ESSENziell – Gesünder essen durch bessere Entscheidungen

Essen verbindet, Mahlzeiten sind ein soziales Happening. Doch immer häufiger essen wir über den Hunger hinaus, gönnen uns täglich ein kleines “Zückerli” und quälen uns dann durch die nächste Diät. Das muss nicht sein, meinen Ester Reijnen und ihr Team der Fachgruppe Angewandte Kognitionspsychologie.

Text: Ester Reijnen, Swen Kühne, Lea Laasner Vogt und das Team der Fachgruppe Angewandte Kognitionspsychologie
Bild:
Christine Sponchia auf Pixabay

Die Schweizer Bevölkerung wird immer dicker! Im Jahr 2017 klassifizierte das Bundesamt für Statistik 42% der Bevölkerung als übergewichtig, 11% sogar als adipös, also als stark übergewichtig. Der Anteil adipöser Menschen allein, hat sich innerhalb von 25 Jahren verdoppelt. Die Schweiz liegt mit dieser Entwicklung voll im globalen Trend. Es verwundert daher nicht, dass die WHO die Bekämpfung von Übergewicht, respektive Adipositas, als eine der wichtigsten Herausforderungen sieht, um vermeidbare Folgekrankheiten wie Diabetes, Krebs und andere schwerwiegende Krankheiten sowie deren Gesundheitskosten zu reduzieren.

Das Umfeld prägt die Entscheidung

Weniger und gesünder essen, ist daher ESSENziell und einer der Forschungsschwerpunkte der Fachgruppe für «Angewandte Kognitionspsychologie» der ZHAW. Doch wie lässt sich die Bevölkerung dazu bewegen? Täglich treffen wir bis zu 200 Essens-Entscheidungen. Die meisten davon buchstäblich «aus dem Bauch heraus», das heisst nicht rational. So essen wir beispielsweise häufig die Schokopralinen nur deshalb, weil sie gerade so schön offen auf dem Tisch herumliegen. Essen aus Hunger, also weil der Körper zu wenig Nährstoffe hat, spielt dabei oftmals keine Rolle. Doch genau das wäre eine rationale Entscheidung.

Wie also mehr Vernunft in solche Entscheidungen bringen? Wir können den Umstand nutzen, dass wir alle so anfällig für Bauchentscheidungen sind, um Übergewicht, respektive Adipositas, zu bekämpfen. Dies übrigens ohne grosse Anstrengungen: Es braucht nur ein paar einfache Veränderungen unseres Entscheidungs-Umfeldes. Beispielsweise können wir die Pralinen in einem Gefäss platzieren, das zuerst geöffnet werden muss.

Kleine Schritte, grosse Wirkung

Solche einfachen Veränderungen bilden Hürden, die unseren Entscheidungsprozess beeinflussen. Sie lassen sich in verschiedensten Bereichen unseres Ess-Alltags anwenden und kommen vor allem im öffentlichen Raum zum Tragen. So sind in unserer Forschung insbesondere Restaurants von Interesse für solche Veränderungen, da auswärts zu essen immer populärer wird. Erste Studien zu Menükarten zeigen beispielsweise, dass Vorspeisen, die am Anfang einer Menükarte positioniert werden, am häufigsten gewählt werden – unabhängig davon, ob diese Speisen uns überhaupt schmecken oder nicht. Was wäre, wenn ganz oben auf der Menükarten-Position zukünftig nur gesunde Vorspeisen stehen würden?

Durch solche oder andere ähnliche kleine Veränderungen können wir täglich zirka 100 Kalorien einsparen. Das entspricht genau der Anzahl Kalorien, die uns über die Zeit hinweg langsam dick werden lassen. Der Aufwand, den es unsererseits braucht, ist klein, da ein Wechsel vom täglichen Schokoladenjoghurt zum Naturjoghurt oder vom täglichen “Grande Latte Macchiato” zum etwas kleineren “Tall Latte Macchiato” ausreicht.

Wie können wir also unser Umfeld so verändern, dass wir weniger und gesünder essen? Wie können wir erreichen, dass uns die Reduktion der paar Kalorien, die es benötigt, um das Gewicht zu halten, vollkommen «gehirnlos», also ohne viel Denkaufwand, gelingt? Nun, ganz ohne zu denken, geht es leider nicht. Aber wir müssen unser Gehirn nur kurz einschalten und können dadurch langfristige Verhaltensveränderungen bewirken. Sie wollen Beispiele? Wie wäre es, wenn Sie die geliebte Keksdose auf das oberste Regal stellen, damit sie nicht mehr auf Augenhöhe ist und Sie sich strecken müssen, um sie zu erreichen?

Labels – mehr als Marketing

Was im Kleinen eine grosse Wirkung hat, könnte im Grossen Sprengkraft bekommen: Supermärkte könnten mehr gesunde Produkte anbieten und die Politik könnte Massnahmen treffen, dass Lebensmittel systematisch bezüglich ihrer allgemeinen Gesundheit gekennzeichnet werden, beispielsweise mit Hilfe von Labels.

Warum Labels? Forschungsergebnisse (unter anderem auch die unserer eigenen Fachgruppe) zeigen, dass die Meisten von uns nicht besonders treffsicher sind, wenn sie einschätzen sollen, wie viele Kalorien ein Produkt wie Pralinen oder auch ein Müsli hat. Diese Fehleinschätzungen werden frappanter, wenn wir uns im Stress des Alltages befinden – was beinahe immer der Fall ist. Hier helfen Labels, die auf der Vorderseite von Produkten angebracht werden. Ein solches Label ist das im Moment stark diskutierte «Nutri-Score»-Label. Es bewertet mit einer fünfstufigen Farbskala die Nährstoffqualität von Produkten, wobei beispielsweise dunkelgrün für gut, dunkelrot für schlecht steht. Wer also nach Feierabend noch schnell etwas einkaufen will und dabei gleichzeitig telefoniert, also im Stress ist, dem könnte ein solches Farb-Label helfen, die mittelgesunde Bratwurst gegen ein gesünderes Poulet-Plätzli auszutauschen. Der Vorteil des «Nutri-Score»-Labels ist dabei, dass ungesunde Nährstoffe wie gesättigte Fettsäuren oder Zucker ebenso berücksichtigt werden wie gesunde Komponenten, also zum Beispiel der Anteil an Gemüse und Früchten eines Produktes. All diese Faktoren werden in einer einfachen visuellen Angabe verrechnet.

Forschung sucht nach neuen Wegen

Die Nahrungsmittelindustrie lässt sich immer neue Produkte einfallen, um unsere Geschmacksknospen zu reizen und unsere Kaufentscheide zu vereinfachen. Doch wer erleichtert uns die Verbesserung unserer Essens-Entscheide? Wer hilft uns, vor dem Regal mit 25 Müslis die Sorte zu finden, die nicht nur dem Auge schmeichelt, sondern auch wirklich der Linie? Bisher gibt es auf diesem Gebiet noch wenig Forschung, und viele Fragen sind noch offen. Unser Auftrag als Fachgruppe «Angewandte Kognitionspsychologie» an der ZHAW ist es deshalb, Antworten auf die unangenehmen Fragen zu finden und Lösungen zu erarbeiten, die uns allen helfen, sicherere, gesündere und nachhaltigere Entscheidungen zu fällen.

Mehr Informationen zu unserer Fachgruppe und unseren Forschungsprojekten finden Sie auf unserer Webseite Angewandte Kongitionspsychologie

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