Die ZHAW als Exoten an der Human Computer Interaction Conference HCII 2014

Kreta Fotocollage V2
In der letzten Juniwoche fand die 16. International Conference on Human Computer Interaction in Heraklion, Kreta, statt. Teilgenommen haben rund 1500 Vertreter aus Wissenschaft und Praxis aus der ganzen Welt. Das Konferenzprogramm bestand aus einer Keynote Speech, verschiedenen Workshops und Poster und Paper Sessions sowie einer Ausstellung zu diversen Themen rund um User Experience und User Interaction. Mit dabei waren auch Bettina Gehring und Adrian Wüthrich vom Institut für Marketing Management (IMM), die ein Projekt vorgestellt haben, welches verschiedene Methoden zur Erfassung der Kundensicht kombiniert.

Das IMM hat im Rahmen eines KTI-Projektes innerhalb der letzten zwei Jahre das Kundenverhalten sowie die Nutzerfreundlichkeit einer „Video on Demand“ (VoD) Applikation auf SmartTVs analysiert. Auf Basis dieser App können Filme über das Internet auf dem Fernsehgerät geschaut werden. Ziel des Projekts war die Verbesserung der Bedienerfreundlichkeit und damit verbunden die Erhöhung der Nutzerzahlen. Zu diesem Zweck wurden verschiedene quantitative und qualitative Methoden wie Kundenumfragen, Nutzerpfad-Analysen bis hin zu Usability Tests mit Eye-Tracking kombiniert, um ein möglichst genaues Bild des Endnutzers zu erhalten und damit die Grundlage für eine Optimierung der ‚User Experience‘ zu schaffen.

Die Methodenvielfalt des Projektes ist an der Konferenz auf reges Interesse gestossen. Bettina Gehring, Leiterin des Projekts sagt hierzu: „Wir als Marketing-Experten waren absolute Exoten an dieser Konferenz, doch mit unserem vielfältigen Forschungsprojekt gelang es uns, spannende Gespräche zu führen mit Experten aus anderen Gebieten zum Thema User Experience“.
In der Tat waren einige international tätige Grossunternehmen wie SAP, IBM oder LG sowie Experten der US Armee oder Bosch vertreten. Dies hat dem Forschungsteam gezeigt, dass sich die ZHAW auf der internationalen Bühne mit ihren Projekten ungeniert zeigen darf.

Nach fünf intensiven Tagen gönnte man sich einen erholsamen Strandtag, bevor es wieder zurück in die kalte Schweiz ging.

Wie aufmerksam sind wir wirklich?

Ich würde durchaus von mir behaupten, dass ich ein aufmerksamer Mensch bin. Gestern Abend wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. An einer Studienpräsentation der Firma Marketagent wurde ein kurzer Filmausschnitt gezeigt. Innerhalb der Szene fanden 21 Veränderungen statt; der Kommissar trug beispielsweise plötzlich an Stelle des schwarzen Mantels einen beigen, der Tote wurde durch einen anderen Schauspieler ersetzt usw. Kaum zu glauben aber keinem der ca. 30 Anwesenden sind diese Veränderungen aufgefallen. Danach wurden verschiedene Bildausschnitte gezeigt, in denen sich jeweils ein Detail veränderte. Nun gut, dachte ich mir, jetzt da ich weiss, dass sich etwas verändern wird und es nur ein Bildausschnitt ist, werde ich das wohl sehen. Die Bildausschnitte wurden x-mal gezeigt, doch kaum jemand fand heraus was sich veränderte.

Ob man herausfindet was sich in einem Bild verändert, hängt davon ab, wohin man zuerst schaut und welche Punkte man als nächstes betrachtet. Verändert sich ein Element, welches die meisten Menschen erst an siebter oder noch späterer Stelle ansehen, ist die Chance gross, dass dieses Element gar nicht mehr richtig angeschaut, geschweige denn im Gedächtnis verankert wird. Gerade für den Werber ist es wichtig das Produkt, das Logo und den Slogan so zu platzieren, dass diese von der Zielgruppe gesehen werden.

Aufmerksamkeitswärmekarte
Quelle: www.mindspotter.at/gallery.html

Mittels Eye-Tracking können die optimalen Plätze für die wichtigsten Elemente der Werbung ermittelt werden. Herkömmliches Eye-Tracking ist in der Regel ziemlich kostspielig und für die Probanden etwas umständlich. Da sie oftmals in ein Labor gehen müssen, um an den Tests teilnehmen zu können, fühlen sich die Probanden oft nicht ganz wohl und versuchen sich so zu verhalten wie sie denken, dass es erwünscht ist.

Online Eye-Tracking heisst hier die Alternative die am Montagabend an der Studienpräsentation in Zürich von Marketagent vorgestellt wurde. Online Eye-Tracking kann der Proband bequem an seinem PC im gewohnten Umfeld durchführen, zudem ist es bedeutend kostengünstiger. Das Verfahren wurde vom Fachhochschulprofessor Sebastian Berger von der Universität Wien vorgestellt. Beim Online Eye-Tracking wird das menschliche Sehverhalten auf dem Computerbildschirm abgebildet, d.h. das Bild ist unscharf, lediglich ein Ausschnitt so gross wie ein Zweifrankenstück wird scharf dargestellt. Der Proband bewegt die Computermaus über den Bildschirm. Dadurch wird der scharfe Sehbereich auf jene Ausschnitte auf dem Bildschirm verschoben, die für den Proband von Interesse sind. Vergleiche zwischen Online Eye-Tracking und dem klassischen Eye-Tracking haben gezeigt, dass die Ergebnisse weitgehend deckungsgleich sind.

Wir vom ZMM sind gespannt ob sich das Online Eye-Tracking in der Praxis durchsetzen wird und wir halten Sie natürlich auf dem Laufenden.

Weiter Informationen über das Verfahren finden sich hier.