«Kritisch wird es, wenn der Austausch im Team zu kurz kommt»

KI liefert Antworten, für die wir früher Kolleg:innen fragten. Was bedeutet das für die Teamarbeit? Die Autorinnen der IAP Studie erklären, was passiert, wenn einige dank KI schneller arbeiten und wo persönlicher Austausch unersetzlich bleibt.

Interview: Deborah Bischof mit Julia Kornfeind und Anna-Lena Majkovic

Bild: ZHAW

«Hey ChatGPT, kannst du mir helfen, diese Idee weiterzuentwickeln?» Statt die Kolleg:in am Nachbartisch um Rat zu fragen, wenden sich heute viele mit solchen Anliegen an die Künstliche Intelligenz. Das spart Zeit, verändert aber auch, wie wir uns untereinander austauschen. Die «IAP Studie 2025» zeigt, wie sich Teamarbeit im Spannungsfeld von Mensch und KI bewegt und wo die Chancen und Risiken liegen. Im Gespräch geben die Studienautorinnen Anna-Lena Majkovic und Julia Kornfeind Einblick in ihre Erkenntnisse.

Früher wendete man sich bei Problemen an die Mitarbeitenden. Heute beantwortet ChatGPT Fragen in Sekundenschnelle. Brauchen wir also unsere Arbeitskolleg:innen bald nicht mehr?

Anna-Lena Majkovic: Diese Entwicklung sehen wir nicht. Klar, KI liefert schnell Informationen oder erstellt einen ersten Entwurf. Aber Kolleg:innen bringen noch etwas anderes mit. Das zeigt sich auch in unserer Studie: Die meisten beschreiben KI als Werkzeug oder als Assistenz. Nur in Ausnahmefällen wird sie als «Arbeitskolleg:in» bezeichnet. Denn Zusammenarbeit bedeutet mehr, als eine Aufgabe zu erledigen: Es geht auch um Vertrauen, um Beziehungen und darum, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Gerade wenn eine Aufgabe komplex ist oder wenn es darum geht, neue Ideen zu entwickeln, sind Kolleg:innen weiterhin gefragt.

Was können Menschen in dieser Hinsicht konkret besser als ChatGPT und Gemini?

Anna-Lena Majkovic: Ein wichtiger Punkt ist der Kontext. Kolleg:innen kennen die gemeinsame Vorgeschichte, die Abläufe und die Besonderheiten der Organisation. Sie wissen zudem, wie andere im Team ticken: Was ist jemandem wichtig? Wo könnte es zwischenmenschlich schwierig werden? Welche Emotionen schwingen bei einem Thema mit? Bei komplexen Aufgaben spielt das oft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Einer KI dagegen muss man diesen Kontext erst ausdrücklich mitgeben, und vieles davon lässt sich gar nicht so einfach in Worte fassen.

Julia Kornfeind: Dazu kommt: Jede Person bringt ihre eigenen Erfahrungen und Interessen mit. Wenn man sich austauscht, kommen so ganz unterschiedliche Sichtweisen zusammen. Manchmal sind darunter auch Gedanken, die anfangs absurd klingen, doch genau daraus entsteht vielleicht etwas Neues. Die KI hingegen überrascht einen weniger. Sie wird oft als zu berechenbar und zu unkritisch empfunden: Wenn ich nicht ausdrücklich nach Kritik frage, bestätigt sie meist meine Eingaben. Das kann zwar im ersten Moment angenehm sein, ist aber nicht immer hilfreich. Häufig merkt man erst bei kritischen Rückfragen oder einem Widerspruch, wo es blinde Flecken gibt oder wo man einfach etwas angenommen hat, ohne es zu hinterfragen.

Ihre Studie zeigt, dass KI häufig individuell genutzt wird. Macht KI aus Teamarbeit also zunehmend Einzelarbeit?

Anna-Lena Majkovic: Gemeinsame Anwendungen sind tatsächlich eher selten und entstehen oft spontan, zum Beispiel wenn man in einem Meeting kurz etwas zusammen nachschaut, so wie früher bei Google. Einzelne Rückfragen oder Feedbackschleifen werden deshalb durchaus von der KI ersetzt. Viele Aufgaben brauchen jedoch weiterhin die gemeinsame Abstimmung.

Julia Kornfeind: Häufig wird auch zuerst mit KI gearbeitet und anschliessend das Team einbezogen. Die Zusammenarbeit verschiebt sich also etwas nach hinten. Das muss aber nicht zwingend negativ sein: Wenn ich eine anfängliche Idee zuerst mit der KI challenge, gehe ich vielleicht besser vorbereitet ins Gespräch mit meinen Kolleg:innen. Dadurch kann die Zusammenarbeit sogar effizienter werden.

Was geht verloren, wenn wir uns bei Problemen und Fragen zuerst an die Technologie statt an unserer Mitarbeitenden wenden?

Julia Kornfeind: Bei einer Rückfrage wird oft mehr ausgetauscht als nur die Antwort auf eine Frage. Oft erfahre ich nebenbei, woran mein Kollege gerade arbeitet oder wo es Schwierigkeiten gibt. Durch den Austausch lernt man sich zudem besser kennen und versteht eher, warum jemand auf eine bestimmte Weise agiert. Werden diese kleinen Anlässe im Alltag seltener, können auf Dauer auch Beziehungen und das gegenseitige Verständnis leiden.

Anna-Lena Majkovic: Gerade für Berufseinsteiger:innen sind solche Gespräche auch wichtige Lerngelegenheiten. Sie bekommen mit, wie erfahrene Kolleg:innen an eine Aufgabe herangehen, was sie abwägen und warum sie sich für eine bestimmte Lösung entscheiden.

Stellen wir uns zwei Arbeitskolleg:innen vor: Die eine nutzt KI intensiv und erledigt ihre Aufgaben doppelt so schnell, der andere verzichtet darauf. Was macht das mit ihrer Zusammenarbeit?

Anna-Lena Majkovic: Diese Situation ist gar nicht so selten. Viele Befragte berichten, dass KI in ihrem Team unterschiedlich intensiv genutzt wird. Da stellt sich natürlich die Frage: Wie verteilen wir Aufgaben fair, und was erwarten wir voneinander? Wenn jemand schneller fertig ist und deshalb immer mehr übernehmen muss, kann dies zu Spannungen führen. Umgekehrt kann sich die Person, die ohne KI arbeitet, unter Druck gesetzt fühlen.

Julia Kornfeind:  Gleichzeitig sind solche Unterschiede in der Anfangsphase ganz normal. Bei neuen Technologien gibt es immer Personen, die sie direkt ausprobieren und damit experimentieren, und andere, die erst einmal abwarten. Viele finden gerade erst heraus, wo KI ihnen im Arbeitsalltag helfen kann. Vielleicht sehen sie bei einer Kollegin, wie schnell diese mit KI ein Sitzungsprotokoll erstellt, und probieren es dann beim nächsten Mal selbst aus. Da wird sich im Laufe der Zeit noch einiges verändern, und die Unterschiede dürften kleiner werden.

Die Frage drängt sich dennoch auf: Was bedeutet die schnelle technologische Entwicklung für Menschen, die KI wenig bis gar nicht beherrschen?

Anna-Lena Majkovic: Gerade in dieser Übergangsphase ist das durchaus eine Herausforderung. Wenn sich Arbeitsabläufe und Leistungserwartungen verändern, kann das für solche Personen schnell zu Anpassungsdruck führen. KI-Kompetenz wird zunehmend zu einem Unterscheidungsmerkmal, im eigenen Team, aber auch auf dem Arbeitsmarkt. Wenn die einen KI selbstverständlich nutzen und andere kaum damit vertraut sind, kann eine neue digitale Kluft entstehen.

Julia Kornfeind: Die Sorge, mit der Entwicklung nicht Schritt halten zu können, kam in unseren Studien häufig zum Ausdruck, sogar bei Personen, die KI bereits täglich bei der Arbeit nutzen. Denn selbst da kann das Gefühl entstehen: Es kommt ständig etwas Neues. Wie schaffe ich es, da dranzubleiben und nicht abgehängt zu werden?

Alles in allem: Ist KI eher Chance oder Risiko für das gemeinschaftliche Arbeiten?

Anna-Lena Majkovic: Unter dem Strich überwiegen für unsere Befragten klar die Chancen. Wenn sich in der Zusammenarbeit etwas verändert hat, empfinden sie dies häufiger als positiv. So kann die KI etwa dabei helfen, verständlicher zu kommunizieren, sich effizienter abzustimmen oder Aufgaben zu bewältigen, mit denen man sich vorher schwergetan hat.

Und wo liegen die Herausforderungen?

Anna-Lena Majkovic: Kritisch wird es, wenn der Austausch im Team zu kurz kommt, niemand so richtig weiss, was erwartet wird, oder wenn die unterschiedliche Nutzung für Unmut sorgt. Die Chancen überwiegen vor allem dann, wenn Teams den Einsatz gemeinsam gestalten: Wo hilft uns KI? Was erwarten wir voneinander? Und wo ist uns der persönliche Austausch wichtig? Darüber sollte unbedingt miteinander gesprochen werden.

Nehmen Sie jetzt an der neuen IAP Studie teil: «Future Readiness»

Künstliche Intelligenz ist nur eine von vielen Entwicklungen, die unsere Arbeitswelt derzeit massgeblich prägen. Zusammen mit wirtschaftlichen Unsicherheiten und geopolitischen Veränderungen fragen sich viele: Was kommt auf mich zu, und wie kann ich mich darauf vorbereiten? Genau damit befasst sich die neue IAP Studie zu «Future Readiness».

Im Zentrum steht die Frage, wie Fach- und Führungspersonen in der Schweiz auf ihre berufliche Zukunft blicken. Dazu freuen wir uns sehr auf Ihre Erfahrungen und Einschätzungen: Sind Sie zuversichtlich, oder machen sie sich Sorgen? Welche Entwicklungen beschäftigen Sie? Was tun Sie, um auch künftig beschäftigungsfähig und erfolgreich zu bleiben? Und wie werden Sie dabei von ihrer Führungskraft und Organisationen unterstützt?

Mit Ihrer Teilnahme an unserer Studie leisten Sie einen entscheidenden Beitrag, um besser zu verstehen, wo die Chancen und Herausforderungen im Wandel der Arbeitswelt liegen.

Hier geht es zur Umfrage.

Weiterführende Informationen:


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