
Von Irene Kobler, Dr. oec. Andreas Kohler, Dr. Christoph Thommen
Neu sollen Impfungen in der Apotheke über die Grundversicherung vergütet werden. Offen ist: zu welchem Preis? Die Tarifpartner, also Versicherer und Apotheken, waren sich einig, dass der Preis abhängig von der tatsächlichen Zeit sein soll, die für eine Impfung benötigt wird. Im Projekt «Zeitmessung Impfungen» lieferten wir die Datengrundlage für den zukünftigen Tarif. Was nach einer einfachen Stoppuhr-Übung klingt, ist in Wahrheit ein anspruchsvolles methodisches Projekt.
Was zählt zur Leistung?
Zuerst musste die grundlegende Frage geklärt werden, wie die Impfleistung definiert und abgegrenzt wird. Welche Arbeitsschritte gehören zur Leistung? Wie werden Sonderfälle behandelt? Dies muss in Abstimmung mit den Tarifpartnern erfolgen, damit die Leistung fachlich sinnvoll abgegrenzt ist und von allen akzeptiert wird.
Was macht eine Messung glaubwürdig?
Wo Messwerte über Geld entscheiden, muss das Studiendesign so ausgestaltet sein, dass strategisches Verhalten – also eine Manipulation der Messung – nicht möglich oder zumindest schwierig ist. Die Erhebung wurde mehrheitlich durch Angestellte von pharmaSuisse durchgeführt – also jenem Verband, der zugleich die Interessen der Apotheken vertritt. Das war ein Risiko für bewusste oder unbewusste Manipulation: Das Studiendesign musste deshalb den möglichen Interessenkonflikt einkalkulieren.
Wir entwickelten ein Studiendesign, in welchem mehrere Schutzmechanismen ineinandergriffen. Geschulte Erhebungspersonen massen die Zeiten vor Ort in der Apotheke. Die Web-Applikation zeigte ihnen aber weder die laufende noch die gemessene Zeit an, sodass sie nicht auf einen Zielwert hin messen konnten. Bei einem Teil der Impfungen dokumentierten zwei Personen unabhängig und parallel die Zeit, um die Übereinstimmung zu prüfen. Wir liessen die Erhebungspersonen zwischen den Apotheken rotieren, es durften keine persönlichen oder geschäftlichen Kontakte zur Apotheke bestehen, wir kündigten Erhebungstage kurzfristig an und kontrollierten vor Ort stichprobenartig. Nachträgliche Ergänzungen aus dem Gedächtnis waren nicht möglich und manuelle Korrekturen nur mit Begründung erlaubt.
Kurz: Eine einzelne Massnahme macht eine Erhebung für sich allein nicht manipulationsresistent, erst die Kombination aus verschiedenen Schutzmechanismen tut das.
Gute Daten basieren auf einem glaubwürdigen Studiendesign
Für die Tarifverhandlungen war am Ende des Projekts eine einzige Zahl entscheidend: die Anzahl Minuten pro Impfung. Diese Zahl ist dann eine gute Verhandlungsbasis, wenn sie transparent und somit nachvollziehbar erhoben wurde.
Irene Kobler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Versorgungsforschung am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie ZHAW.
Andreas Kohler Dozent und Co-Leitung Team Gesundheitsökonomische Forschung am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie ZHAW.
Christoph Thommen Dozent und Co-Leitung Team Gesundheitsökonomische Forschung am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie ZHAW.