-Schablone ist dabei eher ein Nebenerzeugnis, im Vordergrund stehen vielmehr die Diskussionen, welche während der Erarbeitung jedes Tools entstehen. Vielleicht eignet sich eines der Tools auch bald für die Visualisierung und Erarbeitung einer Ihrer Problemstellungen?

Kein ausreichender Bedarf für robotergestützte Küchenhilfe

Im Alter nehmen die motorischen Einschränkungen zu. Dies wird mitunter auch beim Kochen sichtbar. Töpfe sind zu schwer, um sie zu heben oder die Stauräume sind zu hoch oder zu tief platziert, um die Utensilien herauszunehmen oder zu verstauen. Wenn hier Einschränkungen vorhanden sind, dann kann das Vernachlässigen des Kochens eine Folge sein und ein Stück selbständiges Leben im Alter geht verloren. Eine robotergestützte Hilfe könnte hier ein wirksames Mittel sein. In Form eines Küchenassistenzarms würde die Selbständigkeit der motorisch eingeschränkten Personen verbessert.

Machbarkeit vor Prototyp

Die ZHAW School of Engineering hat die technische Machbarkeit eines solchen Projekts geprüft und ist zu einem positiven Schluss gekommen. Die Frage bei solchen Forschungsideen ist aber, ob sie auch vom Markt und von der Zielgruppe angenommen werden. Genau das hat das interdisziplinäre Projekt der ZHAW (Institut für Marketing Management und School of Health Professions), der FH St. Gallen  und der Pro Senectute Zürich versucht zu untersuchen. Ein sinnvoller Zwischenschritt, denn so wird die Markttauglichkeit getestet und die Anforderungen der Betroffenen ermittelt, bevor man einen teuren Prototyp entwickelt. Dank der Unterstützung der Walder Stiftung war es überhaupt möglich, diesen Test durchzuführen und es hat sich gelohnt, denn es traten überraschende Ergebnisse zu Tage.

Die visualisierte Idee des Küchenassistenzarms

Kochen mit Hilfsmitteln

Das Kochen an sich ist ein wichtiger Bestandteil, wird aber mit dem Alter auch redimensioniert, d.h. es wird im Alter weniger gekocht und das aufwendige Kochen wird deutlich weniger. Die Küche wird, nach Möglichkeit, an die veränderten physischen Bedürfnisse angepasst. Einerseits kann Bestehendes verändert werden, andererseits gibt es neue Geräte, wie z.B. eine Greifzange oder eine elektrische Brotschneidemaschine. Die Auswertung von Gruppeninterviews machte deutlich, dass die physische Belastbarkeit im Alter abnimmt, der Bedarf nach technischer Unterstützung also durchaus vorhanden ist. Eine technische Assistenz müsste allerdings umfassend bei allen Tätigkeiten in der Küche Unterstützung leisten.

Wenig Akzeptanz bei den Anwendern, viel Geld gespart

Das interdisziplinäre Projekt hat gezeigt, dass die grundsätzliche Idee eines robotergestützten Armes in der Küche durchaus ihre Berechtigung hat. Gleichzeitig ist herausgekommen, dass die angesprochenen Zielgruppen aber keinen konkreten Nutzen in dieser Form sehen. Die Einsatzmöglichkeiten seien doch eher gering und damit auch die wirtschaftliche Machbarkeit des Küchenassistenzarms. Für einmal also ein negatives Ergebnis, das aber durchaus einen positiven Effekt hat. Durch die vorgängigen Abklärungen konnte verhindert werden, dass hohe öffentliche und private Mittel in die technische Umsetzung eines Produktes fliessen, dessen Akzeptanz bei den Anwendern und der wirtschaftliche Erfolg fraglich sind.

 

Fragen an Prof. Dr. Frank Hannich, Stv. Leiter Institut für Marketing Management:

Prof. Dr. Frank Hannich von der ZHAW

Wie kam man auf die Idee einen Küchenassistenzarm zu entwickeln und zu vermarkten?

Die alternde Gesellschaft ist eine der grössten Herausforderungen der Schweiz. Alle Projektbeteiligten arbeiten auch über dieses Projekt hinaus daran, Verbesserungen für die Betroffenen zu erreichen und damit auch für die Schweizer Volkswirtschaft. Die konkrete Projektidee ist aus der technischen Machbarkeit entstanden. Die innovativen Ingenieure fragen sich heute aber auch sofort, wie kann man die Kundensicht in die Entwicklung einbeziehen und ist eine Entwicklung auch wirtschaftlich sinnvoll?

Normalerweise wird gleich ein Prototyp entwickelt. Hier war der Ablauf anders. Was waren die Gründe dafür und was waren die Vorteile?

Etwas zu entwickeln, das niemand braucht und das keinen Erfolg hat, ist frustrierend, weil sinnlos und auch unglaublich teuer. Als ersten Schritt einen Prototyp zu bauen hätte ungefähr das zwanzigfache dieses Projektes gekostet und dann wäre man im nächsten Schritt auf das gleiche Ergebnis gekommen.

Warum ist die Akzeptanz bei den Anwendern eher gering?

Die Veränderungsbereitschaft sinkt tendenziell mit zunehmendem Alter und man versucht sich generell mit den einfachsten möglichen Mitteln zu helfen, während der Küchenassistenzarm eine grosse und auch relativ teure Veränderung wäre. Hinzu kommt, dass die Herausforderungen in der Küche z.B. durch sinkende Körperkraft oder motorische Einschränkungen gleichzeitig mit vielen anderen Einschränkungen einhergehen, welche der Küchenassistenzarm nicht löst. Dies sind wichtige Einflüsse aber wir haben im Detail noch zahlreiche weitere Erkenntnisse gewonnen.

Was sind die Lehren, die man aus diesem Projekt gezogen hat?

Wir haben wertvolle Erkenntnisse über die Betroffenen und auch über die Marktmechanismen gewonnen, die für die weitere Forschung sehr wertvoll sind. Generell benötigen wir noch bessere Erkenntnisse über die Lebensphasen im Detail und sollten eher nach ganzheitlichen Lösungen suchen. Neben den Betroffenen sollten auch Angehörige und Dienstleister unbedingt in die Forschung einbezogen werden.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Walder Stiftung und wie wichtig ist eine solche Unterstützung?

Die Walder Stiftung hatte im Gegensatz zur staatlichen Forschungsförderung, den Mut und den Weitblick in der Forschung bei den Betroffenen und nicht bei der Technik anzusetzen. Wir sind sehr dankbar für die Förderung und für die unkomplizierte Zusammenarbeit.