Ein Beitrag von David Kübler
Bringt Weiterbildung wirklich was oder ist das vor allem ein schönes Versprechen? Ich habe meinen Chef gefragt. Der ist nämlich überzeugt. Ich hatte da so meine Fragen. Ein Interview.
Mein Chef und ich sind uns nicht immer einig. Das sage ich hier natürlich nur ganz leise. Prof. Dr. Frank Hannich, Institutsleiter hier am IMM, ist fest überzeugt: Weiterbildung ist der Gamechanger, wenn’s drauf ankommt. Job weg? Weiterbildung! Beförderung im Visier? Weiterbildung! Karriere steckt fest? Weiterbildung! Ich höre das regelmässig. Und ich arbeite selbst in der Fachstelle Weiterbildung, also dürfte ich das eigentlich gar nicht hinterfragen. Aber ich mach’s trotzdem. Ich bin nicht gegenüber Weiterbildung an sich skeptisch. Die finde ich gut. Aber ich bin kritisch gegenüber dem Heilsversprechen, das manchmal mitschwingt. In einer Wirtschaftslage, in der ganze Branchen in Bedrängnis sind, fühlt sich «mach einfach einen CAS» etwas einfach an. Also habe ich Frank dazu kritisch befragt.

Frank, zuerst zu dir: Wie kommt dein Engagement in der Weiterbildung zustande?
Danke, David. Das scheint ein kritisches Interview zu werden 😊. An der ZHAW und am IMM bin ich seit bald 20 Jahren in unterschiedlichsten Rollen in der Weiterbildung tätig. Begonnen hat das mit der stellvertretenden Leitung des legendären MAS CRM – den es noch heute als MAS Customer Management gibt. Inzwischen koordiniere ich die gesamte Weiterbildung am IMM und leite den CAS Marketing Automation & AI sowie den MAS Marketing Management. Die Weiterbildung ist eine tolle Aufgabe, für die ich mehr und mehr Feuer gefangen habe, gerade weil man die Studierenden bei ihren beruflichen Plänen unterstützen kann.
Weiterbildung wird oft als Allheilmittel verkauft. Wann stimmt das und wann ist es zu schön, um wahr zu sein?
Da muss man unbedingt seriös bleiben. Bei Bewerbung und Karriere spielen immer viele Faktoren zusammen, und eine Weiterbildung ist nur eine Komponente unter vielen. Ganz generell ist sie natürlich ein Statement, dass man nicht stehen bleibt, sondern sich für neue Ideen und Themen interessiert und seine Kompetenzen aktuell hält. Darüber hinaus gibt es typische Situationen, wo sie konkret hilft: Ein Karriereschritt in den Kader zum Beispiel – gerade in konservativen Unternehmen wird häufig ein Master verlangt. Oder wenn man die Rolle oder das Unternehmen wechseln will und die nötigen Kompetenzen im Lebenslauf fehlen. Ein häufiges Beispiel bei uns: 40-plus, aber keine Digital-Marketing-Skills im CV. Erfahrungsgemäss wird es dann sehr schwer, eine Stelle im Marketing zu finden. AI-Marketing ist heute noch ein Differenzierungsfaktor. In wenigen Jahren wird es eine zwingende Kompetenz sein. Und bei einer Stellensuche kann eine Weiterbildung schlicht das Interesse von Arbeitgebern wecken.
Ich habe gerade im letzten Jahr mehrere Beispiele gesehen, wo der CAS Marketing Automation & AI dazu geführt hat, dass Teilnehmende eher zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wurden. Wenn ich dabei helfen kann, gibt das meiner Arbeit wirklich Sinn.
Was bringt Weiterbildung spezifisch im Marketing?
Im Marketing bewegt sich der State of the Art unheimlich schnell. Durch AI hat die Veränderungsgeschwindigkeit nochmals einen Gang zugelegt. Letztes Jahr war der Marketing-Arbeitsmarkt so turbulent, wie ich es in fast 20 Jahren an der ZHAW noch nie erlebt habe. Da hilft eine Weiterbildung enorm weiter und ist im Abstand von einigen Jahren wahrscheinlich sogar Pflicht, um die eigene Arbeitsmarktattraktivität zu erhalten.
Hast du konkrete Beispiele?
Ja, einige aus dem letzten Jahr. Ein Senior Marketing Manager, der meinte, jetzt werde er zumindest zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Ein Marketing Manager aus dem kreativen Bereich, der den Wechsel zu einem Grossunternehmen schaffte, das gleichzeitig Stellen abbaute. Eine Studentin, die die Inhalte des CAS direkt im Assessment-Center für eine sehr begehrte Stelle einsetzen konnte. Und zahlreiche Teilnehmende, die durch ihre praktischen Leistungsnachweise einen Mehrwert für ihr Unternehmen schufen oder Kompetenzen für neue Rollen demonstrierten.
Was sagst du jemandem, der 45 ist, seinen Job verloren hat und überlegt, ob ein CAS noch Sinn ergibt?
Ja, das ergibt Sinn. Gerade diese Personen müssen umso mehr dokumentieren, dass sie nicht nur viel Erfahrung, sondern auch den Willen zur Weiterentwicklung und aktuelle Kompetenzen haben. Das lässt sich gut durch eine Weiterbildung erreichen. Und: In deinem Beispiel müssen diese Personen immerhin noch 20 Jahre am Ball bleiben.
Gibt es Situationen, wo Weiterbildung klar nicht die Lösung ist?
Lebenslanges Lernen ist heute eine Notwendigkeit, der man nicht entkommt – besonders im Marketing. Aber es muss nicht immer eine formale Weiterbildung sein, und vor allem muss sie zu den eigenen Zielen passen. Deshalb investieren wir viel Zeit in die Beratung. Wir sind darauf angewiesen, dass die Teilnehmenden zufrieden sind und raten durchaus auch mal von einer Weiterbildung ab, wenn sie uns nicht geeignet scheint.
Blick in die Glaskugel: Wie entwickelt sich der Weiterbildungsmarkt?
Rasant. Es kommen viele neue Anbieter und Formen hinzu, gerade im selbständigen Kompetenzaufbau. Gleichzeitig wird ein Qualitätsnachweis immer wichtiger. Die ZHAW SML hat mit der sogenannten Triple Crown – den drei weltweit wichtigsten Management-Akkreditierungen – ihren Absolventen eine zusätzliche Möglichkeit gegeben, zu zeigen, dass sie eine Weiterbildung mit sehr hoher Qualität absolviert haben.
Wenn du komplett freie Wahl hättest – welche Weiterbildung würdest du machen?
Wenn ich völlig frei wählen darf, würde ich gerne mal wieder meine kreativen Fähigkeiten weiterbilden. Ich habe den Luxus, die Themen zu unterrichten und zu organisieren, die mich persönlich wirklich interessieren, so dass ich tatsächlich häufig selbst an Weiterbildungslehrgängen teilnehme. Und der intensive Austausch mit unseren Studierenden und Ehemaligen ist sowieso eine ständige Weiterbildung. Vielen Dank an dieser Stelle!
Danke Frank für deine Zeit und deine Antworten!
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