Achtsamkeit: Störungen haben Vorrang

Wenn Sie am Ende eines Arbeitstages zuhause angekommen sind und endlich etwas Stille einkehrt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie plötzlich ungewollt gestört werden – von Gedanken und Gefühlen, die sich nicht verscheuchen lassen. Diplom-Psychologe Elmar Kruithoff zeigt auf, woher diese „störenden“ Gedanken kommen und wie wir sie in die Achtsamkeitspraxis miteinbeziehen können.

Sie kennen vielleicht die wiederkehrenden Gedanken, die um eine Situation kreisen; unklare, gemischte Gefühle über einen Konflikt mit einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin; ein ungutes Gefühl bezüglich einer Entscheidung; die gefühlten Nachwirkungen, wenn Sie jemanden enttäuschen mussten; wichtige Fragen, wie es beruflich oder privat weitergehen soll.

Selbst die abendliche Meditation, das ruhige Sitzen oder das Lesen eines Buches kann immer wieder durch Gedanken und Gefühle gestört werden – und natürlich kann auch die Ruhe und Zentrierung gestört werden, die Sie jeden Tag für die Arbeit aufbringen.

Störungen als Hinweis auf ungeklärte Themen

Wenn Störungen dieser Art regelmäßig in Ihrer Achtsamkeitspraxis oder anderen ruhigen Situationen auftreten, dann schlage ich Ihnen vor, diese stattdessen als interessante Hinweise auf ungeklärte Themen, Konflikte oder Fragen zu sehen.

In anderen Worten: Es gibt etwas in Ihnen, das anklopft und Ihre Aufmerksamkeit möchte. Es macht auf sich aufmerksam, weil es offensichtlich etwas mitzuteilen hat; und es versucht immer und immer wieder in Kontakt mit Ihnen zu kommen.

Solchen Störungen können Sie Vorrang einräumen, indem Sie Ihre Achtsamkeitspraxis dafür nutzen, Ihnen nicht nur Raum zu geben, sondern sich aktiv und interessiert zuzuwenden. So üben Sie zusätzlich Ihre Beziehungsfähigkeit mit vagen, meist körperlich spürbaren und noch nicht klar verstandenen Themen und Anliegen, die vielleicht schon längere Zeit in Ihnen köcheln. Mit der Zeit entstehen mehr Ruhe und Klarheit im Fühlen und Denken; und damit in Ihrer Kommunikation und Handlungsfähigkeit in Konflikten und Entscheidungen.

Anstatt nur zu benennen (z. B. „Denken“ oder „Gedanke“), erweitern und ergänzen Sie Ihre Achtsamkeit, um klar in eine innere Begegnung zu kommen. Nehmen wir das Gefühl, jemanden enttäuscht zu haben. Ich habe in meiner Praxis schon mit vielen Menschen gearbeitet, die dieses Gefühl nicht abschütteln können. Es ist ein unangenehmes Gefühl und ist vielleicht vermischt mit Hilflosigkeit, da wir es in unseren Entscheidungen nicht immer allen recht machen können.

Sich den Gefühlen achtsam stellen

Wenn so etwas passiert, dann stehen Sie mit einem wichtigen Gefühl da, das Ihre Aufmerksamkeit braucht; dies bedeutet, nicht mehr wegzulaufen („Schon wieder dieses blöde Gefühl“) oder wegzuschauen („Aufmerksamkeit auf die Atmung“), sondern sich eine gewisse Zeit lang dem Gefühl achtsam zu stellen, zum Beispiel am Anfang einer Meditation.

„Ich nehme mir Zeit für etwas in mir, das sich jetzt gerade belastet und hilflos fühlt; ohne genau zu wissen, was es eigentlich ist.“

Um dies hinzubekommen ist eine besondere Form der Ansprache hilfreich. Anstatt „Ich fühle mich belastet und hilflos“ würden Sie innerlich formulieren: „Ich nehme mir Zeit für etwas in mir, das sich jetzt gerade belastet und hilflos fühlt; ohne genau zu wissen, was es eigentlich ist.“ – Mit solch einem Satz sollte es gelingen, mehr ins Spüren zu kommen. Sie machen Platz für ein Gefühl, das Ihre Aufmerksamkeit fordert; und Sie nehmen sich Zeit, es mit neuen Augen zu betrachten und im Körper detailliert zu erspüren.

Wenn Sie wahrnehmen können, wo im Körper das Gefühl sitzt (z. B. im Herzbereich, dem Bauch, in der Kehle etc.), dann können Sie als Unterstützung dort auch eine Hand hinlegen. Nehmen Sie sich Zeit, diesem Teil in Ihnen wohlwollend Gesellschaft zu leisten. So entsteht eine angenehme Trennung zwischen Ihnen und „etwas in Ihnen“, einem unklaren Gefühl zum Beispiel“. Dadurch können Sie in der Regel offen und neugierig werden und für ein Gefühl da sein.

Oftmals reichen diese einfachen Schritte der Anerkennung und des Respekts, damit das Gefühl oder die Gedanken langsam in den Hintergrund treten und sich Erleichterung und Stille ausbreiten können, wie Sie es aus der Meditation gewohnt sind. Der Mechanismus dahinter: Der Teil in Ihnen fühlt sich endlich gehört, angenommen und respektiert.

Falls dies nicht ausreicht und sich ein größerer Konflikt zeigt (z. B. Perfektionismus oder innere Kritik), gibt es weitere Schritte und ganze innere Dialoge, die möglich sind, aber den Rahmen dieses Blogs sprengen würden. Die Schritte des „Inner Relationship Focusing“, auf denen dieser Blogbeitrag basiert, sind leicht zu erlernen und gut kombinierbar mit jeder Form der Achtsamkeitspraxis.

Diplom-Psychologe Elmar Kruithoff ist Gründer und Leiter des Zentrums für Focusing-Kompetenzen. Er ist spezialisiert auf die Arbeit online und hilft dabei, schwierige Gefühle, innere Konflikte sowie Entscheidungsschwierigkeiten besser zu verstehen und handhaben zu können. Elmar Kruithoff lebt und arbeitet in Roskilde, Dänemark.
An der ZHAW ist er Gastdozent in den Mindfulness-Sessions.

Focusing ist ein an der Universität Chicago aus der Forschung entwickeltes, lehr- und lernbares Set innerer Verhaltensschritte und Haltungen, die zu mehr Achtsamkeit, Akzeptanz und emotionaler Flexibilität führen – und damit zu Wandel und persönlichem Wachstum. Essenziell ist das detaillierte Erspüren einer Situation oder eines Problems im Körper sowie die genaue Beschreibung, sodass es nicht zu einer weiteren Trennung (z. B. Kritik, Diagnostizieren, Analysieren) vom eigenen Erleben kommt, sondern vielmehr zu einer Klärung bisher noch nicht in Worte gefasster Aspekte des Problems und der darin enthaltenen Lösung.

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