Hier hilft Paracetamol gegen fast alles – eine Studienreise in die Niederlande

Von Dijana Vilic

Nachdem uns die letzten fünf Studienreisen nach Berlin geführt haben, war es Zeit für eine neue Destination: Vom 24. bis 28. August 2026 waren unsere Masterstudierenden im Rahmen des Master in Business Administration – Major Health Economics and Healthcare Management Rotterdam unterwegs. Fünf Tage lang tauchten sie zwischen Rettungsdienst, Spital, Start-up-Welt, Universität und Diplomatie in das niederländische Gesundheitssystem ein, immer mit einem wachen Blick auf den Vergleich zur Schweiz.

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Wie ein cleveres Triage-System Ressourcen schont

Los ging es beim Rettungsdienst Ambulance Rotterdam-Rijnmond: Die Studierenden erhielten dort Einblick in ein ausgeklügeltes Triage-System, das schon am Telefon klärt, ob überhaupt ein Transport ins Spital nötig ist. Denn nicht jedes Problem muss in einem teuren Spital gelöst werden, und so werden die knappen Ressourcen geschont. In der Fahrzeughalle konnten wir den Fuhrpark auch aus nächster Nähe bestaunen, vom klassischen Rettungswagen bis zum Ambulance-Quad für Event-Einsätze.

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Am Nachmittag fuhren wir nach Den Haag, wo uns die Schweizerische Botschaft in den Niederlanden empfing. Dort wurde erfrischend offen über die Sicht der Bevölkerung auf das eigene System gesprochen: Mit rund 10 Prozent des BIP liegen die niederländischen Gesundheitsausgaben etwas unter dem Schweizer Niveau von rund 11,7 Prozent, doch auch hier spürt man wachsenden finanziellen Druck und einen anhaltenden Fachkräftemangel. Zwei Themen, die grenzüberschreitend für Diskussionsstoff sorgen. Und ganz nebenbei lernten wir auch den Running Gag der Woche kennen: Paracetamol gilt in den Niederlanden fast als Allheilmittel, bevor weiter abgeklärt wird.

Künstliche Intelligenz auf der Intensivstation und Europas erster Wolkenkratzer

Der zweite Tag führte uns zum Digital-Health-Start-up Deep Breath. Dessen KI-Lösung erkennt bei beatmeten Patient:innen Unregelmässigkeiten in Echtzeit, ein eindrückliches Beispiel dafür, wie klinische Praxis und Innovation zusammenspielen können.

Am Nachmittag drehten die Studierenden den Spiess um: Ein paar gemeinsame Mobilisierungsübungen (Squats inklusive) sorgten für wache Köpfe, danach verglichen die Gruppen in Kurzvorträgen das niederländische Gesundheitssystem mit dem schweizerischen. Bei der Krankenversicherung zeigten sich überraschend viele Gemeinsamkeiten, doch beim Prinzip «ambulant vor stationär» sowie beim Gatekeeping über die Hausarztmedizin zeigte sich, wie viel Potenzial in der Schweiz noch ungenutzt bleibt.

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Danach ging es weiter zur Stadtführung durch Rotterdam: Nach der fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde die Innenstadt nicht rekonstruiert, sondern komplett neu gedacht. Nur wenige Gebäude überstanden die Bombardierung, darunter das Witte Huis am Oudehaven, das mit seinen 43 Metern bereits 1898 als erster Wolkenkratzer Europas galt und heute wie ein Zeitzeuge zwischen der modernen Skyline steht. Wie viel Geschichte in dieser Stadt steckt, zeigte sich auch an anderer Stelle: im Namen Erasmus, dem wir die ganze Woche über immer wieder begegneten, ob im Erasmus Medical Center oder an der Erasmus Universität. Der Namensgeber, Erasmus von Rotterdam, war einer der bedeutendsten Gelehrten und Humanisten der Renaissance und gilt bis heute als berühmtester Sohn der Stadt. Er starb übrigens in Basel, wo er auch begraben liegt, eine kleine Schweizer Verbindung mitten in unserer Studienreise.

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Value-Based Healthcare und Ideen im Gepäck

Am dritten Tag stand das Maasstad Ziekenhuis auf dem Programm, ein grosses Allgemeinspital im Süden Rotterdams. Zum Auftakt gab es eine Präsentation zum Thema Value-Based Healthcare. Wie ernst das Spital dieses Prinzip nimmt, zeigte sich auf dem anschliessenden Rundgang durch vier Abteilungen. Besonders eindrücklich war der Besuch der Neonatologie: die Versorgung der Frühgeborenen, die hochspezialisierte Technik im Hintergrund und die bewusste Einbindung der Eltern. Auch das Thema Nachhaltigkeit war präsent: Wer im Spital-Café einen To-go-Becher möchte, zahlt zwei Euro extra, ein kleiner, aber wirksamer Anreiz, den eigenen Mehrwegbecher mitzubringen.

Am Nachmittag besuchten wir das Erasmus Centre for Entrepreneurship. Der Workshop gab den Studierenden das Handwerkszeug für ihren Business-Pitch am Freitag. Es ging darum, den eigenen Antrieb klar zu benennen, zu prüfen, ob eine Idee gebraucht wird und machbar ist, und sie in kleinen Schritten zu testen. Auch typische Anfängerfehler kamen zur Sprache, etwa die Idee nur der Familie statt echten Kundinnen und Kunden zu pitchen.

Was Ingenieur:innen und Designer:innen mit dem Gesundheitswesen zu tun haben

Am vierten Tag reisten wir an die Technische Universität Delft, Fakultät für Industrial Design, wo Produkte und Systeme entworfen werden, die vom Erleben der Nutzenden ausgehen statt nur von Technik oder Prozessen. Unsere Gastgeberin übertrug dieses Denken aufs Gesundheitswesen: Ihr Ausgangspunkt ist immer die Frage, wie sich Patient:innen und Gesundheitsfachpersonen bestmöglich unterstützen lassen, und erst danach, welche Rolle beispielsweise Technologie dabei spielt. Ein Feueralarm sorgte für eine kurze, ungeplante Gebäudeevakuierung, zum Glück nur ein Fehlalarm, der immerhin Gelegenheit für einen spontanen Spaziergang über den Campus bot. Am Nachmittag ging es dann konzentriert an die letzten Pitch-Vorbereitungen.

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Was bleibt, wenn der Koffer wieder gepackt wird

Zum Abschluss der Studienreise präsentierten die Gruppen ihre Business-Ideen für ein konkretes Problem im Gesundheitswesen. Im Gewinnerpitch standen überforderte Angehörige in der Alters- und Pflegeversorgung im Zentrum, eine Gruppe, die im Gesundheitssystem oft zu wenig Beachtung findet.

Die Studienreise nach Rotterdam hat unseren Studierenden gezeigt, wie unterschiedlich und zugleich ähnlich die Antworten zweier Gesundheitssysteme auf gleiche Herausforderungen ausfallen können. Die Kombination aus Site-Visits, Kurzvorträgen und eigenen Business-Ideen hat fachliches Wissen ebenso gestärkt wie Methoden- und interkulturelle Kompetenz. Mindestens ebenso wertvoll: Fünf Tage gemeinsam unterwegs haben auch die Klasse selbst näher zusammengebracht, man hat sich untereinander besser kennengelernt, und die eine oder andere Freundschaft dürfte diese Reise überdauern. Und auch wenn der Heimflug diesmal mit einem Sturm um die Wette lief: Rotterdam war eine Reise, die bleibt. Dank je wel, Rotterdam!

Dijana Vilic ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Management im Gesundheitswesen am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie ZHAW.


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