NEUE BERUFSPROFILE TEIL 1: PHYSIOTHERAPIE

Physiotherapeut, Ärztin, Pflegefachmann, Hebamme: Die Rollen innerhalb des Gesundheitswesens haben sich in der Vergangenheit immer wieder verschoben, vermischt und neuen Gegebenheiten angepasst. An welchem Punkt stehen wir heute? Wo werden starre Berufsbilder aufgelöst und neue Profile entwickelt – etwa um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die integrierte Versorgung zu fördern? In Teil eins berichtet Ariane Schwank, Physiotherapeutin und klinische Spezialistin obere Extremitäten im Kantonsspital Winterthur.

AUFGEZEICHNET VON RITA ZIEGLER

Ariane Schwank, Klinische Spezialistin obere Extremität, Kantonsspital Winterthur
Dipl. Physiotherapeutin, Master in Muskuloskelettaler Physiotherapie

Immer nur auf Schultern- und Ellbogenbeschwerden zu fokussieren – das mag im ersten Moment eintönig klingen. Ist es aber überhaupt nicht. Ich behandle Menschen mit unterschiedlichsten Diagnosen präoperativ, postoperativ und konservativ. Patientinnen und Patienten nach orthopädischen Eingriffen kommen ebenso zu mir wie Brustkrebsbetroffene oder Personen mit einer chronischen Schmerzsymptomatik. Diese Vielfalt innerhalb meines klaren Schwerpunkts gefällt mir. Zudem hat mich der oberste Teil des Körpers – Kopf, Kiefer, Halswirbelsäule – schon immer fasziniert. Heute bin ich eine richtige Schulterenthusiastin. In diesem Gelenk manifestieren sich so viele Spannungszustände, physische ebenso wie psychische. Als klinische Spezialistin bin ich für die Qualitätssicherung der Behandlungen in unserem Team zuständig. Ich erstelle zum Beispiel Guidelines und recherchiere dazu aktuelle Erkenntnisse in der Forschungsliteratur. Ich muss also selbst à jour bleiben, mein Wissen aber auch dem Team weitervermitteln. Viermal im Jahr findet dazu eine Art Workshop statt. Kleinere Neuerungen greife ich auch in den Teamrapporten auf. Physiotherapeutinnen und -therapeuten im eigenen Team oder in anderen Fachteams buchen mich hie und da für eine Supervision – ein Instrument, das ich umgekehrt auch gerne in Anspruch nehme.

Sich zu vernetzen ist in meiner Funktion generell wichtig. Ich engagiere mich unter anderem als Delegierte der Deutschschweiz in der European Society for Shoulder and Elbow Rehab, in der sich Chirurgen und Physiotherapeuten austauschen. Auch mit den zuweisenden Ärztinnen und Ärzten hier im Haus stehe ich in regelmässigem Kontakt, sei dies auf der wöchentlichen Chefarztvisite, punktuell in ihrer Sprechstunde zur gemeinsamen Begutachtung oder zwischendurch per Telefon. Ich schätze das sehr. Intern, aber auch extern zugewiesene Patienten verteile ich dann in unserem Team. Ich nehme also eine Art Triage vor.

Eine etwas spezielle Aufgabe in meinem Alltag sind die postoperativen Kontrolltermine. In den ersten Wochen nach einem Schultereingriff kommen die Operierten üblicherweise nicht zur Physiotherapie, ihr Arm ist mit einer Schiene ruhiggestellt. Weil diese den Alltag verkompliziert, oft zwickt oder drückt und eine Umstrukturierung des täglichen Lebens erfordert, litten die Patienten am Ende der Tragzeit teilweise unter grossen Einschränkungen. Wir haben deshalb einen Nachsorgetermin zwei Wochen nach der Operation eingeführt. In diesem schätze ich anhand eines Kriterienrasters ein, ob die Betroffenen mit der Lagerung des Arms klarkommen oder ob sie eventuell eine Schienenanpassung, eine Reinstruktion oder eine Massage brauchen. Damit möchten wir sicherstellen, dass die Schulter optimal verheilt. Auf Wunsch entferne ich die Fäden und kann so die Wundkontrolle durchführen. Die Wege zu den Orthopäden sind kurz und bei Auffälligkeiten oder Abweichungen können sie dazukommen, was bisher zum Glück kaum nötig war. Fragen zum Schmerzmanagement kommen ebenfalls immer zur Sprache. Nebst dem physiotherapeutischen Fachwissen musste ich mir für diese Zusatzaufgabe Know-how zu verschiedenen Nähtechniken, zu Wundverhältnissen und zur Schmerzmedikation aneignen – Themen, die klassischerweise eher zum ärztlichen respektive zum pflegerischen Bereich gehören. In den Kontrollterminen beginnen sich die fixen Grenzen zwischen den Berufsgruppen also ein Stück weit aufzulösen. //

«Vitamin G», Seite 14-15


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