Arbeiten in der Multioptionsgesellschaft

Unsere Arbeitswelt verändert sich in rasendem Tempo. Flexibles Arbeiten birgt dabei Freiheit und Herausforderung in einem. Am 5. November 2015 findet zum Thema “Flexibilität und Identität in der Arbeitswelt” die Fachtagung IAP Dialog statt. Fachpersonen aus Wirtschaft und Wissenschaft diskutieren über die Chancen und die Schattenseiten des flexiblen Arbeitens.

Interview mit Eric Lippmann von Patricia Faller, Chefredaktorin ZHAW-Impact (Auszug aus ZHAW-Impact Nr. 21)

Eric_Lippmann-6750Herr Lippmann, was kennzeichnet die heutige Arbeitswelt?
Eric Lippmann: Noch nie war die Vielfalt an Laufbahn- und Karrieremöglichkeiten eines einzelnen Menschen so gross, wie in der heutigen Multioptionsgesellschaft.

Das klingt nach Schlaraffenland  für Arbeitnehmende: hohe Löhnen, attraktive Benefits, Wohlfühloasen als Arbeitsplatz…
…solange Mitarbeitende für ein Unternehmen nützlich sind – ja. Dann richten sich die Firmen nach den Bedürfnissen ihrer Beschäftigten. Aber auch nicht ganz uneigennützig, sondern weil sich gezeigt hat, dass dann die Leistungen steigen und weil sie fürchten, dass die begehrten Fachkräfte sonst im “War for Talent” zur Konkurrenz abwandern. Das ist die eine Seite der Medaille.

Und die Kehrseite?
Die globalisierte Multioptionsgesellschaft ist geprägt durch ein hohes Mass an Unsicherheiten. Arbeitsplätze werden wegrationalisiert und in Billiglohnländer verlagert. Beziehungen zwischen Mitarbeitenden und Unternehmen fehlt es an Verbindlichkeit und Loyalität. In Grossbritannien etwa muss ein Hochschulabsolvent in seinem Leben damit rechnen, nicht weniger als zwölfmal den Arbeitgeber zu wechseln.

Wie sieht das in der Schweiz aus?
Hier dürfte es ähnlich sein. Unternehmen garantieren keine Beschäftigung bis zur Pensionierung. Sie versprechen Employability. Sie wollen dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden arbeitsmarktfähig bleiben. Eine Ausprägung der unverbindlichen Beschäftigungsverhältnisse stimmt mich dabei besonders nachdenklich – das sogenannte Crowdsourcing.

Was ist verwerflich daran?
Der Trendforscher Janszky beschreibt in seinen Ausführungen “Jobnomaden” am Beispiel IBM, wie flexible Projektmitarbeitende, in Zukunft 30 bis 40 Prozent der Leistungskräfte in einem Unternehmen ausmachen werden. Festangestellte und Externe werden als “Crowd” betrachtet. Aufgaben oder Projekte werden nicht mehr automatisch intern  vergeben, sondern in einem “Call” an die Crowd übertragen. Deren Mitglieder erstellen Offerten, aus denen IBM auswählt. Meiner Ansicht nach führen solche McJobs zur Prekarisierung, also zur Verarmung von Hochqualifizierten. Sie brauchen mehrere Jobs, um leben zu können.

Angesichts von Rationalisierung und Jobverlagerung steigt in hochentwickelten Ländern der Druck, sich zu qualifizieren.
Schule und berufliche Bildung dienen aber kaum noch der Vorbereitung auf eine Karriere in einem bestimmten Beruf, sondern als erstes Fitmachen für den lebenslangen Wettkampf. Wir sollen beitragen zu immer höherer Produktivität und laufen dabei Gefahr, uns selbst wegzurationalisieren.

Wie lange kann man diese Verschlankung fortführen?
Dazu folgende Geschichte: Der Mulla Nasrudin kaufte einen Esel. Die Futtermenge, die dieser benötigte, erschien ihm aber zu gross. Er wollte den Esel an weniger Futter gewöhnen, darum verringerte er täglich die Ration. Als der Esel schliesslich so gut wie gar kein Futter mehr bekam, fiel er tot um. “Schade”, sagte der Mulla, “ich hätte nur noch ein wenig Zeit gebraucht, um ihn dran zu gewöhnen, von gar nichts zu leben.”

Welche Kernkompetenzen braucht es, um im Wettkampf zu überleben?
Sie müssen flexibel, mobil und kreativ sein und über Selbstorganisations- und Gestaltungskompetenzen verfügen. Wichtig ist auch, dass sie über Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeiten verfügen, sowie Unsicherheiten und Widersprüche aushalten können. Nicht zuletzt müssen Sie in der Lage sein, in der Vielzahl der Optionen eine Entscheidung treffen zu können.


Zur Person
Prof. Dr. Eric Lippmann ist Psychologe, Soziologe und Publizist und leitet das Zentrum
“Leadership, Coaching & Change Management” am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW. Am 5. November 2015 wird er im Rahmen der Veranstaltung IAP Dialog das Thema “Flexibilität und Identität in der Arbeitswelt” aus wissenschaftlicher Sicht beleuchten.



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