Strategic Foresight: Wie DARPA radikale Innovationen vorantreibt

Von Corinne Scherrer

Seit 1958 existiert die U.S. Defense Advanced Research Projects Agency, auch bekannt als DARPA. Sie ist eine Behörde des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten und führt Forschungsprojekte für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten durch u.a. auch Weltraumprojekte. Durch die Organisationsstruktur und die Anwendung spezifischer Methoden, hat DARPA es immer wieder geschafft, radikale Innovationen hervorzubringen. In der heutigen immer mehr vernetzten Welt, in welcher bewährte Vorgehensweisen veraltet sein können und in der auch gestandene Unternehmen Innovation treiben müssen und in welcher globale Herausforderungen mehr Kollaborationen und Innovationen auf einer neuen Ebene erfordern, wird es auch für nicht spezialisierte Unternehmen immer wichtiger agil, flexibel und affin für Veränderungen zu sein. Doch wie genau schafft man das?

Design Thinking und Strategic Foresight können hier zur Lösung beitragen. Strategic Foresight baut auf dem Denkansatz Design Thinking auf und nähert sich der planungsorientierten Trend- und Zukunftsforschung in Unternehmen auf ganzheitliche und iterative Weise an. DARPA setzt unter anderem Strategic Foresight als Toolkit ein, um Zukunftsszenarien und neue Lösungen zu erarbeiten. Strategic Foresight bietet eine breite Palette an Tools, mit denen neue Märkte gefunden, der zukünftige Kunde skizziert oder verlässliche Teams gebildet werden können, welche Visionen in neue Märkten einführen.

Anhand eines Playbooks können die einzelnen Tools erlernt werden. Der erste Teil des Buches behandelt die Entwicklung von radikalen Ideen (engl. radical ideas), welche dann in einem neuen Service, Produkt oder Unternehmen resultieren. Den drei Schritten Perspektive, Chance und Lösung sind jeweils drei Tools zugeordnet. Im zweiten Teil des Buches wird vermittelt, wie eine Organisation aufbaut werden kann, welche diese radikalen Ideen in den Markt trägt. Die zwei Elemente Team und Vision können wiederum mit je drei Tools erarbeitet werden.

Insbesondere fürs Marketing interessant ist ein Tool, welches sich „Future User“ nennt. Dieses kann genutzt werden, um den typischen Kunden (im Fachjargon auch Persona genannt) der Zukunft zu skizzieren. Damit können zukünftige Bedürfnisse sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Generationen hinsichtlich Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen evaluiert werden (Playbook Seite 103ff.)

Wie beim Design Thinking ist auch bei Strategic Foresight ein Grundbaustein das Prototypisieren und Testen von Ideen. In iterativen Zyklen nähert man sich dem Endergebnis an und stellt sicher, auf dem Weg dahin viele Ideen zu entwickeln, diese zu visualisieren oder erlebbar zu machen, zu testen und das im Rahmen des Zyklus Erlernte in den nächsten Prototypen der Lösung einzubringen. Das Endergebnis im Sinne einer ausgefüllten Tool-Schablone ist dabei eher ein Nebenerzeugnis, im Vordergrund stehen vielmehr die Diskussionen, welche während der Erarbeitung jedes Tools entstehen. Vielleicht eignet sich eines der Tools auch bald für die Visualisierung und Erarbeitung einer Ihrer Problemstellungen?

Kein ausreichender Bedarf für robotergestützte Küchenhilfe

Im Alter nehmen die motorischen Einschränkungen zu. Dies wird mitunter auch beim Kochen sichtbar. Töpfe sind zu schwer, um sie zu heben oder die Stauräume sind zu hoch oder zu tief platziert, um die Utensilien herauszunehmen oder zu verstauen. Wenn hier Einschränkungen vorhanden sind, dann kann das Vernachlässigen des Kochens eine Folge sein und ein Stück selbständiges Leben im Alter geht verloren. Eine robotergestützte Hilfe könnte hier ein wirksames Mittel sein. In Form eines Küchenassistenzarms würde die Selbständigkeit der motorisch eingeschränkten Personen verbessert.

Machbarkeit vor Prototyp

Die ZHAW School of Engineering hat die technische Machbarkeit eines solchen Projekts geprüft und ist zu einem positiven Schluss gekommen. Die Frage bei solchen Forschungsideen ist aber, ob sie auch vom Markt und von der Zielgruppe angenommen werden. Genau das hat das interdisziplinäre Projekt der ZHAW (Institut für Marketing Management und School of Health Professions), der FH St. Gallen  und der Pro Senectute Zürich versucht zu untersuchen. Ein sinnvoller Zwischenschritt, denn so wird die Markttauglichkeit getestet und die Anforderungen der Betroffenen ermittelt, bevor man einen teuren Prototyp entwickelt. Dank der Unterstützung der Walder Stiftung war es überhaupt möglich, diesen Test durchzuführen und es hat sich gelohnt, denn es traten überraschende Ergebnisse zu Tage.

Die visualisierte Idee des Küchenassistenzarms

Kochen mit Hilfsmitteln

Das Kochen an sich ist ein wichtiger Bestandteil, wird aber mit dem Alter auch redimensioniert, d.h. es wird im Alter weniger gekocht und das aufwendige Kochen wird deutlich weniger. Die Küche wird, nach Möglichkeit, an die veränderten physischen Bedürfnisse angepasst. Einerseits kann Bestehendes verändert werden, andererseits gibt es neue Geräte, wie z.B. eine Greifzange oder eine elektrische Brotschneidemaschine. Die Auswertung von Gruppeninterviews machte deutlich, dass die physische Belastbarkeit im Alter abnimmt, der Bedarf nach technischer Unterstützung also durchaus vorhanden ist. Eine technische Assistenz müsste allerdings umfassend bei allen Tätigkeiten in der Küche Unterstützung leisten.

Wenig Akzeptanz bei den Anwendern, viel Geld gespart

Das interdisziplinäre Projekt hat gezeigt, dass die grundsätzliche Idee eines robotergestützten Armes in der Küche durchaus ihre Berechtigung hat. Gleichzeitig ist herausgekommen, dass die angesprochenen Zielgruppen aber keinen konkreten Nutzen in dieser Form sehen. Die Einsatzmöglichkeiten seien doch eher gering und damit auch die wirtschaftliche Machbarkeit des Küchenassistenzarms. Für einmal also ein negatives Ergebnis, das aber durchaus einen positiven Effekt hat. Durch die vorgängigen Abklärungen konnte verhindert werden, dass hohe öffentliche und private Mittel in die technische Umsetzung eines Produktes fliessen, dessen Akzeptanz bei den Anwendern und der wirtschaftliche Erfolg fraglich sind.

 

Fragen an Prof. Dr. Frank Hannich, Stv. Leiter Institut für Marketing Management:

Prof. Dr. Frank Hannich von der ZHAW

Wie kam man auf die Idee einen Küchenassistenzarm zu entwickeln und zu vermarkten?

Die alternde Gesellschaft ist eine der grössten Herausforderungen der Schweiz. Alle Projektbeteiligten arbeiten auch über dieses Projekt hinaus daran, Verbesserungen für die Betroffenen zu erreichen und damit auch für die Schweizer Volkswirtschaft. Die konkrete Projektidee ist aus der technischen Machbarkeit entstanden. Die innovativen Ingenieure fragen sich heute aber auch sofort, wie kann man die Kundensicht in die Entwicklung einbeziehen und ist eine Entwicklung auch wirtschaftlich sinnvoll?

Normalerweise wird gleich ein Prototyp entwickelt. Hier war der Ablauf anders. Was waren die Gründe dafür und was waren die Vorteile?

Etwas zu entwickeln, das niemand braucht und das keinen Erfolg hat, ist frustrierend, weil sinnlos und auch unglaublich teuer. Als ersten Schritt einen Prototyp zu bauen hätte ungefähr das zwanzigfache dieses Projektes gekostet und dann wäre man im nächsten Schritt auf das gleiche Ergebnis gekommen.

Warum ist die Akzeptanz bei den Anwendern eher gering?

Die Veränderungsbereitschaft sinkt tendenziell mit zunehmendem Alter und man versucht sich generell mit den einfachsten möglichen Mitteln zu helfen, während der Küchenassistenzarm eine grosse und auch relativ teure Veränderung wäre. Hinzu kommt, dass die Herausforderungen in der Küche z.B. durch sinkende Körperkraft oder motorische Einschränkungen gleichzeitig mit vielen anderen Einschränkungen einhergehen, welche der Küchenassistenzarm nicht löst. Dies sind wichtige Einflüsse aber wir haben im Detail noch zahlreiche weitere Erkenntnisse gewonnen.

Was sind die Lehren, die man aus diesem Projekt gezogen hat?

Wir haben wertvolle Erkenntnisse über die Betroffenen und auch über die Marktmechanismen gewonnen, die für die weitere Forschung sehr wertvoll sind. Generell benötigen wir noch bessere Erkenntnisse über die Lebensphasen im Detail und sollten eher nach ganzheitlichen Lösungen suchen. Neben den Betroffenen sollten auch Angehörige und Dienstleister unbedingt in die Forschung einbezogen werden.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Walder Stiftung und wie wichtig ist eine solche Unterstützung?

Die Walder Stiftung hatte im Gegensatz zur staatlichen Forschungsförderung, den Mut und den Weitblick in der Forschung bei den Betroffenen und nicht bei der Technik anzusetzen. Wir sind sehr dankbar für die Förderung und für die unkomplizierte Zusammenarbeit.