I, Chatbot – wenn der beste Service-Mitarbeitende ein Roboter ist

Von Valeria Meier

Die Roboter sind auf dem Vormarsch – die chattenden Roboter. Immer mehr Unternehmen setzen Chatbots* für Marketingzwecke ein. Ein Halleluja auf den Service-Mitarbeitenden des Monats oder die dunkle Seite der Digitalisierung? Beispiele aus der Praxis zeigen Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz auf.

„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“, poppt es automatisch unten rechts im Browserfenster auf. Dieses freundliche Hilfsangebot stammt nicht etwa von einem besonders eifrigen Service-Mitarbeitenden, sondern von einem Roboter – einem sogenannten Chatbot.

Für Unternehmen bieten Chatbots die Möglichkeit, Kosten zu reduzieren und den Kundendienst (Customer Service Experience) zu verbessern. Neben Techgiganten wie Apple, Facebook & Co haben auch Schweizer Unternehmen den Reiz der Automatisierung entdeckt: Die Airline Swiss stellte kürzlich ihren ersten Chatbot vor, der Kunden im Falle von Flugunregelmässigkeiten bei der Umbuchung assistiert.

Chatbots können Unternehmen die Kommunikation mit (potentiellen) Kunden spürbar erleichtern. © Pixabay

Pizza bestellen leicht gemacht

Für Aufsehen sorgte 2015 ein besonders kreativer Einsatz von Chatbots. Die Lieferkette Domino’s Pizza ermöglichte es seinen Kunden, eine Pizzabestellung durch ein simples Emoji auszulösen: WhatsApp oder Twitter öffnen, Pizza-Emoji eintippen, an Domino’s Pizza senden und schon wird das Festmahl ins Haus geliefert. Kundenservice 4.0, einfacher geht’s kaum.

Der Tausendsassa mit Engelsgeduld

Mit Chatbots ist die Kontaktaufnahme schnell und unkompliziert. Der Nutzer erhält Antworten in Echtzeit – nicht erst Stunden oder Tage später. Bei Onlineshops hilft die künstliche Intelligenz, das passende Produkt zu finden, nach dem Verkauf übernimmt der Bot gewissenhaft das After-Sales-Management und im Kundendienst beantwortet er mit Engelsgeduld dieselbe Frage auch zum x-ten Mal. Ein Hoch auf den Service-Mitarbeitenden des Monats!

Wer jetzt in Gedanken schon seine Service-Belegschaft auf die Strasse stellt: Vorsicht! Denn was die virtuellen Helferlinge beispielsweise im Beschwerdemanagement so nützlich macht, macht sie in anderen Bereichen umso unkontrollierbarer. Microsoft musste dies auf schmerzliche Weise erfahren.

Die dunkle Seite der Chatbots

Im Rahmen eines Experiments liess der Software-Riese 2016 einen Chatbot namens Tay auf die Twitter-Nutzer los. Der Bot sollte lernen, wie 14- bis 18-Jährige miteinander kommunizieren, indem er mit ihnen auf der Social-Media-Plattform interagierte. Microsoft hatte die Rechnung aber ohne die ausgefuchsten Twitter-Nutzer gemacht, die ihre Freude daran fanden, den Bot zu manipulieren. Zu allem Übel nahm sich das selbstlernende Programm auch noch Referenzpersonen mit fraglichen Werten zum Vorbild.

Das Projekt endete in einem kommunikativen Desaster: Tay entwickelte sich in nicht einmal 24 Stunden zum Rassisten par excellence. Der virtuelle Teenie schmiss mit hetzerischen Parolen nur so um sich und verfügte innert kürzester Zeit über den Wortschatz eines vom Tourette-Syndrom Geplagten. Microsoft stoppte daraufhin das Projekt und löschte haufenweise Tweets von Tay. Die Moral von der Geschicht‘: Selbstlernende Software ist nur begrenzt kontrollierbar und allzu leicht zu beeinflussen.

Wurde schon nach wenigen Stunden „ins Bett geschickt“: Microsoft’s Chatbot Tay veranschaulicht die Tücken der künstlichen Intelligenz. © Screenshot Twitter / @TayAndYou

Kurzfristiger Hype oder Trend mit Zukunft?

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Kundenservice scheint also ein zweischneidiges Schwert zu sein. Der Chatbot reagiert augenblicklich, kommt bestens ohne Schlaf aus, fühlt sich auch bei Kundenbeschwerden nicht persönlich angegriffen und fordert bestimmt nie eine Lohnerhöhung. Leider lässt er sich nur allzu leicht beeinflussen und befördert sich so schnell ins kommunikative Abseits. Soviel sei sicher: Laden Sie Ihren Frust künftig ruhig beim digitalen Kundenservice ab. Der Chatbot wird es Ihnen verzeihen.

*Chatbots („Bots“): Computergenerierte Programme, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Gespräche mit Nutzern führen. Typischerweise in einen Nachrichtendienst (z.B. WhatsApp) oder in die Spracherkennung (z.B. Siri) integriert, simulieren sie reale Ansprechpartner.

Über die Autorin

Valeria Meier begeistert sich für neue Wege im Marketing und in der Kommunikation. Sie schätzt die schnellen Reaktionszeiten von Chatbots, spricht am liebsten aber immer noch mit realen Menschen. Seit sechs Jahren arbeitet sie in der Unternehmenskommunikation des global tätigen Industriekonzerns Sulzer. Berufsbegleitend absolviert sie das CAS Marketing- und Corporate Communications an der ZHAW. Den Blogpost hat die Autorin übrigens selbst verfasst und nicht dem Roboter überlassen.

Chat-Bot für das Institut für Marketing Management

Von Dr. Michael Klaas

Glaubt man führenden Technologieanbietern wie Facebook, Google oder Microsoft wird sich unser Verhältnis zu Maschinen und Computersystem in Zukunft stark verändern. Die intelligente Automatisierung in der Kommunikation und in den Prozessabläufen, bildet die Grundlage für diesen Wandel. Speziell das Marketing und der Service rücken, neben den bekannten Potentialen im Bereich Industry 4.0, immer mehr in den Fokus.

Social Media und Bot Verknüpfung

So lassen sich z.B. über intelligente Automatisierungssysteme Kundenanfragen nicht nur an die richtige Stelle im Unternehmen weiterleiten, sondern mittlerweile auch schon ohne Zutun der Servicemitarbeiter beantworten. Dies alles in einem Sprachstil, den die Kunden nicht vom Schreib- oder Sprachstil eines «realen» Servicemitarbeiters unterscheiden können.

Auch werden diese Systeme immer stärker zur Vermarktung von Produkten und Serviceleistungen eingesetzt, indem ein Bot mit Social Media Plattformen wie Twitter oder Facebook verknüpft wird oder die Inhalte von Newslettern autonom und auf den einzelnen Interessenten zugeschnitten zusammenstellt oder gar formuliert.

Diese Systeme, Bots genannt, sind im Kern nichts Anderes als Computerprogramme, welche weitgehend selbständig Daten lesen, interpretieren und entsprechend der Interpretation Entscheidungen treffen können. Diese Bots sind nicht neu. So entwickelte Joseph Weizenbaum am MIT schon 1966 ELIZA, ein Bot der natürlichen Sprache als Kommunikationsbrücke zwischen Mensch und Computer nutzen sollte. Die steigende Verfügbarkeit von Daten und die steigende Leistungsfähigkeit von Computersystemen, ermöglichen es, solche Lösungen nun auch der breiten Masse zu Verfügung zu stellen und ihnen wird ein hohes Potential nachgesagt.

Dieser Chat-Bot ist neu für das Institut für Marketing Management im Einsatz

Einfache Anwendung von Chat-Bots

Speziell Chat-Bots erfreuen sich momentan einer grossen Popularität und werden vor allem im Kundenservice oder für spezifische Marketingaufgaben eingesetzt. Chat-Bots haben den grossen Vorteil, dass sie bestehende Strukturen nutzen können. Das heisst, die Anwender müssen keine weitere App installieren, sondern ein Bot kann über bestehende Plattformen wie Facebook Messenger, Telegramm, Twitter oder die eigene Website kommunizieren.

Dabei kann er auf unterschiedliche unternehmenseigene und unternehmensfremde Systeme zugreifen, um auf die Anfragen der Kommunikationspartner zu reagieren. So kann er auf der einen Seite z.B. Daten aus Facebook nutzen, um den Anwender korrekt anzusprechen, diese Informationen mit dem eigenen CRM System abgleichen und entsprechend der laufenden Kampagnen und der Historie mit dem Kunden, mit dem Anwender kommunizieren.

Je nach Komplexität des eingesetzten Bots ist dies mehr oder weniger intelligent. Heute agieren viele Bots nach dem Schema: Wenn Kunde «A» sagt, sage ich «B» oder «C». Aber es gibt auch selbst lernende Bots, die durch die Interaktion mit den Usern lernen und neue Kommunikationsmuster aufbauen können.

Einfache Anwendung des Chat-Bots, gleichzeitig muss er noch viel lernen

Marketing Automatisierung Trendthema in der Weiterbildung

Da dieses Thema für uns speziell in der Aus- und Weiterbildung immer relevanter wird und die Gewichtung des Themas in den letzten Monaten stark zugenommen hat, ist das Thema Marketing Automatisierung auch Teil vieler Lehrveranstaltungen, wie unser CAS Digital Marketing oder der CAS Marketing Analytics. Jedoch war uns eine Betrachtung nur über Cases anderer Unternehmen zu wenig. Um zu sehen, wie komplex es ist (oder wie einfach) einen eigenen Bot auf die Beine zu stellen, haben wir unseren IMM-Bot kreiert. Dieser liefert im Moment über den Facebook Messenger Informationen zum CAS Digital Marketing. Es ist zugegebenermassen noch recht dumm, aber er lernt ständig dazu und wir hoffen, dass er in Zukunft viele Anfragen von Interessenten an der Weiterbildung sofort zufriedenstellend beantworten kann. Wer Interesse hat, kann den Bot zum CAS Digital Marketing gerne ausprobieren (ein Facebook Account ist Voraussetzung): https://goo.gl/zDTTpN

Haben Sie Fragen zum Thema Bots?

Dr. Michael Klaas, 058 934 66 07, michael.klaas@zhaw.ch