Unsere Stimme und ihre Wirkung: Inwieweit können wir uns damit (selbst) therapieren?

Aktuell sind Therapieformen gefragt, die einfach zugänglich sind und auf individuelle biopsychologische Stressfaktoren positiv wirken. Die non-invasive Stimulation des Vagusnerv mittels eigenem Stimmklang ist so eine Methode.

Text: Gabriela Ackermann und Janine Schiavini
Mitarbeit: Isabel Popa
Bild: Pixabay

Wer hat nicht schon einmal versucht, jemanden mit einem lieblich säuselnden Ton zu beeinflussen? In den verschiedensten Kulturen werden Kleinkinder in den Schlaf gesummt und der «richtige» Ton hat schon viele Konfliktsituationen entschärft. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun spricht von «stimmiger» Kommunikation, wenn sie im Ein-«Klang» mit einem selbst, dem Gegenüber und der Situation steht. Nebst dem Inhalt ist dies zu einem grossen Teil von der nonverbalen Kommunikation abhängig, wobei die Stimme mit Klang, Modulation, Rhythmus, Stimmhöhe und Lautstärke ganz zentral ist. In einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass Experten ihre Stimme senken, wenn sie professionelle Ratschläge erteilen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Wissenschaft damit, welche Auswirkungen Prosodie (u.a. Melodie und Rhythmus beim Sprechen) und Phonetik (Lautsprache) auf die Psyche des Menschen haben. Sie untersucht Stimmklang in Bezug auf Emotionen, insbesondere auch im Zusammenhang mit Therapiemöglichkeiten und der damit verbundenen Vagusnerv-Stimulation (VNS).

Der Vagusnerv bringt uns innere Ruhe
Biologisch betrachtet bringt ein kleinster Muskel, der Sprachmuskel (M. vocalis) unsere Stimme zum Klingen. Die beiden Stimmlippen, die mit Schleimhaut ummantelt sind und zu denen auch die Stimmbänder gehören, berühren sich bzw. schwingen, während Luft von unten in einer bestimmten Geschwindigkeit ausströmt. Die Zentrale für dieses System liegt im ältesten Teil unseres Hirns, im Hirnstamm. Dieses Nervensystem (vegetatives oder auch autonomes NS (ANS)) verbindet unseren ganzen Körper und ist nur indirekt beeinflussbar. Es hält uns am Leben, aktiviert unsere Reflexe, macht unseren Puls langsamer oder schneller, lässt unser Herz rasen. Dieses System ist auch verantwortlich für die Stimmerzeugung und bewegt unsere Stimmbänder. Konkret: Der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems ist der Nervus Vagus. Die Stimme stärkt den Vagusnerv physiologisch bei jedem Klang oder beim Summen. Je mehr das in die Richtung einer biologischen Funktionalität unterstützt wird, je effektiver kann dadurch eine innere Ruhe hergestellt werden. Mit etwas Training bedeutet das, Zuversicht zu erleben, Vertrauen zu stärken, innere Lebenskraft zu spüren.

Wie können wir mit unserer Stimme Einfluss auf unsere Emotionen nehmen?
Die Art, wie sich die Stimmbänder berühren, d.h. ob der Ton gepresst oder im Gegenteil unterdrückt wird, zeigt unsere Stimmung auf. Wenn wir ängstlich sind, äussert sich dies in einer Stimme, die angestrengt oder zaghaft tönt. Wenn hingegen Druck und Lautstärke des Stimmklangs in einem optimalen Verhältnis zueinanderstehen (was der funktionalen Effizienz für die Erzeugung eines Stimmklangs entspricht), tönen wir „aus unserer Mitte“, aus einem stabilen Gleichgewicht heraus. Dazu bedarf es eines vorsichtigen Heran-Tastens, indem man die Stimmbänder zum Beispiel sanft mit der Hand berührt und verschiedene Stimmklänge ausprobiert. So werden die diversen Vibrationen spürbar, die mit den unterschiedlichen Frequenzen einhergehen.
Es geht vor allem darum, die eigene (funktional effiziente) Stimme zu finden und zu erleben, wie diese kraftvoll aber mit so wenig Druck wie möglich erzeugt wird.

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Übung
: Halten Sie die Hand an Ihren Hals. Machen Sie zuerst mit grossem Druck aus dem Bauch heraus einen Klang auf „aaaaaa“ und das andere Mal machen Sie absichtlich einen sehr vorsichtigen Klang auf „aaaaaa“. Benutzen Sie beide Male die gleiche, möglichst bequeme Tonhöhe. Dabei erleben Sie unterschiedliche Vibrationen und stellen vermutlich fest, dass Sie interessanterweise auch unterschiedliche Emotionen erzeugen und erleben. Zudem verändert sich der Klang. Beide Varianten – pressen und unterdrücken – entsprechen jedoch nicht der gewünschten funktionalen Effizienz für die Erzeugung eines Stimmklanges.
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„Dieselbe Frequenz erzeugen, wie das Rauschen des Meeres oder das Summen der Bienen.“

Es klingt einfacher als es ist. Gelingt die Übung, löst sie jedoch nicht nur körperlich spürbare Vibrationen (am Hals, im Brustkorb und bestenfalls vom Kopf bis ins Becken) aus, sondern auch emotional eine tiefe Berührung mit uns selbst. Bei einer funktional optimalen Berührung der Stimmlippen verändert sich der Klang akustisch. Es entstehen zusätzliche Frequenzen, die sogenannten Sängerformanten, im Stimmklang.

Diese Frequenzen machen einen Stimmklang mit wenig Aufwand so tragfähig, dass es einem Sänger oder einer Sängerin ermöglicht, über ein ganzes Orchester hinweg zu singen. Es ertönt in der Stimme eine Art fliessendes, angenehmes Rauschen und Summen. Die Frequenzen befinden sich akustisch im goldenen Schnitt bei ca. 3000 / 5000/ 8000 Hertz gleichzeitig mit der Tonhöhe und bereichern so den Klang. Dies ist sowohl hörbar als auch messbar. Diese Frequenzen kommen zum Beispiel bei den beruhigenden Geräuschen von starkem Regen, bei Meeresrauschen oder beim Summen von Bienen vor. Wir Menschen besitzen im äusseren Gehörgang selbst eine Eigenresonanz bei 3000 Hertz. Der Schall mit dieser Frequenz wird am effektivsten ins Innenohr geleitet. Wenn das geschieht, decken sich emotionale Reflexe, Instinktwissen, Akustik und Physiologie der Natur. Wir kommen damit in Einklang mit unserer Stimme, mit Vibrationen im Körper und mit unserer eigenen Ohrfrequenz. Dies bedeutet aus physiologischer und biopsychologischer Sicht, sich im Einklang mit sich selbst zu spüren.

Wie sehen die Erfolge aus? Das sagt die Expertin.
Die Bio-Intelligenz-Therapeutin Gabriela Ackermann arbeitet seit über 30 Jahren mit Klienten/-innen, die im nicht-klinischen Bereich aufgrund von Stress, allgemeiner Erschöpfung, Ängsten, Panikgefühlen oder Burnout zu ihr in die Behandlung kommen. Sie arbeitet dabei mit der Kraft des physiologischen Stimmklangs, mit dem Atem und der Körpersprache und dem spezifischen Frequenztraining, der von ihr entwickelten Bio-Intelligenz-Therapie (BIT). Damit gibt sie ihren Klienten/-innen ein wirksames Werkzeug der Selbstregulation mittels der eigenen Stimme in die Hand.

„Nachhaltige Resultate sind besonders im Umgang mit Stress, Angst, Panik und Burnout zu beobachten.“

Nachhaltige Resultate beobachtet Ackermann besonders bei Problemen im Umgang mit Stress, Angst, Kriseninterventionen, Panik, Burnout sowie der Stärkung von Resilienz und Authentizität. Wirksam ist die BIT-Therapie, laut Ackermann, überall dort, wo eine Selbstberührung in der tiefen Essenz oder das vegetative Nervensystem angesprochen werden. So arbeitete sie beispielsweise mit einer Klientin, die an Panik-Attacken litt, das Haus nicht mehr verlassen konnte und deshalb krankgeschrieben war. „Ich arbeitete zwei Mal drei Stunden mit ihr. Dabei aktivierte ich ihre Abwehrfunktion, indem ich die Frequenzen der Sängerformanten im Stimmklang stärkte.“ Zusätzlich setzte sie auf ein Stimmfrequenz-Training via WhatsApp. Die Therapeutin schickte der Patientin Klänge, die sie nachahmen musste. Dadurch erfuhr sie, wie stark Instinkt und biologische Intelligenz darauf ansprechen und sich an die hohen Frequenzen und die sanfte Art der Selbstberührung erinnern. Die Patientin lernte, mit welcher Kraft und innerer Ruhe sie mit sich verbunden sein kann und wie schnell und zuverlässig sie den Zustand jederzeit herstellen kann. „Die Frau hatte seither keine Rückfälle mehr und arbeitet seit fünf Jahren wieder in einer Kaderposition.“ Dies sei kein Einzelfall, sagt Gabriela Ackermann und ergänzt: „Darüber zu schreiben mag abstrakt und vielleicht auch befremdlich erscheinen. Man muss es hören, spüren und erleben. Es ist das, was ich seit Jahrzehnten täglich mit Menschen erlebe.“

Der „richtige Ton“ ist somit nicht nur die Grundlage einer guten Kommunikation, sondern auch des eigenen Wohlbefindens.

Gabriela Ackermann arbeitet seit 30 Jahren als Therapeutin und lebt in Hochwald, in der Nähe von Basel. Sie entwickelte den Biologischen IQ (BIQ) und die Bio-Intelligenz-Therapie.

Janine Schiavini ist Masterstudentin am Departement Angewandte Psychologie und wohnt und arbeitet in Zürich. Im Rahmen einer Projektarbeit unterstützte sie die Therapeutin als Co-Autorin, um das Thema für den ZHAW-Blog aufzubereiten und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Literatur:

  • Ehlert, Ulrike klinische Studie zur Stimulation des Vagusnervs
  • Lienhard, Lars, Neuronale Heilung / Ulla Schmid-Fetzer mit Eric Cobb.  München, 2020.
  • Helmke, A. (2012). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts (4. Aufl.). Bobingen: Klett.
  • Levine, P.A. (2014). Sprache ohne Worte. (6.Aufl.). München: Kösel
  • Porges, St.W. (2010). Die Polyvagal-Theorie. (2.Aufl.). Paderborn: Jungerfmann.
  • Lichtenberger Dokumentation, erschienen im Mai 2017 im Lichtenberger Verlag
  • Ackermann, G. (2018). Geheimnis Mensch – Die Stimme: Ein Weg zum Glück. Novum-Verlag: Wien, Berlin und Zürich


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