«Manchmal leuchten die Augen während einer Beratung»

Nicole Seiler arbeitet seit fünf Jahren als Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin am IAP. Sie gibt Einblicke in ihren Alltag und erzählt, wie sie ihre Klientinnen und Klienten im Beratungsprozess begleitet.

Text und Bild von Nicole Dürst

Im zehnten Stock des Toni-Areals. Hell, geräumig, freundlich. Und mit Weitblick. Hier ist das Sitzungszimmer, in dem Nicole Seiler berät. Dies tut sie mit viel Leidenschaft. «Nur reinkommen», begrüsst sie mit freundlicher Stimme. «Holen wir uns einen Kaffee?»

In der Laufbahnberatung unterstützt Nicole Seiler Personen, die über ihre weitere Laufbahn nachdenken oder berufliche Veränderungen vornehmen möchten. «Fragen sind wichtig, die zur Selbstreflexion anregen. Gemeinsam im Gespräch erarbeiten wir die nächsten Schritte und den Weg zu einer möglichen Veränderung», erklärt die Psychologin und Laufbahnberaterin.

Die frühere Laufbahn wertschätzen

Nicole Seiler arbeitet hauptsächlich mit Berufstätigen im mittleren Alter. Im ersten Gespräch klärt sie mit ihren Klientinnen und Klienten, was die Fragestellung ist und welche Ideen für eine mögliche Veränderung da sind. Ein Blick zurück sei dabei wertvoll: «Aus einem bestimmten Grund verlief die Laufbahn in eine Richtung. Talente, Interessen oder Stärken zeigen sich in früheren Entscheidungen.» Die Erfahrungen werden in der Beratung wertgeschätzt und aufgegriffen.

Um rauszufinden, wo die Klientinnen und Klienten stehen, nutzt sie verschiedene Instrumente und Methoden wie bestimmte Fragetechniken im Gespräch, schriftliche Fragebogen und Arbeitsblätter. Nebst der Eigenperspektive wird zusätzlich oft eine Fremdperspektive aus dem Umfeld eingeholt. «Zum Teil weichen die Wahrnehmungen ab. Inputs von Aussenstehenden können im Prozess sehr wertvoll sein.» Die Einschätzungen werden in der Beratung abgeglichen und berücksichtigt.

Das Beratungskonzept am IAP sieht vor, dass verschiedene Faktoren berücksichtigt werden. Das können beispielsweise Freizeitbeschäftigungen, nebenberufliche Engagements oder auch familiäre und finanzielle Umstände sein.

Beratungskonzept Zentrum Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung IAP Institut für Angewandte Psychologie Zürich
(Grafik: Vollkorn Illustration & Grafik, 2019)

Verstehen – explorieren – realisieren

Seiler sieht sich als Prozessbegleiterin. «Manchmal stehen die Personen noch ganz am Anfang einer Neuorientierung und fragen sich, wie es weitergehen soll», reflektiert sie ihre Anfragen. Erstmals gilt es, die Situation zu erkennen und zu verstehen. Dazu gehört auch die Entdeckung von vorhandenen Kompetenzen und Wünschen. Das Klären von Werten ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil im ersten Prozess.

Einige Personen haben bereits konkrete Pläne, wenn sie mit der Beratung starten, andere sammeln Informationen über mögliche Entwicklungsoptionen. In dieser zweiten Phase unterstützt Seiler beim Explorieren und Ausprobieren von neuen Möglichkeiten.

In der Entscheidungs- und Realisierungsphase begleitet Seiler manchmal den Bewerbungsprozess. Es könne auch vorkommen, dass ein Klient oder eine Klientin erkennt, dass die Identifikation mit der Organisation nach wie vor hoch ist und die momentanen Tätigkeiten nicht mehr passen. «Wenn eine Person das Gefühl hat, dass ihr Engagement nicht bedeutsam ist, stellt sich oft die Sinnfrage. Eine Veränderung des Tätigkeitsprofils ist dann häufig eine Konsequenz», zeigt Seiler auf.

Die Phasen in einer Beratung sind übergreifend. Der Prozess sei dann abgeschlossen, wenn das formulierte Beratungsziel erreicht wurde. Seiler betont, dass die Entscheidungen von den Klientinnen und Klienten getroffen werden müssen, sie selber stehe aber gerne beratend zur Seite.

Ein Akademiker wagt eine berufliche Neuorientierung

Vor- und Nachbereitung gehören zu einer Beratung dazu. Dieser administrative Aufwand lohnt sich: «Manchmal leuchten die Augen während einer Beratung. Wenn ich sehe, dass die Klientinnen und Klienten wieder aufblühen, bestätigt dies meine Arbeit.»

Die langjährige Beraterin durfte schon viele Personen in beruflichen Prozessen begleiten. «Es kommt selten zu ganz grossen Veränderungsschritten», so Seiler. Trotzdem habe sie schon komplette Neuorientierungen begleitet. Beispielsweise setzte ein erfahrener Hochschulabsolvent den Entscheid um, mit rund 45 Jahren nochmals eine Ausbildung zu starten. «Er ist nun Lokomotivführer und zufrieden», strahlt die Laufbahnberaterin.

«Inputs von Aussenstehenden können im Beratungsprozess sehr wichtig sein.»

Nicole Seiler, Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin am IAP

Seiler gefällt der Ansatz, zusammen mit den Klientinnen und Klienten ihre berufliche Geschichte weiterzuerzählen. Narration ist der Fachbegriff dafür. An welchem Punkt die Klientinnen und Klienten in ihrer Geschichte stehen, ist unterschiedlich.

Keine Entscheidung ist endgültig

Der Beratungsprozess umfasst meistens drei bis fünf Gespräche. Dabei unterscheidet sich der benötigte Zeitraum je nach Anliegen und Bedürfnis. So kann eine Begleitung über zwei bis sechs Monate erfolgen. Eine Entscheidung sei aber keineswegs in Stein gemeisselt, denn die Bedürfnisse und die Situationen können sich ändern. «Eine Klientin hat sich soeben bei mir gemeldet, die vor vier Jahren eine Entscheidung getroffen hat. Wir schauen nun zusammen, was sich in der Zwischenzeit verändert hat und wie ihre weitere Laufbahn verlaufen kann», sagt Seiler erwartungsvoll.

Passende Entscheidungen treffen – Dienstleistungen am IAP
Denken auch Sie über eine Veränderung in Ihrer Laufbahn nach? Wir freuen uns, Sie in Ihrem Prozess begleiten zu dürfen. Das Anmeldeformular und weitere Informationen finden Sie unter folgendem Link.


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