Alice Delorme Benites liebt komplexe Gestaltungsaufgaben. Am 1. November 2026 hat sie die Leitung des Departements Angewandte Linguistik der ZHAW übernommen. Im Interview erklärt sie, was sie zu diesem Schritt bewogen hat, was ihr als Direktorin wichtig ist und warum es Sprach- und Kommunikationsprofis heute mehr denn je braucht.
Autorin: Christa Stocker
Was hat dich daran gereizt, die Direktion des Departements Angewandte Linguistik zu übernehmen?
Es sind vor allem zwei Gründe: Ich liebe komplexe Gestaltungsaufgaben. Wenn es kompliziert wird, bin ich dabei.Und ich möchte mit meiner Arbeit etwas bewirken. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich die Welt ein Tickchen besser machen kann, bin ich glücklich. Als Direktorin habe ich die Möglichkeit, zusammen mit vielen engagierten Menschen das Departement weiterzubringen.
Du hast gesagt, Komplexität reizt dich. Worin siehst du die Herausforderungen in deiner neuen Aufgabe?
Ich übernehme die Leitung eines Departements, das durch KI stark herausgefordert ist. Die Komplexität liegt darin, sichtbar zu machen, warum es das Departement Angewandte Linguistik sowie Sprach- und Kommunikationsprofis heute mehr denn je braucht. Diese Herausforderung nehme ich gerne an.

Mit welchen drei Adjektiven würdest du dich beschreiben?
Humorvoll, enthusiastisch, hartnäckig. Zu letzterem gehört für mich auch ein gesunder Ehrgeiz. Frauen meiner Generation wurde vermittelt, bescheiden zu sein und ihren Platz zu kennen. Deshalb finde ich es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und meine Gestaltungsmöglichkeiten aktiv wahrzunehmen.
Was ist dir als Führungskraft wichtig?
Ich liebe es, zu sehen, wie sich Mitarbeitende entwickeln oder wenn sie richtiggehend aufblühen. Dafür arbeite ich. Gute Führung bedeutet für mich, eine Vision zu vermitteln – und gleichzeitig die Ideen und Initiativen der Mitarbeitenden zu berücksichtigen. Nur gemeinsam gestalten wir Strukturen und Prozesse, die Exzellenz ermöglichen.
Ich versuche, auf Augenhöhe zu führen, präsent und ansprechbar zu bleiben. Oft reicht es, zusammen einen Kaffee zu trinken und schon haben sich zehn E-Mails erübrigt. Ich habe nicht immer Zeit, aber ich versuche, mir immer Zeit zu nehmen.
Wodurch zeichnet sich für dich erfolgreiche Führung aus?
Dass ich erfolgreich führe, erkenne ich an einem produktiven Eigenleben der Organisation und an einer Kultur des Vertrauens.
Ich verstehe mich ein bisschen wie eine Gärtnerin: Ich schaffe die Rahmenbedingungen. Ich bereite die Erde vor, sähe die Samen und giesse … Aber wachsen müssen die Pflanzen selbst.
Und wenn dann Mitarbeitende zu mir kommen und auch Kritik ganz offen aussprechen, dann weiss ich, dass Vertrauen da ist.
Welche Themen werden das Departement in den kommenden Jahren besonders beschäftigen?
Die KI-getriebene Transformation der Berufsfelder wird uns noch stark beschäftigen. Ebenso werden die enge Zusammenarbeit mit der Praxis und mit anderen Disziplinen sowie der Dialog mit der Öffentlichkeit wichtig bleiben.
Wir haben uns diesen Themen frühzeitig angenommen. Deshalb bin ich überzeugt, dass das Departement gut vorbereitet ist, um mit den Veränderungen Schritt zu halten und sie aktiv mitzugestalten.
Worin siehst du derzeit die grösste Stärke des Departements?
Wir sind in der Schweizer Hochschullandschaft ein Unikat. Das Department vereint eine breite Palette an Expertise in Angewandter Linguistik und verbindet diese konsequent mit der Praxis.
Wir forschen und lehren zu Journalismus, Organisationskommunikation, Mehrsprachigkeit in vielen Formen, Sprachunterricht, Sprachtechnologien, Sprachmittlung und vielem mehr. Aus dieser Vielfalt entsteht ein grosses Innovationspotenzial. Die breite Expertise ist aus meiner Sicht unsere grösste Stärke.
Was ist deine Vision für das Departement?
In Bezug auf die Lehre und die Weiterbildung soll das Departement als der Ort angesehen werden, wo die Sprach- und Kommunikationsprofis von morgen ausgebildet werden. Was Forschung und Dienstleistung angeht, möchte ich erreichen, dass wir als relevanter Partner für Forschung, Entwicklung und Innovation wahrgenommen werden.
Gerade die Veränderungen rund um künstliche Intelligenz werfen viele Fragen auf, bei denen wir als Kompetenz- und Expertisezentrum einiges beitragen können.
Unser besonderer Vorteil ist dabei die starke Praxisvernetzung: Wir arbeiten an konkreten Kommunikations- und Sprachproblemen und entwickeln Lösungen für reale Herausforderungen. Zum Beispiel:
- Wie sollen Schulen im Zeitalter von Smartphones ihre Kommunikation mit Eltern gestalten?
- Was sollen sie in der Kommunikation mit mehrsprachigen Eltern berücksichtigen?
- Wo kann Leichte Sprache unterstützen?
- Wie soll der Journalismus der Zukunft aussehen?
- Welche Sprachkompetenzen brauchen Migrant:innen für eine erfolgreiche Integration?
Was möchtest du in vier Jahren bewirkt haben?
Ich wünsche mir, dass uns die Unternehmen und Organisationen anrufen, sobald sie ein komplexes Sprach- oder Kommunikationsproblem lösen müssen. Das Wissen um die Bedeutung von Sprachprofis soll in der Gesellschaft angekommen sein. Und ich wünsche mir, dass unsere Absolvent:innen dort mit dabei sind, wo Sprache und Kommunikation eine Rolle spielen. Darauf wäre ich stolz.
Wie verändert künstliche Intelligenz die Arbeit am Departement?
Die Berufsfelder, für die das Departement Angewandte Linguistik ausbildet, haben sich bereits stark verändert und werden sich weiter verändern. Durch die Medien wird suggeriert, Berufe wie Übersetzen, Dolmetschen, Journalismus oder Sprachunterricht, aber auch Sprachenlernen würden bald überflüssig. Die Realität ist aber deutlich komplexer. Sie verschwinden nicht wirklich, aber sie verändern sich radikal.
Für uns bedeutet das, dass wir unsere Studiengänge, Forschungsfragen und Lehrmethoden laufend weiterentwickeln müssen. Durch künstliche Intelligenz steigt das Tempo, in dem diese Anpassungen notwendig werden. Das ist eine grosse Chance, unsere Expertise neu einzubringen.
Warum lohnt sich gerade heute ein Sprach- und Kommunikationsstudium an einer Hochschule?
Sprache und Kommunikation beginnen immer mit einer Absicht, der Absicht von Menschen. Wir müssen uns bei jeder Äusserung, und jedem Text fragen:
- Warum sagen wir etwas und warum schreiben wir einen Text?
- Warum übersetzen wir etwas?
- Warum kommunizieren wir überhaupt?
Diese Fragen kann eine KI nicht beantworten. Dafür braucht es Sprach- und Kommunikationsprofis. Der Bedarf der Kommunikation ist immer menschlich.
In einem Hochschulstudium lernen Studierende, neue und kreative Lösungen zu finden für Sprach- und Kommunikationsprobleme – für altbekannte wie auch für solche, die es vorher noch nicht gab. Menschen, die das können, werden von Unternehmen und Organisationen gesucht.
Wie wichtig ist der Wissenstransfer für dich?
Wissenstransfer ist für mich zentral. Sonst sitzen wir im Elfenbeinturm. Forschungsergebnisse allein reichen nicht aus, um etwas zu verändern. Forschung entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn sie ausserhalb der Hochschule verstanden und in der Gesellschaft genutzt wird.
Worauf freust du dich am meisten?
Worauf ich mich wirklich freue, ist, den unternehmerischen Spirit am Departement noch stärker zu fördern und die Mitarbeitenden zu animieren, immer noch mehr zusammenzuarbeiten.
In der Zusammenarbeit liegt für mich ein enormes Innovationspotenzial. Wenn ich es schaffe, in dieser Zeit grosser Veränderungen Zuversicht und eine gewisse Leichtigkeit zu vermitteln, so dass wir gemeinsam neue Ideen entwickeln, dann habe ich viel erreicht.
Alice Delorme Benites, vielen Dank für das spannende Gespräch!