DACH-Studie zu Chatbots im 2021: digitale Helfer weiter auf dem Vormarsch

Immer mehr Unternehmen setzen auf Chatbots. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse der druckfrischen Chatbot-Studie 2021 für Deutschland, Österreich und die Schweiz, die von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Kooperation mit dem Technologie-Unternehmen swiss moonshot AG (aiaibot) veröffentlicht wurde. Im Rahmen der Studie wurden rund 1000 Personen zur Chatbot-Nutzung sowie über ihre Erfahrungen mit und Erwartungen an die digitalen Helfer befragt.

In der Studien-Ausgabe 2018 hatten erst 40 % der Befragten bereits mit einem Chatbot interagiert; knapp drei Jahre später sind es nun 63 %, die bereits Erfahrungen mit Chatbots gesammelt haben. Von den Studienteilnehmenden, die noch keinen Kontakt mit dem digitalen Touchpoint hatten, können es sich 44 % sehr gut vorstellen, künftig mit einem Chatbot zu interagieren.

Die Studie umfasst einen Ergebnis-Teil, eine Interpretation dazu sowie Handlungsempfehlungen für Unternehmen, die planen, selbst einen Chatbot umzusetzen. Aus der Summe der Ergebnisse lassen sich – neben zahlreichen weiteren interessanten Insights – die folgenden vier bemerkenswerten Erkenntnisse herauslesen.

Erkenntnis Nr. 1: Kunden schätzen Geschwindigkeit und rundum Verfügbarkeit von Bots

Kunden wollen einfach eine schnelle Lösung. Das «Wie» spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Bei den Vorteilen, die die Befragten bei der Nutzung von Chatbots sehen, belegen Erreichbarkeit, Neutralität und schnelle Hilfe die Top 3 Plätze. Genutzt werden Bots üblicherweise am Abend oder am Wochenende von zu Hause aus und zumeist auf Websites. Für den Einsatz eines Chatbots sehen die Befragten zahlreiche Anwendungsfälle: Informationen einholen, Termine vereinbaren, Lieferstatus abfragen, Adressänderungen, Unterstützung im Kaufprozess und viele mehr.

Erkenntnis Nr. 2: Kunden sind dazu bereit, Daten gegen besseren Service einzutauschen

Für einen personalisierten und besseren Service tauschen Kunden ihre Daten bereitwillig mit dem Chatbot aus. Rund 60 % der Befragten vertrauen darauf, dass ihre Daten bei der Interaktion mit dem Bot sicher sind, und drei Viertel von ihnen wären bereit, sich im Dialog mit einem Bot zu authentifizieren. Wenn der Chatbot den Nutzer persönlich kennt und auf die Kundenhistorie zurückgreifen kann, findet das über die Hälfte der Befragten positiv.

Erkenntnis Nr. 3: Chatbots liegen im geschäftlichen Kontext vor Voicebots

Gerade einmal 36 % der Befragten geben an, bereits mit einem Voicebot interagiert zu haben. Fast doppelt so häufig wurden Chatbots bereits von ihnen genutzt. Auch bei der Frage nach der bevorzugten Form der Kommunikation mit einem Bot (lieber mit ihm sprechen oder schreiben) wurde die schriftliche Kommunikation deutlich bevorzugt. Nur 10 % der Teilnehmenden nutzen lieber Voicebots. Somit sind Chatbots aktuell verbreiteter, und auch die Wahrscheinlichkeit ihrer Nutzung ist wesentlich höher.

Erkenntnis Nr. 4: Erfolgreiche Chatbots überzeugen sowohl funktional als auch emotional

Im Interpretationsteil der Studie wurden die Erkenntnisse mithilfe einer vertieften Analyse mit Fokus auf die Nutzungsabsicht durchleuchtet. Dabei stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Chatbot künftig wiederholt zu nutzen, dann am höchsten ist, wenn der Chatbot den funktionalen und emotionalen Nutzen optimal vereint. Dieses Wissen ist vor allem bei der Realisation eines Chatbots wichtig, um beide Nutzenkomponenten gleichermassen zu berücksichtigen.

Studiendesign

Die Studienerhebung wurde in der ersten Hälfte des Jahres 2021 durchgeführt. Total wurden 910 Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Die Teilnehmenden wurden repräsentativ in Bezug auf soziodemographische Variablen über ein Online Access Panel befragt und waren zum Zeitpunkt der Befragung mindestens 18 Jahre alt.

Auf folgender Landingpage kann die Studie heruntergeladen werden:
https://page.aiaibot.com/chatbot-studie

«Chatbots eignen sich auch für KMU»

Immer mehr Unternehmen setzen Chatbots in der Kundenkommunikation ein. Mit den Chatbots werden gewisse Prozesse automatisiert. Kunden können jederzeit mit dem Chatbot kommunizieren und finden Antworten auf ihre Fragen. Was ein Unternehmen beachten muss, wenn es einen Chatbot einsetzen möchte, das weiss Chatbot-Profi Sophie Hundertmark.

Frau Hundertmark, warum lohnt es sich für Unternehmen einen Chatbot einzusetzen und welche Ziele werden damit verfolgt?

Grundsätzlich würde ich gar nicht sagen, dass es sich immer lohnt einen Chatbot einzuführen. Zunächst muss geprüft werden, welche Herausforderungen/Probleme oder Chancen aktuell im Unternehmen bestehen und dann kann man entscheiden, ob sich ein Chatbot lohnt.

Die Ziele, die dann mit Bots erreicht werden können, sind vielseitig. Hier ein paar Beispiele:

  • Effizienzsteigerung
  • Kundenzufriedenheit
  • Mehr Leads
  • Mehr Conversions
  • Imagesteigerung/Branding
  • Mitarbeiterzufriedenheit

Mit Chatbots sollen vor allem Kundenbeziehungen flexibler und bequemer gestaltet werden können. Gleichzeitig versucht man, den Bot möglichst menschenähnlich zu gestalten. Wie wichtig ist diese menschliche Nähe?

Das kommt natürlich ein bisschen auf die Zielgruppe und auf den Usecase drauf an. Es gilt jedoch, die Chatbot Persönlichkeit sollte zur Zielgruppe und zum Image des Unternehmens passen. Ich habe hier ein passendes Template zur Verfügung gestellt.

Werden Chatbots in der Schweiz bereits rege von Unternehmen eingesetzt? Welche Arten von Chatbots werden am meisten genutzt?

Ja, es kommen immer mehr Chatbots. Bei Banken und Versicherungen sind Chatbots schon sehr stark im Einsatz. Nun folgen auch KMUs und Einzelfirmen (Berater, Agenturen etc.). Ich habe kürzlich eine Studie zum Einsatz von Chatbots in DACH gemacht.

Der Einsatz von Chatbots steigt (Bild: Pixabay/Mohamed Hassan)

Sind Chatbots nur für grössere Unternehmen geeignet oder können auch KMUs oder Einzelunternehmer Chatbots einsetzen? Was gilt es dabei zu beachten?

Wie in der vorherigen Frage schon zufällig beantwortet – Chatbots eignen sich auch für KMU und Einzelfirmen und sind hier auch immer mehr im Kommen. Ich sehe jedoch einen Unterschied in den Usecases. Bei Grossfirmen werden Bots oft als Ergänzung zum Kundenservice eingesetzt. Bei KMUs und Einzelfirmen sind es eher Chatbots zur Lead-Generierung oder um Webseiten-Besucher besser durch die Seite zu führen.

Gibt es technische oder personelle Grundvoraussetzungen, die erfüllt werden müssen, um einen Chatbot erfolgreich zu lancieren und wie wählt man den richtigen Anbieter?

Wenn man nicht die nötigen Voraussetzungen erfüllt, dann muss man sich einen Partner/Anbieter suchen, der diese Lücken schliesst. Ich empfehle meist mit einem einfachen kleinen Usecase anzufangen und sich dann nach und nach zu steigern. Den passenden Anbieter findet man, indem man sich überlegt, was man eigentlich will, was man selbst kann und was man noch dazu braucht. Sicher spielt auch das Budget hier eine Rolle.

Zum Abschluss, welche Funktionalitäten werden Chatbots in den nächsten Jahren erreichen können?

Ich gehe davon aus, dass Chatbots immer mehr in die gesamte Customer Journey integriert werden und somit immer mehr Schnittstellen zu anderen Systemen bekommen werden. Dadurch steigt der Grad der Automatisierung. Gleichzeitig wird das NLU (= Natural Language Understanding Anm. d. Red.) sicher immer besser werden. Das heisst die Chatbots verstehen die Usereingaben immer besser und können hoffentlich auch stärker kontext-abhängig arbeiten.

Zum Thema Chatbot gibt es aktuell einen Weiterbildungskurs am Institut für Marketing Management: https://www.zhaw.ch/de/sml/weiterbildung/detail/kurs/wbk-konzeption-design-umsetzung-chatbot/

I, Chatbot – wenn der beste Service-Mitarbeitende ein Roboter ist

Von Valeria Meier

Die Roboter sind auf dem Vormarsch – die chattenden Roboter. Immer mehr Unternehmen setzen Chatbots* für Marketingzwecke ein. Ein Halleluja auf den Service-Mitarbeitenden des Monats oder die dunkle Seite der Digitalisierung? Beispiele aus der Praxis zeigen Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz auf.

„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“, poppt es automatisch unten rechts im Browserfenster auf. Dieses freundliche Hilfsangebot stammt nicht etwa von einem besonders eifrigen Service-Mitarbeitenden, sondern von einem Roboter – einem sogenannten Chatbot.

Für Unternehmen bieten Chatbots die Möglichkeit, Kosten zu reduzieren und den Kundendienst (Customer Service Experience) zu verbessern. Neben Techgiganten wie Apple, Facebook & Co haben auch Schweizer Unternehmen den Reiz der Automatisierung entdeckt: Die Airline Swiss stellte kürzlich ihren ersten Chatbot vor, der Kunden im Falle von Flugunregelmässigkeiten bei der Umbuchung assistiert.

Chatbots können Unternehmen die Kommunikation mit (potentiellen) Kunden spürbar erleichtern. © Pixabay

Pizza bestellen leicht gemacht

Für Aufsehen sorgte 2015 ein besonders kreativer Einsatz von Chatbots. Die Lieferkette Domino’s Pizza ermöglichte es seinen Kunden, eine Pizzabestellung durch ein simples Emoji auszulösen: WhatsApp oder Twitter öffnen, Pizza-Emoji eintippen, an Domino’s Pizza senden und schon wird das Festmahl ins Haus geliefert. Kundenservice 4.0, einfacher geht’s kaum.

Der Tausendsassa mit Engelsgeduld

Mit Chatbots ist die Kontaktaufnahme schnell und unkompliziert. Der Nutzer erhält Antworten in Echtzeit – nicht erst Stunden oder Tage später. Bei Onlineshops hilft die künstliche Intelligenz, das passende Produkt zu finden, nach dem Verkauf übernimmt der Bot gewissenhaft das After-Sales-Management und im Kundendienst beantwortet er mit Engelsgeduld dieselbe Frage auch zum x-ten Mal. Ein Hoch auf den Service-Mitarbeitenden des Monats!

Wer jetzt in Gedanken schon seine Service-Belegschaft auf die Strasse stellt: Vorsicht! Denn was die virtuellen Helferlinge beispielsweise im Beschwerdemanagement so nützlich macht, macht sie in anderen Bereichen umso unkontrollierbarer. Microsoft musste dies auf schmerzliche Weise erfahren.

Die dunkle Seite der Chatbots

Im Rahmen eines Experiments liess der Software-Riese 2016 einen Chatbot namens Tay auf die Twitter-Nutzer los. Der Bot sollte lernen, wie 14- bis 18-Jährige miteinander kommunizieren, indem er mit ihnen auf der Social-Media-Plattform interagierte. Microsoft hatte die Rechnung aber ohne die ausgefuchsten Twitter-Nutzer gemacht, die ihre Freude daran fanden, den Bot zu manipulieren. Zu allem Übel nahm sich das selbstlernende Programm auch noch Referenzpersonen mit fraglichen Werten zum Vorbild.

Das Projekt endete in einem kommunikativen Desaster: Tay entwickelte sich in nicht einmal 24 Stunden zum Rassisten par excellence. Der virtuelle Teenie schmiss mit hetzerischen Parolen nur so um sich und verfügte innert kürzester Zeit über den Wortschatz eines vom Tourette-Syndrom Geplagten. Microsoft stoppte daraufhin das Projekt und löschte haufenweise Tweets von Tay. Die Moral von der Geschicht‘: Selbstlernende Software ist nur begrenzt kontrollierbar und allzu leicht zu beeinflussen.

Wurde schon nach wenigen Stunden „ins Bett geschickt“: Microsoft’s Chatbot Tay veranschaulicht die Tücken der künstlichen Intelligenz. © Screenshot Twitter / @TayAndYou

Kurzfristiger Hype oder Trend mit Zukunft?

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Kundenservice scheint also ein zweischneidiges Schwert zu sein. Der Chatbot reagiert augenblicklich, kommt bestens ohne Schlaf aus, fühlt sich auch bei Kundenbeschwerden nicht persönlich angegriffen und fordert bestimmt nie eine Lohnerhöhung. Leider lässt er sich nur allzu leicht beeinflussen und befördert sich so schnell ins kommunikative Abseits. Soviel sei sicher: Laden Sie Ihren Frust künftig ruhig beim digitalen Kundenservice ab. Der Chatbot wird es Ihnen verzeihen.

*Chatbots („Bots“): Computergenerierte Programme, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Gespräche mit Nutzern führen. Typischerweise in einen Nachrichtendienst (z.B. WhatsApp) oder in die Spracherkennung (z.B. Siri) integriert, simulieren sie reale Ansprechpartner.

Über die Autorin

Valeria Meier begeistert sich für neue Wege im Marketing und in der Kommunikation. Sie schätzt die schnellen Reaktionszeiten von Chatbots, spricht am liebsten aber immer noch mit realen Menschen. Seit sechs Jahren arbeitet sie in der Unternehmenskommunikation des global tätigen Industriekonzerns Sulzer. Berufsbegleitend absolviert sie das CAS Marketing- und Corporate Communications an der ZHAW. Den Blogpost hat die Autorin übrigens selbst verfasst und nicht dem Roboter überlassen.