Psychische Gesundheit stärken: Erkenntnisse aus Forschung und Alltag

Psychische Gesundheit ist entscheidend für Lebensqualität, Teilhabe und Leistungsfähigkeit. Doch viele Menschen stehen heute im privaten, schulischen oder beruflichen Alltag unter Druck. Was stärkt unser psychisches Wohlbefinden? Und welche Rolle spielen Prävention und Gesundheitsförderung?

Agnes von Wyl gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Erkenntnisse aus Forschung und Praxis sowie Herausforderungen für die psychische Gesundheit von morgen.

Interview: Agnes von Wyl und Kathrin Bartel

Psychische Gesundheit wird heute viel stärker thematisiert als noch vor einigen Jahren. Woran liegt das?

Es gibt verschiedene Gründe dafür. Insgesamt ist das Bewusstsein für psychische Gesundheit in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Ein wichtiger Faktor war sicher, dass immer mehr Personen aus der Politik und der Öffentlichkeit offen über eigene psychische Belastungen gesprochen haben, etwa über ein Burnout oder Depressionen. Solche persönlichen Berichte helfen, psychische Gesundheit zu enttabuisieren. Einen wichtigen Beitrag leisten hoffentlich auch Sensibilisierungskampagnen wie «Wie geht’s dir?».

Welche Entwicklungen in Bezug auf die psychische Gesundheit beobachten Sie aktuell besonders?

Aktuell fällt besonders auf, wie intensiv psychische Gesundheit in den sozialen Medien diskutiert wird. Einerseits sprechen immer mehr Menschen offen über Diagnosen wie ADHS, Autismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörung und teilen ihre persönlichen Erfahrungen. Andererseits gibt es Online-Communities, in denen psychische Belastungen als Zeichen von Schwäche gelten. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Manosphäre. Dabei handelt es sich um meist männlich geprägte, lose organisierte Online-Foren und Social-Media-Kanäle, in denen traditionelle Männlichkeitsbilder verbreitet und psychische Probleme häufig abgewertet werden. Diese gegensätzlichen Entwicklungen bestehen derzeit nebeneinander und prägen den öffentlichen Diskurs.

Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft?

Eine der grössten Herausforderungen wird in meinen Augen sein, wie wir mit Leistungsdruck und Stress umgehen. Für Erholung bleibt oft wenig Raum, denn selbst wenn wir eine Pause machen, greifen viele von uns zum Smartphone. Hinzu kommt, dass wir auch Erholung immer stärker optimieren wollen. Das erzeugt erneut Stress, statt echte Entspannung zu ermöglichen.

«Psychische Gesundheit beginnt nicht erst dann, wenn wir krank werden. Sie beginnt damit, wie wir im Alltag auf uns selbst und aufeinander achten.»

Agnes von Wyl

Ihre Forschung beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Prävention und Gesundheitsförderung. Warum sind diese Ansätze so wichtig?

Es ist sinnvoll, nicht erst das Feuer zu löschen, sondern dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu einem Brand kommt. Wir wissen heute, dass sich Investitionen in Prävention und Gesundheitsförderung lohnen: Langfristig ist es oft günstiger, Krankheiten vorzubeugen, als sie später zu behandeln. Gleichzeitig gewinnen wir durch Präventions- und Gesundheitsförderungsprojekte wertvolle Erkenntnisse darüber, welche Massnahmen tatsächlich wirksam sind.

Was wissen wir heute darüber, wie psychisches Wohlbefinden gefördert werden kann?

Ich orientiere mich dabei nach wie vor am Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky. Zentral ist dabei der sogenannte Sense of Coherence, also das Gefühl, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll ist. Gesundheitsförderung bedeutet deshalb nicht nur, Menschen dabei zu unterstützen, gesundheitsförderlich zu handeln. Ebenso wichtig ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die gesundes Verhalten überhaupt ermöglichen.

Das zeigt sich gut am Unterschied zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention. Bei Stress kann Verhaltensprävention beispielsweise bedeuten, Entspannungstechniken oder Meditation zu vermitteln. Verhältnisprävention setzt dagegen bei den Rahmenbedingungen an, indem Arbeitsplätze so gestaltet werden, dass konzentriertes Arbeiten möglich ist. Zum Beispiel durch Rückzugsräume oder feste Arbeitsplätze statt ausschliesslich nonterritorialer Open-Space-Büros. Beides ist wichtig, doch nachhaltige Gesundheitsförderung gelingt nur, wenn auch das Umfeld mitgedacht wird.

Warum reicht es nicht aus, erst dann zu handeln, wenn Menschen psychisch erkranken?

Psychische Belastungen gehören zum Leben. Eine Trennung, der Verlust eines nahestehenden Menschen oder eine nicht bestandene Prüfung können uns aus dem Gleichgewicht bringen. Psychische Erkrankungen gehen jedoch darüber hinaus: Sie verursachen grosses seelisches Leiden und erfüllen die Kriterien einer medizinischen Diagnose, etwa einer Depression.

Bei der körperlichen Gesundheit ist Prävention für die meisten Menschen selbstverständlich. Wir wissen, dass Rauchen oder übermässiger Alkoholkonsum das Krankheitsrisiko erhöhen. Ich wünsche mir, dass wir Prävention auch im Bereich der psychischen Gesundheit stärker als Selbstverständlichkeit verstehen.

Welche Rolle spielen Familie, Schule, Arbeit und soziale Beziehungen?

Gerade für Kinder und Jugendliche sind Familie und Schule entscheidend für eine gesunde Entwicklung. Als Gesellschaft tragen wir die Verantwortung, gute Rahmenbedingungen für Familien und Schulen zu schaffen. Dazu gehören beispielsweise genügend Ressourcen oder kleinere Klassen, auch wenn diese mit höheren Kosten verbunden sind.

Dasselbe gilt für die Arbeitswelt. Arbeitgeber:innen haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitenden und können mit gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen wesentlich zum psychischen Wohlbefinden beitragen.

Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft hätten: Was sollte sich im Umgang mit psychischer Gesundheit verändern?

Ich wünsche mir, dass wir Menschen mit psychischen Erkrankungen offener und verständnisvoller begegnen. Gerade bei Depressionen fällt es Angehörigen oder Freund:innen oft schwer, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Das ist nachvollziehbar, weil die Situation belastend sein kann. Umso wichtiger ist es, dass wir füreinander da sind und besser aufeinander achten.

Welche Forschungsthemen werden in den kommenden Jahren besonders wichtig?

Ein wichtiges Thema ist für mich die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. In der Schweiz fehlt bislang ein umfassendes Monitoring, das sowohl psychisches Wohlbefinden als auch psychische Erkrankungen regelmässig erfasst. Zwar gibt es Erkenntnisse aus anderen Ländern, doch für die Schweiz fehlen aktuelle und systematische Daten. Diese Wissenslücke sollten wir schliessen.

Welche Botschaft möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?

Für mich bringt dieser Satz alles auf den Punkt: «There is no health without mental health.» Körper und Psyche lassen sich nicht voneinander trennen. Beide beeinflussen sich gegenseitig und bilden eine untrennbare Einheit.

Psychische Gesundheit beginnt deshalb nicht erst dann, wenn wir krank werden. Sie beginnt damit, wie wir im Alltag auf uns selbst und aufeinander achten.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Agnes von Wyl ist Co-Leiterin a.i. des Instituts für Mental Health. Sie ist verantwortlich für die Forschung Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW. Sie führte verschiedene Forschungsprojekte zum psychischen Wohlbefinden und lehrte Gesundheitspsychologie im Masterstudium des Departements Angewandte Psychologie.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert