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Konferenzdolmetschen in Brüssel: Ausbildung live im EU-Parlament

Was eigentlich macht eine Konferenzdolmetscherin bei der EU? Das wollte ich schon lange gern wissen. Eine Studienreise nach Brüssel hat uns Studentinnen der Vertiefung Konferenzdolmetschen spannende Einblicke in das Leben und Arbeiten von EU-DolmetscherInnen am EU-Parlament gegeben. Seht selbst.

von Arabella Lutz, Studentin Vertiefung Konferenzdolmetschen im Master Angewandte Linguistik

Hätte mir vor einigen Jahren jemand gesagt, dass ich eines Tages durch die für Dolmetscherinnen und Dolmetscher reservierten Gänge des Europäischen Parlaments spazieren würde, hätte ich nur verwirrt den Kopf geschüttelt. Damals hatte ich, zugegeben, keine grosse Ahnung von der EU: Heisst es «Rat der Europäischen Union» oder «Europäischer Rat»? Die EU war etwas Abstraktes, das nicht viel mit meinem eigenen Leben zu tun hatte, und von den Abkürzungen und Zungenbrechern wie ISA², Niederspannungsrichtlinie, ITRE, Interoperabilität hatte ich erst recht noch nie gehört. Seit meinem Studium vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht mit der EU befasse, und diese Wörter sind schon beinahe Teil des Alltagvokabulars. Ein Studienbesuch Anfang Februar hat dies noch verstärkt. Zum Auftakt des neuen Semesters reisten wir Studentinnen – im dritten Semester Konferenzdolmetschen im Master Angewandte Linguistik – statt nach Winterthur nach Brüssel, um uns mit einer hoffentlich zukünftigen Arbeitgeberin vertraut zu machen: der EU.

Berufsluft schnuppern in Brüssel

Während drei Tagen mischten wir uns unter eine der wohl internationalsten Rushhours überhaupt und pendelten zur Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament, wo wir nach ausgiebigen Sicherheitskontrollen an verschiedensten Sitzungen teilnehmen durften; wenn auch immer hinter der Scheibe einer Dolmetschkabine versteckt und mit ausgeschaltetem Mikrofon, was die Aufregung jedoch keinesfalls minderte. Im Gegenteil: Endlich konnten wir das, was wir schon unzählige Male im Unterricht am Bildschirm mitverfolgt und als Übung gedolmetscht haben, hautnah erleben. Verhandelt wurden die unglaublichsten Themen, wobei «unglaublich» eigentlich nicht das richtige Wort ist. Einfach Themen, mit denen ich mich im normalen Leben nie befasst hätte: von Niederspannungsrichtlinien über ländliche Entwicklung bis hin zum zentralen digitalen Zugangstor.

Während Stunden beobachteten wir gespannt das Geschehen, wagten uns selber ans Dolmetschen und hörten uns die Kolleginnen und Kollegen der anderen Kabinen an, um fleissig schöne, inspirierende Ausdrücke für die eigenen zukünftigen Verdolmetschungen zu notieren. In den Pausen hatten wir auch die Gelegenheit, uns mit Dolmetscherinnen aus der deutschen Kabine auszutauschen, ihnen Fragen zu stellen und etwas über ihren eigenen Werdegang zu erfahren. Dadurch erhielten wir einen noch tieferen Einblick in die Arbeitsweise als Dolmetscherin bei der EU. Und wir bekamen alle auch individuelle Ratschläge mit auf den Weg, bevor wir von den unzähligen Eindrücken völlig erschöpft den Rückweg in die Schweiz antraten; jedoch nicht ohne noch einige Meter auf dem roten Teppich zurückzulegen, auf dem am Tag darauf die Staats- und Regierungsoberhäupter der EU-Staaten unter Blitzgewitter zur Sitzung über den EU-Haushalt gehen würden.

Inmitten aller Anhörungen, Arbeitsgruppen und Treffen blieb uns kaum Zeit, die Stadt zu erkunden. Dennoch wollten wir uns zwei belgische Spezialitäten auf keinen Fall entgehen lassen: Waffeln und Frites. Wenn auch nicht bei Angela Merkels Lieblingsstand, da die Schlange länger war als unsere Geduld. Wir suchten kurzerhand eine Alternative. Zum Glück sind wir es ja gewohnt, mit Unerwartetem umzugehen und schnell Lösungen zu finden – das gehört schliesslich zu unserem Alltag als künftige DolmetscherInnen.

Ausserdem werden wir vielleicht bald unzählige Gelegenheiten haben, Brüssel und all seine Eigenheiten kennenzulernen: als EU-Dolmetscherinnen in Brüssel. Denn der Besuch hat mein Interesse zurückzukehren zweifelsohne noch stärker geweckt – schliesslich will ich wissen, wie es mit der Niederspannungsrichtlinie weitergeht.



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Hervorragende Sprachkenntnisse in der Mutter- sowie mindestens zwei Fremdsprachen bringen sie bereits mit. Eine gezielte Vorbereitung auf Aufnahmeprüfung und Studium bietet das Dolmetsch-Propädeutikum.

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