Surfen auf dem Brett der Ungewissheit

***Neue Mini-Blog-Serie***

Was macht man in einer Zeit, wo die einzige Gewissheit die Ungewissheit ist? Wir alle haben Ängste, doch wir können konkret etwas gegen die Ohnmacht tun. Es beginnt in unserem Kopf.

Text: Elisa Streuli, Dozentin und Beraterin IAP
Bild: Claudio Santarossa

Die Situation um das neue Coronavirus hat uns mit Wucht erfasst. Wir alle sind von den Massnahmen des Bundes betroffen, und das in einer noch nie dagewesenen Weise.

Die Folgen sind für die Einzelnen unterschiedlich: Für einige bietet die Situation neue Optionen, andere werden bis in die Grundfesten ihrer finanziellen und sozialen Existenz erschüttert. Manche gehören zur Risikogruppe und zahlreiche Familien sind in engen Wohnverhältnissen einer enormen Belastungsprobe ausgesetzt. Für diese Menschen wäre es mehr als zynisch, von der Krise als Chance zu reden.

Wenn die Sicherheit abhanden kommt, bleibt uns die Unsicherheit

Wie kann also die Wissenschaft helfen? Gemäss der Statistik des Bundesamtes starben im Jahr 2018 in der Schweiz jede Woche 1100 Menschen über 65 Jahre und an der Grippe von 2017 starben täglich 35 Menschen während sechs Wochen. Doch mit dem neuartigen Coronavirus und der medialen Berichterstattung wird uns unsere Sterblichkeit und die Unvorhersehbarkeit der Zukunft nochmals ungleich intensiver bewusst.

Auch die Psychologie kann weder die Zukunft vorhersagen, noch die Situation in der Gegenwart ändern. Psychologie kann aber helfen, einen zieldienlichen Umgang mit der jetzigen Situation und den Phantasien bezüglich der Zukunft zu finden.

Unser Erleben von innen heraus erzeugen

Dr. Gunther Schmidt, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Leiter einer Privatklinik für psychosomatische Gesundheitsentwicklung im Bundesland Hessen, hat für das Navigieren durch unsichere Zeiten Strategien entwickelt.
Die Grundprämisse seines Ansatzes aus der hypnosystemischen Therapie ist, dass wir unser Erleben von innen heraus erzeugen, indem wir hilfreiche Netzwerke in unserem Gedächtnis aufrufen.

Drei konkrete Tipps:

  1. Die Angst anerkennen.
    Ungewissheit kann uns Angst machen, ob wir wollen oder nicht. Doch Angst ist eine wertvolle Warnblinkanlage, die uns kompetent auf unsere Bedürfnisse nach Schutz, Sicherheit und Handlungsfähigkeit hinweist.

  2. Unser Erleben durch Aufmerksamkeit steuern.
    Die Aussage «ich habe Angst» erzeugt Enge. Die Aussage «ich habe ein Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit und Handlungsfähigkeit» (und das z. B. als Lied zu singen) aktiviert unsere Kompetenz, für unsere Bedürfnisse einzustehen.

  3. Durch uns selbst erreichbare Ziele setzen.
    Bedürfnisse sind schützenswert und gleichzeitig nicht immer erfüllbar. Deshalb hilft es, unsere Ziele zur Bedürfnisbefriedigung so zu setzen, dass sie von uns selbst erreicht werden können.
    Sicherheit über die Zukunft gewinnen, können wir nicht. Wir können uns aber zum Ziel setzen, auf dem «Brett der Ungewissheit zu surfen» und unser Ungewissheits-Management zu optimieren.

Gerade ungewisse Situationen erfordern Entscheidungen, die jeweils beim momentanen Stand des Irrtums getroffen werden. Die Ungewissheit optimieren können wir, indem wir die empfohlenen Massnahmen befolgen und gleichzeitig anerkennen, dass niemand auf der ganzen Welt in die Zukunft blicken kann. Das ist unsere Gewissheit und auch irgendwie tröstlich.

Dr. Elisa Streuli ist Soziologin und arbeitet in der Führungsentwicklung am IAP Institut für Angewandte Psychologie. Sie leitet Weiterbildungskurse in den Themen Konfliktmanagement, Verhandlungstraining und Einstieg in die Führungsrolle. Sie ist zudem Autorin des Buchs «Mit Biss und Bravour – Lebenswege von Topmanagerinnen», erschienen 2007 im Orell Füssli Verlag.

Literatur
Schmidt, G. (2018). Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung, 8. Aufl., Carl Auer: Heidelberg


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