Swiss CMO Studie: Erfährt die CMO-Rolle mit der Digitalisierung einen Bedeutungswandel?

Von Dr. Catherine B. Crowden

War Marketing früher in Augen vieler nur für Broschüren und Flyer und für den einen oder anderen Event zuständig – eine nachgelagerte Support-Funktion vom Vertrieb – so verändert sich die Ausgestaltung der Rolle gerade fundamental. An der Schnittstelle zum Markt stehen die Marketeers an der Front der digitalen Revolution und geben den Takt der Transformation im Unternehmen an – beginnend bei der Marketingorganisation.

Die Swiss CMO Studie ging dieser Hypothese auf den Grund. Wer kann besser darüber urteilen, welche Herausforderungen in Zeiten zunehmender Dynamik und Komplexität angegangen werden müssen und welche Leadership-Skills dazu gebraucht werden, als die Marketing-Führungskräfte selbst? In 14 persönlichen Interviews mit CMOs aus Schweizer Firmen wurde die Transformation der Marketingfunktion untersucht. Gesprochen wurde mit Führungskräften von B2C- und B2B-Firmen aus 14 unterschiedlichen Branchen über den Einfluss der Digitalisierung auf ihr Geschäftsmodell, die Kundenbeziehung, die Marketingorganisation und die Bedeutung der CMO-Rolle.

Der allgemeine Tenor?

Die Digitalisierung hat die Schweizer Unternehmen fest im Griff. Zudem bewegen sich die meisten der befragten Unternehmen in stagnierenden Märkten. Es herrscht Verdrängungskampf, hohe Wettbewerbsintensität, hohes Tempo der Veränderung. Geänderte Kundenanforderungen und Eintritt neuer Marktteilnehmer gehören zum Alltag. Kundenloyalität muss hart erarbeitet werden. Herkömmliche Vermarktungsmethoden funktionieren nur schlecht.

Catherine B. Crowden, Marketing, CRM & Customer Experience Expertin, Dozentin an der ZHAW für Cross-Channel CRM © Jonas Weibel

Die Lösungsansätze?

Den Spiess umdrehen! Die Digitalisierung bei den Hörnern packen; aktiv die neuen Möglichkeiten der Technologie dazu nutzen, die Kundenorientierung im Unternehmen zu verankern. Das Spektrum ist breit und reicht von Co-Creation in der Produktentwicklung, über die Automatisierung personalisierter Ansprache zu intelligenten Self-Service-Angeboten.

Das Vorgehen?

In jedem Interview fielen die Wörter «Shift», «Transformation», «agil», «digital», aber auch «Analitics» und «Performance-Messung». Der Shift vom verstaubten Image der «kreativen» Marketingorganisation, das sich mit Werbung, schönen, grossen (und teuren) Jahreskampagnen beschäftigt, hin zur agilen Marketingorganisation, die die Sprache der Zielgruppe spricht, deren Touchpoints bedient, always-on-Kampagnen in Echtzeit steuert und täglich optimiert.

Das neue Marketing ist technisch und analytisch, für Kunden inhaltlich relevant statt werberisch. Der oder die moderne CMO schafft die Balance zwischen Kreativität und Analytics und erkennt strategische Wachstumsfelder. Jede Kampagne wird wie ein Investment mit einem ROI beziffert und fordert neue Formen der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern wie Agenturen.

Die Aufgaben des/der CMO?

Die (digitale) Transformation hinzu Kundenorientierung und Kundennähe im Unternehmen vorantreiben, dazu Mitarbeiter aus- und weiterbilden, Silos einreissen und eine Kultur der Kollaboration etablieren: erst wenn Marketing, Sales und Service sich vernetzen entsteht eine durchgängige Customer Journey und damit hoffentlich auch eine fantastische Customer Experience!

In dieser Zeit der Transformation braucht es Orientierung und Inspiration. Was sind die neuen Methoden im Marketing? Was machen andere Marketeers erfolgreich und was funktioniert nicht so gut? Dazu findet das Future of Marketing Event am 28. Oktober 2019 in Winterthur statt. Melden Sie sich an und erhalten Sie so exklusive Einblicke in die neuste Swiss Marketing Leadership Studie.

Co-Creation oder gemeinsam fortschreiten

Von Silvana Ulber

Ganz grundsätzlich werden Menschen gerne um ihre Auffassung der Dinge gefragt. Sie fühlen sich dadurch in eine Entscheidung, einen Ablauf oder einen Umstand einbezogen. Akzeptieren die Situation dadurch nicht nur viel eher, sondern setzen sich höchstwahrscheinlich auch gegenüber Dritten dafür ein. Weiter gesteigert wird diese Wahrscheinlichkeit, wenn Mitmenschen, Mitarbeitende oder Kunden ihre Vorstellungen nicht nur kundtun, sondern mitarbeiten, mitgestalten und mitentscheiden dürfen. Von Co-Creation ist dann die Rede.

Werden Verbraucher oder Mitarbeitende aktiv um deren Erwartungen, Erfahrungen, Vorstellungen und Optimierungsmöglichkeiten gefragt und um Mitarbeit gebeten, kommt oftmals ein grosser Fundus an Inputs zusammen. Nicht alle davon sind umsetzbar. Doch ergibt es Sinn, die Rückmeldungen zu prüfen. Kann Produkt oder Dienstleistung XY mit den eingegebenen Kommentaren, Ideen und Erarbeitungen optimiert werden? Der Profit ist nicht nur ein besseres Produkt bzw. eine bessere Dienstleistung. Dieses entspricht nun viel eher dem Kundenbedürfnis, was Produkt bzw. Dienstleistung beliebter machen kann. Die Folge: Zufriedene Kundinnen und Kunden oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – je nach Stakeholder, den man für den Einbezug gewählt hat. Ihnen hat man durch Zuhören und die Möglichkeit der Partizipation die Wertschätzung gegeben, dass ihre Vorstellungen und Ideen wichtig sind und zählen. Ihre Haltung zum Unternehmen wird damit positiv beeinflusst.

Starke Verbindung zur Zielgruppe

Als Best Practice dient die LANDI Schweiz AG. Sie bezieht mit dem Programm Farm-Erfa Geschäftsführer von LANDI Läden in ihre Wertschöpfungskette mit ein. In Arbeitsgruppen und Workshops wird gemeinsam an Produktverbesserungen oder -entwicklungen gearbeitet sowie über mögliche neue Services mit nationaler Strahlkraft beraten. Entscheidend für die Teilnahme bei Farm-Erfa: ein landwirtschaftlicher Hintergrund mit sehr starker Verbindung zur Zielgruppe «Landwirte», die aufgrund dieses ausgeprägten Bezugs durch die am Programm teilnehmenden Geschäftsführer miteingebunden ist. Simon Gfeller, Leiter Marketing & Verkauf bei LANDI Schweiz ist überzeugt: «Gemeinsam erarbeitete Ideen führen zu einer höheren Identifikation mit dem Produkt, dem Konzept und auch der Marke LANDI an und für sich». Gemessen werde der Erfolg des Einbezugs anhand von KPI (Key Performance Indicator) zu Indikatoren wie beispielsweise dem Umsatz pro Warengruppe oder der Reduktion von Abschreibern. «Auch wenn der Aufwand für den Austausch in den Arbeitsgruppen beträchtlich ist, der Mehrwert dieses gezielten Vorgehens ist enorm», sagt Gfeller weiter.

Farm-Erfa-Vertreter mit Marketing- und Verkaufsleiter Simon Gfeller (7. v. l.) ©LANDI Schweiz AG

Nur für die grossen Player?

Dass Co-Creation auch bei KMU funktionieren kann, zeigt ein unspektakuläres aber erfolgreiches Beispiel des Akademischen Sportverbands Zürich (ASVZ). Auch der ASVZ möchte seine Zielgruppe – die Studierenden der Zürcher Hochschulen – bei der Ausgestaltung seines Sportprogramms vermehrt ins Boot holen. Im Gespräch mit Vertretern dieser Zielgruppe erkannte man das Bedürfnis nach einem Sportangebot, das das Spielen des Turnunterrichts der Primar- und Oberstufe ermöglicht. Der ASVZ unterstützte einen entsprechenden Pilotversuch mit Beratung, Equipment, Räumlichkeiten sowie Kommunikationsmassnahmen. Was aus einem Bedürfnis und einer Idee der Zielgruppe entstand, gemeinsam zum Pilotversuch «FätzBall» entwickelt wurde, wurde im Frühjahr 2019 aufgrund der grossen Beliebtheit schliesslich als Sportart «Burner Games» ins ASVZ-Sportprogramm aufgenommen. Ob der ASVZ damit um eine Kult-Sportart reicher ist, wird sich weisen.

Die ASVZ-Sportart «FätzBall» ist im Gespräch mit der Zielgruppe entstanden ©ASVZ

Fürsprecher gewinnen und an sich binden

Beide Beispiele haben eines gemeinsam: Gewonnen haben mit Co-Creation alle Beteiligten. Die eingebundenen Stakeholder ihrerseits fühlen sich ernst genommen und wertgeschätzt, weil sie durch den Meinungsaustausch und ihre Mitarbeit Produkte und Dienstleistungen optimieren und davon – sei es als Verkäufer/Dienstleister oder auch als Endkunde – direkt profitieren können. Das Unternehmen seinerseits erhält wichtige Einblicke zu Interessen, Verhalten, Vorstellungen und Gedanken der eingebundenen Stakeholder. Es kann das Angebot der Nachfrage und den Bedürfnissen entsprechend aufbereiten und erhält aufgrund dieser Vorgehensweise zufriedene und loyale Fürsprecher und Multiplikatoren für Produkte, Dienstleistungen und die Marke. Mitmach-Marketing mit den besten Voraussetzungen für optimale Kunden- und Mitarbeiterbindung.

Über die Autorin

Silvana Ulber ist Leiterin Kommunikation beim Akademischen Sportverband Zürich (ASVZ) und mag an ihrem Berufsalltag ganz besonders, dass ein grosser Bestandteil aus Austausch und gemeinsamem Erarbeiten von Ideen besteht. Denn sie ist ein grosser Fan von Miteinander und Teamarbeit, und auch wenn der Ausdruck etwas ermattet, so lebt sie ihn doch: gemeinsam sind wir stark. Zur Zeit absolviert sie an der ZHAW innerhalb des MAS Marketing Management den CAS Marketing- und Corporate Communications.

Technologiesafari in Berlin und Leipzig

Die Grenzen zwischen der digitalen und der physischen Welt verschwimmen und stellen Geschäftsmodelle und Marketinglogiken infrage. Der viertägige Weiterbildungskurs «Technology Impact, Business Models & Services» ging in Berlin und Leipzig der Digitalisierung auf die Spur. Unternehmensbesuche und der Austausch mit Gründern und Startup-Vertretern in Kombination mit Workshops und akademischen Inputs führten zu vielschichtigen Erkenntnissen.

Innovationslabors als Antwort auf die Kundenwelten der Zukunft

Die Studienreise widmete sich unter anderem den Fragen, wie sich etablierte Unternehmen vor dem Hintergrund der Lebens-, Arbeits- und Kundenwelten der Zukunft neu erfinden können, wie sich Innovation und unternehmerisches Denken fördern und eine Innovationskultur entwickeln lässt.

Die Technologiesafari führte zu neuen Erkenntnissen und interessanten Einblicken © Rolf Rellstab

Die Deutschen Bahn investiert in verschiedene Intrapreneurship-Initiativen, um das milliardenschwere Verkehrsunternehmen für die Zukunft fit zu machen. Der eigene Risikokapitalfonds DB Digital Ventures hilft dem Konzern zudem, Erfahrungen mit zukünftigen Mobilitätskonzepten und neuen Geschäftsmodellen zu machen, aktuelle Kundentrends zu erfassen und Technologie-Scouting zu betreiben.

Die ALBA Gruppe betreibt seit September 2017 im Herzen Berlins einen Innovation Hub. Im sogenannten BluehouseLab wird gemeinsam mit innovativen Startups an der Recyclingbranche von morgen getüftelt. ALBA, das Unternehmen aus der Entsorgungs- und Recyclingbranche mit 7’500 Mitarbeitenden und 1,8 Milliarden Jahresumsatz, möchte Startups mit innovativen Technologien im Bereich Smart City, Smart Logistics, Big Data oder Internet of Things dabei helfen, Geschäftsmodelle zu identifizieren, zu finanzieren und aufzubauen. Für ALBA ist das BluehouseLab eine Investition in die eigene Zukunft. Aus dem familiengehaltenen und traditionellen Grossunternehmen soll dereinst eine «cutting-edge Company» werden, die auch in Zeiten von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz im Recycling-Markt Deutschlands eine führende Rolle einnimmt.

Als Innovationslabor sind auch die signals Open Studios gedacht. Hinter dem Konzept steckt der Versicherungskonzern Signal Iduna. Im Mittelpunkt steht die branchenübergreifende und crossindustrielle Vernetzung von Unternehmen und Startups. Die Begriffe Customer Centricity, Co-Creation und Open Innovation umschreiben dabei die massgebende Arbeits- und Gestaltungsweise. „Fail often and early“ soll in den Open Studios Wirklichkeit werden. Schnell kreieren, Prototypen bauen, die Nutzer fragen, Konzepte hinterfragen, anpassen, bis es passt. Die signals Open Studios geben sich unabhängig, flexibel und offen, verleugnen dabei aber nicht ihre Herkunft. Man versteht sich als Keimzelle für die digitale Transformation des Versicherungskonzerns, ein Prozess, der mit einem signifikanten Wandel der Unternehmenskultur einhergehen muss. Seit 2017 haben 600 Mitarbeitende das zweitägige Training «the future of work» in Berlin besucht.

Die signals Open Studios als innovatives Konzept © Rolf Rellstab

(Technologie-)Startups auf den Zahn fühlen

Wie funktionieren Jungunternehmen? Welche Herausforderungen haben sie? Wie können sie von aussen beurteilt werden? Das Berliner Technologie-Startup HomeToGo wurde 2014 gegründet und beschäftigt inzwischen mehr als 150 Mitarbeitende. Auch gemessen am Umsatz gehört es zu den am schnellsten wachsenden Startups Deutschlands. HomeToGo betreibt eine Metasuchmaschine für Ferienunterkünfte. Wenn Nutzer eine Anfrage starten, durchsucht HomeToGo Partnerseiten wie Booking.com, FeWo-direkt oder TripAdvisor. Mittlerweile nutzen pro Monat rund 20 Millionen Menschen die Plattform. HomeToGo liefert interessante Einblicke in die Kultur und die Herausforderungen eines Jungunternehmens auf der Schwelle zu einem etablierten Player in der Reisebranche, von der Rekrutierung und Organisationsentwicklung bis hin zu Marketing und PR.

Trendinstitut in alter Baumwollspinnerei

Welche Auswirkungen haben neue Technologien auf Geschäftsmodelle und Marketingansätze? Das Trendinstitut 2bAHEAD, einer der grössten Think Tanks Europas, sucht nach Antworten. Auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei Leipzig-Lindenau, wo sich mehrere Galerien, eine Vielzahl an Künstlern, Werkstätten, Architekten, Designer, Schmuck- und Modemacher und natürlich Startups niedergelassen haben, beschäftigen sich Trendforscher auch mit dem Kundendialog der Zukunft, der von intelligenten persönlichen Assistenten geprägt sein wird.

Aus Sicht von Markus Brunold, CEO von BSI und Teilnehmer der Studienreise, ein «tolles Programm, mit Einblicken in Innovation Labs und Startups, ergänzt mit der Sichtweise von Investoren.»

2bAHEAD befasst sich mit den Trends von morgen © Rolf Rellstab

Eine nächste Studienreise nach Berlin ist im Rahmen des Executive Master in Marketing Leadership für Herbst 2019 geplant. Rolf Rellstab (rolf.rellstab@zhaw.ch) gibt dazu gerne Auskunft.

Wer sich vorher fit für die Zukunft machen will, der findet im Weiterbildungsangebot des Instituts für Marketing Management spannende Lehrgänge.

https://weiterbildung.zhaw.ch/de/school-of-management-and-law/programm/cas-marketing-analytics.html

https://weiterbildung.zhaw.ch/de/school-of-management-and-law/programm/cas-digital-marketing.html