Florian Faes an der SlatorConf in San Francisco beim Vortragen Branche Sprachindustrie

Das IUED und die Sprachindustrie: Eine lange Freundschaft

Autorin: Christa Stocker

Sie sind Übersetzerinnen, Konferenzdolmetscher oder Terminologinnen, Sprachenthusiastinnen, Content & Media Manager oder Technische Redakteure und alle sind sie mehrsprachig. Daran haben die Absolvent:innen des IUED und der DOZ in ihrem Studium gefeilt. Florian Faes, Christine Kamer Diehl und Stephan Pörtner teilen Erinnerungen und Gedanken zum Übersetzen und zur Sprachindustrie.

Viele der Absolvent:innen des IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen und der Dolmetscherschule Zürich (DOZ) arbeiten in der Sprachindustrie. Im Studium haben sie gelernt, was es für die professionelle Sprachmittlung für die Kommunikation in einem mehrsprachigen Umfeld braucht.

Zum 75-Jahre-Jubiläum des IUED haben wir drei Absolvent:innen – mit Abschluss an der DOZ und am IUED – gebeten, ihre Erinnerungen und Gedanken zum Übersetzen und zur Sprachindustrie zu teilen. Zu einer Branche, in der sich in den letzten Jahren Berufsprofile ausdifferenziert haben und neue Berufsfelder entstanden sind wie Gary Massey in Translation, diversification and corporate communications schreibt.

Florian Faes, Mitgründer und Geschäftsführer bei Slator, Abschluss 2005*

Es war im Sommer 2000, ich war gerade von einer viermonatigen Reise durch Mexiko und Guatemala zurückgekehrt, als ich die Broschüre bei einem Freund auf dem Küchentisch liegen sah: Dolmetscherschule Zürich. Mein Interesse war geweckt und ein Jahr später stand ich mit dickem Dell-Notebook im Rucksack in Oerlikon am Eingang der DOZ, die gerade eben zu einem Teil der Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW) geworden war.

Sprachen, das war mir nach Abschluss einer technischen Lehre klar, lagen mir besser als Installationspläne. Sprache als Schlüssel zum Wissen. Züridütsch ist Herzenssache, aber mit Englisch (B-Sprache), Spanisch (B-Sprache) und später im Berufsleben noch einer Prise Chinesisch endet der Horizont nicht beim Uetliberg.

Highlights aus dem Studium

Aber bevor an Übersetzungen gefeilt werden konnte, musste Deutsch-Dozent Dr. Eggler noch akute Bildungslücken in deutscher Grammatik und Syntax beheben. Nie vergessen werde ich meine Anfängerfehler beim Konjunktiv II. Auch meine hochdeutsche Aussprache war bei weitem nicht so geschliffen, wie ich geglaubt hatte.

Ein Highlight der Ausbildung waren landeskundliche Vorlesungen wie Historia de España oder American History. Da fiel die Prüfungsvorbereitung leicht. Die Kür aber waren für mich die leidenschaftlich geführten Diskussionen verschiedener Übersetzungsvarianten: Frei oder eng am Text? Klare Fehlübersetzung oder leichte Ungenauigkeit?

Florian Faes, Geschäftsführer bei Slator, der führenden Quelle für Analysen und Forschung in der Sprachindustrie.

Auslandsjahr in London

Da man in Oerlikon zwar viel, aber eben nicht alles lernen konnte, reiste ich 2003 für ein Auslandsjahr nach London. Mein Englisch wurde besser, mein Spanisch leider nicht. Dennoch reichte es für einen erfolgreichen Studienabschluss 2005, den ich dann bereits auf dem damals neu eröffneten Campus Winterthur feiern durfte.

Expert-in-the-Loop: Sprachindustrie mit Vorreiterrolle

Seither hat sich viel verändert. Übersetzer:innen haben beim Zusammenspiel von künstlicher Intelligenz (KI) einerseits und menschlichem Fachwissen und kreativen Fähigkeiten andererseits eine Vorreiterrolle eingenommen. Kaum eine andere Branche ist hier weiter als die Sprachindustrie.

Die Nachfrage nach mehrsprachigen Inhalten wächst weiterhin stark und die Übersetzer:innen werden dabei noch mehr zum Expert-in-the-Loop (ein Anglizismus sei erlaubt; vgl. Expert in the Loop: The Language Industry as a Pioneer auf dem YouTube-Kanal des Directorate-General for Translation of the European Commission). In dieser Rolle kommt Übersetzern und Dolmetscherinnen auch weiterhin eine zentrale Rolle als Vermittler:innen zwischen den Sprachräumen und Kulturen zu. In einem viersprachigen Land wie der Schweiz natürlich ganz besonders.

Christine Kamer Diehl, Leiterin Human Ressources und Qualitätsmanagement bei SwissGlobal Language Services AG, einem Unternehmen der Sprachindustrie

Christine Kamer Diehl, Mitgründerin und Leiterin Qualitätsmanagement und Human Resources bei SwissGlobal Language Services AG, Abschluss 1991**

Eine fremde Sprache zu lernen und zu sprechen, bedeutet für mich, eine Tür zu öffnen und in neue Kulturen und Traditionen einzutreten; den Weg zu finden ins Wesen und nicht selten ins Herz der Menschen.

Ich habe von 1984 bis 1991 an der DOZ den Vorkurs, das Übersetzer- und das Dolmetscherstudium in den Sprachen Englisch, Französisch und Griechisch, mit Muttersprache Deutsch absolviert. Die familiäre und gleichzeitig multikulturelle Atmosphäre war anregend und ich knüpfte wertvolle Freundschaften und Kontakte, die bis heute mein Leben prägen.

Prägende Menschen und Erinnerungen

Leo Tönz und Peter Neuhaus leiteten die Schule an der Scheuchzerstrasse 68/70 und führten uns u.a. in die Epochen Deutscher Literatur beziehungsweise in ein seltsames, aber faszinierendes Gerät namens Computer ein. Damit konnte man gar elektronische Post in grüner Schrift, E-Mails genannt, versenden und erhalten. Das alles geschah mit tatkräftiger Unterstützung von Frau Meier und Frau Flury im Sekretariat und von Maja Schulz – kein Weg führte an ihrem etwas gefürchteten Büro vorbei, wollte man etwas an den Sprachversionen oder Stundenplänen geändert haben!

Zwischenstunden verbrachten wir im kleinen Aufenthaltsraum oder im Café Globetrotter – überall liess es sich wunderbar debattieren über Contrastive Semantics, l’Héritage littéraire français, über deutsche Textanalyse oder die gefürchtete Akzessprüfung im zweiten Semester.

Höhepunkte gab es dabei viele …

  • Das obligatorische Auslandsemester, das ich an der University of Massachusetts in Amherst absolvierte – eine einmalige Erfahrung, die ich keinesfalls missen möchte.
  • Oder die flexible Bereitschaft der Schulleitung, kurzerhand einen neuen Studiengang Griechisch-Deutsch auf die Beine zu stellen. Ich musste lediglich vier weitere Interessierte finden, was mir glücklicherweise gelang. Bis hin zur Dolmetscherprüfung wurden wir fortan von Ursula Birri in Griechisch-Deutsch unterrichtet.
  • Aber der schönste Höhepunkt war, dass ich im DO1 meinen späteren Ehemann kennenlernte!

Mit Begeisterung in der Sprachindustrie und in der Übersetzungsforschung

Meine Begeisterung für Sprachen ist immer die gleiche geblieben! Ich bin bis heute in der Sprachindustrie tätig, denn das Studium an der DOZ hat mir zahlreiche berufliche Möglichkeiten eröffnet: von meiner ersten Stelle als Korrektorin bei der UBS über die langjährige, abwechslungsreiche Tätigkeit bei CLS Communication bis hin zur Mitbegründung von SwissGlobal Language Services, meiner jetzigen Arbeitgeberin.

Der Kontakt zur ZHAW ist dabei nie abgebrochen. Sei es in meiner Funktion als regelmässige Gastdozentin, in der Jury für beste Abschlussarbeiten oder in gemeinsamen Forschungsprojekten – immer wieder mache ich bereichernde Begegnungen und Erfahrungen mit Studierenden und Dozierenden.

Es ergaben sich für mich aber auch äusserst spannende und wertvolle Kooperationen und Projekte auf internationaler Ebene, wie die Mitarbeit in den EU-Projekten Agora, Transnational Placement Scheme for Translation Students, und TransCert, Transeuropäische Zertifizierung von Übersetzenden, sowie jährliche Referate an der CIUTI.

Stephan Pörtner, freier Autor und Übersetzer, Abschluss 2002***

In der Zeit seit meinem Abschluss hat sich viel verändert, die wichtigsten Veränderungen sind natürlich das Internet und die Globalisierung. Diese Entwicklung habe ich in meiner Laufbahn als Übersetzer unmittelbar miterlebt.

Literatur übersetzen im Studium

Ich habe immer auch literarisch übersetzt und einer meiner ersten Aufträge sollte auch einer der bekanntesten werden: Die Graphic Novel Persepolis von Marjane Satrapi, die ich aus dem Französischen übersetzt habe. Ich war noch Student und darum günstig zu haben. Die Kontakte liefen damals eher informell. Später übersetzte ich viel für einen Schweizer Verlag, aber als der von einem deutschen Konkurrenten aufgekauft wurde, wurden auch die Übersetzungen in Deutschland gemacht. Die Löhne in der Sprachindustrie waren dort tiefer.

Das Übersetzen ad absurdum geführt: “Wir leveragen den Impact.”

Zeitweilig arbeitete ich im Sprachendienst eines grossen Pharmakonzerns, später einer Beratungsfirma. Die Zeit, da Konzerne und KMUs eigene Sprachabteilungen hatten, neigte sich aber dem Ende zu. Vor allem Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche waren immer weniger gefragt. Leute im Kader, die kein Englisch konnten, wurden selten. Allerdings war schon vorher fraglich, ob der Text auf Folie 90 in der Übersetzung nachgelesen werden würde.

Texte wurden zunehmend in Englisch verfasst, auch wenn Schweizer Berater:innen für Schweizer Unternehmen arbeiteten. Falls es noch Übersetzungen gab, floss auch in diese immer mehr Englisch ein. So wurde aus “We leverage the impact” auf Deutsch: “Wir leveragen den Impact.” Das führte das Übersetzen natürlich ad absurdum.

Übersetzer mit Freude

Ich dachte eigentlich, damit sei meine Zeit als Übersetzer abgelaufen. Doch Ende letzten Jahres erhielt ich plötzlich wieder Aufträge – von einem Online-Magazin. Für dieses übersetze ich Reportagen aus dem Englischen. Ich freue mich jedes Mal darüber, da mir das Übersetzen auch zwanzig Jahre nach dem Abschluss der damaligen DOZ immer noch grosse Freude bereitet.

Doch eigentlich Autor

Noch während meiner Übersetzerausbildung erschien mein erster Roman «Köbi der Held». Ich hatte eigentlich Übersetzer werden wollen, um etwas mit Sprache und Schreiben zu machen, ohne selber Autor zu werden. Nun bin ich doch Autor und die beiden Tätigkeiten ergänzen sich, da beim literarischen Übersetzen der Stil und der Rhythmus des Originals möglichst beibehalten werden sollten. Das wiederum ist eine gute Übung, das eigene Schreiben zu erweitern.


*Florian Faes ist Mitgründer und Geschäftsführer von Slator. Slator.com ist die führende Quelle für Analysen und Forschung für die globale Übersetzungs-, Lokalisierungs- und Sprachtechnologie-Industrie.

** Christine Kamer Diehl ist Mitgründerin und Leiterin Qualitätsmanagement und Human Resources der SwissGlobal Language Services AG. SwissGlobal ist ein weltweit tätiger Sprachdienstleister, der mit über 400 Sprachexpert:innen weltweit zusammenarbeitet.

*** Stephan Pörtner lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Zürich, wo seine fünf Krimis mit Köbi Robert, dem Detektiv wider Willen, spielen. Für den letzten Band, Stirb, schöner Engel, erhielt er den Zürcher Krimipreis. „Züribieter Wandervögel“ aus der Anthologie Mordsschweiz war für den Glauser Kurzkrimipreis 2022 nominiert.


Weitere Absolvent:innen-Portraits

Zur vollständige Liste der Jobportraits auf dem Blog.

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Das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen ist das Kompetenzzentrum der ZHAW für Mehrsprachigkeit und Sprachmittlung in Ausbildung, Weiterbildung, Forschung und Dienstleistung.

Mit dem Bachelor Angewandte Sprachen und den Vertiefungen Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen des Masters Angewandte Linguistik bietet das IUED eine kohärente, praxisorientierte Ausbildung für zukünftige mehrsprachige KommunikationsexpertInnen.

Das IUED ist ein Institut mit internationalem Ruf. So ist es Mitglied prestigeträchtiger internationaler Netzwerke wie CIUTI und EMT und verfügt über eine dichte Vernetzung mit Instituten und Universitäten im In- und Ausland.


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