Kundenorientierung im digitalen Zeitalter

Von den ZHAW Studierenden Michael Lutz, Patrik Küng, Jan Malac und Paolo Ragosa

In vielen Service- und Produktkategorien soll das Internet der Dinge (Internet of Things) erst dann durchstarten können, wenn es den Anbietern und dem Handel gelingt, den Nerv der Kunden zu treffen. Ruben Richiger, Produktemanager Multi Device bei der Swisscom, erläutert in einem Interview, wie das führende Telekommunikationsunternehmen der Schweiz mit diesem Wandel umgeht.

Welche Anwendungsszenarien stehen bei der Swisscom gegenwärtig im Fokus?

Für uns ist deutlich spürbar, dass das Thema IoT massiv an Bedeutung gewonnen hat. Das lässt sich zum Beispiel anhand der höheren Nachfrage im Bereich Smart Home feststellen. Nun bieten auch Firmen wie die IKEA IoT-Geräte an, welche man früher nicht direkt mit dem Internet assoziiert hätte. Durch die Einbindung unserer Swisscom Home-App gewinnen die Kunden an Komfort und Kontrolle über ihr eigenes zu Hause. Wir spüren auch ein grosses Interesse im Geschäftskunden-Bereich, in welchem sich vielfältige Chancen für Schweizer Unternehmen eröffnen.

: Die digitale Vernetzung fordert eine Neuorientierung im Kundenbereich © Pixabay

Mit dem Multi-Device Service ermöglichen Sie Ihren Kundinnen und Kunden unterschiedliche Geräte in einem Mobile Abo zu vernetzen. Welchen Platz nimmt der «on the go»-Service in der Welt von IoT gegenwärtig und zukünftig ein?

Es haben sich bereits erste Geräte etabliert, wie beispielsweise die Smartwatches. Das ist jedoch erst der Anfang – dieses Segment wird in den nächsten Jahren deutlich wachsen, unter anderem weil die Geräte zu einem integralen Bestandteil werden. Zudem entwickeln viele Geschäftskunden basierend auf einer mobilen Anbindung vernetzte Angebote und Dienstleistungen.

Nutzen Sie selbst Multi-Device Optionen und sehen Sie neben der Zusammenführung von verschiedenen Devices wie Smartphones, Smartwatches, Wearables, Sensoren etc. weitere integrative Use-Cases?

Ich habe einen Tracker in meiner Arbeitstasche, nutze teilweise eine Smartwach und habe ein Tablet, sowie einen Laptop in die App eingebunden. Für weitere integrative Use-Cases ist vieles denkbar – ein sehr attraktives Beispiel ist die Steuerung der Heizung in der Ferienwohnung.

Die klassische Customer Journey, welche über mehrere Prozessphasen stattfindet, sieht sich durch die Verbreitung von IoT einer Transformation gegenüber. Einzelne, aufeinander abgestimmte Touchpoints verschwinden, während Kunden jederzeit in den Prozess ein- respektive aussteigen oder sogar einzelne Phasen überspringen können. Wie nehmen Sie diese Veränderungen wahr?

Aus meiner Sicht stehen wir am Anfang der Veränderungen und diese werden sich auch je nach Person, beziehungsweise Kundensegment, unterschiedlich gestalten. Je nach Affinität zum Thema, sind solche Veränderungen aber heute schon sichtbar. Dennoch schätze ich es so ein, dass abgestimmte Touchpoints und eine kompetente Begleitung auch zukünftig für viele Kundinnen und Kunden einen hohen Stellenwert haben werden.

Lassen sich gänzlich neue Touchpoints schaffen?

Wenn man sich die letzten zwei bis drei Jahre anschaut, können wir feststellen, dass wir uns mitten in einem Veränderungsprozess befinden. So bieten wir heute auch per Social Media und Apple Business Chat Dienste und Unterstützung an. Auch ein Angebot wie Mila (technischer Support) zeigt neue Möglichkeiten auf, wo technische Unterstützung aus der Nachbarschaft erfolgt.

Inwiefern gelingt es Swisscom, das individuelle Nutzungsverhalten ihrer Kunden besser zu verstehen?

Hierzu gibt es viele Methoden, mit denen wir arbeiten. Es ist essenziell mit Kunden zu sprechen, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und diese ins Zentrum unserer Überlegungen zu stellen. Es ist ebenfalls wichtig, Dinge früh auszuprobieren und direkt Rückmeldungen einzuholen, um so unmittelbar und gemeinsam mit unseren Kunden zu lernen. Auch durch die Datenanalyse können wir ein zusätzliches Verständnis generieren und vor allem die Individualität unterstützen. IoT wird insgesamt viele Dienste personalisierbar machen, was wiederum neue Touchpoints schaffen wird.

Bedingt durch die kontinuierlich steigenden Ausstattungsraten technologischer Gebrauchsgüter, werden die Bedürfnisse der Nutzer zum Teil bei weitem übererfüllt. Statt über die Funktionsweise der Geräte, entsteht die Kundenzufriedenheit vermehrt über andere Faktoren, wie den Service an sich, die Einfachheit und Convenience. Wie bedient die Swisscom mit ihrem Angebot diese Faktoren?

Das ist ein essentieller Bestandteil all unserer Produkte. Aus diesem Grund spiegeln sich genau diese Überlegungen auch in unserer Vision, unseren Werten und unserer Strategie wider: Wir wollen Menschen begeistern, was nur mit dem besten Kundenerlebnis geht. Daher setzen wir konsequent auf einfache Produkte, lokalen Service und eine grosse Kanalvielfalt, sodass auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen werden kann.

Welche weiteren Faktoren spielen für Swisscom eine Rolle, um Kunden und Ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich möchte den echten Mehrwert für Kunden in den Fokus stellen. Vor allem im Bereich IoT sieht man, dass reine Funktionalität nicht ausreicht, sondern dass echte Bedürfnisse relevant adressiert sein müssen. Dieser echte Mehrwert muss für die Kunden sehr einfach, verständlich und unmittelbar erlebbar sein.

IoT-Geräte bieten ihren Kunden Komfort und Kontrolle © Pixabay

IoT-fähige Produkte werden als Erlebnis beworben, während für den Hersteller Kundendaten zugänglich gemacht werden. Durch die Revision des Datenschutzrechts in der EU und das vom Europarat revidierte Datenschutzübereinkommen sieht sich die Schweiz verpflichtet ihr Datenschutzgesetz ebenfalls zu revidieren. Wie gehen Sie dieses Thema in Bezug auf Ihr Multi-Device Angebot an?

Da wir keine Hersteller von IoT-Geräten sind, ist für uns die Frage etwas anders ausgelagert. Für uns ist die Bemühung zentral, eine einfache Transparenz und Steuerungsmöglichkeiten zu schaffen. Die Kunden müssen in dieser Thematik die Hoheit besitzen und wir versuchen dies zu unterstützen, ohne dass wir dabei auf Chancen verzichten müssen. Zudem unternehmen wir natürlich tagtäglich hohe Anstrengungen, unseren Kunden ein sicheres Netz anzubieten.

Werden smarte Produkte zukünftig die klassischen verdrängen oder gibt es da Hindernisse?

Diese Frage werden wir erst in ein paar Jahren abschliessend beantworten können, aber aus meiner Sicht gibt es heute keine direkten, allgemeingültigen Hürden. Die Entwicklung wird jedoch zukünftig durch immer günstigere Komponenten und fortschrittlicher Akkulaufzeit weiter beschleunigt werden Die klassischen Produkte werden aber nie ganz verschwinden.

Mobile Marketing – Mehr als nur Mobile Werbung

Von den ZHAW Studierenden Manuel Votapek, Nathalie Müller, Nuran Koller, Kevin Nguyen

Wie entwickelt man kontextspezifische Lösungen für mehr Wirkung bei Mobile Marketing? Wie erreicht man die Kunden mit massgeschneidertem Inhalt? Um diese und noch weitere Fragen zu beantworten, haben wir ein Gespräch mit Oliver Stäcker, CEO der gotomo GmbH geführt. Gotomo ist einer der führenden Anbieter in der noch jungen Schweizer Mobile Marketing Branche. Sie unterstützen ihre Kunden von der Strategie bis hin zur Umsetzung von Mobile Marketing Lösungen.

Mobile Marketing wird wichtiger und die Möglichkeiten sind vielfältig: Apps, SMS, Push-Benachrichtigung, Location Based Services oder Mobile Advertising sind nur einige davon. Was unterscheidet das Angebot von gotomo von anderen Unternehmen dieser Branche?

Von der klassischen Mobile Werbung, wie beispielsweise jene auf der 20 Minuten App, in welcher der Banner typischerweise die gleiche Werbung zeigt wie auf dem Plakat, haben wir uns etwas distanziert. Wir haben uns davon wegbewegt, weil Mobile Werbung nur einen kleinen Teil der Customer Journey abdecken kann. Wir konzentrieren uns auf den kontextbasierten Teil, in welchem nicht nur «one-to-many», sondern auch sehr individuelle Lösungen umgesetzt werden. Das personalisierte Mobile Direct Marketing ist nämlich viel wichtiger geworden.

Wir untersuchen dabei zuerst die Bedürfnisse der Kunden. Je nach Bedürfnis erarbeiten wir mit ihnen die Strategie, die Konzeption oder beides. Dabei nutzt gotomo je nach Projekt verschiedene Technologien. Die Bandbreite reicht von Chat-Bots, Beacon, Augmented Reality bis hin zur kompletten App. Wir versuchen auf Basis eines Use-Cases, einer Herausforderung oder eines Problems des Kunden eine ganzheitliche Lösung mit verschiedenen Komponenten zu erarbeiten.

Oliver Stäcker, CEO der gotomo GmbH © gotomo

Wie unterscheidet sich der Inhalt des Mobile Marketings vom herkömmlichen TV oder Desktop Marketing?

Es ist wichtig, dass man das Smartphone/ Mobile nicht nur als weiteren Kanal betrachtet, auf dem exakt dieselbe Werbekampagne wie im TV oder in den Printmedien aufgeschaltet werden kann. Damit wird das Potenzial des Mobile Marketings nicht vollständig ausgeschöpft. Grundsätzlich bietet sich Fernsehwerbung an, um Emotionen einzubringen. Wenn beispielsweise Alfa Romeo ein neues Modell veröffentlicht, kann der Werbespot zeitgleich mit einer Promotion auf dem Mobile ergänzt werden. Das Promotionsangebot für Zubehör oder einer exklusiven Einladung zu einer spontanen Probefahrt kann mittels diverser Technologien zeitlich und örtlich auf die Ausstrahlung abgestimmt werden. In diesem Sinne soll das Mobile Marketing ergänzend und kontextbezogen eingesetzt werden und nicht konkurrierend.

Welchen Ansatz verfolgt gotomo bei der Beratung ihrer Kunden?

Bis zu einem gewissen Grad gibt es einen «one for all» Ansatz, nämlich das logische Denken. Manchmal wird von einer Technologie zu viel erwartet und der Use Case wird nicht richtig hinterfragt. Klar wäre es toll, wenn Kunden in der Nähe eines POS (Point-of-Sale) eine Push Benachrichtigung über aktuelle Angebote erhalten würden. Technologisch ist dies möglich, aber nicht jeder Zeitpunkt eignet sich dafür. Dies wird in der Praxis oft vergessen. Es gilt, den «Mobile Moment» zu berücksichtigen. «One for all» bedeutet für uns, dass wir einen Schritt zurückgehen und uns überlegen, was die eigentliche Herausforderung ist und wie die User Journey aussieht. Erst dann beginnen wir über Mobile Marketing zu sprechen.

Bluetooth Beacons bieten die Möglichkeit den Kunden am POS kontextspezifisch zu erreichen, jedoch ist ihre Verbreitung in der Schweiz relativ gering. Was sind die Herausforderungen beim Einsatz von Beacons?

Ein Beacon hat keine eigene Logik, es ist lediglich ein Sender von Signalen, welche an die vorinstallierte App auf dem Mobile empfangen werden. Der Kunde geht am Laden vorbei und erhält eine Push-Benachrichtigung, die ihn auf ein Angebot aufmerksam macht und einen Kaufanreiz auslöst. Viele haben sich auf diesen Ansatz gestürzt, dabei jedoch nicht in Betracht gezogen, dass es für einen guten Beacon Einsatz eine eigene App mit genügend Nutzern braucht. Es gibt jedoch andere Ansätze, um diese Technologie als Marketinginstrument einzusetzen. So könnten etwa Beacons als klassisches Mailing an Kunden versendet werden. Betritt der Kunde mit dem Beacon im Gepäck den POS, kann ein für ihn spezifisches Kundenerlebnis geschaffen werden. Der Kunde könnte zum Beispiel am Auto Salon in Genf in einem Fahrzeug mit seinem Namen begrüsst werden.

Gotomo unterstützt ihre Kunden in der Umsetzung von Mobile Marketing © Pixabay

Welche Auswirkungen haben die verschärften Datenschutzverordnungen auf das Mobile Marketing?

Es betrifft uns extrem. Bei einer Kampagne hatten wir verschiedene Technologien eingesetzt. Dabei dienten SMS-Nachrichten als «opt-in» Verfahren (Zustimmungsverfahren). Das bestehende opt-in, das beispielsweise für einen Service wie eine Abholbenachrichtigung gegeben wurde, gilt gemäss EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) jedoch nicht automatisch für Marketing Zwecke. Dafür braucht es ein spezifisches opt-in. In unserem Fall wurden dadurch viele Kundenkontakte unbrauchbar. Bei Nichtbeachtung der Gesetzgebung werden Konsequenzen erwartet.

Wo sehen Sie Schwierigkeiten?

Eine Hürde ist auf jeden Fall das Erkennen von Innovationen und die Entwicklung von neuen Anwendungen auf einer kreativ konzeptionellen Ebene. Wir beantragen proaktiv und regelmässig Studien und wenden weitere Mechanismen an, um möglichst früh Tendenzen zu erkennen. Eine weitere Hürde ist die Reaktionszeit unserer Kunden. Viele müssen über starre interne Prozesse ein Budget beantragen. Um dieses Problem zu umgehen, stellen wir vermehrt einfache Prototypen her, die dem Kunden das Potential und die Akzeptanz aufzeigen und die Entscheidung vereinfachen sollen. Diese Prototyping Phase, inklusive der entsprechenden Testing-Methoden, helfen unseren Kunden eine Menge Geld zu sparen.

Wo steht gotomo in 10 Jahren?

Das lässt sich so nicht ganz beantworten, der Markt ist sehr dynamisch. Genau das macht ihn auch so spannend für uns. Nebst der Beratung im Mobile Marketing haben wir auch den Bereich der Innovations- und Digitalisierungsberatung für uns entdeckt. Es geht nicht mehr nur darum herauszufinden, ob eine App Sinn ergibt oder nicht, sondern auch zu schauen, welche weiteren Lösungen man dem Kunden anbieten kann, wenn man sie von Beginn an im Prozess mitberücksichtigt. So können zum Beispiel erstellte Code-Fragmente und das Dialog-Design eines Chat-Bots später für eine Alexa App verwendet werden. Mobile Strategie wird dann plötzlich zur Digital Strategie und bringt uns als netten Nebeneffekt neue Projekte.

Best Practice des Omnichannel Marketings am Beispiel der Paul Ullrich AG

Von Carmen Oswald und Dr. Darius Zumstein

In einem schweizweit einzigartigen Omnichannel-Marketing-Projekt lancierte der Getränkehändler Paul Ullrich AG einen Spirituosen- und Wein-Onlineshop für Endkunden. Vier Zürcher Digital-Agenturen bauen auf grüner Wiese nun eine grosse Marketing-Maschinerie auf, um den B2C-Onlineshop zum Fliegen zu bringen.

Der diesjährige Omnichannel Marketing Tag (OMT.19) fand vergangene Woche im Metropol in Zürich statt. Eröffnet wurde der Event durch den CEO von Mayoris, Urs Thürig. Er war vor sieben Jahren derjenige, der die halbtätige Konferenz ins Leben gerufen und damit einen Nerv der Zeit getroffen hat. Das Wort «Omnichannel» ist wortwörtlich omnipräsent in aller Munde. Handelt es sich dabei um ein weiteres Marketing Buzzword oder widerspiegelt es vielmehr den Zeitgeist? Der diesjährige Fall des Digitalisierungsprozesses der Paul Ullrich AG zeigt auf, wie wichtig es ist, dass sich auch Schweizer KMUs den digitalen Herausforderung stellen.

Einen B2C-Onlineshop bei einem Weinhändler forcieren: Lohnt sich das?

Ist es für KMUs zu spät, erst heute mit einem Onlineshop live zu gehen und ihn im Digital Marketing zu bewerben? Auch dem Team von Paul Ullrich wurde diese Frage gestellt und die Antwort war ein klares «nein». Sie sehen sogar einen grossen Vorteil darin, von den Best-Practice-Beispielen zu lernen und von den bereits gemachten Erfahrungen zu profitieren. Um das Projekt ullrich.ch in Angriff zu nehmen, wurden vier Agenturen engagiert, dieses Projekt der digitalen Transformation zu begleiten. Dies sind namentlich Mayoris, SEMSEA, Converto und Brain & Heart Communication.

Am OMT.19 vertreten war auch das Institut für Marketing Management. Carmen Oswald schreibt eine Masterarbeit zum Projekt, die Dr. Darius Zumstein betreut. Sie begleiten diese spannende Fallstudie – wie sie im Lehrbuch steht – aus Sicht des Digital Analytics und aus der angewandten Forschung. Die vier spezialisierten Agenturen wurden nicht zufällig ausgesucht, sie bearbeiten die wichtigsten Marketinginstrumente des Digital Commerce.

Die relevanten Marketinginstrumente des Digital Commerce © D. Zumstein

Der grosse Schritt offline zu online und von B2B zu B2C

Der CMO von Paul Ullrich AG, Stefan Huwiler, zeigte auf, wie das Omnichannel-Projekt zustande gekommen ist. Dabei geht es darum, dass das vormals im B2B Geschäft tätige Unternehmen seit Januar 2019 einen B2C-Onlineshop lanciert hat. Das «Corpus Delicti» soll nun ab Mitte April intensiv beworben werden. Denn nur wenn der Onlineshop bei Gin-, Whisky- und Weinliebhabern bekannt ist und genug trink- und bestellfreudige Kunden in den Onlineshop kommen, kann der Onlineumsatz in fünf Jahren verfünffacht werden. CEO Urs Ullrich betonte die Wichtigkeit der digitalen Umrüstung. Paul Ullrich AG wird durch die vier Agenturen auf dem Laufenden gehalten, die Konsequenzen der Massnahmen werden aufgezeigt und internes Know-how aufgebaut. Für den digitalen Wandel wurden im Marketing zusätzlich 250% Stellenprozente geschaffen und die Distribution resp. Logistikneu aufgestellt, um die zusätzlichen Onlinebestellungen abzuhandeln.

Warum vier spezialisierte Agenturen und keine Full-Service-Agentur?

Aufgrund des operativen Geschäftes und dem jahrelangen Wachstum wurde die Digitalisierung und das Onlinemarketing von der Paul Ullrich AG vernachlässigt. Mit Hilfe von vier spezialisierten Agenturen soll nun das Feld von hinten aufgerollt werden. Vier Agenturen verfügen über profunderes Fachwissen als eine einzelne, sie sind agiler, sie können schneller reagieren und die Komplexitäten sowie Abhängigkeiten werden auf die unterschiedlichen Partner verteilt.

Dank dem Print Magazin «Liquid» und «Genuss» ist bereits sehr viel und hervorragender Content vorhanden. Dieser konnte von Brain & Heart in die Content und Social Media Marketing Strategie aufgenommen werden. Mit dem Feed Based Advertising Tool von Converto ist es zudem möglich, sämtliche Produkte von Paul Ullrich im Backend abzubilden und im Digital Advertising flexibel und dynamisch zu bewerben. Es ermöglicht eine manuelle und programmatische Auswahl der Produkte, die auf externen Werbeplattformen in der Schweiz als Werbeformat zielgruppenorientiert ausgespielt werden.

Mit SEMSEA Suchmaschinenmarketing hat das Unternehmen einen Profi im Bereich Google Advertising ins Boot geholt. Neben den Strategien für die Suchmaschinenwerbung (SEA) und Suchmaschinenoptimierung (SEO) zeigten sie die Relevanz des Suchmaschinenmarketings und des Targetings für Paul Ullrich auf. Zudem erläuterte SEMSEA neue Google-Trends, wie zum Beispiel Visual Search und Voice Search, das global bereits 20% der Suchanfragen ausmacht. Dort wo Paid Media aufhört zu wirken, greifen die Owned Channels, in diesem Fall das E-Mail und Newsletter Marketingvon Mayoris.

Last but not least zeigte Dr. Darius Zumstein alle Touchpoints auf, die von Paul Ullrich in der Customer Journey bedient werden, sowie die Komplexität der Datenanalyse und -integration der einzelnen.

Mögliche Kontaktpunkte in der Customer Journey der Paul Ullrich AG © D. Zumstein

Für KMUs mit knappen Ressourcen stellt es in der Schweiz eine Herausforderung dar, die Kunden über die wachsende Anzahl an Marketinginstrumente sowohl offline sowie online abzuholen und die Vertriebskanäle abzustimmen. Stichwort sind die nachgewiesenen ROPO-Effekte (Research online, Purchase offline) und der Beratungs- und Degustationsklau (Degustationen offline, Einkauf online). Der Omnichannel-Ansatz in diesem Projekt bedeutet vor allem, dass es wichtig ist kein Silodenken entstehen zu lassen und dass die verschiedenen Informations-, Kommunikations- und Vertriebskanäle orchestriert werden müssen.

Aus den Präsentationen kam hervor, dass die Integration, Verarbeitung und Nutzung der Daten die grösste Herausforderung darstellt. Zum Schluss wurde eine Blitzumfrage im Saal gestartet, um zu sehen, mit welchen Tools bei den Teilnehmern gearbeitet wird. Erstaunlich ist, dass die meisten heute immer noch mit Excel-Lösungen arbeiten, da Alternativen entweder zu wenig existieren oder zu teuer sind.

Das Video und die Fotogalerie zum OMT.19 findet man hier.

Product Management 4.0: Hilfe, meine Produkte werden digital! (Teil 2)

Von Linard Barth

Produkte erzeugen immer mehr Daten in allen Phasen ihres Lebenszyklus, wie wir in diesem Blog bereits mit den Beiträgen zu smarten Zahnbürsten und Tennisschlägern aufgezeigt haben. Doch die Reise ist noch lange nicht zu Ende – denn was passiert eigentlich mit dem sogenannten «Digitalen Zwilling» des Produktes, wenn zusätzlich die Daten aus dem Customer Lifecycle Management hinzukommen?

Die Antwort: Es entstehen weitere ungeahnte Möglichkeiten für Innovationen von Produkten und Services und natürlich auch für die Ausgestaltung des Customer Lifecycle Managements – die Daten fliessen ja nicht nur in eine Richtung!

Bis heute ist für viele Unternehmen die Kommunikation mit den Kunden nach dem Kauf des Produktes vorerst beendet und wird erst wieder aufgenommen, wenn der Kunde sich beim Unternehmen für eine Beschwerde, Reparatur oder einen Neukauf meldet. Automatisch «getriggerte» Marketing Massnahmen wie die standardisierte Nachfrage nach Kundenfeedback einige Wochen nach dem Kauf oder die Unterbreitung eines Angebots für einen Wiederkauf kurz vor Ablauf der üblichen Nutzungsdauer erreichen nur wenige Kunden und sind nicht wenigen ein lästiges Ärgernis.

Durch Digitale Zwillinge von Smart Connected Products verändern sich die Interaktionsmöglichkeiten mit den Kunden während der Nutzungsphase der Produkte nun aber grundlegend. Zum einen hat das Unternehmen eine massiv umfangreichere Datengrundlage für die individualisierte Ansprache der Kunden, zum anderen kann der Zeitpunkt der Ansprache über das Produkt im geeigneten Zeitpunkt erfolgen – aus der USP wird die ISP (Individual Selling Proposition) und schlussendlich die SSP (Situational Selling Proposition), wie der Marketing Entertainer Dietmar Dahmen Anfang Jahr auf einer Konferenz eindrücklich erläuterte.

Doch zurück zur langweiligen Theorie: In unserem Framework haben wir uns für die meist verwendete Aufteilung der Customer Journey in 5 Phasen entschieden. Die Customer Journey hat natürlich Parallelen zur Wertschöpfungskette des Unternehmens bzw. zum Lifecycle des Smart Products, wie zum Beispiel die Retention-Phase, welche im direkten Zusammenhang mit der Nutzungsphase (Utilization & Operation) des Smart Products steht. Doch obwohl es Schwerpunkte gibt, können die Phasen nicht 1:1 zugeordnet werden. Es wirken vielmehr alle Phasen des Smart Connected Product Lifecycles auf alle Phasen des Customer Experience Lifecycles, umgekehrt kann der Kunde auf seiner Customer Journey grundsätzlich in jeder Phase Informationen aus jedem Schritt des Smart Connected Product Lifecycles berücksichtigen. Im Idealfall kann der Kunde auch von sich aus direkt über das Produkt einen Informationsfluss auslösen – und plötzlich wird das Unternehmen «getriggert»!

Digital Twin Framework des Product Management Centers (Fuchs & Barth, 2018)

Insbesondere wenn im Digitalen Zwilling nicht nur die Daten des einen konkreten Produktes vorliegen, sondern aller Smart Connected Products des ganzen Unternehmens eröffnen sich enorme Möglichkeiten zu Innovationen des Customer Experience Managements. Fand bis vor kurzem die Kommunikation zwischen Kunden und Unternehmen nur in eine Richtung statt, sprechen heute viele vom «bidirektionalen» Austausch – dabei ist das mit ganzheitlichen Digitalen Zwillingen von Smart Connected Products schon wieder Schnee von gestern, die viel gerühmten dezentralen Netzwerke lassen grüssen!

Wie zum Beispiel die Firma Babolat, deren smarte Tennis Rackets wir bereits vorgestellt haben, ihre Kunden auf eine Mehrwert stiftende Art untereinander, mit sich und ihren Werbeträgern vernetzt, stellen wir im zweiten Teil vor, der Anfang des kommenden Jahres erscheinen wird.

Über den Autor

Linard Barth ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Projekt- und Studiengangleiter am Product Management Center der ZHAW. Seine Interessen gelten in erster Linie dem Zusammenspiel einzelner Elemente in grösseren Systemen und wie diese konsistent nachhaltig funktionierend ausgerichtet werden können. Dazu erforscht er den Einfluss von Internet of Things, Smart Connected Products und Digitalen Zwillingen auf Business Modelle und Value Propositions. Als ehemaliger Gründer schlägt sein Herz insbesondere für Start-Ups, Entrepreneure und innovative Firmen, welche die genannten Konzepte in der realen Welt umsetzen und berät diese in unterschiedlichen Projekten. Nebenbei leitet er den Studiengang CAS Pricing & Sales, ein Weiterbildungsangebot des Instituts für Marketing Management der ZHAW.

Rieter Preis 2015 geht an Marco Kohler mit seiner Bachelorarbeit zum Thema „Der E-Commerce in der Mietwagenbranche im Wandel“

Der Preis der Johann Jakob Rieter-Stiftung ging dieses Jahr an den General Management Studenten Marco Kohler. Seine Bachelorarbeit beschäftigt sich mit den Herausforderungen mit der sich die Autovermietung Hertz durch die zahlreich aufkommenden Vergleichsportalen der Branche konfrontiert sieht. Betreut wurde die Arbeit von Frau Corinne Scherrer und von Herrn Dr. Frank Hannich. Lesen Sie untenstehend die Zusammenfassung der prämierten Arbeit.

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Marco Kohler

Der Anteil an Online-Transaktionen und damit die Wichtigkeit des E-Commerce in der Mietwagenbranche nimmt stetig zu. Dabei nutzt bereits heute ein Grossteil der User die Vergleichsmöglichkeiten von Online-Buchungsportalen. Die Vergleichsportale intensivieren den Preisfokus und gestalten die Margen der Mietwagenanbieter volatiler. Das Aufkommen dieses Buchungsverhaltens mindert das Loyalitätsverhalten und steigert die Abhängigkeit von Buchungsportalen. Diese Entwicklung stellt die Investitionen in Loyalitätsprogramme bei Hertz in Frage.

Die Bachelor-Thesis untersucht, ob es für Hertz sinnvoll ist, mittels Loyalitätsaktivitäten auf das Aufkommen von Vergleichsportalen zu reagieren. Weiter steht die Arbeit unter der Zielsetzung, sämtliche Touchpoints entlang des Buchungsprozesses zu definieren und dabei Segmente zu identifizieren, welche gegenüber Hertz loyale Grundzüge aufweisen.

Die Erkenntnisse der Analyse dienen als Basis für die künftigen Kommunikations-massnahmen. Anhand einer umfassenden Sekundärforschung wurde die Customer Journey für den klassischen Buchungsprozess über die Hertz-Website erstellt. Dabei wurde die Customer Journey in die Phasen des Purchase-Funnels sowie dem Google – Zero Moment of Truth unterteilt. Anhand einer quantitativen Online-Befragung wurden die Vergleichsportale in die klassische Hertz Customer Journey eingeordnet. Die erhobene Stichprobe wurde auf systematische Unterschiede zwischen bereits bestehenden Loyalitätsprogramm-Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern geprüft. Mittels Chi2-Tests wurde weiter nach systematisch unterschiedlichen Segmenten geforscht.

Aufgrund der Zuteilung der individuellen Marketingaktivitäten in die Customer Journey, wurde jede Phase mit einer Potenzialanalyse sowie den entsprechenden Marketingausgaben belegt. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine effizientere Verteilung der finanziellen Ressourcen im Sinne des Kauftrichters. Die Erkenntnisse aus der empirischen Umfrage bestätigen, dass Loyalitätsprogramm-Mitglieder bereits auf Suchmaschinen sowie durch die gesamte Customer Journey loyale Grundzüge gegenüber Hertz aufweisen. Des Weiteren konnten Zusammenhänge zwischen den Alterssegmenten und den Fahrzeugkategorien nachgewiesen werden.

Die Erkenntnisse aus der Customer Journey-Analyse sowie der empirischen Umfrage bestätigen, dass Investitionen in Loyalitätsprogramme ein effektives Instrument zur langfristigen Kundenbindung darstellen. Um künftig auch preissensitive Kunden von einer Abwanderung abzuhalten, ergaben sich spezifische Handlungsempfehlungen für die Integration des Loyalitätsprogrammes in vorgelagerte Phasen. Aufgrund der Umfrageergebnisse konnten zudem Handlungsempfehlungen formuliert werden, hinsichtlich der Fahrzeuge, welche künftig auf Online-Vergleichsportalen angeboten werden sollten. Abschliessend liefern die Erkenntnisse der Arbeit eine Antwort auf den Hertz internen Trade-Off zwischen den Investitionen für Loyalitätsprogramme sowie den Angeboten auf Vergleichsportalen.

Partner Unternehmen – Herold Fahrzeugvermietung AG (Hertz)
Die bekannteste Autovermietung, Hertz, betreibt weltweit ein Netzwerk von mehr als 11‘500 Standorten in 150 Ländern mit rund 30‘000 Mitarbeitern.