Klassenunterricht in der Dolmetscherschule

Von der Dolmetscherschule zum international anerkannten Hochschulinstitut: Forschen und Lehren für die Zukunft der Sprachindustrie

Qualität und Mehrsprachigkeit haben in der Schweiz Tradition, ebenso am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen der ZHAW. Dieses blickt zurück auf eine 75-jährige Geschichte, in der aus einer Schule für Allgemeinbildung der 1940er-Jahre die Dolmetscherschule Zürich (DOZ) und schliesslich das IUED, ein international anerkanntes Hochschulinstitut, wurde. Konsequente Professionalisierung und Qualitätsorientierung sind das Rezept. Wir schauen zurück und nach vorne in die Zukunft der Sprachindustrie.

von Christa Stocker, Kommunikationsverantwortliche IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen

Trifft man sich am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sich nicht auf Deutsch unterhält. Das IUED arbeitet in seinen Studiengängen nach dem Muttersprachenprinzip, d.h. jede:r spricht in der eigenen Sprache. Mitarbeitende und Studierende sind mehrsprachig, wie es sich für ein Institut gehört, das mehrsprachige Kommunikation erforscht und für die professionelle mehrsprachige Kommunikation und Sprachmittlung ausbildet. Sie kommen aus verschiedensten Ländern, beherrschen zwei, drei, vier und mehr Sprachen und sorgen dafür, dass man sich in den Räumen des IUED an der Theaterstrasse 15c – dem nebelverhangenen Winterthur entrückt – ganz unvermittelt in Italien, Mexiko, Australien, Frankreich, Spanien … wiederfindet. Der Klang der Sprachen, Stimmen und Akzente entführen einen in andere Kulturen, Länder und auf weit entfernte Kontinente.

IUED steht für professionelle Mehrsprachigkeit und Sprachmittlung

Mehrsprachige Kommunikation, Übersetzen, Dolmetschen, Technikkommunikation und Barrierefreie Kommunikation sind die Kernthemen des IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen der ZHAW. In diesen Bereichen forscht das IUED, und für diese Bereiche bildet es auf Bachelor- und Masterstufe mehrsprachige Kommunikationsprofis aus.

Dabei grundlegend: Der Bachelor Angewandte Sprachen und die Mastervertiefungen Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen des Masters Angewandte Linguistik der ZHAW vermitteln Kompetenzen und Methoden, welche die AbsolventInnen in der Sprachindustrie langfristig konkurrenzfähig machen wie z.B. die Kompetenz, die Veränderungen in den Berufsfeldern zu reflektieren oder immer neue Tools in der Übersetzungs- und Kommunikationsarbeit gewinnbringend einzusetzen. Die Verankerung im Fachhochschulkontext und in der Angewandten Linguistik ist dabei zentral für die Arbeit des IUED. Sie stehen für eine systematische Verbindung von Wissenschaft und Berufspraxis. Im Sinne der forschungsgeleiteten Lehre qualifizieren die Studiengänge sowohl für die akademische als auch die berufspraktische Arbeit. Der technologische Fortschritt durch KI und Maschinelle Übersetzung im wachsenden Markt der Sprachindustrie führen dabei zu neuen Arbeitsfeldern, neuen Rollen und Profilen für mehrsprachige KommunikatorInnen.

«Freies Lyceum Dr. P. Bänziger, Schule für sprachliche und allgemeine Bildung»

Angefangen hat alles 1946 in Zürich mit der Gründung der «Schule für sprachliche und allgemeine Bildung» «Freies Lyceum Dr. P. Bänziger» durch den im Namen genannten Dr. P. Bänziger. Ab 1948 hiess sie «Schule für Maturitätsvorbereitung und Vorbereitung auf die ETH, Dolmetscherschule, Handelsschule, Sprachschule». Im Angebot waren Kurse, die aus der historischen Distanz fast humoristisch anmuten oder aber allgemeinbildende Kurse:

  • Triebhaftigkeit oder Charakter? Vorträge über Formen und Wesen des menschlichen Trieblebens und seine Bedeutung für den Charakter.
  • Bin ich ein Redner?
  • Rechnen und Algebra
  • Einführung in die Psychologie
  • Einführung in die Philosophie
  • Deutsche Literatur usw.
Aus dem Archiv: Ein Heft mit Inseraten des «Freien Lyceums Dr. P. Bänziger, Zürich» aus den Jahren 1946 bis 1948.

Den Kern des Angebots bildeten jedoch Sprachkurse in zehn Sprachen sowie Diplomkurse, darunter:

  • Französisch,
  • Italienisch,
  • Schwedisch,
  • Russisch,
  • «Deutsch für Fremdsprachige»,
  • «Basic-Englisch»
  • «Korrektes Deutsch (Rechtschreibung, Satzzeichen, Stil)» usw.

  • «Diplomkurse für Parlamentsdolmetscher, Dolmetscher, Übersetzer, Korrespondenten»
  • «Diplomkurs in Maschineschreiben»
  • «Diplomkurs in Handelskorrespondenz (Deutsch – Französisch – Englisch – Italienisch)» usw.

Das «Studium in Zürich, London und Paris» dauerte von wenigen Wochen – «perfekt in 3 Monaten» – bis drei Semester (für einen Diplomabschluss) und war noch keineswegs vergleichbar mit einem heutigen Studium. Thematisch zeichnete sich in der Mehrsprachigkeit, im Übersetzen und Dolmetschen aber bereits ein klarer Fokus ab.

Die Dolmetscherschule auf dem Weg in die Academia

Dieser Fokus fand sich ab 1951 im neuen Namen «Dolmetscherschule und Freies Lyzeum Dr. P. Bänziger, Zürich» auch im Handelsregister wieder. Mit der Umbenennung wurde die Ausbildung verlängert, Zwischenabschlüsse und ein obligatorisches Auslandssemester wurden eingeführt.

Ausbildungsstruktur an der Dolmetscherschule (aus dem Studienführer der 1960er oder frühen 1970er Jahre)

1953 belohnte die Erziehungsdirektion des Kantons Zürich die Anstrengungen zur Professionalisierung der Ausbildung: Sie entsandte Experten an die Prüfungen und anerkannte die Abschlüsse.

Ab 1960 unterstützte der Kanton, später auch durch die Stadt Zürich die Ausbildung dann auch finanziell, was dem Gründer schliesslich zum Verhängnis wurde: Denn, zusätzlich zur Zürcher Dolmetscherschule hatte er im Thurgau das «Übersetzer- und Dolmetscherinstitut Schloss Liebburg» gegründet, ein Internat für «(höhere) Töchter». Über die gemeinsame Organisation der beiden Institutionen flossen, wie es aussieht, jedoch Zürcher Subventionsgelder mit in jene Institution, so dass Dr. Bänziger die Leitung der Dolmetscherschule Zürich abgeben musste.

1967 wurde die Genossenschaft «Dolmetscherschule Zürich (DOZ)» gegründet, welche die Schule weiterführte und jetzt erst recht die Professionalisierung weitertrieb. Weitere Schritte auf dem Weg waren:

Aufbau des Übersetzungsstudiums an der Dolmetscherschule Zürich (DOZ) (aus dem Studienführer von 1996)
  • der Ausbau der Übersetzerausbildung zuerst auf fünf, dann auf sechs Semester,
  • der Abschluss von Abkommen mit ausländischen Partnerinstituten, welche den StudentInnen Auslandssemester erleichterten.

15 Jahre später, 1982, bestätigte ein Gutachten im Auftrag der Erziehungsdirektion das akademische Niveau der Ausbildung und der Abschlüsse. Doch sollte es noch einmal so lange dauern, bis die DOZ endgültig in der Academia angekommen war.

1998 war es soweit: Die Dolmetscherschule Zürich fusionierte mit dem Technikum Winterthur Ingenieurschule (TWI) und der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) zur Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW). So war man endlich auch formal im akademischen Bildungssystem angekommen. Die modularen DOZ-Diplomstudiengänge, in denen studentische Mobilität seit langem institutionalisiert und Abschlussprüfungen über mehrere Semester verteilt waren, liessen sich leicht in die Fachhochschulwelt integrieren. Ihren traditionsreichen Namen gab die DOZ zwar auf, hatte über ihren neuen Fachhochschul-Status aber auch ganz praktische Vorteile. Zum Beispiel löste sie ganz elegant das Problem der internationalen Anerkennung der Diplome.

Nach einer Phase der Konsolidierung wurde 2003 das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen gegründet. Das IUED ruhte sich jedoch nicht auf den Lorbeeren der DOZ aus. Vielmehr engagiert sich das IUED seit seiner Gründung neu aktiv in der Forschung (vgl. Forschungsprojekte am IUED oder Duo Colloquium on Translation and Meaning).

Im Usability-Labor untersucht das IUED seit 2008 die Benutzerfreundlichkeit von Produkten und bildet Studierende im Bachelor Angewandte Sprachen aus (Archivbild 2012).

Orientiert an internationalen Ausbildungsstandards entwickelte das IUED die traditionsreiche Ausbildung der DOZ nun auf Hochschulniveau weiter: Seine Anstrengungen wurden 2012 mit der Akkreditierung seiner Bachelor- und Masterstudiengänge durch das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie belohnt. 2014 folgte die europäische Akkreditierung der Mastervertiefung Fachübersetzen durch das European Master’s in Translation-Netzwerk der Europäischen Kommission, welche 2019 bestätigt wurde. Seine Bemühungen für eine praxisnahe und zukunftsgerichtete Ausbildung professioneller SprachmittlerInnen fanden auch global Resonanz. 2015 wurde das IUED in die CIUTI, die Conférence internationale permanente d’instituts universitaires de traducteurs et interprètes aufgenommen – und erhielt damit sozusagen den Ritterschlag unter den Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen in den Bereich Übersetzen und Dolmetschen.

«Humans in the loop» – vom menschlichen Mehrwert in der Sprachindustrie

Seither hat sich die Welt weitergedreht. Der technologische Fortschritt hat es kurzzeitig so aussehen lassen, als ob die Welt bald ohne menschliche ÜbersetzerInnen auskäme, wie es z.B. van der Meer von der Translation Automation User Society (TAUS) 2021 formuliert: «The human translator is no longer needed in the process.» Solchen Unkenrufen zum Trotz weisen die Wachstumszahlen der Sprachindustrie aber in eine ganz andere Richtung: Digitalisierung und Globalisierung haben im Markt der professionellen mehrsprachigen Kommunikation, im Übersetzung und Dolmetschen, zu einer Diversifizierung von Rollen und Profilen und zum Ausgreifen in angrenzende Berufsfelder geführt (vgl. Blogbeitrag: Translation, diversification and corporate communications).

Maschinelle Übersetzung erledigt die übersetzerische Sklavenarbeit und macht menschliche ÜbersetzerInnen produktiver. Sie eröffnet ihnen im erweiterten Feld der Translation neue berufliche Möglichkeiten, sei es im Post-Editing (Nachbearbeitung maschineller Übersetzungen), in der Transkreation (kreatives Texten in einer Zielsprache) oder in der Sprachdatenpflege usw. (vgl. Blogbeitrag NMT, post-editing and evolving translator profiles). In diesen Feldern forscht das IUED und für diese neuen Berufsrollen und -profile bildet das IUED seine AbsolventInnen aus, die ausgestattet mit der entsprechenden Machine Translation Literacy für die Sprachindustrie der Zukunft bestens gerüstet sind.

Denn, menschliche ÜbersetzerInnen braucht es überall dort, wo (inter-)kulturelle Intelligenz, Adaptivität, Kreativität, Rollenflexibilität, Beratungskompetenz, Instrumental-, Digital- und Technologiekompetenz gefordert sind. Das ist in all den Feldern der Fall, in denen fehlerhafte Übersetzungen grosse gesundheitliche, juristische oder finanzielle Risiken bedeuten.

Quellen

  • Willi, U. (1997). Geschichte. In: Von der Dolmetscherschule. Ein Jubiläumsbuch von ehemaligen AbsolventInnen zu 30 Jahre Genossenschaft Dolmetscherschule Zürich DOZ und zu einem halben Jahrhundert Dolmetscherschule Zürich, 6–8.
  • Zürcher Hochschule Winterthur: Jahresbericht 2003
  • Hasler Roumois, U., Girsberger, E. & Buomberger, T. (2011). ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Die Entstehung einer Hochschule. Zürich: Orell Füssli.
  • Massey, G. & Stocker, C. (2021). Mehr als Sprache und Kultur. ZHAW-Impact 2/2021.

Credits: Sprachlabor der Dolmetscherschule Zürich (DOZ) an der Thurgauerstrasse 56 in Zürich-Oerlikon (Archivbild 1986)

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Das IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen ist das Kompetenzzentrum der ZHAW für Mehrsprachigkeit und Sprachmittlung in Ausbildung, Weiterbildung, Forschung und Dienstleistung.

Mit dem Bachelor Angewandte Sprachen (Vertiefungen: Mehrsprachige Kommunikation, Multimodale Kommunikation und Fachkommunikation und Informationsdesign) und den Vertiefungen Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen des Masters Angewandte Linguistik bietet das IUED eine kohärente, praxisorientierte Ausbildung für mehrsprachige KommunikationsexpertInnen.


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