Die Krise als Lernfeld – oder wie uns aussergewöhnliche Situationen weiterbringen

Unser Verhalten ist erstaunlich stabil und schwer zu ändern. Aussergewöhnliche Situationen können aber als Auslöser wirken, um neue Kompetenzen zu entwickeln. Davon profitieren wir momentan alle. Doch wie können wir positive Erkenntnisse in die Zeit nach dem Ausnahmezustand mitnehmen?

Text: Urs Blum
Bild: Lacie Slezak

Im Zuge der pandemischen Verbreitung von Covid-19 hat sich unser Alltag stark verändert. In dieser Situation eignen wir uns gezwungenermassen neue Kompetenzen an.

Wir erweitern beispielsweise unseren digitalen Rucksack, indem wir den Umgang mit gewissen Online-Tools lernen und Erfahrungen im virtuellen Zusammenarbeiten sammeln. In den sozialen Netzwerken macht gerade ein Beitrag die Runde, der nach dem Treiber der digitalen Transformation im eigenen Unternehmen fragt. Als richtige Antwort wird weder der CEO noch der CTO, sondern «Covid-19» vorgeschlagen. Wie so oft bringt Satire einen Aspekt der Realität auf den Punkt.

Auch eine Krise hat zwei Seiten

Momentan passiert sehr viel, was ohne den Druck von aussen, wohl weder in dem Tempo, noch in dem Ausmass eingetroffen wäre. Viele Menschen erweitern ihre Kompetenzen auch in nicht-digitalen Bereichen. Beispielsweise indem sie neue Wege entdeckten, um trotz geschlossenem Fitness Center körperlich aktiv zu bleiben. Oder sie entwickeln Ideen, um den Gestaltungsdrang der gelangweilten und mit Farbstiften bewaffneten Kinder weg vom Sofa zu lenken. Als Gesellschaft erleben wir hautnah den Wert von Berufen im Gesundheitswesen, im Detailhandel oder in der Logistik, auf die wir für das Funktionieren unseres Alltags angewiesen sind. Diese Berufe erfahren ironischerweise kaum Wertschätzung und gehen meist mit einem geringeren Gehalt einher.

Die aktuelle Situation hat also zwei Seiten:

  • Einerseits die erschütternden, gesundheitlichen Folgen, dargestellt in Statistiken und Fallzahlen, hinter denen immer einzelne Schicksale, Freunde und Familien stehen.
  • Andererseits die Entwicklung von Kreativität und Gemeinschaftssinn während dem Lockdown.

Der britische Ökonom und Autor Tim Harford beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch «Messy – The Power of Disorder to Transform Our Lifes» mit dem Zusammenhang zwischen Unordnung und Kreativität.

So ist beispielsweise das weltweit meistverkaufte Jazz-Album aus einer chaotischen und äusserst unangenehmen Situation entstanden. Die Bedingungen vor dem Kölner Konzert des Pianisten Keith Jarrett waren so schlecht, dass der Musiker kurz davorstand, das Konzert abzusagen. Aufgrund des akustisch minderwertigen Klaviers war Keith Jarrett schliesslich gezwungen, anders als gewohnt zu spielen, was zu dem beeindruckenden Klang des komplett improvisierten Konzerts geführt hat.

Wenn die U-Bahn nicht kommt, muss man einen neuen Weg finden

Ein anderes Beispiel aus dem Buch von Tim Harford bezieht sich auf einen Ausfall der U-Bahn im Grossraum London. Aufgrund eines Streiks waren tausende Pendler dazu gezwungen, eine neue Route zu ihrem Arbeitsplatz zu finden. Eine Auswertung im Nachgang hat gezeigt, dass ein Teil der Pendler die neue Route auch nach dem Streik beibehalten hat.

Beiden Situationen ist gemeinsam, dass die dabei involvierten Menschen im Angesicht einer unvorhergesehenen Herausforderung ihr gewohntes Verhalten ändern mussten und dabei auf neue, überraschende Erkenntnisse gestossen sind.

Da viele von uns bald an die Arbeit zurückkehren werden, stellt sich nun die Frage, wie wir es schaffen können, unsere neu erworbenen Kompetenzen in den Alltag nach Covid-19 mitzunehmen. Ein guter Anfang wäre, in einem ruhigen Moment die Dinge aufzulisten, die für einen persönlich an der aktuellen Situation positiv sind. Das können ganz unterschiedliche Verhaltensweisen sein, z. B. die digitale Organisation der eigenen Aufgaben, die bewusst genutzte Zeit mit der Familie, die Besinnung auf das Wesentliche. In einem weiteren Schritt überlegt man sich, welche drei oder vier Punkte am Wichtigsten sind und plant, welche konkreten Schritte man unternehmen kann, um diese positiven Aspekte beizubehalten. Dabei ist es wichtig, möglichst konkret zu planen:
Was mache ich wann, in welcher Häufigkeit und mit welchem Ziel?

Schliesslich folgt der anspruchsvolle Teil, nämlich das Umsetzen im Alltag. Hier lohnt es sich, regelmässig Bilanz zu ziehen, um Erfolge und Hindernisse zu identifizieren und weitere Schritte einzuleiten.

In dem Sinne wünsche ich uns allen den Mut, in der aktuellen Situation Neues zu wagen und neue Wege zu entdecken. In der Hoffnung, dass es uns gelingt, das eine oder andere zurück in den langersehnten Alltag zu nehmen.

Urs Blum

Urs Blum ist Arbeits- und Organisationspsychologe und Co-Leiter im Bereich Human Resources, Development & Sportpsychologie am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Er berät Organisationen in Fragen der Personalentwicklung und des Gesundheitsmanagements.

Literatur
Tim Harford (2016), Messy – The Power of Disorder to Transform Our Lives, Riverhead Books


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