Rückblick: Academy of Marketing Conference 2014 in Bournemouth

HorizontVon «140 Zeichen» und «Fuel Poor» – News aus der Welt, die Wissenschaft
Die diesjährige Konferenz der Academy of Marketing zu dem Marketingdimensionen: People, Places and Spaces fand vom 7. bis 10. Juli in Bournemouth (GB) statt. Die Konferenz wurde mit einer Keynote von Jonathan Gabay eröffnet, der den Standpunkt vertrat, dass Marketing seine Seele für 140 Zeichen (Zeichenlänge eines Twitterbeitrags) verkauft. Damit verbunden ist die Aufmerksamkeit von Kunden, welche sich immer weiter verkürzt (Visuelles Beispiel: das Swypen von Benutzern durch Nachrichten auf mobilen Geräten). In den USA werden, wenn überhaupt, von 6 aus 10 Personen nur noch die Schlagzeilen gelesen. Als Folge geht in vielen Fällen das «Big Picture» verloren und wichtige Zusammenhänge fehlen, weil der wichtige Kontext nicht mehr wahrgenommen wird. Dies stellt «Marketeers» vor grosse Herausforderungen.
Das Institut für Marketing Management war mit vier Beiträgen an der Konferenz vertreten und konnte diese vor internationalem Publikum präsentieren und diskutieren:

Mit Vertrauen fängt es an
Bei der Dimension «Personen» ist Vertrauen nicht weit. James Devlin referierte zum Thema Vertrauenswürdigkeit und Vertrauen im Bereich Banking. Seine Forschung ergab, dass jüngere Personen eher höheres Vertrauen haben, dieses Vertrauen anschliessend sukzessive abnimmt und sich im höheren Alter wieder erhöht.

Städteplanung – nicht ohne Marketing und Konsumentenverhalten
Personen brauchen Orte auf zahlreiche Art und Weisen. Lisa Donnell forscht im Bereich der Gestaltung von Stadtzentren und betonte, die Wichtigkeit eines ganzheitlichen Ansatzes aus Marketing, Soziologie und Geografie bei der Gestaltung von Stadtzentren. Der holistische Ansatz dient dazu, die Bedürfnisse der Einwohner möglichst gut zu verstehen, damit die Stadtzentren durch deren Bewohner mit Leben erfüllt werden. Dieses Verständnis kann erreicht werden, wenn die «physische» (Raum und wie dieser von Anbietern und Nutzern verwendet wird), die natürliche (geografische), die soziale und die sozial symbolische (Bedeutung für die Benutzenden) Umgebung simultan betrachtet werden.

Technologie, Daten (Big Data) und das Potenzial für das Marketing
Die Räume in denen sich Menschen bewegen sind schon lange nicht mehr auf physische Umgebungen beschränkt, sondern halten sich auch in virtuellen Räumen auf mit Hilfe der Technologie. Diese Technologie hat ebenfalls den Weg ins Marketing gefunden. Smart Meters (Vernetzte, elektronische Stromzähler, die eine Auswertung der Stromverbrauchdaten ermöglichen), wurden ebenfalls untersucht (Tony Woodall). Der Bedarf hierzu ergibt sich aus der sog. «fuel poor» Thematik. Fuel poor sind Personen, welche wenig Einkommen haben, gleichzeitig aber einen hohen Energieverbrauch haben. Die Lösungsansätze zielen darauf ab, mit den Daten aus den Smart Meters Empfehlungen für Verbraucher abzuleiten mit dem Ziel weniger Strom zu verbrauchen oder diesen effizient zu nutzen.
Zum Big Picture von Konsumenten gehört auch der Offlinebereich, auch wenn dies von Forschern (oft wegen den online einfach verfügbaren Daten) zurzeit noch wenig unterforscht ist. Rahul Chawdhary untersucht deshalb die Treiber und Konsequenzen von offline-«Word of Mouth» (Weiterempfehlungen «von Mund zu Mund»). Dabei spielen die Zufriedenheit und vor allem das Commitment von Kunden eine grosse Rolle.

Horizonterweiterung…
Die Konferenz schuf durch ihre geografische Lage, mit Blick über den Ärmelkanal, viel Freiraum für Gedanken und neue Ideen.

Alles in allem eine spannende und erfolgreiche Konferenz, durch die sich, neben kulinarischen Begegnungen mit Bread and Butter Pudding oder Fish & Chips, auch viele internationale Kontakte für weitere Forschung am IMM ergeben haben.

Von Schiffslacken und Recycling-Ladies – Wie man mit grünen Produkten nachhaltiges Konsumentenverhalten fördert und Wettbewerbsvorteile erzielt

Neue Produkte haben einen schweren Stand. Die meisten Produkteinführungen erweisen sich als Flops – besonders auch «grüne» Produkte.
Durchsetzen können sie sich nur dann, wenn sie als kommunikative, technische oder soziale Innovation den Markt revolutionieren. Das heisst: für den Kunden verständlicher und überzeugender, technisch effizienter oder effektiver, oder die Beziehung zwischen ihm und den anderen Marktteilnehmern einfacher und produktiver machend.

Wie das gehen kann durften Verena Berger (ZHAW, Institut für Marketing Management) und Stefan Gürtler (FHNW, Institut für Unternehmensführung), beide verantwortlich für den Weiterbildungsstudiengang CAS Sustainability Marketing, am 11. Meeting im Cluster Cleantech des Technologie Forums Zug mit Interessierten aus der Praxis diskutieren.

Was braucht es für die Marktrevolution? Sowohl technische und nicht-technische und technische Fähigkeiten. Diese sind elementar, wenn es darum geht umweltverträgliche wie auch nachhaltig-ökonomische Lösungen zu kreieren, welche die Konkurrenz distanzieren und die Kunden zu einer Verhaltensänderung bewegen.

Grafik aus der Präsentation

Grafik aus der Präsentation

Wie geht das? Das Unternehmen AzkoNobel hat eine biozidfreie Antifäulnisfarbe entwickelt, deren Einsatz keine negativen Auswirkungen auf die Meeresbiologie haben soll und den Treibstoffverbrauch um 6% reduzieren kann. Als Kombination von ökonomischem und ökologischem Kundennutzen hat sich das Produkt in der Schiffsbranche rasch durchsetzen können. «Grüne» Produktinnovationen und Erfolg müssen sich also nicht ausschliessen.

Welche innovativen «grünen» Ideen gibt es in der Schweiz? Wo gelang es, durch radikales Umdenken sich von der Konkurrenz abzuheben und gleichzeitig nachhaltiges Kundenverhalten initiieren?

Beispiel 1: Das Recycling-Paradies, Reinach AG. Wir alle kennen den tristen Charme von Recycling-Sammelstellen. Schmuddelig, aufwändig, umständlich, so kommen uns unsere Entsorgungsgänge vor. Nicht verwunderlich, dass in dieser unfreundlichen Welt die Männerberufe dominieren. Der radikale Gegenentwurf ist ein «Recycling-»Paradies, vorwiegend geführt von Frauen: freundliche Atmosphäre, grosszügige, vierspurige, witterungsgeschützte Ein- und Ausfahrt (Durchfahrsystem) und neben vielen anderen Vorteilen auch eine separate Entsorgungsstelle für Kinder mit kleinen Sammelboxen und Spielplatz.

Welche strategischen Fähigkeiten machen diese Idee zum Erfolg? Technisch gesehen die Logistik und vor allem der Standort und die Organisation und Ausgestaltung der Lokalität. Nicht technisch gesehen die Fähigkeiten zur Erlebbarmachung von Dienstleistung, das Wissen über die Kundenbedürfnisse, Vermarkungsfähigkeiten und ein – durchaus positiver – Personenkult um Karin Bertschi, die wahrscheinlich am häufigsten fotografierte grüne Unternehmerin der Schweiz.

Recycling-Paradies

Recycling-Paradies

Beispiel 2: AquaClic, Zürich-Oerlikon – partnerschaftliches Wassersparen. Die Zweitausend-Watt-Gesellschaft erfordert ein Umdenken im Umgang mit Ressourcen – unter anderem beim energiefressenden Warmwasser. Wer dieses sparen will, geht heute in den Baumarkt, besorgt sich eine von vielen Wasserspardüsen und montiert diese in Eigenregie. Nicht sehr inspirierend, finden Sie? Das Unternehmen AquaClic hat die Spielregeln neu gedacht. Die Handelnden sind nicht mehr die Mieter und Hausbesitzer, sondern Unternehmen oder Kommunen. In Corporate Volunteering-Aktionen engagieren sie ihre Mitarbeitenden oder Schulklassen, um die Spardüsen in die Haushalte und an die Wasserhahnen zu bringen. Organisationen können so ihre soziale Verantwortung wahrnehmen, ihr Personal in handfeste Umweltprojekte einbinden und etwas Gutes fürs Image tun.

Swissness (Fertigung in der Schweiz), der Aufbau von Beziehungen zu Partnern und die Fähigkeit aus einem technischen, ein emotionales Produkt zu machen sind hier als Erfolgsfaktoren des Produkts zu nennen.

Aquaclic.info

Aquaclic.info

Viele weitere Beispiele zeigen, dass «grüne» Produkte und Dienstleitungen erfolgreich sind. Was es braucht, sind Unternehmen mit Mut zu kühnen Ideen und der Bereitschaft in ihre strategischen Fähigkeiten zu investieren. Wenn Produkte und Dienstleistungen einen Nutzen für Kunden, Umwelt und Gesellschaft stiften, technische und nicht-technische Innovationen kombinieren, sich klar von der Konkurrenz distanzieren, «neue Spielregeln» etablieren und das Kundenverhalten so verändern können, dass es nicht in nicht-nachhaltige Bahnen zurückfällt, dann sollte dem Erfolg für das Unternehmen, aber auch für Umwelt und Gesellschaft nichts mehr im Wege stehen.