
Gastbeitrag von Thomas Bigliel, Hochschuldozent
Ungefähre Lesedauer: 8 Minuten
Die Arbeitslosenquote in der Schweiz bleibt tief. Gleichzeitig verändert sich ihre Zusammensetzung. Immer mehr Arbeitslose verfügen über einen Hochschulabschluss. Während Universitäten und Fachhochschulen jedes Jahr Tausende Absolventinnen und Absolventen ausbilden, verändert künstliche Intelligenz die Wissensarbeit schneller als jede Bildungsreform. Und das hat Folgen: Die erste Stufe der Karriereleiter verschwindet. Und genau das bereitet vielen jungen Menschen Sorgen.
Killt KI die Einstiegsjobs?
Internationale Studien und Marktanalysen zeigen, dass Unternehmen deutlich weniger Einstiegspositionen ausschreiben als noch vor wenigen Jahren. Auch in der Schweiz. Besonders betroffen sind demnach wissensintensive Berufe, in denen KI bereits heute zahlreiche Routinetätigkeiten übernimmt, darunter Recherchen, Datenanalysen, Programmierung, Content-Erstellung und die Ausarbeitung juristischer Dokumente. Gleichzeitig höre ich in Gesprächen mit Kaderpersonen und HR-Verantwortlichen immer wieder dieselbe Aussage: «Wir stellen keine Juniors mehr ein.» Der Grund ist selten ein Einstellungsstopp. Vielmehr übernehmen bestehende Mitarbeitende mit Unterstützung von KI heute genau jene Aufgaben, die früher als klassische Einstiegsarbeiten galten. Recherchen, Analysen, Präsentationen oder erste Entwürfe entstehen heute in einem Bruchteil der Zeit. Dadurch verschwinden vielerorts genau jene Junior-Stellen, über die junge Talente bisher Berufserfahrung sammeln konnten.
Die Folge: Wer keine erste Chance erhält, kann auch keine Berufserfahrung sammeln. Entsprechend wächst bei vielen Studierenden die Skepsis gegenüber künstlicher Intelligenz. Ein eindrückliches Beispiel lieferte die Abschlussfeier der University of Arizona im vergangenen Monat. Als der ehemalige Google-CEO Eric Schmidt die Absolventinnen und Absolventen dazu aufforderte, KI konsequent zu nutzen, wurde er von Teilen des Publikums lautstark ausgebuht. Für viele junge Menschen ist künstliche Intelligenz längst nicht mehr das Symbol für Fortschritt, sondern für einen Arbeitsmarkt, der ihnen den Berufseinstieg zunehmend erschwert.
Bewerbungsprozesse im Wandel
Diese Entwicklung war für mich mit ein Grund, mich mit dem Berufseinstieg im KI-Zeitalter intensiver zu beschäftigen, unter anderem im Rahmen von Humboldt AI, wo ich mit meinem Team viele Lebensläufe und Bewerbungsprozesse aus nächster Nähe sehe. Dabei wurde schnell deutlich, dass die eigentliche Herausforderung viel früher beginnt. Viele verlassen das Studium hervorragend ausgebildet, fühlen sich aber unzureichend auf eine Arbeitswelt vorbereitet, in der der kompetente Umgang mit künstlicher Intelligenz längst zur Voraussetzung geworden ist.
Gleichzeitig entwickelt sich auch der Bewerbungsprozess rasant weiter. Bewerbungsunterlagen werden heute häufig zuerst von Bewerbermanagementsystemen verarbeitet, bevor sie überhaupt von einer Recruiterin oder einem Recruiter gelesen werden. Lebensläufe müssen strukturiert aufgebaut sein, relevante Schlüsselbegriffe enthalten und die Anforderungen der Stelle möglichst präzise widerspiegeln. Gerade Berufseinsteiger stehen hier oft vor einer doppelten Herausforderung: Ihnen fehlt nicht nur die Berufserfahrung, sondern häufig auch das Wissen darüber, wie moderne Bewerbungsprozesse funktionieren. Genau das beschäftigt mich in meiner Arbeit besonders, denn ich bin überzeugt, dass künstliche Intelligenz Menschen nicht ersetzen, sondern sie befähigen sollte.
KI vernichtet keine Jobs. Sie verändert sie.
Der Eindruck, künstliche Intelligenz werde ganze Berufe ersetzen, hält sich hartnäckig. Die Forschung zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. KI automatisiert in den meisten Fällen nicht komplette Arbeitsplätze, sondern einzelne Tätigkeiten innerhalb eines Berufs. Dadurch verändern sich nahezu alle Wissensberufe. Der Wettbewerb findet deshalb künftig nicht zwischen Mensch und Maschine statt, sondern zwischen Menschen, die KI produktiv einsetzen können, und jenen, die diese Kompetenz noch nicht entwickelt haben.
Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Bereits vor rund zwanzig Jahren erkannte Garry Kasparov, dass die Zukunft nicht im Wettkampf zwischen Mensch und Maschine liegt, sondern in ihrer Zusammenarbeit. Nach seiner Niederlage gegen den Schachcomputer IBM Deep Blue im Jahr 1997 initiierte er sogenannte Advanced- oder Freestyle-Chess-Turniere. Dort traten Computer, Grossmeister und Mensch-Computer-Teams gegeneinander an. Das Ergebnis überraschte die Schachwelt: Nicht der stärkste Computer und auch nicht der beste Schachspieler gewannen, sondern ein Amateurteam, das einen Computer besonders geschickt einsetzte. Entscheidend war nicht die grösste Expertise, sondern die Fähigkeit, Mensch und Maschine optimal zusammenarbeiten zu lassen. Wer wusste, wann er den Empfehlungen des Computers folgen und wann er ihnen widersprechen musste, hatte den entscheidenden Vorteil. Kasparov fasste diese Erfahrungen später in seinem Buch Deep Thinking (2017) zusammen. Genau darin liegt auch die wichtigste Lektion für den Arbeitsmarkt im KI-Zeitalter.
Kasparovs Erkenntnis lässt sich beinahe eins zu eins auf die heutige Arbeitswelt übertragen. Fachwissen bleibt entscheidend. Doch allein genügt es nicht mehr. Entscheidend wird die Fähigkeit sein, Fachwissen mit künstlicher Intelligenz intelligent zu verbinden.
AI-Literacy wird zur Schlüsselkompetenz
Genau deshalb wird AI-Literacy zu einer der wichtigsten Kompetenzen der kommenden Jahre. Wer versteht, wie KI funktioniert, gute Prompts formulieren kann, Ergebnisse kritisch hinterfragt und die Grenzen der Technologie kennt, wird produktiver arbeiten als jemand, der sich ausschliesslich auf seine bisherige Erfahrung verlässt. Expertise verliert dadurch nicht an Bedeutung. Im Gegenteil. Nur Expertinnen und Experten können beurteilen, ob ein KI-generiertes Ergebnis fachlich korrekt oder gefährlich falsch ist.
Die eigentliche Trennlinie verläuft deshalb nicht mehr zwischen Junior und Senior oder zwischen Studium und Berufserfahrung. Sie verläuft zwischen Menschen, die KI kompetent einsetzen können, und jenen, die dies nicht beherrschen. Ein Berufseinsteiger mit hoher AI-Literacy kann heute produktiver sein als eine erfahrene Fachperson, die KI ignoriert oder falsch nutzt. Genau darin liegt die eigentliche Botschaft von Kasparovs Experiment.

Was bedeutet das für Hochschulen?
Für Hochschulen ist diese Entwicklung von enormer Tragweite. Wenn KI vor allem jene Aufgaben automatisiert, mit denen Berufskarrieren bisher begonnen haben, dann reicht es künftig nicht mehr aus, ausschliesslich Fachwissen zu vermitteln. Hochschulen müssen ihre Studierenden darauf vorbereiten, gemeinsam mit künstlicher Intelligenz zu arbeiten. AI-Literacy darf deshalb kein Randthema und kein freiwilliger Workshop sein. Sie muss zu einem festen Bestandteil jedes Studiums werden, unabhängig davon, ob jemand Wirtschaft, Informatik, Ingenieurwissenschaften, Gesundheit oder Kommunikation studiert.
Gerade für die ZHAW eröffnet sich hier eine grosse Chance. Als Hochschule für Angewandte Wissenschaften verbindet sie wissenschaftliche Grundlagen mit einem starken Praxisbezug. Genau diese Verbindung wird im KI-Zeitalter zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Studierende sollten nicht nur lernen, wie KI funktioniert. Sie sollten lernen, sie verantwortungsvoll einzusetzen, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und sie im Berufsalltag produktiv anzuwenden. Wer diese Fähigkeiten bereits während des Studiums entwickelt, startet nicht trotz KI erfolgreich ins Berufsleben, sondern gerade wegen ihr.
Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, darüber zu diskutieren, ob künstliche Intelligenz in die Hochschulen gehört. Diese Frage ist längst beantwortet. Entscheidend ist vielmehr, wie wir Studierende darauf vorbereiten, gemeinsam mit KI bessere Entscheidungen zu treffen, komplexe Probleme zu lösen und verantwortungsvoll zu handeln. Denn im Arbeitsmarkt der Zukunft konkurrieren nicht Mensch und Maschine, sondern Menschen, die KI kompetent einsetzen, mit jenen, die diese Fähigkeit noch nicht entwickelt haben. Genau darin liegt der Bildungsauftrag moderner Hochschulen. Und genau hier liegt auch die grosse Stärke der ZHAW: Als Hochschule für Angewandte Wissenschaften verbindet sie wissenschaftliche Grundlagen mit einem konsequenten Praxisbezug. Diese Kombination schafft die besten Voraussetzungen, um Absolventinnen und Absolventen nicht nur auf den ersten Job, sondern auf eine Arbeitswelt vorzubereiten, die sich durch künstliche Intelligenz kontinuierlich verändern wird.

Zum Autor
Thomas Bigliel – Thomas ist Hochschuldozent für Integrierte Informationssysteme an der FHV Vorarlberg University of Applied Sciences sowie Gastdozent und Korreferent im MAS Business Administration der ZHAW School of Management and Law. Als Mitgründer und Co-CEO von Humboldt AI beschäftigt er sich mit den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt sowie der Zukunft von Bildung und Karriere.
Weiterbildung am Institut für Marketing Management
Lust auf eine Weiterbildung im Marketing? Wir haben einige davon Hier geht’s zur Übersicht.