Neu bieten wir in der Weiterbildung ein kostenloses Add-on an: das AI-Bootcamp für CAS Teilnehmende – ohne Vorkenntnisse, direkt integriert ins Studium. Der Hintergrund dazu zeigt, wieso agentische KI-Kompetenz mehr ist als ein Nice-to-have.
Am IMM haben wir in den letzten Monaten mit der AI Agency ein internes Trainingsformat für den Umgang mit agentischen KI-Systemen aufgebaut. Was als praktische Notwendigkeit begann, hat uns zu einer weiterreichenden These gebracht: Das Verständnis dafür, wie man einem KI-Agenten eine Aufgabe delegiert, ihm Kontext gibt und sein Ergebnis kritisch prüft, ist keine optionale Zusatzqualifikation mehr. Es wird zur Voraussetzung dafür, überhaupt noch höhere Führungsverantwortung übernehmen zu können.
Die Demokratisierung ist real – aber nur für die, die sie nutzen
KI-Assistenz wirkt nicht für alle gleich. Der Produktivitätsgewinn fällt bei weniger erfahrenen Mitarbeitenden deutlich höher aus als bei Top-Performern. Bei Letzteren ist der Effekt mitunter sogar leicht negativ, wie eine der bislang grössten Feldstudien zu generativer KI am Arbeitsplatz zeigt (Brynjolfsson, Li & Raymond, 2025). Die naheliegende Lesart ist eine Demokratisierungsgeschichte: KI komprimiert die Kompetenzspanne innerhalb eines Teams. Die richtige Lesart ist vorsichtiger. Der Effekt tritt nur bei denen ein, die den Umgang mit dem System tatsächlich erlernt haben. Für alle anderen bedeutet dieselbe Entwicklung nicht Stillstand, sondern relativen Rückstand. Genau das macht Grundlagenwissen zu einer Organisationsfrage, nicht zu einer individuellen Präferenz.
Marketing als Frühwarnsystem für das, was jeder Führungsfunktion bevorsteht
Kaum eine Funktion zeigt diese Verschiebung deutlicher als das Marketing und genau deshalb lohnt sich der genauere Blick. Neun von zehn CMOs sagen inzwischen, generative KI verändere bereits jetzt, wie Konsumentinnen und Konsumenten Marken entdecken (BCG-Umfrage, zitiert nach Fortune, 2026). Führende Marketingchefs beschreiben ihre Rolle folgerichtig als Orchestrierung eines Systems aus Menschen, Technologie, Daten und Agenten. Adobes CMO zum Beispiel spricht vom „Chief Marketing Orchestrator“ (Harvard Business Review, 2026). Dahinter steht ein struktureller Umbau: Marketingorganisationen sortieren sich im agentischen Zeitalter nicht mehr entlang klassischer Silos wie Content, Media oder CRM, sondern entlang koordinierter Workstreams, die von Agentensystemen gesteuert werden.
Bemerkenswert ist, dass dies keine reine Automatisierungsgeschichte ist. Der grösste Wertbeitrag entsteht dort, wo generative Modelle menschliches Urteilsvermögen ergänzen statt ersetzen – etwa bei der Verdichtung von Konsumenteneinsicht, die traditionell Monate und hohe Budgets kostet und sich nun in Tagen erreichen lässt (MIT Sloan Management Review, 2026). Zugleich entsteht eine völlig neue Übersetzungsaufgabe: Sprachmodelle missverstehen implizite Markensignale wie Exklusivität oder Heritage systematisch. Marken müssen aktiv lernen, sich für KI-Systeme „lesbar“ zu machen. Wer in der Marketingführung nicht selbst versteht, wie diese Systeme funktionieren, kann diese Übersetzungsarbeit nicht leisten und verliert damit genau das Urteilsvermögen, das die eigene Funktion künftig unterscheidbar macht.
Werkzeugnutzung ohne agentische KI-Kompetenz kostet Denkfähigkeit
Es gibt allerdings auch eine Kehrseite, die zur Vorsicht mahnt. Unreflektierter Einsatz generativer KI reduziert messbar das kritische Denken: Wer ein System nur bedient, ohne seine Funktionsweise zu verstehen, verlagert Denkarbeit, statt sie zu erweitern (Lee et al., 2025). Das war für uns der Grund, die AI Agency als Verständnistraining aufzusetzen und uns nicht auf ein Tool-Workshop zu beschränken. Wer die Mechanik hinter Agenten, Kontext und Delegation durchdrungen hat, nutzt KI als Denkwerkzeug. Wer sie nur konsumiert, verlernt genau die Fähigkeit, auf die es ankommt.
Von der internen Initiative zur Weiterbildung für alle
Asymmetrische Produktivitätseffekte, die Neuordnung ganzer Führungsfunktionen am Beispiel Marketing, das Risiko kognitiver Auslagerung ohne Verständnis – zusammen ergibt das ein klares Bild: Agentische KI-Kompetenz ist eine Führungsvoraussetzung. Wer Teams leiten will, die mit Agentensystemen arbeiten, muss selbst verstanden haben, wie das funktioniert. Deshalb übertragen wir das AI-Agency-Format jetzt bewusst von der internen Schulung in die Weiterbildung für Erwachsene – als kostenloses AI-Bootcamp für alle CAS Teilnehmende.

Prof. Dr. Falk Uebernickel ist Co-Institutsleiter und Professor am Institut für Marketing Management der ZHAW School of Management and Law in Winterthur. Er forscht und lehrt an der Schnittstelle von Human-Centered Design, digitaler Innovation und künstlicher Intelligenz und bringt dabei langjährige Erfahrung aus Wissenschaft und unternehmerischer Praxis mit – unter anderem als ehemaliger Professor und Design-School-Lead am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam, in langjähriger Forschung und Lehre an der Universität St. Gallen sowie zuletzt in einer Forschungskooperation mit dem MIT Media Lab zu den Auswirkungen generativer KI auf Entscheidungen und Verhalten.
Quellen: Brynjolfsson, Li & Raymond (2025), Generative AI at Work, QJE; Fortune (2026), Beiträge zu CMOs und KI; Harvard Business Review (2026); MIT Sloan Management Review (2026); Lee et al. (2025), The Impact of Generative AI on Critical Thinking, ACM CHI Conference on Human Factors in Computing Systems
Unsere Weiterbildungen starten bald (Ende August / Anfang September). Für Spontane: Hier findet ihr unser Angebot.