Der Blick aus meinem Fenster

Viele von uns leben momentan mehr in der virtuellen als in der realen Welt. Das kann anstrengend sein. Achtsamkeit ist eine Möglichkeit, über eine sorgfältige Wahrnehmung Ruhe in den Tag zu bringen.

Text: Stefanie Neumann
Bild: Leonie Neumann

Meine Tochter Leonie hat von der Schule den Auftrag bekommen, doch einmal den Blick aus ihrem Fenster zu malen und dem Lehrer zuzuschicken. Diese kleine Hausaufgabe, in Zeiten des neudeutschen Begriffs «Home Schooling», hört sich so einfach an, und gleichzeitig hat sie Einiges bei mir ausgelöst.

Auch ich sitze hier zu Hause an meinem Notebook und versuche, den beruflichen und privaten Anforderungen in diesen herausfordernden Zeiten gerecht zu werden. Was sehe und fühle ich eigentlich, wenn ich aus meinem Fenster schaue? Bisher war es vielleicht ein flüchtiger Blick, wie das Wetter ist, ob ich einen Schirm brauche oder die Blumen giessen muss.

Welche Farben, Formen oder Personen nehme ich wahr?

Meine Tochter hat die für sie wichtigen Details gezeichnet: die blühenden Bäume, den Uetliberg im Hintergrund, die erleuchteten Fenster in der Abenddämmerung. Durch ihr Bild habe ich noch einmal einen neuen Blick aus unserem gemeinsamen Fenster werfen können. Und gemerkt, dass es sich lohnt, selbst eine gewohnte Aussicht aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Wenn ich jetzt zum Fenster gehe, erlaube ich mir einen «frischen» Blick auf die Umgebung und mich selbst zu richten, ganz bewusst. Ich frage mich:

  • Was ist heute anders?
  • Wie verändert sich die Stimmung, je nachdem wie das Wetter ist?
  • Welche Personen sind noch unterwegs? Welche sind in den anderen Wohnungen zu sehen?
  • Welche Farben nehme ich wahr?
  • Wie geht es mir, während ich das betrachte? Welche Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen habe ich?
  • Und welches Bild nehme ich jetzt mit, wenn ich mich wieder an den Schreibtisch setze?

Wenn wir einfach nur wahrnehmen, was um uns herum passiert und wie wir uns dabei fühlen, ohne es zu be- oder verurteilen, sprechen wir auch von «achtsamem Gewahrsein». Achtsamkeit ist eine mentale Haltung, die auf das Hier und Jetzt gerichtet ist (Kabat-Zinn, 2013).

Gerade in Zeiten, in denen uns die Kontrolle entgleitet, die unvorhersehbar und schwierig zu handhaben sind, hilft uns Achtsamkeit, uns wieder auf uns selbst zu besinnen. Wenn wir viel digital und virtuell unterwegs sind, kann der Rückbezug auf den eigenen Körper, das vergegenwärtigen momentaner Gefühle und Empfindungen uns helfen, etwas Ruhe in den Alltag zu bringen. Dies kann durch Stress ausgelöste Symptome wie Ängste und körperliche Spannungen reduzieren.

Über Momente der Stille können wir uns selbst besser kennenlernen

In ihrem «Einmaleins der Achtsamkeit» empfiehlt Jessika Wilker (2014), immer mal wieder kleine Pausen einzulegen und inne zu halten:

  • Wie fühlt sich momentan meine Haltung, mein Körper an?
  • Was fühle ich dabei? Benennen Sie das Gefühl, ohne es zu bewerten.
  • Wo zeigt sich dieses Gefühl in meinem Körper?
  • Finde ich dieses körperliche Gefühl angenehm, unangenehm oder neutral?
  • Und wie fühlt sich jetzt mein Körper an?

Über solche kurzen Momente der Stille, kann es uns gelingen, mehr über uns zu erfahren und daran zu wachsen.

Wagen Sie jetzt auch einmal einen neuen, achtsamen Blick aus Ihrem Fenster. Möglicherweise sind Sie überrascht über all die kleinen Details, vor allem die, die der Frühling uns bringt. Mit diesen Details können sich neue Perspektiven auftun: Perspektiven auf die derzeitige Situation, die Zukunft, unser Leben, und das was vor unserem Fenster gerade jetzt passiert.

Stefanie Neumann ist Dozentin und Beraterin im Bereich Leadership, Coaching & Change Management am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Unter anderem leitet sie den CAS International Leader & Entrepreneur und in Co-Leitung den CAS Leadership Basic. Ihre Passion ist die Begleitung von Menschen in ihrer beruflichen und privaten Entwicklung.

Literatur
Kabat-Zinn, J. (2013). Gesund durch Meditation.
Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. Knaur Verlag.
Wilker, J. (2014). Das Einmaleins der Achtsamkeit:
vom täglichen Umgang mit alltäglichen Gefühlen. Theseus Verlag.


Schlagwörter: Achtsamkeit

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