5. IAP Studie: Was macht der digitale Wandel mit uns?

Text: Anna-Lena Majkovic und Ellen Gundrum
Illustration: Marius Dihr

Die Arbeitswelt ist von grundlegenden Transformationsprozessen betroffen. Die Rede ist von der 4. Industriellen Revolution. Technologiegetriebene Entwicklungen wie das Internet der Dinge, Künstliche Intelligenz, Robotics, Big Data und Cloud Computing wirken sich nicht nur auf Prozesse, Dienstleistungen und das Entstehen neuer Geschäftsmodelle aus. Die Rollen der Menschen im Arbeitsprozess verändern sich ebenso, wie die Art wo, wann und wie wir arbeiten und zusammenarbeiten.

Wie erleben Mitarbeitende und Führungskräfte diesen technologiegetriebenen Wandel in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt? Was sind die arbeits- und gesundheitspsychologischen Auswirkungen der zunehmenden Flexibilisierung von Zeit und Ort der Arbeit? Welche Chancen aber auch Risiken bieten grössere Freiheiten bei der Arbeitsgestaltung? Die fünfteilige empirische Untersuchungsreihe «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» des IAP Institut für Angewandte Psychologie nähert sich diesen Fragen an und gibt Antworten darauf. Die 5. Studie ist eine Bestands- und Veränderungsmessung, sie untersucht, wie Fach- und Führungskräfte in der Schweiz den digitalen Wandel in der Arbeitswelt im Zeitraum 2017 bis 2021 erleben.

Was wir unter Digitalisierung verstehen?
In Medien, Praxis und Wissenschaft wird der Begriff Digitalisierung sehr unterschiedlich definiert. Eine eindeutige Begriffsfindung gestaltet sich nach wie vor schwierig. Synonyme wie «Arbeitswelt 4.0», «Industrie 4.0», «IoT Internet of Things» und «Automatisierung», um nur eine kleine Auswahl zu nennen, verdeutlichen ein sehr breites und ausdifferenziertes Verständnis von Digitalisierung. Die IAP Studie 2021 fragte deswegen erneut, was unter Digitalisierung verstanden wird und erhielt wieder über 1600 Nennungen. Vergleichbar mit 2017 wurden auch 2021 die Schlagwörter Digitalisierung von Arbeitsprozessen und -inhalten, die Anwendung neuer Medien und Technologien und digitale Kommunikation am häufigsten genannt. Stärker in den Vordergrund tritt in der aktuellen Befragung die Bedeutung von mobil-flexiblen Arbeitsformen, die Veränderung von Berufsbildern und Tätigkeitsinhalten sowie Vereinfachung und Optimierung (Abb. 1).

Abb. 1: Was wird unter Digitalisierung verstanden?

Mobil-flexibles Arbeiten
Die permanente Verfügbarkeit des Internets und die zunehmende Vernetzung ermöglicht Arbeiten zu jeder Zeit und an nahezu jedem Ort. Für die Unternehmen bietet diese Flexibilisierung Möglichkeiten der Effizienzsteigerung, z. B. durch Einsparung von Büroräumlichkeiten und Wegzeiten. Örtlich und zeitlich flexibles Arbeiten bringt auch den Arbeitnehmenden potenzielle Vorteile, indem der Arbeitsweg entfällt und Beruf und Privatleben besser vereinbart werden können.

Drei Viertel der Befragten sehen die Möglichkeit des zeitlich und räumlich flexiblen Arbeitens auch in der 5. Studie 2021 als positive Begleiterscheinung der Digitalisierung. Diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund einer längeren Phase des pandemiebedingten Home-Office bemerkenswert. Die befragten Fach- und Führungskräfte scheinen die Möglichkeiten des Home-Office nach wie vor zu schätzen.

Die Zunahme von Home-Office hat bei knapp der Hälfte der Befragten erkennbare positive Auswirkungen auf die Arbeitszufriedenheit (48%), auf die Gesundheit allgemein (48%) und auf das Wohlbefinden (48%). Die Ergebnisse zeigen jedoch auch, dass 39% eine Verschlechterung von Gesundheit und 24% eine Verschlechterung des Schlafs angesichts permanenter Erreichbarkeit feststellen. Auch die Kommunikation insgesamt, besonders auf Team-Ebene, leidet mit zunehmender Distanz-Arbeit.

HR und Personalentwicklung
Weitgreifende Veränderungen wie Digitalisierung, demographischer Wandel und die zunehmend vernetzte Globalisierung haben einschneidende Auswirkungen auf das Aufgabenfeld von Human Resources Verantwortlichen. Gemäss der aktuellen Befragung werden auch im Jahr 2021 Online-Rekrutierungsverfahren eingesetzt. So kommen insbesondere Online-Interviews (70%) und Online-Testverfahren (40%) zum Einsatz. Automatisierte Entscheidungsprogramme (KI) werden in Rekrutierungsverfahren nur vereinzelt eingesetzt (6%). Die Fachpersonen HR und Personalentwicklung schildern gemäss der Befragung 2021 zahlreiche Herausforderungen. Die Konzeption neuer Stellen- und Kompetenzprofile (89%), die Digitalisierung von HR-Prozessen (87%), die Weiterbildung (Upskilling) von digitalen Fertigkeiten (93%) und Umschulung von Mitarbeitenden (Reskiling) (79%) werden als bemerkbare Herausforderungen benannt. Weitere Herausforderungen liegen in der stetigen Förderung einer Lernkultur im Unternehmen (93%), in der Anpassung von Leistungsbeurteilungsverfahren (84%) und in der Sammlung und Verwendung von HR-Daten (HR Analytics) (73%).

Führung 4.0
Die IAP-Studienreihe «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0» hat mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen wiederholt die Rolle von Führungskräften bei der Gestaltung neuer Arbeitswelten thematisiert. Wie muss Führungsarbeit in gemischten Arbeitswelten gestaltet werden? Gemäss der Studie 2021 gewinnen Selbstführung und Führung auf räumliche Distanz zunehmend an Bedeutung (90%). Folglich wird die digitale Kommunikation in der Führungsarbeit mit 81% als bedeutender Wandel in der Führung genannt. Mit einer Zustimmung von 62% liegen wesentliche Veränderung in der Wahrnehmung eines verstärkten partizipativen Führungsstils und in dem wachsenden Stellenwert des Coachings von Mitarbeitenden. Trotz zunehmender Tendenz zu Selbstführung und Selbstorganisation von Teamarbeit sagen 68% der Befragten, dass sie mehr Führungsarbeit leisten. Zudem konstatieren 60% der Befragten, dass sie in der Führung vermehrt mit erhöhtem Leistungsdruck umgehen müssen. Insbesondere Befragte der obersten Führungsstufe geben an, dass ihnen die Trennung von Arbeit und Freizeit am wenigsten gelingt.

Regenerationsstrategien im Umgang mit digitaler Arbeit
Wie erholen und regenerieren sich Fach- und Führungskräfte angesichts der vielseitigen Anforderungen im digitalen Wandel? An erster Stelle steht Zeit mit Familie und Freunden (98%), gefolgt von Investition in Hobbies (97%), ausreichend Schlaf (95%) und sportliche Aktivität (92%). Bereits 72% der Befragten geben an, Entspannungsübungen zu praktizieren (Abb. 2).

Abb. 2: Regenerationsstrategien für den Umgang mit digitaler Arbeit

Fazit und Handlungsimpulse

Die pandemiebedingten Anpassungen haben einen Digitalisierungsschub bewirkt, der bedeutende und unumkehrbare Auswirkungen für Wirtschaft und Gesellschaft beinhaltet. Vergleichbar mit der IAP Studie 2017 zeigen Fach- und Führungskräfte auch 2021 ambivalente Einschätzungen der digitalen Transformation. So erlebt eine Mehrheit den digitalen Wandel als positiv und erkennt mögliche Chancen wie die Aneignung neuer digitaler Kompetenzen oder die verstärkte Selbststeuerung auf individueller und auf Team-Ebene. Gleichzeitig berichten die Befragten von einem Anstieg des Arbeitstempos und der subjektiv wahrgenommenen Arbeitsbelastung. Knapp die Hälfte der Befragten erlebt die eigene Arbeit als anstrengender. Permanente Erreichbarkeit und die zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Freizeit wird nach wie vor als tendenziell nachteilig für Schlaf und Gesundheit eingestuft. Wenngleich Home-Office den Befragten auch hilft, eine gute Balance von Arbeit und Freizeit zu realisieren.

Arbeits- und gesundheitspsychologische Massnahmen sind empfehlenswert, die Mitarbeitende und Führungskräfte darin stärken, mit schnelllebigen und dynamischen Veränderungen der Arbeitswelt 4.0 bewusst umzugehen. Führungskräfte als Coach können ihre Mitarbeitenden darin begleiten, nachhaltig mit eigenen und fremden Ressourcen umzugehen und die Herausforderungen zunehmender Selbstführung gut zu gestalten. Stetige Kompetenzentwicklung und die Förderung einer aktiven Lernkultur ermöglichen Fach- und Führungskräften, ihre Arbeitsmarktfähigkeit und ihr persönliches Kompetenzerleben am Arbeitsplatz langfristig aufrechtzuerhalten.

Die Arbeitswelt wird sich weiter wandeln. Qualitative Veränderungen von Arbeitsbedingungen und die Diversität der Arbeitsformen werden zunehmen. Die arbeitspsychologische Perspektive in Praxis und Wissenschaft ist anhaltend gefordert, die Auswirkungen von dynamischen Veränderungsprozessen auf Mitarbeitende und Führungskräfte zu adressieren. Es liegt an uns, die Arbeit von morgen nicht nur effizienter, sondern insbesondere gesund, partizipativ und nachhaltig zu gestalten.

Den aktuellen Studienbericht finden Sie hier.

Dr. Anna-Lena Majkovic ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am IAP Institut für Angewandte Psychologie. In Co-Leitung verantwortet Sie die IAP-Studienreihe «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0», dazu gehört auch die aktuelle Monitoring-Studie.

Ellen Gundrum ist Stabsstellenleiterin Strategische Projekte am IAP Institut für Angewandte Psychologie. In Co-Leitung verantwortet sie die IAP-Studienreihe «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0», dazu gehört auch die aktuelle Monitoring-Studie.

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