«Resilienz ist ein lebenslanger Prozess»

Psychische Widerstandsfähigkeit hilft uns, im Lot zu bleiben. Warum wir von Krisen profitieren und weshalb wir uns von Miesepetern fernhalten sollten, erläutert Resilienz-Expertin und Dozentin Irene Etzer-Hofer im Interview.

Denise Jeitziner

Erst Corona, jetzt der Krieg in Europa und die Energiekrise – eine Ausnahmesituation folgt auf die nächste. Wie ist es möglich, dass die meisten hierzulande trotzdem nicht daran zerbrechen?
Irene Etzer-Hofer: Ganz so positiv sieht es schon nicht aus. Die Pandemie hat uns allen, vor allem aber den Jugendlichen, psychisch zugesetzt. Andererseits werden wir tatsächlich fitter, wenn wir uns immer wieder mit Krisen auseinandersetzen müssen. Zu wissen, dass man im Leben schon schwierige Situationen meistern konnte, ist eine wichtige Ressource, auf die man künftig zurückgreifen kann, um psychisch in der Balance zu bleiben.

Viele schalten aber ausgerechnet jetzt auf Durchzug und konsumieren keine Medien. Ist es kontraproduktiv, sich von Negativem zu distanzieren?
Das lässt sich nicht klar mit Ja oder Nein beantworten. Es ist sicher eine Taktik, zu viele negative Nachrichten zu meiden, wenn uns das belastet. Aber wenn wir uns gar nicht damit auseinandersetzen, besteht die Gefahr, dass unterdrückte Ängste plötzlich übermässig gross werden. Am hilfreichsten wäre es, sich mit anderen auszutauschen.

Was haben andere mit meiner Resilienz zu tun?
Viel. Ein Austausch ist ja mit Selbstreflexion verbunden. Zu erfahren, welche Gedanken und Einstellungen andere haben, hilft uns, eigene Verhaltensmuster zu hinterfragen. Das zeigt oft neue Wege auf, um eine belastende Situation zu bewältigen. Der Austausch sollte jedoch lösungsorientiert sein. Wenn man sich ständig mit Miesepetern umgibt, besteht die Gefahr, in eine Negativspirale zu geraten. Das schwächt die Resilienz. Ein gutes soziales Umfeld hingegen wirkt als Stresspuffer und bietet emotionale und praktische Unterstützung. Manchmal bringt schon ein Gespräch mit einem Nachbarn Erleichterung für das enge Herz. Manchmal braucht es aber dringend fachliche Hilfe. Aktiv Unterstützung zu suchen, ist eine wichtige Resilienz-Kompetenz.

Sind auch soziale Medien hilfreich?
Diese sind nur ein kleiner Ersatz. Es ist wichtig, sich im realen Leben mit unterschiedlichen Menschen und Meinungen auseinanderzusetzen, um Dinge einordnen und eine bessere Resilienz aufbauen zu können. Für Jugendliche ist das noch entscheidender als für Erwachsene. Auch deshalb hat ihnen der Stress in der Pandemie mit dem Social Distancing überdurchschnittlich stark zugesetzt. Wie wichtig soziale Kontakte sind, zeigt auch die bekannteste, älteste und längste Resilienz-Studie mit Kindern in Hawaii, die in schwierigsten Verhältnissen aufgewachsen sind. Während die einen scheiterten, kamen diejenigen, die emotionale Bezugspersonen oder einen stabilen Familienzusammenhalt hatten, sehr gut mit ihrem Leben zurecht.

Also liegt es weniger an den Genen, wie robust man ist, sondern vielmehr am Umfeld?
Ja, Resilienz ist ein lebenslanger Prozess. Andererseits kann sie uns nicht vor jeder schwierigen Situation bewahren. Lebenskrisen fordern uns immer wieder aufs Neue heraus. Wie gut wir mit einer Situation zurechtkommen, hängt unter anderem von der aktuellen Lebensphase ab, vom Umfeld oder wie man eine Situation bewertet. Wenn einer Person private Beziehungen sehr wichtig sind, und es kommt zu einer Krise, weil zum Beispiel die Ehe zerbricht, ist sie sehr viel gefährdeter, ihre Balance zu verlieren. Dieselbe Person kann aber vielleicht eine stressige Jobsituation gut aushalten, wenn sie beruflichen Problemen weniger Wert beimisst.

Apropos Beruf: Kürzlich hat die Gesundheitsförderung Schweiz neue Zahlen zum Stress im Job veröffentlicht. Über 30 Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich emotional erschöpft, Tendenz steigend.
Durch die Digitalisierung ist die Arbeitswelt flexibler geworden. Dadurch arbeiten die Leute eher mehr, und die Erholung ist schwieriger geworden – auch weil unser Leben allgemein enger getaktet ist. Umso wichtiger ist es, wirksame Resilienz-Kompetenzen zu aktivieren, um im Gleichgewicht bleiben zu können. Hier können etwa Kurse für einen gezielten Umgang mit Stress hilfreich sein oder für die gesunde Gestaltung der Arbeit. Die Unternehmen müssen aber auch ihren Teil zur psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeitenden beitragen.

Was genau?
Resilienzfördernde Arbeitsbedingungen gehen einher mit einer Unternehmenskultur, die sich an den Mitarbeitenden orientiert. Wertschätzung, eine offene Kommunikation und Vertrauen spielen dabei eine grosse Rolle. Wichtig ist, dass Firmen aufzeigen, wie die Arbeit zielführend gestaltet werden kann. Es braucht zudem Beratungsangebote, geeignete Rahmenbedingungen sowie eine Orientierung, was konkret von den Mitarbeitenden erwartet wird. Daneben ist Mitwirkung wichtig: Tragfähige Abmachungen sollten gemeinsam mit den Mitarbeitenden getroffen werden. Da sind vor allem die Führungskräfte gefragt.

Könnte die Überforderung auch ein Zeichen dafür sein, dass wir weniger stabil als frühere Generationen sind?
Ich glaube, das hat mehr mit unserer Multioptionsgesellschaft zu tun. Damit sind auch neue Erwartungen entstanden. Wir streben stärker als frühere Generationen danach, uns selbst zu verwirklichen und in allem einen Sinn zu finden. Das ist prinzipiell gut, birgt aber auch Potenzial für Enttäuschungen und Unzufriedenheit. Wenn die Erwartungen zu hoch sind oder man gesetzte Realitäten nicht akzeptieren kann, ist die Resilienz in Gefahr.

Gibt es da eine Lösung?
Wir sollten die Aufmerksamkeit auf das richten, was wir beeinflussen oder verändern können. Manchmal muss man auch akzeptieren, dass etwas nicht zu ändern ist. Dann ist es für die Psychohygiene wichtig, Distanz zu gewinnen und anderswo Ressourcen zu tanken.

Was sagen Sie zur These, dass heutige Kinder weniger widerstandsfähig seien, weil sie zu behütet aufwachsen?
Das lässt sich wissenschaftlich nicht erhärten. Wir konnten als Kinder sicher Dinge tun, ohne dass die Eltern ständig drei Zentimeter hinter uns gewesen wären. Dafür haben Kinder in unserer Multioptionsgesellschaft vielfältigere Entwicklungsmöglichkeiten. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass die gesunde Entwicklung gefährdet ist, wenn man von allem Negativen abgeschottet wird. Resilienz ist ja eine Art seelisches Immunsystem, und das muss trainiert werden.

Das klingt aber anstrengend. Genau wie der ständige Ruf nach Achtsamkeit.
Ja, Achtsamkeit ist auch so ein Schlagwort. Sie ist aber ein wirksames Instrument im Karussell unserer beschleunigten Welt mit ihren vielen Ablenkungen. Achtsamkeit hilft, die aktuellen persönlichen Bedürfnisse wahrzunehmen.

Das ist vielen zu esoterisch.
Achtsamkeit muss man nicht mit stundenlangem Meditieren verbinden. Oft genügen ein paar bewusste Atemzüge. Wenn man die Atmung zwischendurch aktiv wahrnimmt, ist das die einfachste Möglichkeit, mit sich in Kontakt zu treten und bei Bedarf etwa Muskelspannung oder Stress abzubauen. Aber Achtsamkeitspraktiken sind kein Allheilmittel und man muss sie regelmässig anwenden, damit sie wirken.

Dazu müsste man im Alltag erstmal daran denken.
Ja, das ist nicht einfach, zumal Atmen ja automatisch abläuft. Aber es gibt zig Apps, die uns immer wieder daran erinnern, innezuhalten. Man kann auch eine Sanduhr aufs Pult stellen oder sich einen Timer setzen. In japanischen Firmen stehen Mitarbeitende jede Stunde auf und machen gemeinsam ein paar Übungen, um abzuschalten und Energie zu tanken. Bewegung ist ja ebenfalls resilienzfördernd.

Kann man sich nicht auch einfach mit Instagram oder beim Fernsehen entspannen, statt Achtsamkeitsübungen zu machen?
Auch hier gibt es kein Schwarz-Weiss. Ablenken kann auch etwas Gutes sein, wenn man es bewusst tut und damit nicht ungelöste Probleme kompensieren will. Viele haben durch das Immermehr und Immerschneller unserer Zeit übrigens auch zur Spiritualität gefunden, die ebenfalls eine wichtige Ressource sein kann. In unserer multioptionalen Zeit kann jeder für sich passende Angebote finden, um seelisch besser im Gleichgewicht zu bleiben. //


Woher kommt der Ausdruck Resilienz?
Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der Materialforschung und bezeichnet elastische Stoffe, die nach Belastungen wieder in ihre Ursprungsform zurückkehren. Zum Beispiel Gummi oder Nickel-Titan-Legierungen bei Implantaten. In der Definition von Resilienz ist daher auch von «psychischer Elastizität» die Rede.

Irene Etzer-Hofer leitet die Fachstelle Betriebliches Gesundheitsmanagement am Departement Gesundheit der ZHAW. Resilienzmanagement zählt zu ihren Spezialgebieten.

Vitamin G, S. 28-30


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